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Philosophie der Muster    Buch "Geliebte Fesseln"

Geliebte Fesseln


Nachdenken über Gewohnheiten

Klaus Neubeck

1. Bewegungsfreude

»Das Leben besteht in der Bewegung.« (Aristoteles)

»Die beste Freude ist Wohnen in sich selbst.« (Johann Wolfgang von Goethe)

Wenn jemand vor einer schwierigen Entscheidung steht, wird ihm oft der Rat gegeben, auf seine Bauchgefühle zu hören. Meist wird dieser Rat ernst genommen, obwohl er im absoluten Widerspruch zur Philosophie des Abendlandes steht, in der Entscheidungen als eine Angelegenheit des bewussten rationalen Denkens angesehen und alle anderen Quellen der Erkenntnis als irrational diffamiert werden. Wahrscheinlich finden solche Ratschläge nicht nur deshalb immer mehr Anerkennung, weil sie vom verbreiteten esoterischen Denken unterstützt werden, sondern weil man sich nicht vor der Erfahrung verschließen kann, dass das rationalistische Modell der Philosophie der alltäglichen Erfahrung widerspricht. Der Einfluss der Gefühle auf das Denken ist einfach nicht zu leugnen: Das gilt nicht nur im negativen Sinne, dass die Gefühle das Denken trüben, sondern auch im positiven Sinne, dass die Gefühle das Denken fördern.

Dennoch sind die Warnungen der Philosophie vor den Gefühlen nicht ganz unberechtigt. Wer von Hass gegenüber einem anderen Menschen erfüllt ist, wird sich noch tiefer in seinen Hass hineinsteigern, wenn er sich den Hassgefühlen überlässt. Wer voller Angst ist, wird sich weigern, sich umstandslos seinen Gefühlen anzuvertrauen. Ebenso wenig ist maßlose Wut ein guter Ratgeber. Das spricht offensichtlich dafür, dass das Denken doch die Gefühle kontrollieren muss, so wie es seit Platon als Aufgabe des Denkens angenommen wird. Aber was ist dann noch von dem esoterischen Rat zu halten, seinen Gefühlen zu folgen? Gilt dieser Rat nur unter bestimmten Bedingungen?

Die Frage, wie man sich zu seinen Gefühlen verhalten soll, steht im Mittelpunkt menschlichen Interesses. Die Antworten, die von der Philosophie zu dieser Frage gegeben werden, sind wenig befriedigend. Durchweg wird die Kontrolle der Gefühle gefordert, während das Zulassen ignoriert wird. So einfach ist aber das Problem nicht zu lösen. Es ist nicht zu übersehen, dass im Ernstfall die Gefühlskontrolle scheitert. Auch die esoterische Erklärung, warum es berechtigt sei, sich von seinen Gefühlen leiten zu lassen, ist unbefriedigend. Sie beruft sich auf die inhärente Weisheit des Körpers, die wiederum Ausdruck der Intelligenz der ganzen Natur sei. Die Behauptung, dass die Natur eine inhärente Intelligenz besitzt, lässt sich rational nicht beweisen und ist damit eine reine Glaubensangelegenheit. Außerdem wird nicht berücksichtigt, dass es problematisch ist, sich unterschiedslos von all seinen Gefühlen leiten zu lassen.

Die Frage, ob man sich von seinen Gefühlen leiten lassen oder ob man sie kontrollieren soll, hat mich immer wieder beunruhigt. Die häufig zu hörende Empfehlung, auf seine Gefühle zu hören, ihnen aber nicht bedingungslos zu folgen, hat die Verwirrung eher noch vergrößert. Woher soll ich wissen, wann Vorsicht geboten ist? Wie kann ich meinen Gefühlen vertrauen und ihnen gleichzeitig misstrauen? Ist es überhaupt richtig, dass man sich bewusst vornehmen kann, seine Gefühle zu kontrollieren? Zweifel sind angebracht. Denn dass es unmöglich ist, sich bewusst vorzunehmen, die Gefühle zuzulassen, weiß jeder aus eigener Erfahrung.

Das vorliegende Buch geht von der These aus, dass die Schwierigkeiten beim Umgang mit den Gefühlen damit zusammenhängen, dass nicht ausreichend beachtet wird, dass es sich bei den Gefühlen um tief im Organismus verwurzelte emotionale Gewohnheiten handelt. Die meisten Menschen haben die Überzeugung, dass sie ihre Gefühle verändern können, wenn sie es sich vornehmen wür-den. Wenn man aber ehrlich ist, wird man zugeben, dass sie allen Veränderungen starken Widerstand entgegensetzen. Jeder weiß aus Erfahrung, dass mit Lebensweisheiten, Verhaltensempfehlungen oder Vorsätzen den Gefühlen nicht beizukommen ist. Das große Beharrungsvermögen der Gefühle lässt die traditionellen Rezepte, wie man sein Verhalten und seine Gewohnheiten ändern kann, versagen.

Da sich die Menschen mit ihren Gewohnheiten identifizieren, merken sie meist gar nicht, dass sie Gewohnheiten folgen und wie ihr Verhalten unbemerkt davon strukturiert wird. Die meisten Menschen lieben ihre Gewohnheiten, da sie sich auf sie verlassen können. Sie wissen, dass die Ziele, die von den Gewohnheiten unwillkürlich verfolgt werden, richtig und damit vernünftig sind. Sie spüren, dass die emotionalen Gewohnheiten einen mentalen Aspekt haben. Es ist nicht zufällig, dass im Begriff Gewohnheit das Verb »wohnen« enthalten ist. Wenn man die Gewohnheiten bejahen kann, fühlt man sich in ihnen zu Hause. Deshalb wird jedem äußeren Druck, die Gewohnheiten zu ändern, heftiger Widerstand entgegen-gesetzt.

Viele Menschen haben allerdings den Eindruck, dass sie von ihren Gewohnheiten beherrscht oder sogar versklavt werden. Sie lehnen ihre negativen Gewohnheiten ab, müssen aber die Erfahrung machen, dass sie gegenüber ihren eigenen Gewohnheiten machtlos sind. Darauf basiert der schlechte Ruf der Gewohnheiten. Wenn die Menschen gelegentlich scherzhaft als Gewohnheitstiere bezeichnet werden, soll das ausdrücken, dass sie überwiegend reflexhaft und gerade nicht so reagieren, wie es eigentlich rational erforderlich wäre. Möglicherweise klammern sich viele Menschen an die philosophische Theorie, dass die Menschen geistige Wesen seien, weil damit ihre dunkle Seite, die in den scheinbar unkontrollierbaren Gewohnheiten zum Ausdruck kommt, aus dem Bewusstsein ausgeblendet werden kann.

Die ambivalente Einstellung gegenüber den emotionalen Gewohnheiten, dass man sich also einerseits auf seine Gewohnheiten stützt und sie andererseits ablehnt, zeigt, dass die Gewohnheiten etwas Unverstandenes sind. Gewohnheiten werden häufig mit den Instinkten gleichgesetzt und erscheinen dann als etwas Naturhaftes, das nicht zu verstehen sei. Ihnen wird vorgeworfen, dass sie das Handeln aus klarem Bewusstsein verhindern und dass sie im Widerspruch zum Ideal des freien Willens stehen. Andererseits kann nicht übersehen werden, dass die Gewohnheiten unentbehrlich für das Handeln sind. Selbst das Denken wäre ohne Gewohnheiten nicht funktionsfähig. Einige Philosophen1 haben daraus den Schluss gezogen, dass die Gewohnheiten zwischen dem Materiellen und Geistigen vermitteln und dass sie deshalb ein Schlüssel zum Verständnis der menschlichen Natur sind. So nahm der französische Philosoph Maine de Biron vor etwa 200 Jahren an, dass das Verständnis der Gewohnheiten unerlässlich ist, um die zentralen Probleme der Menschen zu klären. Dennoch sind in der weiteren Philosophiegeschichte die Gewohnheiten nur am Rande behandelt worden.

Zur Klärung der Funktion der Gewohnheiten im menschlichen Seelenleben ist davon auszugehen, dass immer wieder von Psychotherapeuten beobachtet wird, dass hinter jeder Gewohnheit eine bestimmte Erfahrungssituation mit einer persönlichen Entscheidung steht. Zumindest zum Zeitpunkt ihrer Entstehung hat jede Gewohnheit einen persönlichen Sinn. Sie soll den Zugang zu etwas herstellen, das das Leben erleichtert und mit Lust erfüllt, oder vor etwas schützen, das das eigene Leben bedroht. Die Tatsache, dass eine Gewohnheit fortbesteht, spricht dafür, dass sie nach wie vor einen persönlichen Nutzen hat. Das bedeutet, dass die emotionalen Gewohnheiten offensichtlich nichts rein Mechanisches sind, sondern mit mentalen Bedeutungen verbunden sind.

Das vorliegende Buch geht davon aus, dass die zentrale Frage, wie man sich zu den Gefühlen verhalten soll, letztlich nur mit einer Theorie der Gewohnheiten beantwortet werden kann. Der eigentümliche Doppelcharakter der emotionalen Gewohnheiten, etwas Mechanisches und zugleich etwas Geistiges zu sein, stellt eine große theoretische Herausforderung dar. Da die Gewohnheiten an der Nahtstelle zwischen unwillkürlichen körperlichen Prozessen und willkürlich gesteuerten geistig-seelischen Prozessen stehen, ist dafür ein theoretischer Ansatz erforderlich, der die Spaltung des Menschen in Geist und Körper und damit die hierarchische Sicht auf den Körper, in der ein Teil über einen anderen herrscht, überwindet. Allerdings kann man sich dabei nicht auf eine bereits vorhandene nicht-dualistische Theorie des Denkens und Fühlens stützen. Die Philosophie hat nicht nur das Thema der Gewohnheiten vernachlässigt, ihr ist bisher auch nicht gelungen, über den Dualismus von Körper und Geist hinauszukommen. Das liegt vermutlich daran, dass die Gewohnheiten das traditionelle Dogma infrage stellen, dass man seine Gedanken bewusst und frei entwickeln kann. Da der Geist als Urheber der Gedanken und des Handelns verstanden wird, kann nicht zugestanden werden, dass große Teile des Denkens und Handelns unbewusst ablaufen.

In meinen früheren Büchern habe ich einige Bausteine entwickelt, die hilfreich für die Aufgabe sind, das dualistische Denken zu überwinden. Seit mir bewusst geworden ist, dass sich der Begriff der Seele vom Atem ableitet, habe ich die Hypothese verfolgt, dass alle geistigen und seelischen Aktivitäten mit der Atemdynamik zusammenhängen. So kann bei den Emotionen leicht nachgewiesen werden, dass sie aus spezifischen Schwingungen des Atems bestehen und damit in körperlichen Prozessen wurzeln. Auch die subjektiv erfahrbaren Gefühle basieren auf emotionalen Prozessen. Damit verliert die bisherige Vorstellung einer Trennlinie zwischen den angeblich immateriellen Gefühlen und dem materiellen Körper ihre Grundlage. Auch für die verbalen Begriffe als den Bausteinen des Denkens kann gezeigt werden, dass sie auf den Atem angewiesen sind. Nur mithilfe des Atems lassen sich die verbalen Begriffe artikulieren.

Im vorliegenden Buch wird eine Theorie des Denkens entwickelt, die auch das Denken in Analogie zur Theorie der Emotionen als einen biologischen Prozess verstehen lässt und ohne metaphysische Größen wie den Geist oder die Seele auskommt. Nach meiner Auffassung sind die Bausteine des Denkens nicht Bilder, sondern gewohnheitsmäßig erlernte Bewegungen, die mit visuellen Elementen zu inneren Bewegungsmustern verbunden werden. Das Denken besteht darin, dass Bewegungsmuster in der Einbildungskraft probeweise so miteinander verknüpft werden, dass damit eine Problemlösung erreichbar erscheint. Da man aus Erfahrung weiß, mit welchen Bewegungen bestimmte Ziele erreicht werden können, kann das Denken über weite Strecken auch unbewusst ablaufen. Das bewusste Denken kommt erst ins Spiel, wenn man auf einen Widerstand stößt. Wenn man mit einem Problem konfrontiert wird, für das man noch keine geeigneten Gewohnheiten entwickelt hat, wird das Denken dann vor die Aufgabe gestellt, nach Bewegungen zu suchen, die ersatzweise eingesetzt werden können. Wenn dieser Ansatz zutrifft, könnte das Denken als eine Variante des normalen körperlichen Vermögens begriffen werden, in Anpassung an vorliegende Aufgaben oder Probleme Bewegungen zu koordinieren. Der Unterschied zwischen dem Versuch, über einen breiten Bach zu springen, eine Denksportaufgabe zu lösen oder ein philosophisches Problem durchzudenken, wäre dann nur noch graduell. Diese Theorie des Denkens, die in meinen Augen das traditionelle Verständnis des Denkens revolutioniert, macht es möglich, den oben dargestellten Doppelcharakter der Gewohnheiten besser zu verstehen.

Wenn Fühlen und Denken als körperliche Prozesse verstanden werden können, die von der Dynamik des Atems abhängig sind, stellt sich die Frage, was das für das Verständnis des menschlichen Innenlebens mit seinen Gefühlen, Gedanken, Vorstellungen, Absichten, Wünschen u.a. bedeutet. Auf jeden Fall verliert die traditionelle Vorstellung, dass sich im menschlichen Innenleben eine unabhängige geistige Welt manifestiert, an Überzeugungskraft. Ohnehin konnte bisher nicht plausibel erklärt werden, wie die geistige Welt auf den Körper einwirkt. Es ist die grundsätzliche Frage zu stellen, ob es überhaupt angemessen ist, außerkörperliche geistige Instanzen anzunehmen.

Da in diesem Buch alle bei der Analyse der Gefühle und Gedanken entwickelten Ideen um den Atem kreisen, wird der hier entwickelte Denkansatz als Atemphilosophie bezeichnet. Das Konzept der Atemphilosophie hat sich herausgebildet, als ich der Frage nachgegangen bin, welche Bedeutung der Atem für die Gefühle, die Sexualität, das Glück und die Entstehung und Heilung von Krankheiten u.a. hat. Dabei hat sich die Überzeugung herausgebildet, dass der Atem eine Schlüsselrolle im menschlichen Denken und Fühlen einnimmt, die im abendländischen Denken bisher wenig beachtet wurde. Ich bin immer wieder darauf gestoßen, dass sich viele philosophische Fragestellungen leichter und vor allem überzeugender beantworten lassen, wenn man sie aus der Perspektive des Atems betrachtet. Es drängte sich der Verdacht auf, dass die Philosophie mit ihrer Idealisierung des Geistes seit den Vorsokratikern einen problematischen Weg eingeschlagen hat, auf dem der Mensch als natürliches Wesen aus den Augen verloren gegangen ist. Gleichzeitig stellte sich mir die Frage, warum der Atem in der abendländischen Philosophie im Gegensatz zum orientalischen Denken überhaupt keine Rolle spielt:

Die Hauptaufgabe der Atemphilosophie wird darin gesehen, das idealistische Verständnis des Geistes bzw. des Denkens als einem vom Körper unabhängigen Vermögen zu überwinden. Die Analyse der Gewohnheiten ist hierbei hilfreich, da die Gewohnheiten sowohl in den Bereich des Körpers als auch in den mentalen und psychischen Bereich hineinragen. Es wird deutlich, dass die traditionelle Unterscheidung zwischen Körper und Geist unhaltbar ist. Denn alle Fähigkeiten der geistig-seelischen Innenwelt bestehen aus subtilen körperlichen Bewegungen, die mithilfe des Atems entwickelt werden. Die Atemphilosophie kann damit das ehrgeizige Ziel verfolgen, die einseitige, körper- und gefühlsfeindliche Rationalität des abendländischen Denkens aufzuheben und den Körper als Quelle von Lebensfreude und Orientierung zu rehabilitieren.

Aus atemphilosophischer Sicht ergibt sich ein neues Körperverständnis. Längst ist es zum Allgemeingut geworden, dass sich die Wahrnehmung des eigenen Körpers als eine Art Maschine verhängnisvoll ausgewirkt hat, da sie dazu geführt hat, dass sich die Menschen von sich selbst entfremden. Wenn aber nach wie vor das mechanistische Körperverständnis vorherrscht, liegt das daran, dass ein alternatives Verständnis des menschlichen Körpers noch fehlt. Die Grundfrage bei einem alternativen Körperverständnis besteht darin, wie sich der Körper organisiert, wenn dafür kein immaterielles Steuerungsprinzip angenommen werden kann. Es wird die Hypothese diskutiert, dass sich der Körper mithilfe vielfältiger innerkörperlicher Kommunikationsprozesse zwischen allen Körperteilen im Gleichgewicht erhält. Denken und Fühlen sind als innerkörperliche Kommunikationsmedien entwickelt worden, um die körperlichen Fertigkeiten, die für das Überleben in der jeweiligen sozialen Umwelt erforderlich sind, in Anpassung an die sozial-kulturelle Umwelt erlernen zu können. Wegen der großen Bedeutung der innerkörperlichen Kommunikation wird das sich daraus ergebende neue Körperverständnis als kommunikativ bezeichnet.

Indem alle seelischen Funktionen als körperliche Prozesse verstanden werden, kann die Atemphilosophie die Intention von Sigmund Freud wieder aufnehmen, eine Synthese von Psychologie und Biologie zu finden. Sozial gelernte Fertigkeiten sind nichts anderes als sozial angepasste körperliche Bewegungsgewohnheiten. Kultur ist transformierte Natur. Der Menschen kann als ein Wesen verstanden werden, das bei aller kulturellen Weiterentwicklung stets ein natürliches Wesen bleibt.

Im Konzept der Atemphilosophie wird die Bewegung, so wie es von Heraklit behauptet wurde, als das Grundprinzip des Lebens verstanden. Damit lässt sich die Einheitlichkeit und wechselseitige Abhängigkeit aller menschlichen Aktivitäten relativ leicht begründen. Ganzheitliches Denken besteht also nicht darin, dass verschiedene Systeme als in Interaktion stehend betrachtet werden, wie es normalerweise dargestellt wird, sondern dass die verschiedenartigen motorischen, mentalen und gefühlsmäßigen Aspekte des Lebens als verschiedene Eigenschaften von Bewegungen verstanden werden. Da in diesem Konzept Lebewesen primär aus körperlichen Bewegungen bestehen, muss die philosophische Annahme, dass es außerkörperliche geistige Prinzipien gibt, infrage gestellt werden. Sinnvollerweise kann nur von körperlichen, geistigen und gefühlsmäßigen Funktionen gesprochen werden. Deshalb ist die übliche Redeweise von der Wechselwirkung von Körper und Geist, bei der unterschiedliche Systeme unterstellt werden, irreführend.

Im Gegensatz zur Philosophie, die die höchste Freude in der theoretischen Erkenntnis sieht, will die Atemphilosophie die Aufmerksamkeit darauf lenken, dass die Freude an der Bewegung, die bei den Kindern noch lebendig ist, die eigentliche Quelle aller Freude ist. Die Freude am Denken ist wahrscheinlich bloß eine Vorfreude darauf, dass möglicherweise Einschränkungen der Bewegungsfreude mit dem Denken aufgehoben werden können. Letztlich sind die Menschen nicht an der Einsicht interessiert, sondern daran, dass sie sich von Selbstblockierungen ihrer Beweglichkeit befreien. Die Befreiung kann auch ohne theoretische Einsicht erreicht werden. Diese Bewegungsfreude kann wieder gefunden werden, wenn die Angst überwunden wird, die zur Zurückhaltung von Gefühlen geführt hat. Wer das Glück hat, uneingeschränkt geliebt zu werden, weiß das.

Für das Ausgangsproblem, wie man sich zwischen der Gefühlskontrolle und dem Zulassen der Gefühle verhalten soll, ergibt sich aus diesen Überlegungen eine klare Position. Das Konzept der emotionalen Selbstkontrolle setzt eine innere Instanz voraus, die eine Gegenposition zu den emotionalen Impulsen einnehmen kann. Da sie theoretisch nicht begründet werden kann, ist es nicht sinnvoll, von Gefühlskontrolle zu sprechen. Gefühle zurückzuhalten ist nicht Ausdruck von emotionaler Kontrolle, sondern bedeutet, dass Ängste das Handeln blockieren. Vom Denken aber kann nicht erwartet werden, dass es Ängste abbaut und damit Gefühle kontrolliert. Mit bewusster Gefühlskontrolle sind die Menschen überfordert. Ebenso wenig kann ein bewusstes Zulassen der Gefühle gelingen. Es gehört zum Wesen der Gefühle, dass sie ein Bestandteil der organismischen Selbstregulation sind. Sie müssen als Gewohnheiten gelernt werden, damit man in allen Lebenslagen schnell und sicher handeln kann. Die einzige sinnvolle Einstellung zu den eigenen Gefühlen besteht darin, an ihnen abzulesen, wie man die Realität erfährt. Gefühle des Hasses, der Resignation oder des Ärgers zeigen, dass man Gewohnheiten folgt, um sich aus dem Kontakt zurückzuziehen. Wenn man anderen Menschen oder anonymen Mächten die Schuld für seine »negativen« Gewohnheiten zuweist, bleibt man im Gefängnis seiner Gewohnheiten stecken. Wenn akzeptiert wird, dass man sich für seine Gewohnheiten aus bestimmten Gründen entschieden hat, wird dies von sich aus einen Prozess der Veränderung in Gang setzen. Aber solange man in Beziehungen lebt, die von Angst geprägt sind, fällt es sehr schwer, die emotionale Zurückhaltung aufzugeben. Da Angst ein kollektives Phänomen ist, sind auch der Psychotherapie enge Grenzen gesetzt. Erst eine angstfreie Organisation des sozialen Zusammenlebens ermöglicht volle emotionale Autonomie.

Es zeigt sich, dass die Gewohnheit ein Thema ist, das mitten in die großen philosophischen Fragen um Körper, Geist und Seele hineinführt. Die Gewohnheit erweist sich als ein Schlüssel, um aus der Sackgasse herauszukommen, in der das Denken über diese zentralen Fragen, aber auch über die Probleme der Freiheit, Verantwortung, Glück und Moral steckt. Denn sie zwingt dazu, die körperlichen Wurzeln der psychischen und mentalen Prozesse aufzudecken. Die großartigen Leistungen des menschlichen Denkens lassen sich besser verstehen, wenn man wahrnimmt, dass sie sich der menschlichen Fähigkeit zur Gewohnheitsbildung verdanken. Die Ausgangsfrage, wie man mit seinen Gefühlen umgehen soll, führt so zu der These, dass das idealistische Konzept, dass das menschliche Innenleben eine eigenständige geistige Welt darstellt, nicht haltbar ist.

Aus der Theorie der Gewohnheit ergeben sich weitreichende praktische Konsequenzen. So erweist sich z.B. die Überzeugung, dass alle Probleme durch das Denken gelöst werden können, als ein kapitaler Irrtum. Die Fragen nach dem Sinn des Lebens, nach den Werten oder nach der Wahrheit lassen sich nur durch verändertes Verhalten lösen. Wenn z.B. der Sinn dadurch verloren gegangen ist, dass die Gefühle zu stark verletzt worden sind, kann er nur zurückgewonnen werden, wenn die Lebensumstände versuchsweise so verändert werden, dass sie weniger Angst auslösen und so die Wahrscheinlichkeit erhöht wird, dass die Verletzungen ausheilen können. Welcher Weg dafür der richtige ist, kann niemals vom Denken allein ermittelt werden, sondern muss im Handeln ausprobiert werden. Die Aufforderung von Immanuel Kant »Wage zu Denken!« muss ergänzt werden: »Wage zu handeln!«

2. Nützliche Gewohnheiten

»Die Gewohnheit ist der große Führer durchs Leben.« (David Hume)

Wie nützlich Gewohnheiten sind, kann jeder bei den alltäglichen Verrichtungen spüren: beim Ankleiden, bei der Körperpflege oder beim Essen. Aber der Nutzen der Gewohnheiten erschöpft sich nicht darin, das Leben zu erleichtern. Im Folgenden soll gezeigt werden, dass alle Fähigkeiten, die die Menschen auszeichnen, wie Denken, Sprache, Intentionalität, Zielorientierung, Bedeutung, Selbstreflexivität u.Ä. sich nur entwickeln konnten, weil die Menschen zur Gewohnheitsbildung fähig sind. Es wird der Frage nachgegangen, inwieweit die Gewohnheiten geeignet sind, die Besonderheiten des rätselhaften seelischen Innenlebens zu entschlüsseln. Dabei geht es vor allem darum, das eigenartige Zusammenspiel von willkürlichen und unwillkürlichen Momenten, von Selbststeuerung und bewusster Steuerung herauszuarbeiten, das das menschliche Innenleben auszeichnet.

Die Überlegungen in diesem Kapitel sollen einen ersten Überblick darüber geben, von welchen Hypothesen bezüglich der Bedeutung der Gewohnheiten für das seelische Innenleben ausgegangen wird. Alle Gedanken, die hier möglicherweise als verkürzt und apodiktisch erscheinen, werden in den folgenden Kapiteln ausführlich begründet. Es soll hier zunächst nur herausgearbeitet werden, dass die Gewohnheiten in Philosophie und Psychologie zu Unrecht vernachlässigt wurden.

Die Tendenz zur Gewohnheitsbildung

Da beim Menschen die Bewegungen nicht angeboren sind, müssen sie erlernt werden. Für jede der vielfältigen Aufgaben, die zu erledigen sind, um das Leben zu bewältigen, muss ein eigenes Bewegungsmuster gelernt werden, z.B. für das Treppensteigen, für das Schreiben eines bestimmten Buchstabens, für den Ausdruck von Gefühlen oder für die Kommunikation mit anderen Menschen. In der Gehirnforschung ist erkannt worden, dass beim Lernen von Bewegungen die Tendenz besteht, sie solange einzuüben, bis sie gewohnheitsmäßig ausgeführt werden können. Es werden sozusagen Programme für die Bewegungen im Gedächtnis abgelegt, damit sie schnell und sicher ausgeführt werden. Wenn bestimmte Wünsche und Bedürfnisse auftreten, können sie sofort mit den ihnen entsprechenden Programmen befriedigt werden.

Der französische Neurobiologe Marc Jeannerod unterstreicht, dass Wahrnehmungen und Handlungen in den gleichen Teilen des Gehirns codiert werden. Er hebt hervor, dass nahezu alle Gehirnareale, die motorische Funktionen haben, auch beim Beobachten von Bewegungen aktiv sind, insbesondere von anstrengenden, schwierigen oder emotional geladenen Bewegungen wie Fahrradfahren, einen Faden in ein Nadelöhr einfädeln oder den Fußball ins Tor bringen.2 Deshalb können Wahrnehmungen unmittelbar Handlungen anregen. Und da man aus Erfahrung weiß, dass man die betreffende Handlung erfolgreich ausführen kann, ist es überflüssig, darüber nachzudenken.

Die Gewohnheitsbildung hat extrem große Vorteile für den Organismus. Sie ermöglichen vor allem ein rasches Handeln. Sie gibt das Gefühl der Sicherheit und die Gewissheit, dass das Handeln richtig ist. Wie die Erfahrung zeigt, haben die Gewohnheiten außerdem den großen Vorteil, dass die Bewegungen wesentlich fehlerfreier sind, wenn sie unwillkürlich ablaufen. Die Gewohnheitsbildung sorgt auch dafür, dass die Bewegungen in einem entspannten körperlichen Zustand ablaufen und damit dementsprechend wenig Energie verbrauchen, so dass es nicht so schnell zur Ermüdung kommt. Deshalb laufen die Bewegungen fast mühelos ab. Selbst so komplexe Bewegungen wie das Schreiben, Fahrradfahren oder Klavierspielen laufen beinahe wie von selbst ab, ohne dass man sich ständig sagen muss, was als Nächstes zu tun ist. Das heißt auch, dass man sich nicht mehr in jedem Moment Rechenschaft darüber abzugeben braucht, warum man gerade welche Bewegung macht.

Der wichtigste Nutzen der Gewohnheitsbildung besteht darin, dass sie es ermöglicht, den Blick des Bewusstseins voll auf das angestrebte Ziel auszurichten. Das Bewusstsein für den konkreten Bewegungsablauf kann in den Hintergrund treten. So kann man sich beim Schreiben auf den angemessenen Ausdruck konzentrieren und braucht sich praktisch nicht um den richtigen motorischen Ablauf der Hände zu kümmern. Mit der Gewohnheitsbildung wird die Steuerung der Bewegungen an tiefere Gehirnareale abgegeben, so dass das Bewusstsein wieder frei wird, sich auf Neues auszurichten. Wenn das Bewusstsein ständig von den Details der auszuführenden Bewegungen in Anspruch genommen werden würde, könnte leicht der Blick auf das Ziel verloren gehen. Insofern hat die Gewohnheitsbildung die äußerst nützliche Wirkung, dass das Bewusstsein freigesetzt wird, sich auf die akuten Probleme zu konzentrieren, die eventuell im Verlauf der Bewegung auftreten. Es kann sich dann darum kümmern, nach geeigneten Bewegungen zu suchen, um die Probleme zu bewältigen.

Je gewohnheitsmäßiger Bewegungen ablaufen, desto eher kann man scheinbar zwei Bewegungen gleichzeitig durchführen. Wenn man sich z.B. während des Autofahrens mit dem Beifahrer unterhält, sind das aber keine Bewegungsprozesse, die parallel nebeneinander herlaufen, sondern es wird die Aufmerksamkeit in dem Tempo zwischen den beiden Bewegungsprozessen hin- und her verlagert, wie es für deren Durchführung erforderlich ist. Sobald ein Problem auftaucht, wird das Bewusstsein hellwach und konzentriert sich einseitig auf die problematische Bewegung. Offensichtlich kann das Gehirn nur dann optimal arbeiten, wenn es sich auf die Ausführung einer einzigen Bewegung solange konzentriert, bis die Lösung eines Problems erreicht wurde. Es ist die Aufgabe des Denkens, nach einer Lösung des Problems zu suchen. Häufig müssen die im Denken gefundenen Bewegungen erst erprobt werden. Dafür ist Bewusstsein erforderlich. Denn mithilfe der körperlichen Signale, die bei der Ausführung der Bewegung ins Bewusstsein treten, kann die Bewegung so eingeübt werden, dass das angestrebte Ziel schnell und mit möglichst wenig Aufwand erreicht wird.

Bewusstsein kommt bei allen Bewegungen ins Spiel, da jede Bewegung an die Umwelt angepasst werden muss und dafür eine aufmerksame Beobachtung erforderlich ist. Bewusstsein ist keineswegs auf das verbale Denken beschränkt. Deshalb nehmen Biologen an, dass Bewusstsein nicht nur bei den Tieren, sondern auch bei jeder lebenden organischen Struktur, jeder sich teilenden Zelle existiert. Jedes Lebewesen muss sein Verhalten an die Umwelt anpassen und sich von Augenblick zu Augenblick entscheiden, wie es auf die Umwelt reagieren soll. »Bewusstsein im grundlegenden Sinne bedeutet die Wahrnehmung einer Außenwelt.«3 Bewusste Achtsamkeit ist ein Kennzeichen des Lebens. Sie braucht nicht eigens gelernt zu werden, wie häufig behauptet wird, sondern kann allenfalls verlernt werden.

Zur Charakterisierung der Gewohnheiten wird häufig der Begriff automatisch verwendet. Es darf aber nicht so verstanden werden, dass die Bewegungen wie bei einer Maschine ablaufen. Der Begriff automatisch ist lediglich eine Metapher dafür, dass gewohnheitsmäßige Bewegungen mit relativ wenig Bewusstsein auskommen. Es gibt wahrscheinlich keine erlernte menschliche Gewohnheit, die völlig bewusstlos abläuft. Beim Schreiben lässt sich gut beobachten, dass es gewohnheitsmäßig beherrscht werden muss, damit man sich auf die Inhalte konzentrieren kann, dass aber stets ein Teil des Bewusstseins beim Schreiben selbst bleibt, da ständig kontrolliert werden muss, ob die beim Schreiben zu beachtenden Regeln eingehalten werden. Denn schließlich soll das Geschriebene später wieder gelesen werden können.

Unter Gewohnheitsbildung ist also nicht zu verstehen, dass die Bewegungen mechanisch, d.h. ohne Beteiligung der Person und des Bewusstseins ablaufen, sondern nur, dass den gewohnheitsmäßigen Bewegungen kein bewusster Entschluss vorausgeht, also die Entscheidungen auf einer Ebene unterhalb des Bewusstseins getroffen werden, und dass beim Ablauf der Handlung relativ wenig Bewusstsein erforderlich ist. Wenn z.B. gesagt wird, dass jemand wie »im Schlaf Auto fahren kann«, soll damit gesagt werden, dass er das Autofahren seinem »inneren Autopiloten«, also tiefen unbewussten Mechanismen überlässt, und sich deshalb auch dem Gespräch mit dem Beifahrer widmen kann. Denn die Bewegungen werden so gelernt, dass sie problemlos spontan an wechselnde Verhältnisse angepasst werden können. Anders wäre es nicht möglich, dass man sich z.B. beim Schreiben völlig auf den Inhalt konzentriert und den mechanischen Ablauf der Hände nahezu vergisst. Man könnte das auch so formulieren, dass jedes Bewegungslernen fähig macht, Bewegungen mit möglichst wenig bewusstem Denken auszuführen. Aus diesem Grund hat der Organismus ein starkes Bestreben, alle Bewegungen als Gewohnheiten auszubilden.

Erstaunlicherweise ist das Bewusstsein nach wie vor ein Rätsel. Wenn es aber als eine Bedingung für das Lernen und Anpassen von menschlichen Bewegungen verstanden wird, kann die Rolle des Bewusstseins im Prozess des Lebens leichter bestimmt werden. Offensichtlich besteht seine Aufgabe darin, die Aufmerksamkeit auf etwas zu lenken, das für das eigene Überleben als bedeutsam erscheint, damit neue Gewohnheiten gebildet werden können. Letztlich ist die Frage relativ unwichtig, wie es das Gehirn fertig bringt, Bewusstsein hervorzubringen. Ebenso bedeutungslos ist die Frage, ob auch Tiere Bewusstsein haben. Viel bedeutsamer ist die Frage, von welchen Faktoren es abhängig ist, ob das Bewusstsein klar oder getrübt ist und wie kreative Bewegungen durch bewusste Achtsamkeit gefördert werden können. Selbst wenn man wüsste, wie das Gehirn Bewusstsein herstellt, würde das überhaupt nicht helfen, die praktischen Probleme bei der Bildung und Neuanpassung von Gewohnheiten zu lösen.

Intentionalität der Gewohnheiten

Es scheint absolut selbstverständlich zu sein, dass jede Handlung ihren Anstoß von etwas Geistigem erfährt, das außerhalb von der Handlung steht. Theodor W. Adorno hat aufgezeigt, dass dies eine Denkgewohnheit ist, die historisch auf die Philosophie von Aristoteles zurückgeht.4 Die zentrale Frage von Aristoteles war, wie Bewegungen entstehen. Die Antwort ergab sich aus seinem Grundgedanken, dass der materielle Stoff sein Wesen durch die geistigen Formen erhält. Deshalb war es für Aristoteles zwingend, dass jedes Bewegte ein Bewegendes voraussetzt und dass das Bewegungsprinzip etwas Geistiges ist. In den folgenden Überlegungen soll gezeigt werden, dass dieser Gedanke der Wirklichkeit des Handelns nicht gerecht wird.

Jede Bewegung wird mit der Absicht gelernt, damit etwas besser zu erreichen. So will das kleine Kind laufen lernen, damit es leichter zur Mutter kommt, wenn es ihre Hilfe braucht, ganz unabhängig davon, dass es alles können will, was die Erwachsenen tun. Die Kinder nehmen wahr, dass die Eltern mit ihren Bewegungen immer etwas tun oder bewirken. Von Anfang an wird also erlebt, dass jede Bewegung eine subjektive Bedeutung hat. So hat z.B. die Bewegung des Greifens die Absicht, die Gegenstände an sich zu nehmen und für die eigenen Bedürfnisse zu verwenden. Mit dem Krabbeln wird eine Vorform des Gehens geübt, um selbständig zur Bezugsperson zu gelangen. Und mit dem Schreiben wird eine äußerst komplexe Bewegungsfähigkeit gelernt, die geeignet ist, Gedanken auf Papier zu fixieren und anderen Menschen mitzuteilen.

Weil erfahren wird, dass mit jeder Bewegung etwas bewirkt werden kann, werden Bewegungen von Anfang an als eine Einheit von körperlicher Aktion und Bedeutung begriffen. Da in den ersten zwei Jahren die Sprache noch nicht beherrscht wird, erschließt sich der Sinn einer Bewegung anfangs allein durch das, was mit ihr erreicht werden kann. Aber es ist nicht erforderlich, dass sich das Kleinkind darüber bewusst Rechenschaft gibt. Die übliche Formulierung, dass der Bewegung eine Bedeutung zugewiesen wird, darf nicht so verstanden werden, dass dies ein bewusster kognitiver Akt ist. Vielmehr ergibt sich die Bedeutung unmittelbar aus dem, was mit der Bewegung angestrebt und erreicht wird. Das mit der Bewegung verbundene Ziel definiert also ihren Sinn. Der Sinn einer Bewegung ist ihr inhärent. Wenn ein Kind eine Bewegung beherrscht, »versteht« es sie auch. Wenn es in seiner späteren Entwicklung lernt, welche kulturelle Bedeutung bestimmte Bewegungen haben, ist das etwas Sekundäres, bei dem das unbewusste Verständnis bloß ins Bewusstsein gehoben wird. Man findet sich in der eigenen Welt zurecht, wenn man alle Bewegungen beherrscht, die erforderlich sind, in ihr zu überleben. Eine Bewegung zu verstehen, ist deshalb primär kein mentaler Vorgang, der zusätzlich zur körperlichen Bewegung hinzutritt, sondern ergibt sich unmittelbar aus der Bewegungsabsicht. Auch wenn die Bewegung scheinbar mechanisch ausgeführt wird, gehen ihre Absichtlichkeit und Zielgerichtetheit nicht verloren.

Wenn Menschen Ziele und Absichten verfolgen, bedeutet das also nicht, dass zunächst Ziele da sind, für die dann die geeigneten Bewegungen gesucht werden. Vielmehr ist mit den Zielen und Absichten immer auch schon eine Vorstellung verbunden, wie das Ziel zu erreichen ist. Da beim Erlernen von Bewegungen eine feste Kopplung mit bestimmten Zielen vorgenommen wird und die Ziele mit den Bewegungsmustern abgespeichert werden, stellen sich Bewegung und Ziel immer gleichzeitig ein. Das bedeutet, dass es im praktischen Leben keine Ziele gibt, für die nicht immer schon eine Bewegung verfügbar ist, mit der sie erreicht werden können. Eine Ausnahme sind ideale Wunschziele. Sie zeichnen sich dadurch aus, dass sie nicht aus dem praktischen Leben hervorgehen, sondern zur Kompensation von persönlichen Schwächen gebildet werden, meist indem sie von anderen Personen übernommen werden. Wunschziele sind deshalb so ohnmächtig, weil ihnen die Verknüpfung mit geeigneten Bewegungen fehlt.

Sehr deutlich hat Pierre Bourdieu mit seinem Begriff des Habitus herausgearbeitet, dass das Handeln nicht in der planvollen Ausführung einer bewussten Absicht besteht, sondern in der Regel nach erlernten Gewohnheiten abläuft. Die Summe der individuell einverleibten Gewohnheiten machen für Pierre Bourdieu den Habitus aus. Die Gewohnheiten seien nicht nur Handlungsstrukturen, sondern auch Wahrnehmungs- und Bewertungsstrukturen, die es ermöglichen, in einer bestimmten Situation spontan das »Richtige« zu tun. Das Handeln könne deshalb wohl als zweckgerichtet interpretiert werden, es wäre aber falsch, deshalb von einer bewussten Intentionalität auszugehen.5

Aus diesen Gedanken kann die Folgerung gezogen werden, dass am Anfang des Handelns nicht ein Gedanke, sondern ein Impuls bzw. ein Bedürfnis steht. Der Handlung geht immer ein Bedürfnis voraus, das rein körperlich (wie z.B. Durst), psychisch (wie z.B. das Streben nach Anerkennung) oder mental ist (wie z.B. der Wunsch, das Funktionieren einer Maschine zu verstehen). Wenn der Organismus überzeugt ist, dass der Handlungsimpuls ins Handeln überführt werden kann, weil die gleiche Handlung schon oft erfolgreich war, wird sie ohne begleitendes Denken sofort ausführt. Insofern geben die erlernten Bewegungsmuster die Richtung vor, wie die Bedürfnisse erfolgreich befriedigt werden können. Bedürfnisse ohne erlernte Bewegungsmuster wären blind. Wenn aber der Organismus unsicher ist, wird das Denken eingeschaltet, um nach einem geeigneten Weg zu suchen.

Wenn akzeptiert wird, dass die Ziele dem Handeln nicht äußerlich, sondern ein notwendiger Bestandteil jeder Bewegung sind, können sie nicht mehr wie bisher als etwas Mentales verstanden werden, das im Gegensatz zum Körper definiert wird. Deshalb macht es keinen Sinn, davon auszugehen, dass Bewegungen von einer geistigen Instanz - wie z.B. der Seele - gesteuert werden. Es stellt sich die Aufgabe, die Prozesse, die bisher als geistig oder mental gekennzeichnet wurden, so zu verstehen, dass sie widerspruchsfrei als Bestandteile jeder Handlung verstanden werden können. Dies soll im Kapitel über die biologischen Wurzeln des Denkens versucht werden (siehe Kapitel Fehler: Referenz nicht gefunden.).



Gewohnheiten sind Entscheidungen

Gewohnheiten zeichnen sich dadurch aus, dass sie in der Regel nicht durch einen bewussten Vorsatz entstehen, sondern dass sie sich gleichsam wie von selbst herausbilden. Sie ergeben sich daraus, welchen Erfahrungen man ausgesetzt ist und wie der Organismus diese Erfahrungen verarbeitet. Wenn eine Erfahrung als positiv bewertet wird, wird daraus eine Gewohnheit gebildet, mit der eine Wiederholung der positiven Erfahrung erleichtert wird. Wird hingegen eine Erfahrung als negativ bewertet, wird eine Gewohnheit geprägt, mit der entsprechende Situationen vermieden werden. Diese Bewertungsprozesse laufen weitgehend unbewusst ab, so dass man davon ausgehen muss, dass der Gewohnheitsbildungsprozess von unbewussten Kräften gesteuert wird.

In die Gewohnheitsbildung geht alles ein, was im Laufe des Lebens gelernt wurde. Jede Information, die man von anderen Menschen oder von den Medien gehört hat, wird im Gewohnheitsbildungsprozess berücksichtigt. Es gehen auch Elemente ein, die nicht bewusst wahrgenommen oder die aus der unbewussten Verarbeitung von früheren Erfahrungen abgeleitet wurden. Viele Entscheidungen werden getroffen, ohne dass sich das bewusste Denken vorher mit allen Details beschäftigt hat. Wie oben dargestellt, kommt das bewusste Denken eigentlich immer erst dann ins Spiel, wenn eine Bewegung ihr intendiertes Ziel nicht erreicht oder wenn der Entscheidungsprozess selbst aus inneren Gründen blockiert wird. Wenn eine Entscheidungsaufgabe im Bewusstsein auftaucht, dann bedeutet dies, dass man im Grunde noch nicht entscheidungsfähig ist. Es fehlen entweder noch Informationen, oder man beherrscht eine bestimmte Fähigkeiten noch nicht vollständig, oder es bestehen unaufgelöste Widersprüche zwischen den eigenen Bedürfnissen und den Erwartungen anderer Menschen, mit denen man sich identifiziert.

Das bedeutet, dass jeder Gewohnheit letztlich eine Entscheidung zugrunde liegt, auch wenn man sich dieser Entscheidungen meistens nicht bewusst ist. Es gibt deshalb keine Bewegung, der nicht eine Entscheidung zugrunde liegt. Ebenso liegt jedem Gefühl, jedem Gedanken oder jedem Wunsch eine Entscheidung zugrunde, auch wenn man sich dessen meistens nicht bewusst ist. Rückzug ist ebenfalls eine Entscheidung, nämlich sich nicht zu bewegen und die Hinwendung zum anderen Menschen zu vermeiden. Da man die Erfahrung gemacht hat, dass bestimmte Gewohnheiten zu befriedigenden Ergebnissen führen, kann man ihre Ausführung dem inneren Autopiloten überlassen. Man hat praktisch ein grundsätzliches Einverständnis dafür gegeben, dass die Gewohnheiten in bestimmten Situationen automatisch ablaufen. Es wäre deshalb ein Fehler, den Begriff der Entscheidung auf bewusst getroffene Entscheidungsakte einzuschränken. Wenn man bedenkt, wie viel unbemerkte Entscheidungen z.B. beim Schreiben – für jeden Buchstaben mindestens eine – erforderlich sind, sind bewusste Entscheidungen eher die seltene Ausnahme.

Da am Ausgangspunkt jeder Bewegung eine Entscheidung steht, besteht das Leben aus einer fast ununterbrochenen Kette von Entscheidungen, um die Bedürfnisse nach Versorgung und Selbsterhaltung zu befriedigen. Es gibt fast keinen Moment, in dem keine Entscheidung getroffen wird. Wissenschaftler schätzen, dass pro Tag bis zu 100.000 Entscheidungen getroffen werden, das bedeutet also: durchschnittlich zwei Entscheidungen pro Sekunde.6 Der amerikanische Philosoph Daniel Dennett geht davon aus, dass die menschliche Entscheidungsfähigkeit von der Handlungsfähigkeit der Urzellen abstammt, aus denen das Leben entstanden ist. Jede lebende Zelle ist ein winziger Akteur, der eine begrenzte Anzahl von Aufgaben erfüllen kann, für die er sich aufgrund von Informationen aus der Umwelt entscheidet.7 Da die Menschen Nachkommen der lebendigen Makromoleküle seien, müsse von einem Kontinuum zwischen der Entscheidungsfähigkeit der ersten Lebewesen und der der Menschen ausgegangen werden.

Jede Entscheidung besteht darin, welche individuell verfügbaren Bewegungsmuster für eine konkrete Aufgabe eingesetzt werden sollen. Es ist also eine Entscheidung für eine bestimmte Bewegung bzw. Bewegungsabfolge. Eine Entscheidung kann auch darin bestehen, dass man eine Krankheit wählt bzw. es unterlässt, eine bestehende Krankheit energisch zu bekämpfen. Viele Ärzte haben die Erfahrung gemacht, dass Krebskranke wissen, wann sie sich für den Krebs entschieden haben. Meist waren es ausweglose Situationen. Natürlich kann man sich das nicht selbst oder noch weniger anderen Menschen eingestehen. Eine Entscheidung kann natürlich auch darin bestehen, dass man sich entschließt, neue Bewegungsmuster zu erlernen und bereits vorhandene Bewegungen zu verfeinern, oder dass man Informationen sammelt, wie andere Menschen bestimmte Probleme lösen, um damit die eigenen Bewegungen zu verbessern. Da man ständig vor neue Aufgaben gestellt wird, finden fortlaufend Veränderungen der Bewegungsmuster statt, ohne dass das bewusst registriert wird, allerdings nur, insoweit die Veränderungen als im Einklang mit den persönlichen Grundmustern erlebt werden. Meistens ist man sich dessen gar nicht bewusst, dass man in Unstimmigkeitsgefühlen einen inneren Zensor hat, der die eigenen Bewegungen beurteilt und Veränderungen anregt.

Die Regeln der Gewohnheit

Beim Lernen von neuen Bewegungen wird stets darauf geachtet, worin ihre typischen Muster bestehen.8 Bewegungen lassen sich leichter lernen, wenn die Regeln bekannt sind, nach denen sie organisiert werden. So wird z.B. erkannt, dass das Hüpfen sehr unterschiedlich ausgeführt werden kann, dass aber alle Varianten etwas Gemeinsames haben, das sie als Hüpfen auszeichnet, nämlich dass für kurze Zeit beide Füße vom Boden abgehoben werden. Natürlich muss man auch das Typische eines "a" begriffen haben, damit man die Handschrift anderer Menschen lesen kann. Erst wenn das Typische einer Bewegung erfasst wurde, kann eine Bewegung als Gewohnheit abgespeichert werden. Dabei kommt es gar nicht darauf an, dass die Regeln einer Bewegung bewusst erkannt werden. So werden z.B. beim Erlernen der Muttersprache ganz intuitiv die grammatikalischen Regeln und beim Schreiben die Muster der Buchstaben erfasst. Lesen wird erst effizient, wenn man die Muster zahlreicher Begriffe kennt, so dass die Begriffe spontan erfasst werden können. Da bei der Erfassung der Regeln von den besonderen Umständen der Bewegung abgesehen wird, ist es im Grunde ein Abstraktionsprozess.

Auffällig ist, dass der Regelbildungsprozess weitgehend unbewusst abläuft. Die Regeln können zwar später ins Bewusstsein gehoben werden, aber ihre Wirksamkeit bei der Strukturierung des Handelns ist davon unabhängig. Wenn z.B. Kinder in der Schule die Grammatik ihrer Sprache lernen, werden die grammatikalischen Regeln ins Bewusstsein gehoben, die bereits früher intuitiv erfasst wurden und spontan beim Sprechen angewandt werden.

Wenn das bewusste Denken versucht, die Regeln zu erfassen, nach denen sich ein Objekt verhält, die sozusagen seine Logik ausmachen, macht es nichts anders, als was beim Lernen von Bewegungen spontan abläuft. Wenn es die Muster erkennt, nach denen die Objekte geordnet sind, kann es sicherer mit ihnen umgehen und die Probleme im Umgang mit ihnen leichter lösen. Die Anwendung der Regeln muss aber nicht in jedem Fall bewusst erfolgen. Da sie im Gehirn abgespeichert werden, kann auf sie auch in unbewussten Prozessen zugegriffen werden..

Gewohnheiten zeichnen sich also dadurch aus, dass ihnen Regeln zugrunde liegen, nach denen sie organisiert werden. Die Regeln sind die Richtschnur oder das Muster der Gewohnheiten. Da die Regeln ins Bewusstsein gehoben und verbalisiert werden können, kann der Eindruck entstehen, dass die Regeln etwas Geistiges seien. Aber damit würde man das Wesen der Regeln verkennen. Primär sind sie komplexe neuronale Muster, mit denen die Regelmäßigkeit der gewohnheitsmäßigen Bewegungsabläufe hergestellt wird.




Flexibilität der Gewohnheiten

»Das Geheimnis der Tugend ist die Gewohnheit.« (Anselm Feuerbach)

Die Gewohnheiten werden im Allgemeinen abgewertet. Es wird ihnen vorgeworfen, dass sie starr und unflexibel machen. Martin Heidegger ging sogar so weit zu behaupten, dass man sich in der Gewohnheit selbst verliert. Er spricht zwar nicht von Gewohnheiten, wenn er aber vom »Man« spricht, das alles Urteilen und Entscheiden vorgibt, und davon, dass man sich dabei im »Modus der durchschnittlichen Alltäglichkeit«9 verhält, hat er offensichtlich die Gewohnheiten vor Augen. Das »Man« würde dem Dasein die Verantwortlichkeit abnehmen und dazu führen, dass der Einzelne von seinem Seinkönnen abfällt. Der Einzelne könne erst aus der »Verlorenheit in das Man« herausfinden, wenn er den Mut und die Entschlossenheit aufbringt, die Möglichkeiten zu ergreifen, die er selbst ist.

Die pauschale Abwertung der Gewohnheiten ist unbegründet. Gewohnheiten sind unentbehrlich. Da sich der Begriff Gewohnheit – wie oben erwähnt – vom Verb wohnen ableitet und wohnen »zufrieden sein« bedeutet, spricht vieles dafür, dass Gewohnheiten ursprünglich als etwas durchaus Positives angenommen wurden.10 Wer in seinen Gewohnheiten wohnt, kann erfolgreich handeln. Gewohnheiten gehen so sehr »in Fleisch und Blut« über, dass sie schließlich als etwas Natürliches erscheinen, als zweite Natur, wie es Marcel Proust bezeichnet hat. Es ist täglich zu spüren, dass die vertraute Sicherheit im Handeln auf erlernten Gewohnheiten basiert und dass man nur Neues lernen kann, wenn die elementaren Bewegungen beherrscht werden.

Die Erfahrung zeigt, dass sich Gewohnheiten spontan an veränderte Verhältnisse anpassen. Meistens merkt man es noch nicht einmal. Die Flexibilität der Gewohnheit wird dadurch ermöglicht, dass Bewegungen nicht in ihrer konkreten Ausführung, sondern nur als schematische, typische Abläufe abgespeichert werden. Das macht es möglich, dass sich Gewohnheiten flexibel an wechselnde Situationen passen können. Wie im Kapitel Fehler: Referenz nicht gefunden. dargestellt wird, ist diese Flexibilität der Gewohnheiten die Grundlage der Kreativität.

An der flexiblen Anpassung der Gewohnheiten an veränderte Situationen ist das Denken beteiligt. Je mehr das Denken sich entfalten kann, umso leichter können Gewohnheiten verändert werden. Es kommt nur bei den Gewohnheiten zu Problemen, die in Situationen gelernt wurden, in denen man sich hilflos gefühlt hat. In ihnen steckt die Angst zu scheitern oder zu versagen, so dass man sich nicht der Situation öffnen kann. Aus Unsicherheit klammert man sich an seine Gewohnheiten und ist nicht fähig, sie an die Situation anzupassen. Sie werden als negativ abgewertet, weil man sich von ihnen abhängig fühlt. Da sie nicht mit positiven Gefühlen der Freude oder Neugierde verbunden sind, werden sie als mechanisch erlebt. Demgegenüber verlieren die Gewohnheiten, deren Lernen ohne Angst erfolgt ist, nie die Fähigkeit, sich flexibel an wechselnde Situationen anzupassen. Sie schließen auch die Achtsamkeit für die eigenen Regungen nicht aus. Man darf deshalb nicht von den negativ bewerteten Gewohnheiten auf die Gewohnheiten insgesamt schließen.

Denkgewohnheiten

Die Behauptung, dass das Denken an der Gewohnheitsbildung beteiligt ist und dass die in den Bewegungen wirkenden Regeln meist unbewusst erfasst werden, steht im Widerspruch zur Überzeugung, dass nur die Prozesse als Denken bezeichnet werden dürfen, die bewusst ablaufen. Aber die Prozesse, die beim Erkennen der Regeln von Bewegungen stattfinden, müssen als Teil des Denkens betrachtet werden, da das Erkennen und die Anwendung von Regeln das Denken ausmachen. Es wird sich im Kapitel 4.1. zeigen, dass die Bausteine des Denkens nicht aus visuellen Vorstellungen, sondern aus Bewegungsmustern bestehen. Dort wird die Hypothese diskutiert, dass das Denken in der Verknüpfung von verschiedenen Bewegungsmustern besteht. Die Bewegungsmuster können relativ leicht miteinander verknüpft werden, da sie bereits auf das Wesentliche reduziert wurden. Aus Erfahrung weiß man, welche Bewegungsmuster zusammenpassen, wenn es um die Lösung eines Problems geht. Da die Verknüpfungen im praktischen Leben häufig wiederholt werden, bilden sich auch hier Gewohnheiten heraus. Denkgewohnheiten bestehen somit daraus, welche Bewegungsmuster auf welche Weise miteinander verknüpft und auf bestimmte Probleme bezogen werden. Aus diesen Gründen müssen die unbewussten Prozesse, die bei der Regelerfassung ablaufen, als Teil des Denkens verstanden werden.

Gefühle der Gewohnheiten

Jede Gewohnheit ist in ein bestimmtes Gefühl eingebettet. Das hängt damit zusammen, dass Gewohnheiten in bestimmten Situationen gelernt werden und jede Situation automatisch vom Organismus bewertet wird, ob sie nützlich oder schädlich ist. Nach Auffassung der Gehirnforscher ist die Bewertung eine überlebenswichige Funktion aller Lebewesen. Sie wird unbewusst organisiert, wobei alle früheren Erfahrungen mitverarbeitet werden. Die Bewertung teilt sich als Gefühl mit, das sich im ganzen Körper ausdrückt (vgl. Kapitel 3.1.). So löst eine als bedrohlich bewertete Situation das Gefühl der Angst oder eine als angenehm bewertete Situation das Gefühl der Freude aus. Deshalb drückt sich in den Gefühlen aus, welche Bedeutung die Gewohnheiten für den Einzelnen haben. An den Gewohnheiten kann deshalb auch der Charakter eines Menschen abgelesen werden.

Im Laufe der Zeit werden Bewegungsmuster akkumuliert, mit denen man erfolgreich handeln kann. Das führt zu dem guten Gefühl, dass man um seine Fähigkeiten und Möglichkeiten weiß und ihnen vertraut. Wenn man immer wieder erfahren hat, dass man seine Umwelt beeinflussen und die Bedingungen des eigenen Lebens kontrollieren kann, entsteht ein Gefühl der inneren Stärke und sozialen Kompetenz, das auch als Gefühl der Selbstwirksamkeit bezeichnet werden kann. Auch wenn man zur Kenntnis nimmt, dass die Bewegungsmuster und d.h. Gewohnheiten Dispositionen sind, die in konkreten Handlungssituationen quasi automatisch ablaufen, fühlt man sich nicht von ihnen fremdbestimmt. Man vertraut seinen erlernten Gewohnheitsmustern, weil erfahren wurde, dass man damit sicher durch alle normalen Situationen hindurch kommt. Solange die Gewissheit vorhanden ist, dass man auch mit neuen Situationen zurechtkommt, werden sie positiv bewertet.

Neben den motorischen Gewohnheiten, die für die Bewältigung des alltäglichen Lebens erforderlich sind, bildet sich auch die Klasse der emotionalen Gewohnheiten heraus, die den Umgang der Menschen miteinander regulieren. Da es bei diesen Gewohnheiten darum geht, wie Kontakt zu anderen Menschen aufgenommen wird, wie man sich von anderen Menschen abgrenzt, wie Konflikte bewältigt werden, welche Menschen man vermeidet u.Ä., bestehen auch die emotionalen Gewohnheiten aus bestimmten Bewegungsmustern. Diese emotionalen Gewohnheiten werden sehr früh in der Kindheit gelernt und zeichnen sich durch große Stabilität aus (vgl. Kapitel 3.).

Motorische Selbstreflexivität

Beim Lernen von neuen Bewegungen macht es relativ viel Mühe, die einzelnen Bewegungsteile so auszuführen, dass daraus eine flüssige Bewegung entsteht. In jeder Phase der Bewegung muss geprüft werden, in welchem Zustand sich die Bewegung gerade befindet und ob sie noch auf das angestrebte Ziel ausgerichtet ist. Von Moment zu Moment muss also entschieden werden, ob der Bewegungsablauf richtig ist oder noch verbessert werden soll. Viele Schleifen von Versuch und Irrtum müssen durchlaufen werden, bis eine Bewegung effizient abläuft. Dabei haben die Signale des Schmerzes und der Unlust eine zentrale Bedeutung. Sie weisen darauf hin, dass eine Bewegung noch nicht richtig beherrscht wird, und dass die Bewegung korrigiert werden muss, da sie in ihrer jetzigen Gestalt mit einem hohen Verletzungsrisiko oder mit körperlicher Überforderung verbunden ist. Dabei sind die Signale, die vom Atemsystem ausgehen, von großer Wichtigkeit. Denn der Atem zeigt, ob die Bewegung bereits ihr Optimum an Leichtigkeit, Eleganz und Ausdruckskraft erreicht hat. Jede Bewegung braucht ein auf sie abgestimmtes Atemmuster. Insbesondere beim Singen, Sport und Tanz ist die Aneignung der Bewegung deutlich mit der daran angepassten Atmung verknüpft. Ohne Bewusstsein wäre das allmähliche Erlernen ausgeschlossen, da nur auf diese Weise der tatsächliche Ablauf mit dem angestrebten Bewegungsziel verglichen werden kann.

Wenn man sich aufmerksam beobachtet, ist festzustellen, dass man in jedem Moment ein genaues Bild vom aktuellen Zustand des eigenen Körpers hat. Wenn man die Augen schließt, kann man nachprüfen, dass tatsächlich jede Bewegung vom Bewusstsein genauestens nachvollzogen wird. Man weiß in jedem Augenblick ganz genau, in welcher Position sich der Körper und seine einzelnen Teile gerade befinden. Dieses Wissen beruht darauf, dass jede Veränderung des Spannungszustandes in allen Muskeln und Gelenken fortlaufend an das Gehirn gemeldet wird. Aus diesen Rückmeldungen entsteht im Lauf der Zeit ein geschlossenes inneres Körperbild. Es besteht aus dem Wissen, wie sich die einzelnen Körperteile im gesunden Zustand anfühlen und zu welchen Bewegungen sie fähig sind. Es wird von Körperkarten gesprochen, weil im Gehirn alle Körperteile in bestimmten Feldern repräsentiert werden, so wie auf der Landkarte alle topographischen Merkmale einer Landschaft dargestellt sind. Aber die Metapher der Karte ist schief, da es weniger darum geht, wo sich die Körperteile befinden, sondern wie mit ihnen umgegangen werden kann.

Die exakte Kartierung des Körperzustandes wird durch das propriozeptive Nervensystem vorgenommen. Die Arbeit des propriozeptiven Nervensystems ist so selbstverständlich, dass man sie gar nicht weiter registriert. Sie ist von zentraler Bedeutung, da sie für das Handeln unentbehrlich ist. Denn anhand der Rückmeldungen über den aktuellen Stand der Bewegungen kann mithilfe der Zielwerte jederzeit geprüft werden, ob die Bewegungen noch am Ziel orientiert sind und erfolgreich ablaufen. Die Rückmeldungen begründen das, was häufig als Achtsamkeit bezeichnet wird. Die Arbeit des propriozeptiven Nervensystems kann als innerer Dialog bezeichnet werden. Es ist ohne Zweifel ein körperlicher Dialog, da er durch das innere Abtasten von Veränderungen im Tonus der Muskeln und mithilfe von nervalen Reizleitungen zum Gehirn zustande kommt.

Auf der inneren Rückkopplung aller Bewegungen basiert ihre innere Selbstwahrnehmung. Da auch die Gefühle und Gedanken aus Bewegungen hervorgehen, wird damit auch das Selbsterleben der Gefühle und die innere Wahrnehmung von Gedanken begründet. Bei den Emotionen und Gedanken führt die Selbstwahrnehmung dazu, dass man über sie nachdenken kann. Das rückgekoppelte Messen aller Bewegungen an Zielwerten ist die Grundlage der menschlichen Selbstreflexivität. Es ist hervorzuheben, dass die Selbstreflexivität ein grundsätzliches Prinzip ist, das bei allen Bewegungen wirksam ist. Es ist nicht nur eine Eigenart der Bewegungen, sondern auch der Gefühle und Gedanken. Daraus ergibt sich die Hypothese, dass die gedankliche Selbstreflexivität in der motorischen Selbstreflexivität begründet ist..

Gewohnheiten sind Überzeugungen

Jede Gewohnheit enthält eine Überzeugung, wie etwas am besten zu erreichen ist. Insofern entsteht aus der Gesamtheit der Gewohnheiten ein inneres Überzeugungssystem. Jeder Mensch steht vor der Aufgabe, alle neuen Bewegungen in das System seiner Überzeugungen zu integrieren. Nur dann können sie dem künftigen Verhalten zugute kommen. Wenn z.B. für ein bestimmtes Ziel eine neue Methode gelernt wird, muss zugleich entschieden werden, welches Bewegungsmuster künftig Priorität haben soll. Oder wenn man die Erfahrung gemacht hat, dass zu großes Vertrauen von anderen Menschen missbraucht wird, genügt es nicht, sich bloß vorzunehmen, künftig misstrauischer zu sein. Gleichzeitig muss auch die Gewohnheit, anderen Menschen zu vertrauen, umgebaut werden.

Eine gute Integration ist besonders bei den emotionalen Gewohnheiten erforderlich. Anders als bei Gedanken achtet der Organismus bei den emotionalen Gewohnheiten strikt auf ihre innere Konsistenz, weil ansonsten das Handeln nicht gelingen würde. Wenn der Zwang empfunden wird, sich an die Erwartungen anderer Menschen anzupassen, gelingt es nicht, die damit verbundene Inkonsistenz abzubauen. Denn für die Diskrepanz zwischen den eigenen Gefühlen und den im Widerspruch dazu stehenden Erwartungen anderer Menschen gibt es prinzipiell keinen gemeinsamen Nenner. Solche Diskrepanzen können zu psychischen Störungen führen.

Selbstorganisation

Für das Phänomen, dass viele Handlungen spontan ausgeführt werden, sich Gefühle und Gedanken spontan einstellen und Entscheidungen plötzlich da sind, gibt es noch keine plausible rationale Erklärung. Die traditionellen Konzepte des Geistes, des Ichs oder des Bewusstsein, mit denen der Führungsanspruch von geistigen Instanzen begründet wurde, haben bei diesem Phänomen versagt. Da immer mehr Zweifel aufkommen, ob diese Instanzen überhaupt existieren (vgl. Kapitel Fehler: Referenz nicht gefunden.), muss eine neue Interpretation für das Phänomen der spontanen Gedanken und Gefühle gesucht werden. Es wird vorgeschlagen, davon auszugehen, dass im geistig-seelischen Bereich ähnliche Prozesse der Selbstregulation ablaufen, wie sie für physiologische Prozesse – wie z.B. für die Verdauung, die Herztätigkeit, die Atmung, die Körpertemperatur, die Wundheilung u.Ä. – bekannt sind. In der Biologie wurde für solche sich selbst regulierenden Prozesse das Konzept der Selbstorganisation entwickelt.11

Unter Selbstorganisation wird das Vermögen der Natur verstanden, Strukturen hervorzubringen, mit denen sich Organismen trotz von außen kommender Störungen im Gleichgewichtszustand halten. Einwirkungen von außen führen nicht von sich aus zu bestimmten Veränderungen, denn der Organismus entscheidet mit seinen inhärenten Regeln darüber, in welcher Art und Weise er diese Einwirkungen verarbeitet. Die Selbstorganisation lässt eine Ordnung mit höherer Komplexität entstehen, die sich immer wieder reproduziert. Demnach reguliert jeder Organismus seine inneren Prozesse im Austausch mit der natürlichen Umwelt nach inhärenten Gesetzmäßigkeiten auf eine Weise, dass jederzeit der Gleichgewichtszustand mit der Umwelt gewahrt wird. Der Begriff der Selbstorganisation deckt also das ab, was häufig mit dem kreativen Potential der Natur umschrieben wird.

Der Grundgedanke der Selbstorganisation besagt, dass das Zusammenwirken der einzelnen Körperorgane nicht von einem zentralen Steuerungsprinzip (dem Geist, einer transzendenten Kraft, der Lebenskraft, der Seele o.Ä.) geleitet wird. Die Selbstorganisation funktioniert vermutlich auf die Weise, dass alle Teile des Organismus miteinander in wechselseitiger Kommunikation stehen und ständig Informationen ausgetauscht werden. So benutzen Biologen die Metapher der Kommunikation, um die körperlichen Selbstregulationsprozesse zu verstehen. Auch zum Verständnis der Prozesse im Gehirn erweist sich dieser Begriff als nützlich. Natürlich muss geprüft werden, ob der aus dem menschlichen verbalen Dialog abgeleitete Begriff der Kommunikation sinnvoll auf die innerkörperlichen Prozesse übertragen werden kann. Aber es spricht vieles dafür, dass damit die Selbstorganisation am ehesten erschlossen werden kann (Vgl. Kapitel 5.1.).

Das wichtigste Element der natürlichen Selbstorganisation ist die ständige Rückkopplung aller Prozesse mit bestimmten Zielwerten. So werden laufend alle Bewegungen mit den angestrebten Zielwerten verglichen. Bei Abweichungen erfolgt sofort eine Korrektur. Angesichts der zahlreichen voneinander abhängigen Zielwerte bei der Steuerung der Physiologie des menschlichen Körpers kann angenommen werden, dass es ein komplexes Netzwerk von Zielwerten auf verschiedenen Ebenen gibt. So wird z.B. die Körpertemperatur erhöht (Fieber), wenn der Körper von Erregern infiziert ist, um damit die Immunabwehr zu unterstützen. Da das Verhalten durch die Umweltbedingungen geprägt wird, muss ständig mit Abweichungen gerechnet werden. Es entsteht ein fortlaufender Lernprozess, in dem auch die Zielwerte – insbesondere für das auf die Umwelt ausgerichtete Verhalten – ständig überprüft und an gewandelte Lebensumstände angepasst werden. In der Hierarchie der Zielwerte steht der Erfolg der Handlung an oberster Stelle.

Da das Handeln in der Regel im Zusammenhang mit anderen Menschen stattfindet, müssen die Gewohnheiten so eingerichtet werden, dass sie eine reibungslose Kommunikation und Kooperation ermöglichen. Deshalb müssen die Gewohnheiten von Anfang an mit den Gewohnheiten der Mitmenschen abgestimmt werden. Indem die eigenen Gewohnheiten Rücksicht auf die Gewohnheiten anderer Menschen nehmen, machen sie sich davon abhängig. In der Strukturierung der Gewohnheiten findet so die Vergesellschaftung der Menschen statt.

Ein wichtiger Zielwert bei der Bewegungsorganisation ist die Freude an der Bewegung. Jeder kennt die Erfahrung, dass Bewegungen, die sich leicht und harmonisch anfühlen, auch als lustvoll erlebt werden. Lust ist offensichtlich eine Funktion der Bewegung. Deshalb ist die Lust bei der Berührung erheblich intensiver, wenn sich die berührende Hand bewegt. Die Lust beim Schmecken wird erhöht, wenn sich die Zunge bewegt. Beim sexuellen Kontakt ist die richtige Bewegung das Geheimnis der sexuellen Ekstase. Offensichtlich ist die Lust eine Funktionslust, die dann auftritt, wenn eine Bewegung im optimalen Muskeltonus abläuft, und die sofort verschwindet, wenn die Bewegung angestrengt und mechanisch abläuft. Am Grad der Freude an der Bewegung erkennt die Selbstorganisation am besten, ob eine Bewegung gelungen ist oder noch verbessert werden muss. Deshalb ist die Bewegungslust ein wichtiger Indikator bei der Selbstorganisation von Bewegungen.

Das Selbstorganisationskonzept bedeutet, dass alle Bewegungen eine natürliche Tendenz haben, möglichst optimal im Sinne von minimalem Energieaufwand und maximaler Zielerreichung und Bewegungslust abzulaufen. Jede Abweichung von dem angestrebten Ziel wird spontan registriert und dazu benutzt, den Bewegungsablauf besser zu steuern. So fängt sich z.B. der Körper von selbst auf, wenn er versehentlich über einen Stein stolpert.

Die Gewohnheitsbildung kann als ein Werk der Selbstorganisation verstanden werden. Der Organismus hat ein gutes Gespür dafür, wann eine Bewegung gut genug gekonnt wird, so dass sie als Gewohnheit abgespeichert werden kann. Jeder Gewohnheit liegt damit die Entscheidung zugrunde, ein Bewegungsmuster als Gewohnheit abzuspeichern. Allerdings erfolgt die Entscheidung meist auf einer tieferen Ebene als der des Bewusstseins. Diese Entscheidung ist Ausdruck der Selbstorganisation, ohne dass sie deshalb etwas Unpersönliches ist.

Auch die mentalen Prozesse laufen nach den Regeln der Selbstorganisation ab. Deshalb ist es falsch zu sagen: »ich denke«. Genauso falsche wäre es zu sagen: »ich werde gedacht«. Da sich die Gedanken zwingend aus den bisherigen Erfahrungen und der aktuellen Situationsbewertung ergeben, ist die Frage, ob sie frei oder determiniert sind, sinnlos. Sie sind Ausdruck der ganzen Person. Deshalb ist es unzulässig, hier die politischen Begriffe der Freiheit und Fremdbestimmung anzuwenden (vgl. Kapitel Fehler: Referenz nicht gefunden.).

Gewohnheiten prägen das Selbstverständnis

»Die Gewohnheit ist eine zweite Natur; sie hindert uns, die erste kennen zu lernen, deren Grausamkeiten und deren Zauber sie nicht hat.« (Marcel Proust)

Normalerweise geht man in seinem Verhalten selbstvergessen auf und nimmt überhaupt nicht wahr, dass man festen Gewohnheitsmustern folgt. Nur gelegentlich wird man seiner eigenen Gewohnheiten gewahr. Normalerweise leiten die eigenen Gewohnheiten das Handeln so gut an, dass man nicht über sie nachzudenken braucht. Deshalb spielen sie im normalen Selbstverständnis eine völlig untergeordnete Bedeutung. Erst wenn die Gewohnheiten nicht mehr funktionieren, wird man sich plötzlich bewusst, wie sehr man Gewohnheiten folgt. Besonders in Krisensituationen wird deutlich, wie sehr die Gewohnheiten im Zentrum der persönlichen Identität stehen.

Offensichtlich wird die Art und Weise, wie man sich selbst versteht, von den Gewohnheiten geprägt, die man für den Umgang mit anderen Menschen und mit sich selbst aufgebaut hat, So wie man andere Menschen richtig einschätzen kann, wenn man ihre Gewohnheiten kennt, so kann man sich auf sich selbst verlassen, wenn man die für die Umwelt richtig angepassten Gewohnheiten entwickelt hat. Die Gewohnheiten stehen deshalb im Zentrum der persönlichen Identität. Änderungen der persönlichen Gewohnheiten sind immer auch mit einer Änderung der Identität verbunden.

Wenn man ins Bewusstsein nimmt, dass es sich bei der Art, wie man z.B. Kontakt zu anderen Menschen aufnimmt und wie man sich in Krisensituationen verhält, um persönliche Gewohnheiten handelt, die eine lange Geschichte haben, wird sich die Einstellung zu den Gewohnheiten ändern. Es wird sozusagen zur neuen Gewohnheit, überall im eigenen Verhalten Gewohnheiten zu entdecken und zu fragen, wo und warum man sich diese Gewohnheiten angeeignet hat. Das kann dazu führen, dass man toleranter mit sich selbst umgeht, neugieriger wird, wie man in kritischen Situationen reagiert und auch eher bereit sein wird, neues Verhalten auszuprobieren (vgl. Kapitel Fehler: Referenz nicht gefunden.). Vor allem wird man aufhören, sich ständig vorzunehmen, bestimmte Gewohnheiten zu ändern, obwohl man längst erfahren hat, dass man sie eigentlich noch nicht verändern kann. Es bildet sich das Vertrauen heraus, dass sich die Gewohnheiten verändern werden, wenn die Zeit dafür reif ist.

Veränderbarkeit von Gewohnheiten

Neue Gewohnheiten können unterschiedliche Quellen haben. Bei kleinen Kindern entstehen sie überwiegend aus der Nachahmung von beobachteten Bewegungen bei den Eltern. Später können sie aus der Entdeckung entstehen, dass man mit bestimmten Bewegungen ein persönliches Problem lösen kann. Ein dritte Quelle sind emotionale Verletzungen. Hier werden Gewohnheiten gebildet, um sich vor der Wiederholung der Verletzung zu schützen. Gewohnheiten ergeben sich damit grundsätzlich aus konkreten Lebenssituationen. Man wächst mit den Gewohnheiten praktisch in seine kulturelle Umwelt hinein. Daraus ergibt sich einerseits, dass alle Gewohnheiten von den kulturellen Strukturen abhängig sind, die man beim Aufwachsen vorfindet.

Die Tatsache, dass alle Gewohnheiten von kulturellen Strukturen abhängig sind, bedeutet, dass ihnen etwas Zufälliges anhaftet. Aber das wird nicht als ein Manko erlebt, da die Gewohnheiten ja helfen, sich in seiner Umwelt zurecht zu finden und zu behaupten. Sie schützen sehr wirkungsvoll vor den beunruhigenden Gefühlen der Unsicherheit und der Unentschiedenheit. Darin ist auch begründet, dass sie sich nicht so einfach ändern lassen. Da die Gewohnheiten praktisch das Rückgrat des Handelns sind, führt jede Änderung des Handelns zunächst zu einer starken Verunsicherung. Deshalb hält man unbewusst an seinen Gewohnheiten fest. Das führt dazu, dass in konkreten Handlungssituationen alle Änderungswünsche, die noch nicht in stabile Gewohnheiten umgesetzt wurden, unbewusst ignoriert werden. Erst wenn die sozialen Strukturen die Änderung von Gewohnheiten fördern und begünstigen, werden sich die Änderungswünsche in wirksame neue Gewohnheiten umsetzen.

Definition

In der Umgangssprache wird der Begriff der Gewohnheit in vielfältiger Weise benutzt. Es wird dabei einmal an Routinehandlungen wie z.B. ans Ankleiden, zum anderen an süchtiges Verhalten wie Rauchen oder an nervös bedingte Gewohnheiten wie Tics gedacht. Man spricht auch bei charakteristischen Sprechweisen oder Denkweisen wie stereotypen Formulierungen von Gewohnheiten. In der Wissenschaft werden bei der Definition der Gewohnheiten die Stereotypie des Bewegungsablaufs und der automatische Start hervorgehoben. »Als Gewohnheit wird eine unter gleichartigen Bedingungen reflexhaft entwickelte Reaktionsweise bezeichnet, die durch Wiederholung stereotypisiert wurde und beim Erleben gleichartiger Situationsbedingungen wie "automatisch" nach demselben Reaktionsschema ausgeführt wird, wenn sie nicht bewusst vermieden oder "unterdrückt" wird.«12 Die bisherigen Überlegungen sollten deutlich machen, dass schlechthin alle menschlichen Bewegungen, einschließlich des Denken und Fühlens, Gewohnheitscharakter haben. Es ist deshalb problematisch, den Begriff der Gewohnheit in irgendeiner Form einzuschränken, wie es z.B. in der folgenden Definition vorgenommen wird. »In spielerischen Zusammenhängen oder absichtlich, also bewusst gelernte, insbesondere in Schule und Lehre gezielt eingeübte Verhaltensweisen werden dagegen wie alle irgendwie nützlichen Gewohnheiten (z.B. in der Muttersprache reden zu können) selbst bei größter Routine als Fähigkeiten oder - vor allem bei größerer Geschicklichkeit dabei - auch als Fertigkeit bezeichnet.« Man wird dem Phänomen der Gewohnheiten nicht gerecht, wenn die unzähligen, beim Denken, im Kontakt, im Fühlen usw. angewandten nützlichen Gewohnheiten aus dem Gewohnheitsbegriff ausklammert werden. Wie sich in diesem Buch zeigen wird, erschließt sich auch das Verständnis des Denkens und Fühlens erst, wenn sie aus der Sicht der Gewohnheiten analysiert werden.

Gewohnheitsmäßiges Verhalten wird bei den Tieren als reflexhaftes Verhalten bezeichnet. Da beim Menschen im Gegensatz zu den Tieren fast das gesamte Verhalten nicht angeboren ist, sondern erworben werden muss, scheinen die menschlichen Gewohnheiten ein Ersatz für die tierischen Reflexe und Instinkte zu sein. Es wurde oben gezeigt, dass das Handeln aus Gewohnheit niemals etwas Zwangsläufiges ist, sondern dass es immer auf persönlichen Entscheidungen basiert. Gewohnheiten sind deshalb nicht mit den Instinkten gleichzusetzen. Sie setzen das Prinzip der persönlichen Verantwortung für das eigene Handeln nicht außer Kraft. Denn die Entscheidung zugunsten einer Gewohnheit kann jederzeit rückgängig gemacht werden, wenn sich die Gewohnheit als untauglich erweist. Natürlich kann das nicht vorsätzlich angestrebt werden. Es gelingt nur, wenn der Organismus von der Notwendigkeit der Änderung überzeugt ist. Denn Handeln ist eine äußerst komplexe Aktivität, bei der vielfältige körperliche, emotionale und mentale Prozesse aufeinander abgestimmt werden müssen.

Der Begriff der Gewohnheit umfasst somit eine komplexe Einheit von Zielen, Gedanken, Gefühlen, Bewertungen und motorischen Abläufen. Das soll mit dem hier verwendeten Begriff des Bewegungsmusters ausgedrückt werden. Andere Autoren sprechen von motivationalen Schemata, von Fühl-, Denk- und Verhaltensschemata13 oder von Programmen, wenn sie sich auf die Gewohnheiten beziehen. Ich ziehe den Begriff des Bewegungsmusters vor, weil in meinem Konzept die Bewegung der Kern aller Gewohnheiten ist. Das gilt auch – wie unten gezeigt wird – für die emotionalen und geistigen Gewohnheiten.

Gewohnheiten werden oft als Rituale bezeichnet. In Analogie zu den religiösen Ritualen soll mit dem Begriff hervorgehoben werden, dass es sich um soziale Praktiken mit einem festgelegten Ablauf handelt, die für einen bestimmten Zweck eingeführt wurden und die vor Veränderungen geschützt werden. Man denke z.B. an das Ritual des Eides, bei dem zur Wahrhaftigkeit ermahnt wird. Insofern deckt sich der Bedeutungsumfang des Begriffes Ritual mit dem Gewohnheisbegriff. Es handelt sich beides Mal um gestaltete Handlungsabläufe, wobei es nicht darauf ankommt, ob sie spontan zustande gekommen oder bewusst eingeführt worden sind.

Eine klare Abgrenzung muss gegenüber dem neurotischen Symptomverhalten vorgenommen werden, wie es im Suchtverhalten, in Panikattacken oder im Zwangsverhalten zum Ausdruck kommt. Diese neurotischen Verhaltensweisen haben zwar auch einen Gewohnheitscharakter, insofern sie einen Nutzen haben und automatisch ablaufen, aber sie haben eine völlig eigenständige Dynamik. Die Strategien, die im Umgang mit Gewohnheiten greifen, versagen bei dem neurotischen Symptomverhalten.

Zusammenfassung

Gewohnheiten geben dem Handeln Ordnung und Sicherheit. Sie schützen vor Unentschlossenheit und Ungewissheit. Gewohnheiten erweisen sich als die Voraussetzung für erfolgreiches Handeln. Es ist auffällig, dass für die Gewohnheitsbildung Mechanismen benötigt werden, die auch bei den seelischen Prozessen des Fühlens und Denkens unentbehrlich sind. So sind die Prinzipien der Intentionalität, Bedeutung, Reflexivität und Regelförmigkeit, die zum Verständnis des Denkens und Fühlens von zentraler Bedeutung sind, auch bei der Gewohnheitsbildung wirksam. Das bedeutet, dass es problematisch ist, zwischen körperlichen Bewegungen und geistig-seelischen Prozessen qualitative Unterschiede zu konstruieren.

Wenn die Gewohnheiten das Rückgrat erfolgreichen Handelns darstellen, muss das traditionelle Modell des rationalen Handelns mit seiner starken Betonung des Bewusstseins infrage gestellt werden. Es wird verkannt, dass es beim erfolgreichen Handeln weniger auf das Bewusstsein und die Einsicht als auf das richtige Erlernen von situationsangemessenen Bewegungsmustern ankommt. Unter günstigen Bedingungen ist also rationales und ethisch richtiges Handeln dank der Gewohnheiten auch mit einem Minimum an Bewusstsein möglich. Man kann also verantwortlich handeln, ohne sich der wahren Gründe des eigenen Handelns voll bewusst zu sein.

Das menschliche Handeln erweist sich als ein komplexer Prozess, der vielfältige seelische, geistige und körperliche Elemente enthält. Sobald einzelne Elemente isoliert betrachtet werden, wird die organische Einheit des Handelns verfehlt. Das wird noch deutlicher werden, wenn in den folgenden Kapiteln herausgearbeitet wird, dass auch die Gefühle und Gedanken letztlich körperliche Bewegungen sind. Es wird sich zeigen, dass die Gewohnheiten nicht nur für das Handeln unentbehrlich sind, sondern auch das Rückgrat des Denkens und Fühlens sind. Sie sind deshalb die Voraussetzung für emotionales und geistiges Wachstum. Sie erleichtern nicht bloß das Leben, sondern machen komplexere Fähigkeiten wie z.B. das Sprechen und Schreiben überhaupt erst möglich.


3. Emotionale Gewohnheiten

»Gewohnheit heißt die große Lenkerin des Lebens. Daher sollen wir uns auf alle Weise erstreben, gute Gewohnheiten einzuimpfen.« (Francis Bacon)

Der Charakter eines Menschen kann an seinen emotionalen Reaktionen abgelesen werden. Dazu gehört z.B., ob er anderen Menschen gegenüber eher Vertrauen oder Misstrauen empfindet, ob er Kritik eher als Herausforderung empfindet oder mit Ärger darauf reagiert, ob er eher optimistisch oder pessimistisch ist, persönliche Probleme lösen zu können u.Ä. Im Folgenden wird die These vertreten, dass die emotionalen Reaktionen aus tief verwurzelten emotionalen Gewohnheiten bestehen. Wie alle Bewegungen unterliegen auch die Emotionen dem Gesetz der Gewohnheitsbildung. Es zeigt sich, dass die Emotionen besser verstanden werden können, wenn sie als Gewohnheiten betrachtet werden. Ihr Widerstand gegenüber willkürlichen Veränderungen, die Fähigkeit, über sie nachzudenken, ihr spontaner Ablauf und die Fähigkeit, sie in Grenzen bewusst zu gestalten, lässt sich aus dieser Perspektive relativ plausibel erklären. Auch die zentrale Frage, wie und ob überhaupt eine Kontrolle der Gefühle möglich ist, kann in diesem Rahmen neu beleuchtet werden.

Das Thema der Gefühle hat bei der Analyse der Gewohnheiten Priorität. Der merkwürdige Doppelcharakter der Gewohnheiten, dass sie einerseits als ein reflexhafter Ablauf etwas Körperliches haben, und dass sie andererseits aufgrund ihrer Zielgerichtetheit auch etwas Geistiges enthalten, regt an, am Beispiel der Gefühle das Verhältnis zwischen körperlichen Prozessen und mentalen Zielen und Bedeutungen zu klären.


3.1. Führungskraft der Emotionen?

»Nichts ist mächtiger als die Gewohnheit.« (Ovid, Liebeskunst)

Die Emotionen haben die Besonderheit, dass sie einerseits im subjektiven Erleben erfahren werden und sich andererseits auch in der körperlichen Verfassung und auf der Körperoberfläche ausdrücken. Zu Recht wird beim körperlichen Ausdruck der Gefühle von Emotionen gesprochen, da sich etwas aus dem Körper herausbewegt. So wird z.B. bei Wut einerseits ein inneres Bestreben erlebt, einen Widerstand zu bekämpfen, der sich gegen die Erfüllung der eigenen Bedürfnisse richtet, und andererseits wird im Körper gespürt, wie die Zähne zusammengebissen werden, das Gesicht gerötet ist und die Atmung sich beschleunigt. Die körperlichen Symptome der Wut lassen sich nicht von den inneren Erfahrungen trennen, die mit der Wut einhergehen. Wut gibt es nicht ohne körperliche Symptome. Sie wirkt auch nur überzeugend, wenn ihre Ernsthaftigkeit durch körperliche Symptome unterstrichen wird. Dies gilt für alle Gefühle. Offensichtlich sind subjektive Erfahrungen und körperlicher Ausdruck die zwei Seiten einer Medaille. Um die Fähigkeit der Emotionen, das Handeln zu führen, zu verstehen, muss zunächst ihre körperliche Verankerung analysiert werden.

3.1.1. Emotionale Bewegungsmuster

»Die Gewohnheit ist das enorme Schwungrad der Gesellschaft und ihr wertvollster konservativer Agent.« (William James)

Der Psychologe William James hat als erster darauf aufmerksam gemacht, dass die Gefühle in bestimmten typischen körperlichen Reaktionsmustern verankert sind. Er hat seine Einsicht in die zugespitzte Formulierung gefasst, dass wir weinen, weil wir Tränen haben. In den letzten Jahren sind von der Gehirnforschung Impulse ausgegangen, die geholfen haben, das traditionelle Verständnis der Gefühle als Ausdruck der Seele endgültig zu überwinden und die körperliche Seite der Gefühle anzuerkennen. Es setzt sich immer mehr das Verständnis durch, dass der Begriff der Emotionen sowohl die körperlichen Symptome als auch die inneren Erfahrungen umfasst, die beim körperlichen Ausdruck der Emotionen erlebt werden. Anders ausgedrückt sind Gefühle nichts anderes als innerlich erfahrene Emotionen. Nach dieser Auffassung können Emotionen im Körper sein, ohne dass sie innerlich wahrgenommen werden. Es ist aber unmöglich, dass man Gefühle wahrnimmt, ohne dass sich entsprechende körperliche Prozesse abspielen, auch wenn sie häufig unterhalb der Wahrnehmungsschwelle ablaufen. Dieser Unterschied zwischen den Begriffen Gefühl und Emotion geht ganz deutlich aus ihren Wortstämmen hervor: Während sich die Gefühl aus dem Fühlen ableiten, weisen die Emotionen auf die körperlichen Bewegungen hin, die bei den Gefühlen zu beobachten sind.

Da sich die Emotionen im Körper abspielen und offensichtlich davon auch die Atmung, das Kreislauf- und Hormonsystem betroffen sind, kann ohne Übertreibung gesagt werden, dass die Emotionen am ganzen Körper beobachtbar sind. Das wird besonders an emotionalen Extremzuständen deutlich. Wenn sich jemand im emotionalen Zustand der Resignation befindet, drückt sich das nicht nur im Gesicht, sondern im ganzen Körper aus, der in sich zusammenfällt und seine normale Spannung verliert. Der Atem wird flach und schnell. Wenn man hingegen etwas verstanden hat, drückt sich dies im heiteren Gesichtsausdruck und einer aufrechten Haltung des Körpers aus. Man ist vom Gefühl der Erleichterung, der Überraschung, der Begeisterung oder des Stolzes erfüllt. Der Atem ist ruhig und tief.

Die körperliche Seite der Emotionen wird verständlicher, wenn man sich vergegenwärtigt, dass die Emotionen immer im Zusammenhang mit der Vorbereitung und der Durchführung von Handlungen auftreten. Damit Menschen handeln können, muss ein körperliches Aktionsbereitschaftspotential aufgebaut werden. Dazu muss das Kreislauf-, Atem-, Nerven-, und Hormonsystem so eingestellt werden, dass situationsgemäß gehandelt werden kann. Insbesondere muss die voraussichtlich benötigte Energie zur Durchführung der beabsichtigten Handlung mobilisiert werden. So muss für jede Bewegung eine genau angepasste Sauerstoffversorgung bereitgestellt werden. Das ist nicht nur für kraftvolle Bewegungen, sondern für jede Bewegung ein zwingendes Erfordernis. Nur so können Bewegungen bis zum Ziel durchgehalten werden.

Die exakte Atemabstimmung gelingt allerdings nur, wenn sich der Tonus der erforderlichen Muskeln in einem Zustand befindet, der eine flexible Anpassung ermöglicht. An Marathonläufern ist gut zu beobachten, wie chronische Muskelverspannungen einen flüssigen Bewegungsablauf behindern und zu einem frühzeitigen Energiezusammenbruch führen können. Da die chronisch verspannten Muskeln ein Teil der Atemmuskulatur sind, kann sich der Atem nicht voll entfalten (vgl. Kapitel Fehler: Referenz nicht gefunden.). Da der Atem nicht mehr an den Energiebedarf der Bewegung angepasst werden kann, kommt es zum Energiemangel. Der Einklang von Bewegung und Atem kommt deshalb nur zustande, wenn sich der Atem in einem relativ wenig verspannten Körper frei entfalten kann.

Das aufgebaute Aktionsbereitschaftspotential äußert sich in vielfältigen körperlichen Symptomen, z.B. an der Rötung der Haut, an verändertem Muskeltonus, am Gesichtsausdruck, an der Art der Atmung und vielem mehr. Wenn man z.B. mit aller Kraft einen Widerstand gegen eine geplante Handlung beseitigen will, muss der ganze Körper entsprechend mobilisiert werden. Dabei sind die typischen Merkmale der Wut wie schneller Atem, gespannte Muskulatur, schneidende Stimme u.Ä. zu beobachten. Aber auch der Impuls, die Freude über eine gelungene Bewegung auszudrücken, verlangt den Aufbau eines daran angepassten Aktionsbereitschaftspotentials und einen ihm entsprechenden emotionalen Ausdruck. Dann ist am entspannt lächelnden Gesichtsausdruck zu erkennen, dass sich der ganze Körper im Zustand des Wohlbehagens befindet. Emotionen können deshalb als eine Begleiterscheinung eines veränderten physiologischen Aktivierungsniveaus betrachtet werden.14

Die Aktivierung wird von der unbewusst arbeitenden Amygdala im Gehirn durchgeführt (siehe Kapitel 3.1.2.). Die Amygdala kann die komplexe Aufgabe der Aktivierung leisten, weil sie mit mehreren Gehirnregionen vernetzt ist. Über den Hypothalamus kann sie auf das autonome Nervensystem und das Hormonsystem Einfluss nehmen. Vom Hippocampus erhält sie die Erinnerungen an ähnliche Situationen und über den Neocortex (Großhirnrinde) prägt sie das bewusste Erleben der physiologischen und emotionalen Aktivierung. Als Teilstruktur des limbischen Systems formt sie zugleich die Gefühle. Aus der Schlüsselposition der Amygdala erklärt sich die enge Verwoben­heit der Bewertungen mit den Gefühlen und Gedanken.

Die körperliche Ausdruckskraft der Emotionen macht es möglich, dass diese von anderen Menschen leicht wahrgenommen werden können. Aus den eigenen Erfahrungen kann unmittelbar abgeleitet werden, in welchem emotionalen Zustand sich der andere befindet. So wird z.B. für Dritte sofort erkennbar, dass der andere Hilfe braucht oder dass er traurig ist. Die Emotionen ermöglichen so einen nonverbalen Dialog mit anderen Menschen. Wenn von der Sprache der Gefühle die Rede ist, wird auf die Ausdrucks- und Überzeugungskraft der Emotionen Bezug genommen. Aus evolutionärer Sicht konnten die Emotionen so den Zusatznutzen übernehmen, anderen Menschen den eigenen körperlichen Zustand mitzuteilen. Sie erleichterten damit in Zeiten, als den Menschen noch nicht die verbale Sprache zur Verfügung stand, die Kommunikation mit anderen Menschen.

Der eigentliche Grund, warum die Emotionen einen nonverbalen Dialog begründen können, liegt darin, dass sie auf Schwingungen basieren. Was im esoterischen Denken immer schon behauptet wurde, dass die Emotionen Schwingungen sind, hat die französische Neurologin Susana Bloch mit Messungen nachgewiesen.15 Interessant ist, dass sich alle von ihr verwendeten Messgrößen wie Amplitude, Frequenz und andere Merkmale auf die Dynamik der Atmung beziehen. Für das Verständnis der Emotionen bedeutet dies, dass sie als körperliche Prozesse aufzufassen sind, die untrennbar mit dem Atem verbunden sind. Emotionen sind offensichtlich dadurch möglich geworden, dass die Schwingungen, die vom Atemrhythmus im Körper erzeugt werden, zur Darstellung der Emotionen ummoduliert werden. So wie die Saiten eines Klaviers einen völlig unterschiedlichen Klang annehmen, je nachdem wie sie angeschlagen werden, so kann der Körper vielfältige Emotionen ausdrücken. Da die Emotionen auf den Schwingungen des Atems aufbauen, können sie als Atemschwingungen begriffen werden.

Aufgrund ihrer Schwingungsnatur können die Emotionen leicht in Resonanz mit den Emotionen anderer Menschen treten. Deshalb wird zu Recht immer wieder von emotionaler Resonanz, von Einfühlung, von Sympathie, von gleicher Wellenlänge u.Ä. gesprochen. Offensichtlich sind diese Begriffe mehr als bloße Metaphern, da sie sich auf das reale Phänomen der emotionalen Resonanzfähigkeit beziehen. Der atmende Körper ist ein Resonanzkörper, der mit den Emotionen anderer Menschen mitschwingen kann und dessen Emotionen andere Menschen in den Bann ziehen, so dass sie sich ihnen nicht entziehen können. Die Gehirnforscher haben beobachtet, dass sich das emotionale Mitfühlen auch in den Nervenzellen des Gehirns abbildet.16 Aber das emotionale Einfühlungsvermögen darf nicht auf die Resonanz von Nervenzellen reduziert werden, da daran immer der ganze Körper beteiligt ist.

An der emotionalen Resonanz ist bemerkenswert, dass sie bereits durch die bloße Wahrnehmung eines Gefühls bei anderen Menschen ausgelöst werden kann. Es genügen oft kleine Signale, die beim anderen wahrgenommen werden, um sich in dessen emotionalen Zustand einzuschwingen. Darauf basiert die menschliche Fähigkeit, sich in andere hinein zu versetzen und mit einem kurzen Blick sofort zu verstehen, wie es um den anderen bestellt ist. Das erklärt auch die tiefe emotionale Wirkung, die Filme oder Bücher ausüben können. Andererseits kann man mit Menschen nicht »warm« werden, die ihre Gefühle nicht zeigen.

Emotionales Verstehen basiert also darauf, dass Emotionen unbewusst nachgeahmt werden, dass man also die Gefühle der anderen in sich selbst aktiviert, sozusagen erklingen lässt. Das bedeutet, dass das emotionale Verstehen ein spontaner vorsprachlicher Prozess ist, der nicht auf das kognitive Denken angewiesen ist. Es können nur die Emotionen anderer Menschen richtig verstanden werden, die man bereits bei sich selbst erfahren hat und deren Bedeutung man deshalb kennt. Beim inneren Nachahmen der Emotionen kann deshalb ihre Bedeutung erfahren werden. Daher ist Lebenserfahrung eine wichtige Voraussetzung für emotionales Verstehen. Allerdings kann das verbale Denken das intuitive emotionale Verstehen auch behindern. Das ist z.B. der Fall, wenn versucht wird, den Mangel an emotionalem Nachvollzug durch Gedanken zu ersetzen.

Aus den bisherigen Überlegungen ergibt sich die Erkenntnis, dass die Emotionen körperliche Bewegungen sind, die eine bestimmte Bedeutung haben. Deshalb verfestigen sie sich regelmäßig zu Gewohnheitsmustern. Da alle Emotionen von vornherein ein Ziel anstreben, folgt daraus, dass die übliche Unterscheidung der menschlichen Emotionen in körperlichen Vollzug und mentale Zwecksetzung eine falsche Auffassung darstellt.

Vermutlich ist die Vielfalt der menschlichen Emotionen dadurch möglich geworden, dass der Atemapparat beim Menschen aufgrund des aufrechten Gangs eine bisher im Tierreich noch nicht da gewesene Gestaltungsfreiheit bekommen hat. Emotionen sind auch bei den höheren Tieren zu beobachten. Aber sie sind auf wenige Ausprägungen beschränkt und sind vor allem nicht wie beim Menschen anpassungsfähig. Der aufrechte Gang hat sicherlich die Beschränkungen im Brustkorb aufgehoben, die bei den Affen entstehen, die ihre Hände für das Laufen verwenden. Der ganze Körper kann beim Menschen leichter am emotionalen Ausdruck beteiligt werden. Wenn man davon ausgeht, dass der Atem untrennbar zu den Emotionen gehört und dass die Emotionen über den Atem im ganzen Körper verankert sind, dann ist es unverständlich, dass dieser Zusammenhang bisher nicht in der Gehirnforschung berücksichtigt worden ist.

Für die Theorie der Gefühle leitet sich diesen Überlegungen ab, dass die Gefühle ihre körperliche Basis in den Emotionen haben. Nur wenn sich im Körper Emotionen bilden, können auch Gefühle erfahren werden. Auch bei sehr subtilen Gefühle muss angenommen werden, dass ihnen körperliche Veränderungen im Atemsystem und den übrigen physiologischen Parametern entsprechen, auch wenn diese nicht wahrgenommen werden können und mit den heute verfügbaren Methoden nicht messbar sind. Die Emotionen sind im menschlichen Selbstverständnis von zentraler Bedeutung, weil sie in jedem Moment zu erkennen geben, ob man sich wohlfühlt und wie man sich selbst und andere Menschen bewertet.

Die Gefühle lassen sich demnach damit definieren, dass sie in körperlichen Befindlichkeiten wurzeln.17 Aber sie sind immer auch mit kognitiven Elementen verbunden, da sie eine bestimmte Zielrichtung und subjektive Bedeutung haben. Die vorgeschlagene Definition macht deutlich, dass die Emotionen eine Angelegenheit des ganzen Körpers sind. Im Zusammenhang mit dem Lernen der Emotionen wird oft davon gesprochen, dass sie verleiblicht oder verkörpert werden. Obwohl damit auf konkrete körperliche Prozesse Bezug genommen wird, wird die Verkörperung meistens als ein Akt der mentalen Verinnerlichung gesehen. Aus der bisherigen Analyse geht hervor, dass die Emotionen nur richtig verstanden werden, wenn sie als spezifische körperliche Bewegungsmuster mit einer bestimmten Bedeutung begriffen werden.

Aus diesen Überlegungen folgt, dass die übliche Argumentation, dass die Emotionen dieses oder jenes bewirken oder dass man seine Emotionen beachten oder kontrollieren soll, auf einem Fehlverständnis der Emotionen basiert. Da die Emotionen bloß Begleiterscheinungen bei der Vorbereitung und Ausführungen von Bewegungen sind, können sie nicht als kausal wirksame Faktoren verstanden werden. Auch die verbreitete Ansicht, dass die Emotionen aus den Rückmeldungen von Veränderungen der mimischen Gesichtsmuskulatur und der inneren Organe (Bauch, Herz) die Gefühle prägen, erweist sich als falsch.18 Offensichtlich ist man bisher bei den Emotionen der menschlichen Neigung gefolgt, sie als eine eigenständige innere Kraft zu behandeln und damit gleichsam zu personalisieren.

3.1.2. Funktion der Gefühle

»Gewohnheiten sind die Fingerabdrücke des Charakters.« (Alfred Polgar)

Unter den Emotionsforschern ist unbestritten, dass die Art der Gefühle damit zusammenhängt, dass alle Dinge und Menschen in der Umwelt daraufhin bewertet werden, ob sie für das eigene Leben nützlich oder schädlich sind. So tritt Furcht auf, wenn eine Bedrohung wahrgenommen und der Flucht- oder Kampfreflex ausgelöst wird. Freude stellt sich ein, wenn eine Handlung erfolgreich war, und Wut wird gespürt, wenn alle Kräfte aktiviert werden, um einen Widerstand bei der Befolgung der persönlichen Bedürfnisse zu bekämpfen. Alles, was einem widerfährt, wird so automatisch im Hinblick daraufhin bewertet, ob es für das Wohlbefinden nützlich oder schädlich ist. Da man ständig in Reaktion auf die Wahrnehmungen des eigenen Körpers und der Außenwelt handelt, ist das Bewerten ein Dauerthema. Dementsprechend befindet man sich in jedem Moment in einem bestimmten emotionalen Zustand. An den Gefühlen wird dem Einzelnen bewusst, wie er das Verhalten anderer Menschen und seine eigenen Handlungen bewertet. Man könnte auch sagen, dass die Gefühle die Qualität der eigenen Bewegungen markieren und sozusagen das Klima bestimmen, in dem die Bewegungen ablaufen.

In der Literatur besteht wenig Einigkeit bei der Frage, ob die Gefühle selbst die Bewertung vornehmen oder ob sie nur ein Ausdruck bzw. eine Folgeerscheinung der Bewertung sind. Für die erste Vermutung spricht, dass jede Bewertung untrennbar mit Gefühlen verbunden ist. Die Forschungsergebnisse der Biologie aber sprechen mehr für die zweite These, nämlich dass die Gefühle nur eine Begleiterscheinung der Bewertung sind. Die Biologie hat gezeigt, dass bereits bei den primitivsten Lebewesen alle Erfahrungen daraufhin bewertet werden, ob sie nützlich oder schädlich sind. Dinge und Lebewesen werden positiv bewertet, wenn sie für das eigene Überleben als nützlich erscheinen, und negativ bewertet, wenn sie schädlich sind. Was positiv bewertet wird, wird künftig angestrebt, was negativ bewertet wird, vermieden. Anders könnte kein Lebewesen überleben, und es wäre auch nicht zu verstehen, dass Babys von Anfang an zu zielgerichteter Kommunikation mit ihren Bezugspersonen fähig sind, noch bevor sie begrifflich zu denken imstande sind. Die Bewertung ist offensichtlich eine fundamentale biologische Funktion, die bereits lange vor der Entstehung der menschlichen Gefühle und des menschlichen Denkens wirksam war.

Dass die Bewertung eine eigenständige Funktion ist, geht auch daraus hervor, dass die eigenen Gefühle genauso wie die äußeren Wahrnehmungen bewertet werden. Wenn man sich ständig ärgert oder das Gefühl hat, von den anderen Menschen nicht ernst genommen zu werden, dann werden solche Gefühle von der inneren Bewertung als negativ abgelehnt. Denn auch die Gefühle werden wie die Wahrnehmungen als Signale verstanden, die für die Organisation des eigenen Lebens wichtig sind. Wenn man sich genau beobachtet, ist nicht zu übersehen, dass bei vielen Wahrnehmungen bereits im ersten Moment eine Bewertung da ist, so dass man zweifeln könnte, ob es überhaupt einen bewussten Denkprozess gegeben hat, der zu der Bewertung geführt hat. Dies ist bei Wahrnehmungen der Fall, die Angst auslösen, aber auch bei Wahrnehmungen, die mit dem Gefühl der Freude oder Begeisterung verbunden sind.

Die meisten Bewertungen formieren sich im zwischenmenschlichen Kontakt. Sie sind eine direkte oder indirekte Reaktion auf Erfahrungen, die im Kontakt mit der Umwelt gemacht wurden. Es liegt aber nicht im Entscheidungsbereich des Einzelnen, mit welchen Bewertungen er auf aktuelle Erfahrungen reagiert, sondern dies ergibt sich zwangsläufig aus der aktuellen Situation und der eigenen persönlichen Vorgeschichte. Wer z.B. häufig gedemütigt wurde, wird auf Demütigungen mit großer Wahrscheinlichkeit mit Rückzug reagieren. Wer dagegen viel Liebe und Zuwendung erfahren hat, wird einer aktuellen Demütigung heftigen Widerstand entgegensetzen. Wer früher die Erfahrung gemacht hat, dass er sich nicht gegen die Einschränkung seiner Bedürfnisse wehren konnte, wird auf eine erneute Behinderung bei der Umsetzung seines Willens nicht wütend, sondern ärgerlich reagieren. Insofern legen auch die Erinnerungen fest, wie auf eine Situation reagiert wird.

Alle Bewertungen gehen in das Erfahrungswissen des Gedächtnisses ein, das in ähnlichen Situationen hilft, schnell und sicher zu handeln. Sie führen zu Verhaltensgewohnheiten und sind so die zentrale Voraussetzung der Handlungsfähigkeit. Das Gedächtnis reichert sich im Laufe des Lebens mit einer Fülle von Erfahrungen an. Die Bewertungen werden im Verlauf des Lebens immer differenzierter. Das hängt damit zusammen, dass in jede Bewertung das ganze gesammelte Erfahrungswissen mit einfließt. Dadurch wird das Unterscheidungsvermögen immer größer. Die Bewertungen können sich auf immer speziellere Aspekte der Realität beziehen.

Die Gehirnforschung hat nachgewiesen, dass die Bewertungen spontan von physiologischen Strukturen vorgenommen werden, die völlig unbewusst arbeiten. Sie geht davon aus, dass sich die Bewertungen aus dem Dialog vieler Teilsysteme des Gehirns ergeben. Sie werden in der Amygdala (dem Mandelkern im limbischen System) vorgenommen und dann an den präfrontalen Cortex (Stirnlappen) geschickt, wo sie mit früheren Erfahrungen abgeglichen werden. Diese Schleife zwischen verschiedenen Gehirnsystemen wird wahrscheinlich mehrmals durchlaufen, bis die Bewertung ihre endgültige Form erhält.19 Die Amygdala zeichnet sich dadurch aus, dass sie völlig unbewusst arbeitet. Die meisten Bewertungen werden deshalb gar nicht im Bewusstsein registriert.20 Da der Bewertungsprozess nach Kriterien entscheidet, die sich einerseits aus der Natur des menschlichen Körpers und andererseits aus den gesammelten Erfahrungen ergeben, hat die Gehirnforschung die traditionelle Vorstellung, dass die Bewertung von einem geistigen Bewertungszentrum vorgenommen wird, infrage gestellt.

Da der menschliche Organismus fortlaufend alles bewertet, was ihm widerfährt und er die Tendenz hat, das positiv Bewertete anzustreben und das negativ Bewertete zu vermeiden und dementsprechend eine körperliche Aktivierung ausgelöst wird, die beim Menschen mit vielfältigen Emotionen verbunden ist, befindet er sich in jedem Moment in einem bestimmten gefühlsmäßigen Zustand, auch wenn er sich dessen meistens nicht bewusst ist. Es trifft nicht zu, dass die Gefühle nur auftreten, wenn man aufgrund von Erfahrungen aus dem Ruhezustand geraten ist, wie häufig behauptet wird. Es gibt keinen Ruhezustand. Selbst im Zustand der Meditation reagiert der Körper mit wechselnden Gefühlen auf die Körpererfahrungen. Es ist auffällig, dass die Bewertungen immer den doppelten Aspekt haben, sich sowohl als Gefühle als auch als Gedanken zu artikulieren. Das hängt damit zusammen, dass die Gefühle im Zusammenhang mit konkreten Erfahrungen gelernt werden, so dass Gefühle immer mehr oder weniger mit Gedanken verbunden sind (siehe Kapitel Fehler: Referenz nicht gefunden.). Das bedeutet, dass die Bewertungen, die am Anfang des Lebens einen irrationalen und unpersönlichen Charakter haben, im Laufe des Lebens immer persönlicher werden, da sie die gesammelten persönlichen Erfahrungen in sich aufnehmen.

Wenn die Gefühle im Zusammenhang mit der Bewertung der Außenwelt stehen, aber die Bewertungen sich nach dem einfachen polaren Muster von nützlich und schädlich, gut oder schlecht richten, ist zu fragen, wie es zu der großen Vielfalt der Gefühle kommt. Bewertungen unterscheiden sich grundsätzlich darin, ob sie eine Bewegung hin zu einem Gegenstand bzw. Menschen veranlassen, weil er als nützlich bewertet wird, oder ob sie eine Bewegung weg von einem Gegenstand bzw. Menschen anstoßen, weil er als schädlich eingeschätzt wird. Es ist auffällig, das die Bewertungen identisch mit den grundsätzlichen Bewegungsrichtungen des »Hin zu« (auf die Welt zu) oder des »Weg von« (von der Welt weg) sind. Gefühlsmäßige Unterschiede kommen offensichtlich dadurch zustande, dass die Hin- bzw. Wegbewegung in unterschiedlicher Intensität ausgeführt wird. Begeisterung und Verliebtheit sind heftige, unverzögerte Hinbewegungen. Wut ist als eine kraftvolle Hinbewegung zu betrachten, die mit Widerstand rechnet und deshalb ständig überprüft, ob die Art ihrer Ausführung noch zielführend ist. Demgegenüber ist Ärger eine Hinbewegung, die nicht mit einem Erfolg rechnet, zögerlich ist und sich selbst unterbricht. Resignation ist eine Hinbewegung, die bereits im Ansatz sofort unterbrochen wird. Zu den Wegbewegungen gehören Furcht und Angst, aber auch Trauer. Denn bei der Trauer wird eine gewohnheitsmäßige Hinbewegung dadurch aufgelöst, dass man sich kreisförmig zu dem geliebten Menschen oder Gegenstand hinbewegt und erfährt, dass diese Hinbewegung nicht mehr sinnvoll ist, um zuletzt zu sich selbst zurückzukehren. Die Gefühle können also danach unterschieden werden, ob sie eine Hin- oder eine Wegbewegung einleiten, und ob die Bewegung uneingeschränkt oder verzögert, gewohnheitsmäßig oder mit Selbstreflexion ausgeführt wird.

Ohne Zweifel basieren die Gefühle auf angeborenen Reaktionsmustern, aber sie müssen trotzdem in einem langen Entwicklungsprozess erlernt werden. Denn die sozio-kulturelle Umwelt legt fest, welche Erfahrungen überhaupt zu machen sind, welche Bewertungen getroffen und wie sie ausgedrückt werden sollen. So werden die Verbindungen der Gefühle mit positiven und negativen Bewertungen in einem langen Lernprozess aufgebaut. Es reichert sich so im Laufe des Lebens eine Fülle an Wissen darüber an, was nützlich und was schädlich ist.

In der Regel wird zwischen den Gefühlen und der Motivation für eine Handlung ein Unterschied gemacht, wobei die Motivation als eine eigenständige Kraft verstanden wird. Früher wurde die Motivation aus den Trieben abgeleitet. Dieses Konzept ist von der Neurologie zu Recht aufgegeben worden, da es nicht in der Lage ist, die Vielgestaltigkeit der Handlungen befriedigend zu erklären. Bis heute ist es nicht gelungen nachzuweisen, von welchen Faktoren die Motivation abhängig ist. Wenn man aber davon ausgeht, dass ständig Bewertungen vorgenommen werden, dann kann angenommen werden, dass sich die Ziele direkt daraus ergeben. Im Grunde werden mit den Bewertungen zugleich die Ziele des Handelns festgelegt. Was als gut und nützlich bewertet wird, wird auch angestrebt, und was als schädlich bewertet wird, wird vermieden. Bemerkenswerterweise werden die Handlungen von dem gleichen Zentrum (Amygdala) freigeschaltet, das auch die Bewertungen vornimmt.21

Die Bewertungen schlagen sich in Gewohnheitsmustern nieder, die festlegen, wie man in bestimmten Situationen und insbesondere auf Gefühle anderer Menschen reagiert. Deshalb kann man an den Gewohnheiten ablesen, welche Bewertungen dahinter stehen. In neuen Situationen werden Gewohnheiten automatisch eingesetzt, die in ähnlichen Situationen gelernt worden sind. So kann man z.B. an sich selbst beobachten, dass man gegenüber Kritik oder gegenüber Autoritätspersonen auf eine ganz bestimmte persönliche Weise reagiert oder dass man versucht, bestimmte Situationen zu vermeiden. Die Gesamtheit aller Gewohnheitsmuster macht den Charakter eines Menschen aus. Da die Emotionen mit ihren Bewertungsmustern das Rückgrat für den Umgang mit der Welt und anderen Menschen bilden, sind sie so widerstandsfähig gegenüber Veränderungen.

Eine Besonderheit der emotionalen Gewohnheiten besteht darin, dass sie sich immer wieder selbst bestätigen. Während die motorischen Gewohnheiten ständig an der Realität geprüft werden, besitzen die emotionalen Gewohnheiten diese Realitätskontrolle nicht. Das liegt daran, dass sie festlegen, wie die Realität wahrgenommen wird. Dementsprechend werden alle Gewohnheiten emotional eingefärbt. So werden z.B. pessimistische Menschen ständig nur solche Erfahrungen machen, die ihre pessimistische Weltsicht bestätigen. Insofern können emotionale Gewohnheiten kaum scheitern. An dieser Besonderheit der emotionalen Gewohnheiten, sich selbst zu bestätigen, liegt es auch, dass sie meist nicht als Gewohnheit wahrgenommen werden.

Wenn mit Angst verbundene Gewohnheiten scheitern, greift der Organismus auf das bewährte Rezept zurück, noch mehr in Rückzug, Vermeidung oder Ärger zu gehen. Man muss schon sehr starke Erfahrungen machen, bis man darauf gestoßen wird, dass die eigenen emotionalen Gewohnheiten dysfunktional sind. Im Gegensatz dazu sind von Liebe getragene Gewohnheiten sehr empfindlich für das Scheitern und setzen alles in Bewegung, um die Bedingungen für ein harmonisches Zusammenleben wiederherzustellen.

Offensichtlich hat der organismische Bewertungsprozess die Aufgabe, die Beziehung zur Umwelt zu strukturieren. Wie dargestellt, ist der Bewertungsprozess bereits bei einfachsten Lebewesen zu beobachten. Bei den Tieren wird die organismische Bewertung als Instinkt bezeichnet. Dies liegt die Vermutung nahe, dass die Bewertungsprozesse beim Menschen eine Fortentwicklung der tierischen Instinkte darstellen. Während bei den Tieren die Bewertungsmuster als angeboren gelten, zeichnen sich die Menschen dadurch aus, dass ihre Bewertungsmuster gelernt werden und durch Erfahrungen veränderbar sind. Offensichtlich leisten die Bewertungen bei den Menschen genau das, was bei einfachen Tieren die Instinkte und Reflexe tun, nämlich das Überleben des Organismus mit automatischen Reaktionen zu sichern. Emotionale Gewohnheiten können dies leisten, weil sie im Grunde festgeschriebene Bewertungen sind. Die organismischen Bewertungen kompensieren so gesehen die mangelnde Instinktausstattung der Menschen.22

3.1.3. Emotionen als Handlungsprogramme

»Das Gefühl findet, der Scharfsinn weiß die Gründe.« (Jean Paul)

Zu Recht beschreibt der Körpertherapeut George Downing die Gefühle als affekt-motorische Schemata, weil sie eine Einheit von motorischen Prozessen und affektiven Bewertungen darstellen. 23 Sie bestimmen, wie sich der Einzelne auf die Welt zu bewegt und wie er Erfahrungen verarbeitet. Beim Kleinkind haben sie den Charakter von motorischen Überzeugungen, weil die mentalen Bestandteile der erlernten Bewegungsmuster noch nicht vorhanden sind, aber die Bewertungsmuster gleichwohl die Interaktion mit der Umwelt qualitativ prägen. George Downing behauptet, »dass die Überreste dieser frühen motorischen Überzeugungen später das Verhalten und die Bewusstheit des Erwachsenen beeinflussen.« 24 An diesem Ansatz ist bemerkenswert, dass die Überzeugungen, die normalerweise als mentale Sätze verstanden werden, primär aus Bewegungsmustern bestehen. Da Emotionen komplexe Bündel von motorischen Abläufen, Gefühlen, Zielen und Bewertungen sind und sich zu Gewohnheiten verfestigen, können sie einer Handlung Orientierung geben. Emotionen sind bei genauer Betrachtung also nicht bloß Gefühle, die eine Handlung einfärben, sondern Handlungsprogramme. Zu Recht wird gesagt, dass man sich beim Handeln von seinen Gefühlen leiten lassen soll.

Diese Zusammenhänge machen verständlich, warum viele Denker behauptet haben, dass die Gefühle ein rationales Element haben. So kommt Robert Solomon in seiner Analyse der Gefühle zu dem Ergebnis: »Gefühle sind Urteile« und »Denken ist transparent gemachtes Fühlen25 Sehr berühmt ist auch der Spruch von Blaise Pascal: »Das Herz hat Gründe, von denen die Vernunft nichts weiß In populärwissenschaftlichen Beiträgen findet man immer häufiger die Behauptung, dass der Bauch oft klüger ist, als man denkt.

Meistens wird der kognitive Gehalt der Gefühle damit erklärt, dass beim Lernen der Gefühle eine kulturell abhängige Verknüpfung zwischen einem emotionalen Bewegungsmuster, wie das Gefühl ausgedrückt werden soll, und einer bestimmten Vorstellung über die Bedeutung der Emotion vorgenommen wird. So muss z.B. das kleine Kind lernen, dass es seine Wut nicht durch Schlagen, sondern durch Worte ausdrücken soll, wobei auch bestimmte Schimpfwörter tabu sein sollen. Das bedeutet, dass das angeborene Wutreaktionsmuster in ein differenziertes Bewegungsmuster, das sich aus Kombination von grob- und feinmotorischen Bewegungen der Sprachorgane zusammensetzt, umgeprägt werden muss. Diese neue Bewegungsabfolge kann jederzeit in der Vorstellungskraft vor das »geistige Auge« geholt werden. Aus den bisherigen Überlegungen folgt, dass der eigentliche Grund für den rationalen Gehalt der Gefühle darin liegt, dass sie direkt mit organismischen Bewertungen verbunden sind, ob ein wahrgenommenes Objekt nützlich oder schädlich für das eigene Leben ist.

Da Emotionen nichts anderes als spezifische Bewegungen sind, besitzen sie auch die Fähigkeit der motorischen Selbstreflexivität. Wie bei jeder normalen Bewegung wird auch bei den emotionalen Bewegungen ständig mit der Rückmeldung aller muskulären Veränderungen an das Gehirn geprüft, ob die mit ihnen verfolgte Absicht erreicht worden ist. Man kann deshalb von emotionaler Selbstreflexivität sprechen. Die emotionale Selbstreflexivität besteht also darin, dass die Emotionen ständig überprüft werden, ob ihre Ziele noch bedürfnisgerecht sind und ob sie mit angemessenem Aufwand erreichbar sind. Unter Umständen werden unbewusste Prozesse angestoßen, die eine Korrektur des Verhaltens herbeiführen. Wenn sie aber nicht aus eigener Kraft zum Ziel führen, setzt das bewusste Denken ein, um auf diesem Wege nach einer Lösung des Problems zu suchen.

Mit diesen Überlegungen gelangt man zu einer von der traditionellen Sichtweise der Gefühle abweichenden Position. Die Emotionen lenken weder das Handeln, noch sind in ihren körperlichen Signalen inhaltliche Botschaften enthalten. Emotionen sind bloß ein Aspekt der organismischen Bewertungen. Sie sind die physiologischen Begleiterscheinungen des initiierten Aktionsbereitschaftspotentials. Gefühle müssen deshalb als Reflexe auf die damit verbundenen Erfahrungen verstanden werden. Wenn von der Orientierungsfunktion der Emotionen oder Gefühle die Rede ist, dann ist das also so zu verstehen, dass damit auf die erlernten Gewohnheiten verwiesen wird, die immer mit einem bestimmten emotionalen Ausdruck und gefühlsmäßigem Erleben einhergehen. Eine gestörte emotionale Selbstreflexivität bedeutet demnach, dass für die aktuelle Situation keine sicheren Gewohnheiten zur Verfügung stehen. Dann fehlt das Vertrauen in die eigenen Gefühle. Denn die Fähigkeit, die eigenen Gefühle zu regulieren, besteht darin, dass man Bewegungsmuster besitzt, mit denen die Emotionen sozial angemessen ausgedrückt werden können.

3.2. Verletzte Emotionen

»Die Vernunft formt den Menschen, das Gefühl leitet ihn.« (J. J. Rousseau)

Was oben für die motorischen Gewohnheiten dargestellt wurde, dass sie sich spontan bilden, gilt auch für die emotionalen Gewohnheiten. Bei den emotionalen Gewohnheiten kann nicht übersehen werden, dass sie ein Werk der organismischen Selbstorganisation sind. Die Psychotherapie hat deutlich gemacht, wie stark das soziale Umfeld, in dem man aufwächst, die Entwicklung der emotionalen Gewohnheiten prägt. Die emotionalen Gewohnheiten werden so sehr Teil der Persönlichkeit, dass an den emotionalen Reaktionsgewohnheiten gar nicht mehr ihre Gewohnheitsmäßigkeit wahrgenommen wird.

Im Folgenden geht es vorrangig darum, die Rolle der emotionalen Verletzungen für die Entwicklung von emotionalen Gewohnheiten deutlich zu machen. Im Gegensatz zu körperlichen Verletzungen gehen emotionale Verletzungen mit Ausnahme von starken traumatischen Erfahrungen bei Katastrophen, Unfällen, Krankheiten u.Ä. nicht auf einmalige Angriffe zurück, sondern entstehen, wenn man sich längere Zeit in einer sozialen Situation befindet, mit dem man nicht fertig wird. Wenn ein kleines Kind tagtäglich erfährt, wie sich seine Eltern streiten, schlagen oder abwerten oder wie es für sein Verhalten kritisiert oder gedemütigt wird, muss es Verhaltensmuster suchen, um die Angst, dass es von den Eltern oder einem Elternteil verlassen oder bestraft wird, weniger spüren zu müssen. Diese Verhaltensweisen werden in der Psychoanalyse als Abwehrmechanismen bezeichnet. Dieser Ausdruck macht klar, dass die Verhaltensmuster ihre Aufgabe auf die Weise erfüllen, dass sie als Gewohnheiten mechanisch und gleichsam reflexhaft ablaufen.

Es ist merkwürdig, dass in der langen Geschichte der Seelentheorien selten danach gefragt worden ist, was emotionale Verletzungen für die Entwicklung des Menschen bedeuten und wie sie verarbeitet werden. Erst die Psychoanalyse hat auf die überragende Bedeutung der seelischen Verletzungen für die Persönlichkeitsentwicklung aufmerksam gemacht. Sie hat festgestellt, wie stark die Struktur des geistig-gefühlsmäßigen Innenlebens dadurch geprägt wird. Die Traumaforschung der Gegenwart hat für die komplexen körperlichen und emotionalen Wirkungen von seelischen Verletzungen eine nachvollziehbare Theorie entwickelt, wobei allerdings die Rolle der Gefühle ungeklärt geblieben ist.26

3.2.1. Basisemotionen

»Liebe ist das Einzige, was wächst, wenn wir es verschwenden.« (Ricarda Huch)

Wie ich in »Atem und Glück«27 dargestellt habe, gibt es nach wissenschaftlicher Auffassung relativ wenig angeborene Emotionen. Es konnte bisher noch kein Konsens darüber hergestellt werden, welche Gefühle dazu gehören. Auf jeden Fall scheinen es Freude, Furcht, Trauer und Wut zu sein. Nach meiner Auffassung gehören dazu auch die Liebe und das Schuldgefühl. Ekel und Überraschung zähle ich nicht zu den Basisemotionen. Überhaupt ist es erstaunlich, dass in der Literatur jeder Autor sein eigenes Klassifikationssystem der Emotionen hat. Das spricht dafür, dass es bisher noch nicht gelungen ist, eine Theorie der Emotionen zu finden, die ihre vielfältigen Aspekte vollständig integriert.

In der Literatur werden die wenigen Gefühle, die als angeboren betrachtet werden, von einigen Autoren als Basisemotionen bezeichnet, um sie von den individuell erworbenen, meist als sekundär bezeichneten Emotionen zu unterscheiden.28 Die von vielen Emotionsforschern akzeptierte Unterscheidung zwischen Basisemotionen und sekundären Gefühlen trifft insofern etwas Richtiges, als sie ausdrückt, dass es Gefühle gibt, die sehr stark von der Umwelt geprägt werden. Nur so lässt sich erklären, warum manche Menschen sehr starke Neidgefühle entwickeln, während andere solche Gefühle gar nicht kennen. Bei den sekundären Emotionen wird angenommen, dass sie aus einer Mischung von Basisemotionen entstehen. So wird behauptet, dass das Schuldgefühl aus Freude und Furcht oder dass die Dankbarkeit aus Zärtlichkeit und Unterwürfigkeit zusammengesetzt seien. Diese Theorie erscheint mir als konstruiert und wenig nachvollziehbar. In den folgenden Überlegungen wird eine alternative Erklärung der sekundären Gefühle entwickelt. Sie geht davon aus, dass die sekundären Gefühle aus der Verarbeitung von emotionalen Verletzungen resultieren.

Auch wenn die Basisemotionen angeboren sind, muss ihre konkrete Ausdrucksweise im Kontakt mit anderen Menschen gelernt werden. Das kleine Kind beobachtet sehr genau, wie seine Bezugspersonen ihre Gefühle ausdrücken. Wenn die Gefühle des Kindes von den Bezugspersonen bejaht und in Worten und Gebärden gespiegelt werden, erfährt das Kind, dass seine Gefühle richtig sind. Es wird allmählich seine Gefühle in Besitz nehmen und sich von ihnen lenken lassen. Es wird die Fähigkeit entwickeln, nein zu sagen und sich von anderen Menschen abgrenzen zu können.

Die Funktion der Basisemotionen besteht darin, Kontakt zu anderen Menschen zu schaffen und bei Störungen wiederherzustellen. Für den Kontakt zu anderen Menschen sorgt die Liebe. Freude zeigt an, dass der Kontakt gelungen ist. Mit Wut soll ein gestörter Kontakt wiederhergestellt werden. Die Trauer verarbeitet einen Kontaktverlust. Die Furcht warnt vor einer möglichen Störung des Kontakts. Das Schuldgefühl zeigt an, dass man andere Menschen verletzt hat oder sich mit dem eigenen Handeln selbst schadet.

Die Basisemotionen stellen nicht nur ein Interesse an harmonischen Beziehungen zu anderen Menschen und zur Umwelt her, sondern lassen eine wachsende Sorge um den Körper entstehen, die sich in dessen sorgfältiger Pflege, in der Wachsamkeit gegenüber Symptomen beeinträchtigter Funktionalität und in der Entfaltung der motorischen und sensorischen Fähigkeiten des Körpers äußert. Diese Sorge hat nichts Ängstliches an sich, sondern ist Ausdruck der Erfahrung, dass der Körper einerseits eine Quelle beglückender Erfahrungen ist, aber andererseits auch ein Eigenrecht hat, das es zu wahren gilt, um sich vor größerem Leiden zu schützen. Die Sorge leitet sich wohl von der Furcht ab, aber es ist eine mit Erfahrungen gesättigte Furcht, was für das eigene Wohlergehen gut und vernünftig ist. Man kann also davon ausgehen, dass das Verhältnis zum eigenen Körper positiv und bejahend ist, wenn das Gefühlsleben von Basisemotionen geprägt wird. Man identifiziert sich mit dem eigenen Körper, weil seine Bewertungen für die eigene Selbsterhaltung wertvoll sind.

Vermutlich werden Handlungen persönlich als sinnvoll erlebt, wenn sie von den Basisemotionen getragen sind. Bewegungen, die mit den Gefühlen der Freude, Begeisterung, Neugier u.Ä. verbunden sind, werden als leicht und lustvoll erlebt. Handlungen, die aus den eigenen Basisemotionen fließen, werden als frei erlebt, auch wenn sie sich spontan einstellen. Das gilt auch, wenn die Bewegungen völlig gewohnheitsmäßig ablaufen, weil sie als identisch mit den persönlichen Zielen erlebt werden. Hingegen erscheinen Bewegungen, die in Anpassung an als fremd erlebte Anforderungen durchgeführt werden, als anstrengend und mühevoll. Langeweile macht sich breit, wenn in Anpassung an Erwartungen anderer Menschen unbewusst alle Emotionen blockiert werden und es deshalb zu keinen Bewegungen hin zu anderen Menschen kommt. Man distanziert sich innerlich von seinen Bewegungen. Es kann sogar passieren, dass man sich als Sklave der eigenen gewohnheitsmäßigen Bewegungen erlebt.

Auf der Grundlage der Basisemotionen kann sich die Fähigkeit entwickeln, seine eigenen Gefühle zu reflektieren. Da man sich seiner Gefühle bewusst ist, ist die Möglichkeit gegeben, dass man u.U. über sie reflektieren kann. Das kann z.B. geschehen, wenn gespürt wird, dass emotionale Gewohnheitsmuster ablaufen, die nicht ganz zur Situation passen oder wenn die eigenen Gefühle unabsichtlich andere Menschen verletzen. Dann können die eigenen emotionale Gewohnheiten ins Bewusstsein treten. Wie bei den grobmotorischen Bewegungen wird festgestellt, dass die emotionalen Bewegungen nicht mit dem angestrebten Ziel abgestimmt sind und eine Korrektur angezeigt ist. Das Bewusstsein der Fehlangepasstheit der eigenen emotionalen Gewohnheiten ist der erste Schritt zu ihrer Veränderung.

Sobald jedoch größere Angst ins Spiel kommt, hat die Selbstbesinnung wenig Chancen. Die Angst schränkt die Chance ein, dass gespürt wird, ob eine unangemessene emotionale Gewohnheit abläuft. Das hängt damit zusammen, dass die Angst den Ausatem einschränkt. Der zugelassene Ausatem ist offensichtlich physiologisch der Raum, in dem man seine Gefühle bewusst wahrnehmen kann, weil sich hier der Körper kurzfristig entspannt.

3.2.2. Ersatzemotionen

»Wer es gelernt hat, sich von der Herrschaft des Ärgers zu befreien, wird das Leben viel lebenswerter finden, als es ihm schien, solange er in beständiger Gereiztheit einherging.« (Bertrand Russell)

"Die Gewohnheit ist so mächtig, dass sie uns selbst aus dem Bösen ein Bedürfnis macht." (Théodore Jouffroy)

Die Erfahrung zeigt immer wieder, dass bestimmte Gefühle dominant werden, wenn Basisemotionen von der Umwelt abgelehnt und nicht uneingeschränkt ausgedrückt werden können. So entwickeln sich Neidgefühle, wenn man weniger Liebe als die Geschwister erfährt, Hass, wenn man betrogen wird, Resignation, wenn man den Glauben aufgibt, jemals wieder Liebe zu finden, oder Ärger, wenn man wiederholt ungerecht behandelt wird. Hass, Neid, Ärger, Ressentiment, Resignation, Stolz, Egoismus u.Ä. sind also nicht angeboren, sondern bilden sich erst, wenn die Basisemotionen wiederholt stark verletzt werden. Die Ersatzgefühle sollen helfen, mit dem erlittenen Mangel an Liebe und dem Übermaß an Angst fertig zu werden. Wenn z.B. Wut nicht als eine produktive Kraft der Konfliktbewältigung entwickelt werden kann, weil sie nicht ausgelebt werden darf, wird daraus Aggression, Gewalt oder Ressentiment. Man hält sich damit andere Menschen »vom Leib«, um die Gefahr zu vermeiden, dass man erneut verletzt wird. Wer andere Menschen ständig kritisiert und angreift, ihnen Vorwürfe macht oder in ihren Äußerungen Beleidigungen wittert, ist im Grunde unbewusst bestrebt, sich vor ihnen zu schützen (vgl. Tabelle 1). Das bedeutet, dass die Ersatzgefühle nicht von Natur aus vorhanden sind, sondern sich erst unter dem Einfluss der Umwelt entwickeln.

Die so genannten selbstreflexiven Emotionen wie Demütigung, Stolz und Scham gehören zu den Ersatzgefühlen, weil sie die Funktion haben, Angst abzuwehren. Obwohl sie sich scheinbar nur auf die eigene Person beziehen und deshalb als selbstreflexiv bezeichnet werden, sind sie auch aus emotionalen Verletzungen entstanden. So stellt der Stolz einen Versuch dar, das gekränkte Selbstwertgefühl durch stolze Gesten vor sich selbst zu verbergen.


Basisemotionen

Ersatzgefühle

Grundformen

Varianten

Freude

(Kraft)

Dankbarkeit, Hoffnung

Mut, Selbstvertrauen

Lächeln, Lachen

Fröhlichkeit

übertriebene Höflichkeit

Schüchternheit

Übermut

mangelndes Selbstvertrauen

Liebe

(Hinwendung,

Kontakt)

Neugierde, Begeisterung, Bewunderung, Hilfe, Treue

Verliebtheit, Zärtlichkeit

Gerechtigkeit

Achtung, Respekt

Hass, Eifersucht

Langeweile

Egoismus, Neid

Co-Abhängigkeit

Wut

(Abwehr von

Verletzungen)

Zorn

Empörung

Ärger, Feindseligkeit

Verachtung, Trotz

Groll, Gewalt/ Aggressivität

Ehrgeiz, Spott/ Hohn

Unterwerfung, Widerwille

Furcht

(Signal für

Bedrohung)


Angst, Eifersucht

Heuchelei, Abwertung, Geringschätzung

Grübeln, Ungeduld, Unruhe

Schuld

(Bewusstsein

für Folgen, Ausgleich)

Pflichtgefühl

Reue, Scham

Verantwortung

Vergebung

Schadenfreude

Rache, Vergeltung

Selbstbestrafung

Verwöhnung

Rücksichtslosigkeit

Trauer

(Verluste ver-

arbeiten)

Enttäuschung, Kummer

Mitleid

Sehnsucht, Heimweh

Neid, Hilflosigkeit

Resignation, Verzweiflung

Selbstmitleid, Unzufriedenheit

Tabelle 1: Basisemotionen und Ersatzgefühle

Mit der Zeit werden aus solchen Reaktionsmustern stabile Gewohnheiten, unter denen man meistens leidet, weil sie die Herstellung eines guten Kontakts mit anderen Menschen behindern. Sie können nicht ohne weiteres in die ursprüngliche Basisemotion zurückgeführt werden, da ihnen die tiefe Einsicht zugrunde liegt, dass sie für die eigene Selbsterhaltung nützlich sind. Sie sind ein Ersatz für die Basisemotionen, die nicht gelebt werden können. Ich bezeichne sie als Ersatzgefühle29, da sie eindeutig einen kompensatorischen Charakter haben. Sie unterscheiden sich von den Basisemotionen vor allem in dem Punkt, dass sie den Kontakt vermeiden, während die Basisemotionen darauf gerichtet sind, Kontakt herzustellen.

Es wäre demnach falsch anzunehmen, dass sich alle Emotionen bzw. Gefühle aus den Basisemotionen zusammensetzen, ähnlich wie die Farben, die aus der Mischung von drei Primärfarben entstehen. Es wird dabei vernachlässigt, dass die Emotionen, die den Ersatzgefühlen zuzurechnen sind, erst unter dem Einfluss von emotionaler Zurückhaltung entstehen. Man kann insofern allenfalls von einer Mischung sprechen, als alle Ersatzgefühle mit Angst vermischt sind. Wenn gesagt wird, dass »ichschwache« Menschen von ihren Gefühlen überschwemmt werden, dann bedeutet dies, dass sie von Ängsten überflutet werden. Wenn Ersatzgefühle die Oberhand haben, fehlt zwangsläufig die Fähigkeit, sich von anderen Menschen abzugrenzen. Denn die Angst führt dazu, dass man sich mehr an den Emotionen anderer Menschen orientiert als an den eigenen Gefühlen.

Unter dem Einfluss der Ersatzgefühle verändert sich der gesamte emotionale Haushalt. Während bei Menschen, die von Basisemotionen geleitet werden, die Liebe dominant ist, herrscht bei Menschen mit Ersatzgefühlen die Angst vor. Denn alle Ersatzgefühle sind unter dem Einfluss von Angst entstanden und enthalten deshalb einen unterschiedlichen Angstanteil. Die Angst färbt so alle emotionalen Ersatzgefühle ein. Die Angst kann unterschiedlich starke Ausprägungen annehmen, aber bereits geringe Angst vor Liebesverlust schwächt die Bereitschaft, sich anderen Menschen zu öffnen, die Dinge unvoreingenommen wahrzunehmen und nach Lösungen für die eigenen Probleme zu suchen. Die belastenden Erfahrungen werden in der Regel aus dem Bewusstsein abgespalten, so dass sie nicht mehr voll bewusstseinsfähig sind. Es entsteht das Gewohnheitsmuster, dass ähnliche Erfahrungen vermieden werden und mit Übererregung reagiert wird, wenn dies nicht gelingt. Bei den Gewohnheitsmustern handelt es sich unübersehbar um spontane Anpassungsprozesse, die der betroffene Mensch erleidet und die ihn innerlich völlig umgestalten. Wenn Gewohnheiten als negativ oder schlecht bewertet werden, dann handelt es sich immer um solche Reaktionsmuster, die aus der Reaktion auf Angsterfahrungen hervorgegangen sind.

Unter dem Einfluss von Ersatzgefühlen zu handeln bedeutet, dass man von Gewohnheiten gelenkt wird, die nicht sozial verträglich sind. Denn den Ersatzgefühlen liegen Bewertungen zugrunde, die auf Abwehr, Vermeidung oder Rückzug ausgerichtet sind. Die sich daraus ergebenden Ziele zerstören harmonische Beziehungen. Daraus ergibt sich ein tiefes Unbehagen. Deshalb ist immer wieder zu beobachten, dass die Ersatzgefühle innerlich abgelehnt werden. Man leidet unter ihnen. Man fühlt sich ihnen passiv ausgeliefert oder abhängig. Da die Ersatzgefühle geschaffen werden, um sich vor Verletzungen zu schützen, und sie damit eine positive Funktion haben, muss das Unbehagen verdrängt werden. Das Schuldgefühl kann leichter ertragen werden, wenn die Verantwortung für das eigene Leiden anderen Menschen oder anonymen Mächten wie z.B. dem Schicksal oder dem Teufel zugeschoben wird. Man kann alles so lassen, wie es ist, weil sich ja die anderen verändern müssen. Diese weit verbreitete Haltung wird von der Psychologie unterstützt, wenn sie vom »Mythos der Leidenschaften« ausgeht und annimmt, »dass Gefühle und Leidenschaften gänzlich unabhängig vom Bewusstsein existieren, dieses allerdings wecken und uns gewöhnlich zu einem eindeutig bestimmten Verhalten zwingen.«30

Fragt man, warum emotionale Verletzungen das geistig-gefühlsmäßige Innenleben aus dem Gleichgewicht bringen und zerstörerische Anpassungsprozesse auslösen, so stößt man auf das Phänomen der Gewalt. Gewalt kann sowohl von Dingen (z.B. Einsturz eines Hauses, von der Treppe fallen u.Ä.), als auch von Menschen ausgehen. Soziale Gewalt kann unterschiedlichste Formen annehmen. Liebesentzug, Vernachlässigung, Beleidigung oder Kontrolle sind ebenso Gewalt wie körperliche Strafen oder psychischer und sexueller Missbrauch. Auch Verhaltensweisen, die auf den ersten Blick nichts mit Gewalt zu tun haben, wie z.B. Überfürsorglichkeit, fehlende Aufmerksamkeit oder fehlende Anregung von Kindern sind Formen der Gewalt, weil damit die eigenen Bedürfnisse auf Kosten der Bedürfnisse anderer durchgesetzt werden. Auch der subtile Druck des Schweigers oder des Beredsamen müssen als Gewalt wahrgenommen werden, auch wenn dies im normalen Sprachgebrauch nicht so gesehen wird. Versteckte Gewalt ist heimtückischer als offene Gewalt. Gewalt ist im Grunde immer im Spiel, wenn die Bedürfnisse der anderen nicht respektiert werden. Gewalt ist immer darauf gerichtet, die Grenzen des anderen zu verletzen und ihm zu schaden.

Gewalt wirkt sich deshalb so verhängnisvoll auf die geistig-gefühlsmäßige Entwicklung aus, weil sie den fortlaufenden natürlichen Prozess unterbricht, die eigenen Fähigkeiten und Abwehrkräfte weiter zu entwickeln. Da man aus Angst Situationen vermeidet, die zu einer erneuten emotionalen Verletzung führen könnten, werden die Fähigkeiten, Angst zu bewältigen, nicht weiter trainiert. Die bedrohlichen Erfahrungen werden nicht auf die Weise verarbeitet, dass aus ihnen neue Bewegungsmuster abgeleitet oder die bisherigen Bewegungsmuster umgebaut werden, so dass man angstauslösende Situationen leichter bewältigen könnte. In der Gehirnforschung ist erkannt worden, dass übermäßige Angst den Zugang zu den Gehirnsystemen versperrt, in denen Erfahrungen verarbeitet werden, so dass das Verhalten nicht an bedrohliche Situationen angepasst werden kann. Das hängt wahrscheinlich damit zusammen, dass der Organismus bei übermäßiger Erregung durch Angst dazu neigt, sich chronisch zu verspannen, und dass er dadurch nur noch mit fixierten Gewohnheitsmustern reagieren kann.

Emotionale Verletzungen sind also deshalb so folgenreich, weil das persönliche Bewegungsspektrum unentwickelt bleibt. So wird z.B. ein Kind, das ständig von einem autoritären Vater bestraft wird, keine Chance haben zu lernen, wie es sich gegenüber Autoritätspersonen auf konstruktive Weise behaupten kann. Es entscheidet sich für das Gewohnheitsmuster der Unterwerfung. Traut es sich aus Angst vor Strafe nichts zu, wird sein Selbstvertrauen beschädigt. Es kann keine emotionale Autonomie entwickeln, die darin besteht, dass alle Basisemotionen entfaltet werden, so dass das Gefühl entsteht, allen normalen Situationen gewachsen zu sein. Das bedeutet, dass Persönlichkeitsstörungen nicht so verstanden werden dürfen, dass man in einer infantilen Entwicklungsstufe verharrt, sondern dass ein Defizit an Verhaltensmustern entstanden ist. Da die aus den Verletzungen hervorgegangen Gewohnheitsmuster mit Unsicherheit und Angst verbunden sind, sind sie relativ starr und widersetzen sich jeder Veränderung.

Wenn in einer neuen Situation Angst entsteht, dann liegt das nicht daran, dass die alte Angst wieder geweckt wird, sondern daran, dass keine Fähigkeiten entwickelt wurden, um solche Situationen zu bewältigen. Man darf deshalb nicht annehmen, dass die Angst aus emotionalen Verletzungen lebendig bleibt, sondern man ist unfähig, sich gegenüber bestimmten Situationen zu behaupten, so dass die Angstreaktion immer wieder ausgelöst wird. So erhalten die Defizite im Bewegungsspektrum eine starke Angstbereitschaft.

Emotionale Verletzungen schwächen die emotionale Resonanzfähigkeit. Man weigert sich, auf die Emotionen anderer Menschen zu reagieren, um die Gefahr zu verringern, dass man durch deren Emotionen verletzt wird. Für diesen Zustand der Selbstbetäubung und Abschirmung wird oft der Begriff des Sichverschließens benutzt. Natürlich handelt es sich auch hier nur um eine Metapher. Denn es erfolgt kein Verschluss, sondern man weigert sich, auf bestimmte Reize zu reagieren. Der Verlust der emotionalen Resonanzfähigkeit ist sehr folgenreich, weil auch das Empfindungsbewusstsein für die eigenen emotionalen Regungen geschwächt wird und so Unsicherheit um sich greift. Wenn die orientierende Kraft der Emotionen fehlt, fühlt man sich hilflos und ohnmächtig.

Unverarbeitete Angst bedeutet, dass man sich entschließt, nicht nach den eigenen Bedürfnissen zu handeln, da sie als Quelle von Gefahr erlebt werden. Wenn emotionale Verletzungen, die von den Bezugspersonen ausgehen, vom Kind so erlebt werden, dass es nicht geliebt wird, versucht es, durch übermäßigen Gehorsam, Höflichkeit, Fleiß, Leistung u.Ä. die Liebe und Zuwendung zu erhalten bzw. zurückzugewinnen. Es lehnt sich symbiotisch an die Bedürfnisse und Erwartungen der Bezugspersonen an und versucht sie vollständig zu erfüllen. So übernimmt z.B. ein kleiner Junge die Rolle des Partners der Mutter, die von ihrem Mann enttäuscht wurde. Oder ein verletztes Kind entwickelt ein ausgeprägtes Leistungsstreben, um mit guten Schulnoten, beruflichem Erfolg, Geld oder sozialer Macht die ersehnte Liebe zu finden. Wenn sich diese Strategien im fortgeschrittenen Alter als vergeblich herausstellen, kommt es zu heftigen psychischen Krisen. Insofern führt unverarbeitete Angst regelmäßig dazu, dass die selbstbestimmte Orien-tierung an den eigenen Bedürfnissen aufgegeben wird. Stattdessen lässt man sich von introjizierten Erwartungen anderer Personen oder von allgemeinen gesellschaftlichen Zielen leiten, die nicht mit den eigenen Bedürfnissen verbunden sind.


Gefühle

Orien-tierung

Psychische Mechanismen

Typische Begründungen

Basis-gefühle

Selbstbestim-

mung,

Autonomie

Identifikation mit eigenen Bedürf-nissen (intrinsische Motivation)

Ich folge dem Ziel, weil...

... ich wirklich davon überzeugt

bin, dass...

... mir die Sache Freude macht.

Ersatz-gefühle

Fremd-bestimmung

Anpassung an Erwartungen anderer Menschen,

Introjektsteuerung

Selbstkontrolle

Ich folge dem Ziel, weil...

... eine andere Person möchte,

dass ich das tue.

... ich mich sonst beschämt,

schuldig oder ängstlich fühle.

Tabelle 2: Quellen der Handlungsorientierung (vgl. Kuhl, Julius 2001, S. 752)


Die verstärkte Orientierung an den Erwartungen anderer Menschen wird als ein innerer Konflikt erlebt. Obwohl man sich meist spontan für die Erwartungen anderer Menschen entscheidet, bleibt das quälende Gefühl bestehen, dass man dabei die eigenen Bedürfnisse vernachlässigt. Dieser Konflikt hat aber keineswegs den Charakter eines Zielkonfliktes zwischen zwei gleich starken Zielen, da man sofort Klarheit hätte, wie man sich bewusst entscheiden würde. Vermutlich sind alle Zielkonflikte darauf zurückzuführen, dass man sich auf die Erwartungen anderer Menschen fixiert. Solche Zielkonflikte können nicht rational aufgelöst werden, weil die unbewusste Angst besteht, dass man negative Konsequenzen erfahren könnte, wenn man sich über die fremden Erwartungen hinwegsetzen würde.

Wenn sich die Handlungen nicht aus den eigenen Bedürfnissen ergeben, verändert sich der gesamte seelische Haushalt. Was dem Schutz dienen sollte, hat die langfristige Nebenwirkung der Hilflosigkeit, des mangelnden Selbstwertgefühls und des geschwächten Selbstvertrauens, führt also zu emotionaler Unsicherheit. Daraus entsteht ein tiefgründiges Leiden an sich selbst, das mit dem Gefühl verbunden ist, sich selbst verraten zu haben. Da hinter all diesen Symptomen unverarbeitete Angst steckt, leiden emotional verletzte Menschen auch unter diffusen Ängsten, Schlafstörungen oder Depression. Gewalt unterbricht die Entwicklung zur emotionalen Autonomie nicht nur vorübergehend, sondern dauerhaft. So wie die Ge­walt der Dinge körperliche Selbstregulierungsprozesse zerstören kann, so zerstört soziale Gewalt die emotionalen Selbstheilungskräfte. Diese Analogie ist durchaus berechtigt, da die emotionalen Selbstheilungskräfte nur in einem relativ reibungslos funktionierenden Körper wirksam werden.

Das quälende Schamgefühl, das oft mit den Ersatzgefühlen und d.h. mit unverarbeiteter Angst einhergeht, mahnt daran, dass das eigene Autonomiebedürfnis aufgegeben wurde. Häufig wird die Einschränkung des Bewegungsspielraums mit dem Anspruch kompensiert, sich zu vervollkommnen, sich selbst zu erkennen, die Vernunft zu entwickeln oder die Gefühle zu beherrschen. Da das Streben nach dem »Höheren« meistens als Ausdruck der menschlichen Natur begriffen wird, erscheinen die inneren Defizite als etwas, das aus eigener Kraft überwunden werden kann.

Da die Angst immer mit chronischen Muskelverspannungen einhergeht, wird verständlich, warum Menschen, die nicht im Kontakt mit anderen Menschen sind, unter Energiemangel leiden. Zu Recht wird gesagt, dass ohne Liebe keine ausreichende Lebensenergie zur Verfügung steht. Denn wenn Kontakt gelingt, stellt sich das Gefühl der Liebe ein und damit auch die uneingeschränkte Energie des freien Körpers.

Je früher in der Kindheit emotionale Verletzungen erfahren werden, umso größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass stärkere Ängste ausgelöst werden, als mit den bereits aufgebauten persönlichen Abwehrkräften verarbeitet und sinnvoll integriert werden können. Der Organismus hat die Tendenz, sich vor der wiederholten Aktivierung der Angst mit dem Aufbau von Abwehrmustern zu schützen. Wenn diese emotionalen Reaktionsmuster einen wirksamen Schutz bieten, werden sie als Gewohnheiten abgespeichert. Sie gehen in die Struktur der persönlichen Identität ein. Bereits die Forderung anderer Menschen, dass man seine Gewohnheitsmuster ändern solle, löst tiefe Angstgefühle aus, da befürchtet wird, in große Unsicherheit zu fallen, wenn man die Gewohnheitsmuster aufgeben würde. Je rigider die Gewohnheitsmuster sind, umso weniger ist man in der Lage, sich alternative Bewegungsmuster überhaupt vorzustellen und sie auszuprobieren.

Die mit Angst verbundenen Gewohnheitsmuster werden häufig als negative Gewohnheiten bezeichnet, da man sich ihnen meist mehr oder minder ausgeliefert fühlt. Sie unterscheiden sich damit erlebnismäßig deutlich von den Gewohnheiten, die unter dem überwiegenden Einfluss von Basisemotionen entstehen. Diese Gewohnheiten werden kaum als solche erlebt, da man sich mit ihnen uneingeschränkt identifizieren kann und sie relativ leicht verändert werden können. Sie können deshalb auch als gute oder positive Gewohnheiten bezeichnet werden. Wenn der Volksmund von den »lieben Gewohnheiten« spricht, meint er eher die negativ bewerteten Gewohnheiten, die abgelehnt werden, weil sie als persönlichkeitsfremd empfunden werden.

Häufig wird gefordert, dass man die persönlichen Gefühle als Ausdruck der eigenen Person akzeptieren müsse. So wird gesagt, dass man seine Angst als Freund betrachten solle. Dies ist aber eine emotionale Überforderung. Man kann sich nicht dazu entscheiden, seine bisher abgelehnten Gefühle zu akzeptieren. Denn hinter jeder Ablehnung von Gefühlen stehen tiefe unverarbeitete Ängste. Die Akzeptanz von sich selbst kann nur gelingen, wenn der Organismus bei seiner ständigen Überprüfung, ob die Ängste noch berechtigt sind, tatsächlich feststellt, dass sie ihre reale Grundlage verloren haben. Wenn man mehr von sich abfordert, als man aus eigenen Kräften leisten kann, führt das nur dazu, dass die Angst unbewusst verleugnet und dadurch sogar noch verstärkt wird.

Aus der Analyse der Angst geht hervor, dass es ein Missverständnis wäre, Angst als eine persönliche Fehlhaltung zu verstehen. So wie alle Emotionen im Kontakt mit anderen Menschen gebildet werden und sie den Kontakt herstellen, ist bei der Angst die soziale Komponente besonders deutlich ausgeprägt. Jede persönliche Angst ist ein Symptom für einschränkende Lebensverhältnisse, die verhindern, dass konstruktive Fähigkeiten gelernt werden können, mit ängstigenden Situationen umzugehen. Stattdessen passt man sich an die Bedürfnisse und Erwartungen anderer Menschen an. Die Emotionen sind deshalb nicht nur als etwas rein Persönliches, sondern auch als ein Teil der Umwelt anzusehen.

Aus dieser Sicht stellen individuelle Gewohnheiten kreative Versuche dar, einen persönlichen Konflikt zu lösen oder eine bedrohliche Situation erträglich zu machen, auch wenn sie meist als Problem empfunden werden, weil sie sich in der Beziehung zu anderen Menschen als störend auswirken. Durch Vermeidungs- oder Rückzugsverhalten wird versucht, der Wiederholung von Verletzungen aus dem Weg zu gehen. So ist z.B. die Entscheidung, den Kontakt zu seinen Eltern abzubrechen, um sich vor weiteren emotionalen Verletzungen zu schützen, richtig, auch wenn sie von der Umwelt verurteilt wird. Auch der Entschluss, sich aus dem Kontakt mit anderen Menschen zurückzuziehen oder eine Krankheit als Ausweg hinzunehmen, anstatt sich um ihre Überwindung zu sorgen, sind nur an der Oberfläche negative Entscheidungen. Deshalb sagen systemische Familientherapeuten, dass Probleme Lösungen sind.

Aus organismischer Sicht ist also im Grunde jede Entscheidung richtig. Auch wenn sie auf den ersten Blick als unvernünftig erscheint, hat sie für den Körper einen tieferen Sinn. Allerdings weigert man sich meistens, sie zu akzeptieren. Diese Weigerung geht keineswegs auf das »rationale, bewusste Ich« zurück, sondern ist ebenfalls eine spontane organismische Entscheidung. Denn man weiß gefühlsmäßig, dass die gefundene Problemlösung mangelhaft ist und mit ihr die erhoffte Zuwendung nicht erreicht werden kann. Dennoch hält man an ihr fest, weil sie einen sicheren Schutz vor der Wiederholung von seelischen Verletzungen bietet.

> 3.2.3. Emotionale Zurückhaltung

»Verstand: ein Hemmungsapparat gegen das Sofortreagieren auf das Instinkturteil.« (Friedrich Nietzsche)

Es ist merkwürdig, dass in allen psychologischen Lehrbüchern über die Gefühle, allen philosophischen Abhandlungen über die Emotionen und allen neurologischen Darstellungen über den Forschungsstand der Emotionen, die ich in den letzten Jahren gelesen habe, das Phänomen der Verdrängung bzw. der Zurückhaltung von Emotionen nicht oder nur am Rande berücksichtigt wird. Dabei ist es aus meiner Sicht ein zentrales Thema. Viele Probleme, wie z.B. was es bedeutet, dass man sich von den Emotionen leiten lässt oder wie die Kontrolle von Gefühlen gelingt, lassen sich nur verstehen, wenn man über eine Theorie verfügt, was emotionale Zurückhaltung bedeutet, warum sie möglich ist und welche Folgen sie hat. Sigmund Freuds epochaler Erfolg basierte sicherlich auch auf seinem Konzept des Unbewussten als Ursache der Verdrängung, obwohl er dafür keine plausible Theorie anbieten konnte.

Die Psychologie konnte bisher nicht eindeutig klären, von welcher Instanz die Gefühlskontrolle organisiert wird. Das Unbewusste oder das Es können dafür nicht herangezogen werden, da sich für diese Instanzen bisher kein psychisches oder organisches Substrat finden ließ und vieles dafür spricht, dass sie mentale Konstruktionen sind. Ebenso zweifelhaft ist, ob dafür das Denken in Anspruch genommen werden kann. Es kann zwar leicht der Eindruck entstehen, dass die Gefühlskontrolle eine Leistung des Denkens sei. Denn im Bewusstsein artikulieren sich scheinbar vernünftige Argumente, warum die Zurückhaltung erforderlich ist. Es wird sich zeigen, dass damit das Denken überfordert ist (vgl. Kapitel Fehler: Referenz nicht gefunden.).

In meinem Buch »Atem und Glück« habe ich dargestellt, dass der mysteriöse Prozess der Verdrängung relativ leicht zu verstehen ist, wenn man davon ausgeht, dass den Gefühlen körperliche Bewegungen zugrunde liegen. Aus dieser Sicht können die Emotionen genauso wie normale Bewegungen dadurch zurückgehalten werden, dass ihre antagonistischen Muskeln angespannt werden. Ein Teil des Muskelsystems wird also eingesetzt, um den Vollzug des emotionalen Bewegungsausdrucks zu blockieren, d.h. die Bewegungsabsicht besteht nach wie vor, sie wird aber sofort im Vollzug unterbrochen. So wird z.B. der Impuls, jemanden zu umarmen, durch die Aktivierung von Muskelanspannungen blockiert; aber der Wunsch bleibt bestehen.31 Emotionale Zurückhaltung basiert somit auf einer Entscheidung, den emotionalen Ausdruck durch die Kontraktion oder Erschlaffung von bestimmten Muskeln zu vermeiden. Statt von Verdrängung sollte deshalb von emotionaler Zurückhaltung gesprochen werden.

Emotionen werden zurückgehalten, wenn die Furcht besteht, dass der uneingeschränkte Ausdruck der eigenen Emotionen zum Verlust von Liebe und Zuwendung oder zu Bestrafung und körperlicher Vernichtung führen könnte. Es besteht die Hoffnung, dass durch die Zurückhaltung des emotionalen Ausdrucks zumindest der bisherige Kontakt aufrechterhalten werden kann. Denn nichts bringt den menschlichen Organismus mehr aus dem Gleichgewicht als die Bedrohung, den Kontakt zu geliebten Menschen zu verlieren. Emotionale Zurückhaltung findet also immer dann statt, wenn man Angst vor den eigenen Emotionen hat. Angst ist damit immer auch Angst vor sich selbst. Angst ist ein Signal, dass die eigenen Impulse im Widerspruch zu wichtigen Bedürfnissen der Selbsterhaltung stehen und deshalb nicht ausgelebt werden dürfen.

Wenn bestimmte Emotionen aus Angst vor möglichen Folgen dauerhaft zurückgehalten werden, liegt eine emotionale Verletzung vor. Je nach Situation werden dazu verschiedene Mechanismen eingesetzt:

a. Am Bekanntesten ist die chronische Anspannung (Hypertonie) von bestimmten Muskelgruppen. Das Zentrum der Verspannungen liegt in der Regel in der Wirbelsäule, da hier die Bewegungen koordiniert werden. Die Nervenimpulse, die die Wirbelsäule verlassen, um die peripheren Bewegungsorgane zu innervieren, können hier durch Muskelanspannung blockiert werden und damit den Handlungsvollzug verhindern. Den Verspannungen in den Muskeln an der Oberfläche wie z.B. den Kaumuskeln oder den Augenringmuskeln entspricht immer auch eine Muskelblockade an der Wirbelsäule. Wilhelm Reich hat das chronische Festhalten von Muskeln treffend als Muskelpanzer bezeichnet.

b. Gerda Boyesen hat betont, dass auch eine chronische muskuläre Erschlaffung (Hypotonie) der emotionalen Abwehr dienen kann. Bei Resignation ist dieser Zustand im Bauch- und Beckenraum festzustellen.32

c. Es gibt auch subtile Muskelaktionen ohne Hypertonie, die nur situativ den Affektausdruck verhindern oder einschränken und die so minimal sind, dass sie von einem Beobachter nicht wahrgenommen werden können, sondern nur vom Betreffenden selbst. Im Elektromyogramm des Gesichts lassen sich diese minimalen Veränderungen der Innervation der Gesichtsmuskulatur nachweisen. George Downing nennt diese Vorform der Muskelspannung Gegenmobilisierung.33

Dass die emotionale Zurückhaltung ein körperlicher Prozess ist, zeigt sich auch darin, dass daran stets der Atem beteiligt ist. »Vielleicht der wichtigste körperlicher Mechanismus der Emotionsabwehr ist die Reduktion des Atems, das heißt die Reduktion der Atemtiefe (Amplitude) und des Atemvolumens, die mit Veränderungen in Frequenz, Takt und Rhythmus einhergeht34 Dieser Mechanismus ist bereits bei frustrierten Säuglingen zu beobachten. Wenn regelmäßig beim Füttern mit der Milchflasche ein Klingelzeichen ertönt, und plötzlich nur noch das Klingelzeichen ertönt, aber die Flasche ausbleibt, beginnen die Säuglinge zu protestieren und zu weinen. Sie drehen den Kopf von der Quelle der Frustration weg, halten den Körper still und die Atmung verfällt in einen flachen und sehr gleichmäßigen, fast mechanischen Rhythmus, der in Frequenz und Amplitude viel regelmäßiger ist als vor der Frustration in entspannter ruhiger Aufmerksamkeit.35 Die Atemreaktion ist deshalb ein integraler Bestandteil der Gefühlsabwehr, weil durch die muskulären Verspannungen bzw. Erschlaffungen zwangsläufig der Atemprozess beeinträchtigt wird.

Am Beispiel der Sehstörungen soll im Folgenden gezeigt werden, wie emotionale Verletzungen zu chronischen Muskelverspannungen führen. Seitdem der amerikanische Augenarzt William Bates (1860-1931) festgestellt hatte, dass Sehstörungen mit Augenentspannungsübungen beseitigt werden können, besteht bei psychosomatisch orientierten Augenärzten kein Zweifel mehr, dass jede Art von Trauma zu einer Verschlechterung der Sehkraft führen kann.36 Die chronische Verspannung der Muskeln, die die Augenbewegungen regulieren, hat den Sinn, dass das, was verletzen könnte, nicht mehr so scharf wahrgenommen wird. Dadurch wird die Intensität der von Wahrnehmungen geweckten Gefühle reduziert.

Eine gesunde emotionale Entwicklung besteht darin, dass Abwehrkräfte (Ressourcen) aufgebaut werden, mit denen verhindert werden kann, dass Verletzungen das innere Gleichgewicht stören. Wenn von Grenzen die Rede ist, wird im Grunde eine Metapher benutzt, um die relative Stärke der Abwehrkräfte zu charakterisieren. Gut ausgebildete Grenzen bedeuten nichts anderes, als dass ausreichende Abwehrkräfte vorhanden sind. Man hat gelernt, Bedrohungen richtig einzuschätzen und mit entsprechenden Emotionen abzuwehren, so dass es zu keiner Verletzung kommen kann. Wenn aber Verletzungen die individuellen Abwehrkräfte übersteigen, ist die innere emotionale, kognitive und physiologische Umgestaltung unvermeidlich. Es gibt nur eine Alternative: entweder können die Reize abgewehrt werden, weil genügend Abwehrkräfte vorhanden sind, oder die Reize können nur auf die Weise verarbeitet werden, dass muskuläre Verspannungen vorgenommen werden und damit dass ganze innere Gleichgewicht verändert wird. Zur chronischen muskulären Kontraktion kommt es nur, wenn die Angst vor Liebesverlust oder Bestrafung so groß ist, dass sie nicht von den persönlichen Abwehrkräften bewältigt werden kann. Es müssen dann die Notfallmuster der Abspaltung, Leugnung und Verteidigung eingesetzt werden. Es macht also nur Sinn, von Verletzungen zu sprechen, wenn damit gemeint wird, dass die individuellen Abwehrkräfte überfordert sind. Diese Überlegungen sprechen dafür, dass ein Kontinuum zwischen kleinen alltäglichen Verletzungen und schweren Traumata besteht.

Der Aufbau der emotionalen Zurückhaltung geschieht unbewusst. Die Art und Weise, wie man auf Verletzungen reagiert, steht somit nicht zur Disposition. Das zeigt sich auch daran, dass bei emotionalen Verletzungen häufig die Erfahrungen nicht mehr erinnert werden können, die zur Verletzung geführt haben. Wenn Menschen auf gleichartige emotionale Verletzungen unterschiedlich reagieren, liegt das daran, dass sie von ihren früheren emotionalen Verletzungen, abhängig von deren Stärke, geprägt wurden und dabei gelernt haben, mit starken Gefühlen umzugehen. Aus der emotionalen Zurückhaltung entstehen so Gewohnheiten, die im seelischen Haushalt eine hohe Bedeutung haben, weil sie vor der Wiederholung von Verletzungen schützen sollen.

Ganz wesentlich ist, dass die emotionale Zurückhaltung kein einmaliger Akt ist, sondern fortwährend erneuert werden muss. Die Kontraktion der entsprechenden Muskeln muss immer wieder aufgebaut werden, weil die Muskeln nicht in Daueranspannung gehalten werden können. Nach einiger Zeit werden sich zwar die wiederholt angespannten Muskeln verkürzen, so dass die aus emotionalen Gründen gewählte Kontraktion chronisch wird und so die Verspannungen auch in relativ angstfreien Phasen anhalten. Aber dennoch muss die emotionale Zurückhaltung immer wieder neu aufgebaut werden. Die Angst vor dem Liebesverlust ist nach wie vor lebendig. Aufgrund von unbewältigten Ängsten lebt man ständig in der Erwartung, dass sich die Bedrohung wiederholen könnte.

Die Zurückhaltung von Emotionen bedeutet keineswegs, dass sie völlig zerstört werden. Denn den Emotionen liegt ein unerledigtes Bedürfnis (z.B. nach Zuwendung, nach dem Betrauern eines Verlustes, nach dem Ausgleich von Schuld u.Ä.) zugrunde, das lebendig bleibt und das sich immer wieder geltend macht, aber aus Angst nicht ausgedrückt wird. Es müssen deshalb zusätzlich zu den chronischen Verspannungen Gewohnheiten gebildet werden, mit denen ihr Ausdruck kontrolliert werden kann. So ist z.B. ein häufig zu beobachtendes Reaktionsmuster, den Blickkontakt abzubrechen, wenn Angst hochkommt und Gefahr droht, die Kontrolle über die Situation zu verlieren. Man hat erfahren, dass die Angst durch Wegschauen kontrolliert werden kann. Andere Menschen wechseln abrupt das Gesprächsthema, wenn sie erste Angstsignale spüren oder sie werden einsilbig und schweigsam. Jeder entwickelt spezifische Gewohnheitsmuster, wie aktivierte Angst bewältigt werden kann. Immer handelt es sich um stereotype Bewegungsmuster.

Die chronische Kontraktion von Muskeln führt zu einem dauerhaften Energiemangel, da die Atmung eingeschränkt wird. Deshalb kann die für das Handeln erforderliche Aktionsbereitschaft nicht aufgebaut werden. Die Impulse zum Handeln werden geschwächt und unsicher. Sehr nachteilig ist auch, dass dadurch das emotionale Einfühlungsvermögen in die Gefühle anderer Menschen beeinträchtigt wird, so dass es schwierig wird, diese zu verstehen. Ebenso stellen sich Schuldgefühle ein, die sich meist nur als dumpfes Unbehagen äußern. Sie erwachsen aus dem Wissen, dass man selbst die Einschränkung der eigenen Lebendigkeit vorgenommen hat.

Normalerweise identifiziert man sich spontan mit seinen Gefühlen und mit den damit verbundenen Zielen. Es besteht kein Grund, sich von ihnen zu distanzieren, weil sie dem Handeln eine unentbehrliche Orientierung geben. Auch wenn die Gefühle als von den Göttern geschickt gedacht werden, wie es die Helden der Ilias von Homer taten, werden die Ziele uneingeschränkt angenommen. Erst wenn Emotionen chronisch zurückgehalten werden, werden die Gefühle zu etwas Fremdem. Sie können zu einem inneren Feind, zum gehassten Fremden im eigenen Körper werden und eine unverständliche Eigendynamik annehmen: Angst kann plötzlich den ganzen Körper lähmen, man kann in eigenen Inneren fremde Stimmen hören oder in hemmungslose Wut geraten. Was also als Fremdes in sich selbst erfahren wird, ist die Folge davon, dass man Teile von sich selbst aus Selbstschutz nicht wahrnehmen will.

Die emotionale Zurückhaltung ist im Grunde nichts anderes als die Neubildung einer Gewohnheit. In emotional belastenden Situationen stehen dann vorgebahnte Reaktionsmuster zur Verfügung, wie bestimmte bedrohliche Gefühle vermieden werden können. So wie bei der normalen Gewohnheitsbildung dafür gesorgt wird, dass der Bewegungsablauf mit relativ wenig Bewusstsein auskommt, so ist man sich auch bei den Gewohnheiten, die der emotionalen Zurückhaltung dienen, nicht bewusst, dass Gefühle am Ausdruck gehindert werden. Vor allem bleibt verborgen, welche Gefühle zurückgehalten werden. Es wäre viel zu belastend, jedes Mal neu entscheiden zu müssen, ob und wie die untergründig gespürte Angst ausgedrückt werden soll. Die Gewohnheiten schützen so effektiv vor der ständigen Konfrontation mit den eigenen Ängsten.

Aus der Tatsache, dass die den Gewohnheiten zugrunde liegenden Entscheidungen ohne Beteiligung des Bewusstseins ablaufen, ergibt sich eine neue Sicht des Unbewussten. Wenn bestimmte Reaktionen direkt von neurobiologischen Strukturen ausgeführt werden und die Beteiligung des Bewusstseins am Ablauf der Reaktion auf das erforderliche Minimum reduziert wird, bedeutet dies, dass das Unbewusste keine innere Instanz ist, sondern ein mentales Konstrukt, das sich aus der Versubstantivierung der Funktion des Gehirns ergibt, durch unbewusste Abläufe das Bewusstsein zu entlasten. Dadurch dass Prozesse, die ursprünglich bewusst waren, im Interesse reibungsloser Abläufe gewohnheitsmäßig, d.h. relativ unbewusst ablaufen, können die Kapazitäten des Bewusstseins besser genutzt werden.

Daraus ergibt sich, dass der Begriff Verdrängung ungeeignet ist. Er ist mit falschen Assoziationen über die Prozesse verbunden, die bei der emotionalen Zurückhaltung ablaufen. Es werden keineswegs Emotionen in den Bereich des »Unbewussten« verschoben, sondern es wird bloß die Beteiligung des Bewusstseins an den gewohnheitsmäßigen Abläufen ausgeschaltet. Der Begriff Verdrängung ist auch deshalb irreführend, weil er den Eindruck entstehen lässt, dass die emotionale Zurückhaltung ein negativer bzw. destruktiver Prozess sei. In Wirklichkeit hat die emotionale Zurückhaltung die produktive Funktion, sich vor dem Verlust von Liebe und Zuwendung zu schützen. Deshalb werden auch die Kontraktionen solange festgehalten bzw. immer wieder erneuert, wie die ursprünglichen Ängste bestätigt werden. In jeder Situation wird automatisch geprüft, ob es noch Gründe für die ursprünglichen Ängste gibt. Da die Ängste dazu führen, dass die Kontaktfähigkeit nicht gelernt bzw. verlernt wird und man sich auf stereotype Gewohnheitsmuster verlässt, neigt man aus Unsicherheit zu einer sehr strengen Bewertung. Ich ziehe es deshalb vor, statt von Verdrängung von emotionaler Zurückhaltung zu sprechen. Diese Formulierung macht deutlich, dass es sich dabei um die Unterbrechung einer nach außen gerichteten Bewegung handelt.

Da die Gewohnheitsbildung ein komplexe Funktion ist, an der zahlreiche Bereiche des Gehirns beteiligt sind, ist es problematisch anzunehmen, dass die emotionale Zurückhaltung im Gehirn von einem bestimmten Zentrum aus organisiert wird. Viele Autoren behaupten, dass die Hemmung vom linken Frontalhirn ausgeht37, weil bei Gehirnmessungen beobachtet wurde, dass dort eine erhöhte Aktivität stattfindet, wenn emotionale Impulse im limbischen System auftreten. Daraus folgt aber nicht zwingend, dass im linken Frontalhirn eine innere Kontrollinstanz sitzt, die sich Impulsen aus anderen Gehirnregionen entgegenstellt. Vielmehr ist davon auszugehen, dass zwischen allen Gehirnteilen ein reger Informationsaustausch stattfindet. Emotionale Zurückhaltung bedeutet, dass sich das ganze Gehirn dazu entscheidet, eine Emotion nicht auszudrücken.

In meinem Buch »Atem und Glück« habe ich die These entwickelt, dass emotionale Zurückhaltung dann vorgenommen wird, wenn starke Ängste im Spiel sind. Die innere Abwägung, wie stark der emotionale Ausdruck eingeschränkt werden soll, um sich vor möglichen Sanktionen zu schützen, wird von der Intensität der ausgelösten Angst bestimmt. Die Angst ist Ausdruck einer Bewertung, dass bestimmte Bewegungen als gefährlich und mit Nachteilen für die individuelle Selbsterhaltung eingeschätzt werden. Nichts bringt eine Person mehr aus dem Gleichgewicht und der inneren Ruhe, als dass man nicht weiß, wie man sich bewegen soll. Deshalb spricht viel für die These, dass die Gefühlskontrolle allein von der Angst ausgeht. Andere Gefühle können nur deshalb eine emotionale Zurückhaltung auslösen, weil ihnen Angst beigemischt ist. Daraus folgt, dass die Gefühlskontrolle eine interne Angelegenheit der emotionalen Selbstregulation ist.

Aus dieser Sicht werden die kulturellen Gebote nicht aus Einsicht, sondern primär in Nachahmung des Verhaltens anderer Menschen übernommen. Vielfach ist auch Angst vor Sanktionen beteiligt. Zu Recht wird davon gesprochen, dass die kulturellen Gebote verinnerlicht werden. Der Begriff der Verinnerlichung bezeichnet ganz korrekt, was bei der Introjektion von Anforderungen geschieht: Die innere Struktur wird umgebaut. Bisherige Bewegungen werden blockiert und neue gebahnt. Indem das Introjizierte zum Bestandteil des Körpers wird, verändert sich die Beschaffenheit des Innenlebens. Es findet eine Verkörperlichung der Gebote statt. Es ist keine Übertreibung, dass dadurch die ganze Physiologie verändert wird, weil sich durch die damit verbundenen muskulären Verspannungen die Körperhaltung und die Funktionsweise der inneren Organe verändern. Wenn viele Menschen das Gefühl haben, dass sie die kulturellen Gebote aus Einsicht befolgen, so ist das nur ein Ausdruck dafür, dass sie sich mit den Forderungen uneingeschränkt identifizieren und deshalb nicht mehr an der Differenz zu ihren ursprünglichen Emotionen leiden. Sie können ihre inneren Gebote bejahen, weil es ihnen gelingt, damit ein relativ harmonisches Zusammenleben mit anderen Menschen herzustellen.

Die durch die Fixierung an die Bedürfnisse anderer Menschen entstandenen inneren Konflikte werden in der Psychologie häufig als Inkonsistenz bezeichnet. Diese Kennzeichnung ist zutreffend, weil sie sich auf gleichzeitig ablaufende Prozesse bezieht, die miteinander unvereinbar sind. Klaus Grawe hat dargestellt, dass bei länger anhaltenden Inkonsistenzen psychische Störungen entstehen und die Auseinandersetzung mit der Umwelt beeinträchtigt wird. Es gibt eine starke innere Kraft, psychische Inkonsistenzen zu reduzieren, da jede Inkonsistenz die Wirksamkeit der Selbstheilungskräfte schwächt. Grawe betrachtet diese Kraft deshalb als das oberste psychische Regulationsprinzip.38 Die Theorie der Inkonsistenz legt den richtigen Akzent auf die krank machende Wirkung von Inkonsistenzen. Sie hat aber die Schwäche, dass nicht klar herausgearbeitet wird, dass alle Inkonsistenzen auf den Konflikt zwischen Autonomie und Fremdbestimmung zurückgehen.

In der Literatur wird die innere Inkonsistenz mit vielfältigen Begriffen umschrieben: innere Spaltung, Dissonanz, Entzweiung, Fragmentierung, innerer Bruch u.Ä. Allen Begriffen liegt die Erfahrung zugrunde, dass es früher eine innere Einheit gab, die im Laufe der Zeit zerstört worden ist. Die vorliegende Analyse hat gezeigt, dass der Verlust der inneren Einheit kein allgemeines menschliches Schicksal ist, sondern auf die verletzungsbedingte Entstehung von Ersatzgefühlen zurückgeht.

Es zeigt sich, dass die Unterscheidung in Basis- und Ersatzgefühle sehr wichtig ist, weil damit die gewaltigen Unterschiede in den Gewohnheiten verständlich werden. Die Basisgefühle sind Gewohnheiten, die Liebe und Kontakt herstellen. Hinter den Ersatzgefühlen stehen emotionale Gewohnheiten, die zum Schutz vor Verletzungen gebildet wurden. Damit kann die Denkgewohnheit überwunden werden, alle Gewohnheiten in einen Topf zu werfen.


3.2.4. Die Herkunft der Werte

»Wenn ein Kind angefeindet wird, lernt es zu kämpfen.« »Wenn ein Kind gerecht behandelt wird, lernt es, gerecht zu sein.« (Tibet)

Im traditionellen Denken schien es unzweifelhaft zu sein, dass sich die kulturellen Werte mithilfe des Denkens aus der menschlichen Natur ableiten lassen. In der philosophischen Ethik ist es aber bisher nicht gelungen, die Werte zu begründen. Es ist eher immer unklarer geworden, worin überhaupt solche Werte bestehen können. Einige Philosophen haben allerdings ihrer Erfahrung vertraut, dass es offensichtlich einen inneren gefühlsmäßigen Kompass für die Richtigkeit des eigenen Verhaltens gibt. Am Ausgeprägtesten ist die Überzeugung in dem Konzept des »moral sense« der schottischen Aufklärer (David Hume, Shaftesbury, Francis Hutcheson) ausgedrückt worden. Sie hatten die Vorstellung, dass die Menschen ein angeborenes gefühlsmäßiges Entscheidungskriterium für das sittlich richtige oder falsche Urteilen, Streben und Handeln besitzen. Sie waren überzeugt, dass sich Ethik nicht auf Wissen und Fakten begründen lässt, sondern dass sich das moralisch Gute auf elementare Weise mit dem »moral sense« fühlen lässt. Auch bei Blaise Pascal und Spinoza finden sich Gedanken, die von der Existenz eines ethischen Kompasses ausgehen. Einige zeitgenössische Philosophen sprechen sogar von der Rationalität der Gefühle (Robert Solomon, Ronald de Sousa). Diesen philosophischen Gedanken liegt offensichtlich die Erfahrung zugrunde, dass es eine ethische Selbststeuerung gibt.

Nach der hier entwickelten Theorie der Selbstorganisation ergibt sich der innere Kompass für die Richtigkeit des ethischen Verhaltens daraus, dass jeder Mensch im Laufe seines Lebens lernt, seine Umwelt und sich selbst zu bewerten (vgl. Kapitel Fehler: Referenz nicht gefunden.). Es wurde oben herausgearbeitet, dass die Bewertung ein fundamentaler biologischer Prozess ist, der tief im Organismus verankert ist und nichts mit dem Denken zu tun hat. Es ist falsch anzunehmen, dass die Bewertung von den Gefühlen vorgenommen wird. Der innere ethische Kompass entwickelt sich aus der menschlichen Neigung, die allgemeinen Regeln im Verhalten aufzuspüren. Wer z.B. nie betrogen worden ist, wird daraus die Regel der Ehrlichkeit ableiten und ihre Einhaltung auch von anderen Menschen verlangen. Wer immer gerecht behandelt worden ist, wird daraus die Regel der Gerechtigkeit aufstellen. Wer z.B. in der frühen Kindheit Geborgenheit, Liebe, Respekt und uneingeschränkte Zuwendung erfahren hat, wird als Erwachsener die realen Verhältnisse daran messen. Was man für sich selbst als nützlich und richtig empfindet, wird auch von anderen erwartet. Es bilden sich so Gewohnheiten, wie man sich verhält und welches Verhalten von anderen Menschen erwartet wird, die ganz selbstverständlich im alltäglichen Handeln eingesetzt werden.

Das bedeutet, dass sich ethisches Verhalten ohne bewusste und vorsätzliche Wahl, also wie von selbst einstellt, wenn die Menschen die Chance haben, ihre Basisemotionen zu entwickeln. Es ist kein Zufall, dass sich der Begriff Ethik vom griechischen »ethos« ableitet, das Gewohnheit, Herkommen, Gesittung bedeutete. Die ethischen Verhaltensregeln bilden sich also nach den gleichen Mechanismen heraus, wie manuelle Fertigkeiten oder sportliche Fähigkeiten durch Üben gelernt werden. Darauf hatte bereits Aristoteles in der Nikomachischen Ethik hingewiesen: »So ist es nun auch bei den sittlichen Kompetenzen (den Tugenden): Indem wir uns sinnliche Genüsse versagen, werden wir besonnen, und sind wir es einmal geworden, so sind wir am ehesten befähigt, uns ihrer zu enthalten. Bei der Tapferkeit ist es nicht anders. Indem wir uns daran gewöhnen, Furchterregendes zu verachten und es auszuhalten, werden wir tapfer, und sind wir es einmal geworden, so werden wir am ehesten vermögen, das Furchterregende zu bestehen.« 39

Wer wiederholt emotionale Verletzungen erfährt, kann keine Liebes- und Kontaktfähigkeit entwickeln. Stattdessen, werden Verhaltensweisen des Egoismus, der Vermeidung, der Distanz, der Feindseligkeit u.Ä. aufgebaut. Mit solchen Gewohnheiten will man seine Fähigkeit stärken, den Mangel an Liebe und Achtung zu ertragen. Die wiederholte Erfahrung von Ablehnung, Demütigung, ungerechter Behandlung und Bestrafung führt zu tiefer Unsicherheit und geringem Selbstvertrauen. Häufig werden sie mit Allmachtsphantasien überkompensiert. Oft wird mit Streben nach Macht, Besitz, Erfolg, Prestige, soziale Anerkennung u.Ä. versucht, die vermisste Liebe und den gescheiterten Kontakt zurück zu erlangen. Mit solchen emotionalen Gewohnheiten sind oft die Regeln der Leistung, der Disziplin, des Gehorsams u.Ä. verbunden.

Aus der wiederholten Erfahrung, dass man betrogen oder ungerecht behandelt wurde, werden Regeln abgeleitet, wie man andere Menschen manipuliert, sich mit unfairen Methoden Vorteile verschafft oder sich für die erlittenen Qualen rächt. Da die emotionalen Verletzungen das Einfühlungsvermögen beeinträchtigt haben, wird überhaupt nicht gespürt, wie dadurch andere Menschen verletzt werden. Die Unfähigkeit, das Gute zu tun, schafft so die Disposition zum Bösen.

Der innere moralische Kompass geht somit aus den Erfahrungen hervor, die der Einzelne im Umgang mit den Mitmenschen macht. Es werden mehr oder weniger unbewusst Regeln abgeleitet, an denen man sein Verhalten ausrichtet. In diesem Sinne sagt Gerd Gigerenzer: »In vielen Situationen beruhen die moralischen Gefühle der Menschen auf unbewussten Faustregeln.« 40 Solche Regeln lauten z.B.: »Tanz´ nicht aus der Reihe!«, »Tue das, was die Mehrheit in deiner Bezugsgruppe tut!« oder »Man kann niemandem vertrauen!«.

Ethische Werte sind aus dieser Sicht abstrakte Verallgemeinerungen von Gewohnheiten, an denen man sich orientiert und die von anderen Menschen erwartet werden. Die so genannten »Grundwerte« der Gerechtigkeit, Solidarität, Toleranz u.a. ergeben sich primär aus der emotionalen Verfassung des Zusammenlebens und sind demnach ursprünglich keine Vereinbarungen der sozialen Gemeinschaft, wie es oft dargestellt wird, sondern real gelebte Regeln des Zusammenlebens. Erst im zweiten Schritt werden aus ihnen allgemeine Grundsätze abgeleitet, von denen dann soziale Verbindlichkeit verlangt wird. Aber sie können nur wirksam sein, wenn sie in entsprechenden Verhaltensgewohnheiten wurzeln. Fehlen sie, sind alle Appelle an die moralische Verantwortung vergeblich und führen allenfalls dazu, dass die Werte aus Angst vor Strafe befolgt oder geheuchelt werden.

Aus dieser Sicht können die absoluten Ideen Platons als Verabsolutierungen von Regeln interpretiert werden, die spontan aus emotionalen Gewohnheiten abgeleitet werden. Platon konnte die Ideen als absolut und transzendent halten, da sie tatsächlich vorgegeben sind und vom Denken nicht beliebig umformuliert werden können. Aber sie wurzeln nicht in der Transzendenz, sondern in frühkindlichen Erfahrungen. Die Erinnerung an diese Erfahrungen kann durch spätere emotionale Verletzungen verschüttet werden. Es bleibt möglich, sie durch Selbsterkenntnis, Therapie oder Rituale seelischer Reinigung wieder zu beleben. Sie bestehen aus einem Gefühl dafür, was richtig ist. Es ist deshalb nicht zufällig, das Platon die Erkenntnis der Ideen als Wiedererinnerung erklärt hat, ohne die Ideen inhaltlich näher zu bestimmen.

Ebenso kann die Überzeugung von Theodor W. Adorno, dass Protest gegen das Bestehende ohne transzendente Ideen undenkbar sei, damit erklärt werden, dass der spontane Protest gegen emotionale Verletzungen in frühkindlichen Bewertungen gelernt wird. Der Protest kann unter dem Druck von schweren Verletzungen völlig verschüttet werden, so dass nur noch ängstlicher Konformismus möglich ist. Wenn sich aber emotionale Autonomie entwickeln konnte, bleibt das Gefühl des Unbehagens an einschränkenden Lebensbedingungen lebendig und kann es zu Protesthandlungen Anstoß geben.

Aufgrund ihrer Herkunft aus den somatischen Bewertungen entziehen sich die Werte einer rationalen Begründung. Es kann natürlich auf ihre Nützlichkeit für das soziale Zusammenleben verwiesen werden. Die Nützlichkeit kann mit scheinbar rationalen Argumenten belegt, aber nicht objektiv nachgewiesen werden, da sie auf subjektiven Erfahrungen basiert. Wenn versucht wird, die aus den Ersatzemotionen abgeleiteten Werte wie Leistung, Disziplin oder Gehorsam zu begründen, stößt man sofort darauf, dass dies zum Scheitern verurteilt ist. Jede Begründung kann hinterfragt werden. Zugleich weiß man aus Erfahrung, dass Verhalten, das ausschließlich nach den Regeln von Leistung, Disziplin oder Gehorsam erfolgt, auf Dauer zu Konflikten und Spannungen führt.

Jeder hält seine persönlichen Werte für vernünftig. Wenn die Überzeugungen anderer Menschen davon abweichen, werden sie entweder toleriert oder als unvernünftig abgewertet. Im Grunde hält man die Begründung für überflüssig, da man aus Erfahrung weiß, dass nur das einen Wert hat, was die Harmonie des zwischenmenschlichen Zusammenlebens sichert. Wenn alle Menschen die gleichen Überzeugungen hätten, wäre dies auch nicht erforderlich. Der Zwang zur Begründung ergibt sich erst, wenn sich die subjektiven Überzeugungen mehrerer Menschen widersprechen. Aber nicht Argumente, sondern nur wechselseitige Toleranz führt zum Konsens.

Die verbreitete Neigung, die Verhaltensregeln zu absoluten Werten zu verabsolutieren, ist offensichtlich im Gewohnheitscharakter des Verhaltens angelegt. Da die Verhaltensregeln nicht bewusst gelernt werden, bleibt das Wissen ihres Ursprungs verborgen. Aber bei der Reflexion über die Geltung von Regeln muss davon ausgegangen werden, dass sie ihren Ursprung in unbewussten Bewertungsprozessen haben.

Es ist nicht überraschend, dass alle Versuche, das Böse mit der Beschaffenheit der menschlichen Natur oder mit der Ordnung der Welt zu erklären, gescheitert sind. Weder konnte endgültig geklärt werden, was die menschliche Natur ausmacht, noch konnte sicher bestimmt werden, wie sich die Ordnung der Welt zusammensetzt. Schließlich konnte auch nicht objektiv definiert werden, was das Böse selbst ist. Aber dass Menschen, die anderen Menschen Leid zufügen, schwere emotionale Verletzungen erfahren haben, die sie nicht verarbeiten konnten, ist eindeutig nachweisbar. Deshalb kann gegenüber der Frage nach der Herkunft des Bösen nur die regulative Einstellung eingenommen werden, dass das Böse durch einschränkende und verletzende Lebensumstände hervorgebracht wird. Diese Einstellung hält dazu an, für eine Organisation des Lebens zu kämpfen, die mit relativ wenig emotionalen Verletzungen verbunden ist.

In diesem Zusammenhang ist an die Lehre des Buddhismus zu erinnern, wonach alles Leid selbst verschuldet sei. Es resultiere aus Lebensgier, aus dem krampfhaften Festhalten an Gütern, Vorstellungen und dem Leben selbst. Richtig daran ist, dass die Ursachen für das Leid und das Böse nicht in anonymen Mächten wie der Natur oder dem Schicksal gesehen werden. Es ist aber problematisch, dem Einzelnen allein die Schuld dafür zuzuweisen.

Wie das Gute ergibt sich auch das Böse aus der ethischen Selbststeuerung. Das Böse wurzelt in erlernten Gewohnheiten. Man verfehlt die Problematik des Bösen, wenn man es mit der Kategorie der moralischen Verantwortung angeht. Wohl ist es richtig, Gewalttäter unter Druck zu setzen, aber es darf nicht erwartet werden, dass sie dann ihre Gewohnheiten ändern. Vielmehr sind angstfreie Lebensbedingungen, die das Umlernen der Gewohnheiten begünstigen, erforderlich. Es darf nicht übersehen werden, dass die ethische Selbststeuerung nach den Regeln des Respekts, der Toleranz und Gerechtigkeit nur unter sozialen Bedingungen funktioniert, die ein relativ harmonisches Zusammenleben ermöglichen. Andernfalls wird die ethische Selbststeuerung von den Regeln des Egoismus, der Rücksichtslosigkeit und Feindseligkeit beherrscht.

Aus dem Blickwinkel der ethischen Selbststeuerung ergibt sich für die Frage nach dem Sinn des Lebens, dass die Frage selbst bereits ein Indiz dafür ist, dass Zweifel am Wert des Lebens bestehen. Das Denken kann keine Antwort finden, da es unter dem Druck des Verlustes von Liebe und Vertrauen steht, der hinter dem Zweifel steht. Die ethische Selbststeuerung schaltet auf Zweifel um, weil der Organismus selbst nicht in der Lage ist, die äußeren Bedingungen von Liebe und Zuwendung wiederherzustellen. Deshalb wird das Denken solange im Grübeln verfangen bleiben, wie sich an den äußeren Bedingungen nichts ändert.

3.3. Das Verhältnis zu den eigenen Emotionen

»Die Macht, unter der sich die Menschen am wohlsten fühlen, ist die Macht der Gewohnheit.« (Robert Lemke)

Die verbreitete Unkenntnis darüber, welche Funktion die Emotionen haben, führt dazu, dass man ein unklares Verhältnis zu den eigenen Emotionen hat. Einerseits ist man überzeugt davon, dass sie kommen und gehen, wie sie wollen, andererseits wird aber auch geglaubt, dass man sie kontrollieren kann und sich bewusst für oder gegen sie entscheiden kann. Diese Unsicherheit drückt sich auch im Verb fühlen aus. Seine Verwendung schwankt zwar zwischen der aktiven und passiven Form des Begriffs, aber es überwiegt eindeutig die passive Bedeutung. Denn man kann nur etwas fühlen, wenn sich die Gefühle von sich aus melden. Dementsprechend wird gesagt: »Meine Gefühle sagen mir, dass ...«.

3.3.1. Das Ich als verbale Gewohnheit

»Bei vielen Menschen ist es bereits eine Unverschämtheit, wenn sie ich sagen.« (Theodor W. Adorno)

In der alltäglichen Selbsterfahrung hat man den Eindruck, dass ich es selbst bin, der die Gefühle und Gedanken äußert. Was aber das Ich ist, ist ein bisher ungelöstes Problem geblieben. Entspricht dem Ich ein selbständiges geistiges Zentrum, das die Gedanken und Gefühle initiiert? Ist das Ich der Autor meiner Gedanken und Gefühle, oder ist das Ich eine Fiktion, und präsentieren sich die Gefühle und Gedanken nur im Bewusstsein, wie die Schauspieler auf der Bühne, die vom Regisseur im Hintergrund gelenkt werden? Ist es nur eine grammatikalische Form um auszudrücken, dass die Gedanken und Gefühle zu dem Menschen gehören, der gerade spricht? Solche Fragen drängen sich auf, wenn die inneren Prozesse achtsam wahrgenommen werden.

Die abendländische Philosophie neigt dazu, das »Ich« als eine eigenständige Kraft oder Instanz zu verstehen. Ursprünglich wurde das Denken als Leistung der Seele betrachtet (siehe Kapitel Fehler: Referenz nicht gefunden.). Als das Konzept der Seele in Kritik geriet, wurde das Denken anderen Instanzen zugeschrieben, die scheinbar unabhängig von der Seele existieren. Schließlich hat sich das »Ich« durchgesetzt, da es nicht durch religiöse Beimischungen belastet war. Das »Ich« der Philosophen zeichnet sich durch Selbstbewusstheit und Selbstreflexivität aus. Da das »Ich« seine Gedanken produziert und alle Entscheidungen trifft, weiß es um seine Gedanken und kann sie auch jederzeit ändern. Alle Entscheidungen sollen im Bewusstsein ihrer Folgen getroffen werden. Da es über sich selbst nachdenken kann, sei es fähig, frei zu handeln, und sei auch für seine Aktivitäten verantwortlich. Die Kraft des Ichs wird daran gemessen, inwieweit es über sich selbst nachdenken kann. Eventuell muss es gestärkt werden, damit es in der Lage ist, die eigenen Entscheidungen aus eigener Kraft zu treffen und die Emotionen zu kontrollieren. Das Ich soll aus Einsicht und nicht unter dem Druck von Gefühlen und Trieben handeln.

Die Überzeugung von der Existenz eines Ichs stützt sich auf die Erfahrung, dass die eigenen Handlungen aufeinander aufbauen. Jede neue Erfahrung und neu erlernte Fertigkeit prägt die künftigen Handlungen und lässt so eine Lebensgeschichte entstehen. Es entsteht der Eindruck, dass sich in allen Handlungen etwas Persönliches durchzieht. Daraus kann leicht die Idee entstehen, das Ich als eine eigenständige geistige Instanz aufzufassen. »Wenn ich über »mich selbst« nachdenke, dann scheint mir das etwas zu sein, was all meine diversen Eindrücke und Erinnerungen vereinigt, was behauptet, für mein Leben »verantwortlich« zu sein, was Entscheidungen trifft (einen freien Willen hat) und als Einheit in Zeit und Raum überdauert.«41 Die Vorstellung, dass man ein Ich hat, das die Beziehungen der Gedanken untereinander und zur Umwelt koordiniert, kann schließlich zu der Idee führen, dass das Ich seine Gedanken selbst denkt und jeder für seine Gedanken und die daraus folgenden Handlungen verantwortlich ist.

Dass die abendländische Definition des Ichs nicht selbstverständlich ist, zeigt das buddhistische Verständnis des Ichs. Dort wird gelehrt, dass das Ich im Grunde eine Fiktion ist, die den freien Fluss der Emotionen und Gedanken behindert. Wer dem Konzept des Ichs anhängt, sei von seiner »wahren Natur«, seinem »spirituellen Wesen«, seiner »eigentlichen Identität« abgefallen, die sich durch Weisheit, Mitleid und Glück auszeichnet.42 Solange das Ich das Verhalten prägt, könne man keine Erleuchtung finden. Das Ich wird als ein defizitärer Zustand empfunden, weil man damit seiner inneren Natur nicht gerecht wird. Es wird als Quelle allen Leidens angesehen. Deshalb besteht die Aufgabe, die Vorstellung des autonomen Ichs zu überwinden und die Fiktion des Ichs aufzulösen. Der spirituelle Weg zur Ichlosigkeit führe zur »wahren Natur« zurück.

Um zu einem angemessenen Verständnis des Ichs zu gelangen, wird vorgeschlagen, davon auszugehen, dass es zur menschlichen Selbsterfahrung gehört, dass man ein handelndes Wesen ist, das Pläne hat, die mit mehr oder weniger Geschick umgesetzt werden. Jeder Mensch muss lernen zu unterscheiden, welche Handlungen, Gedanken und Gefühle von einem selbst ausgehen, und welche von anderen Menschen kommen. Da jede Handlung von Selbstreflexivität begleitet wird, können am Ende dieses Lernprozesses ganz sicher die eigenen Handlungen von denen anderer Menschen unterschieden werden.43 Denn die eigenen Handlungen fühlen sich entschieden anders an, als wenn man mit Handlungen anderer Menschen konfrontiert wird. Daraus leitet sich die These ab, dass das Ich primär eine verbale Bezeichnung für die innere Erfahrung der Autorschaft der eigenen Handlungen, Gefühle und Gedanken ist. Das Substrat des Ich besteht demnach in der Erfahrung, wie man sich als handelndes und planendes Wesen erlebt. Wenn man vom Ich redet, kann das nur bedeuten, dass man das Personalpronomen ich verwendet, um deutlich zu machen, dass man als ganze Person ein Ziel handelnd verfolgt und zu seinem Handeln steht. Dass man sich dabei als eine Einheit erlebt, hängt wesentlich auch damit zusammen, dass man von Anfang an als ein Du, als eine ungeteilte Einheit angesprochen wird. Dass man von seinen inneren Regungen als Ich spricht, ist eine unmittelbare Reaktion auf das Du, mit dem man ständig angesprochen wird.

Das Personalpronomen ich wurde notwendig, weil die Menschen gemeinsam miteinander handeln. Um die eigenen Pläne anderen Menschen mitzuteilen, genügt es nicht, von sich in der dritten Person zu reden, da das immer mit Missverständnissen verbunden sein kann, weil möglicherweise noch andere Mitglieder der Gemeinschaft den gleichen Namen haben. Demgegenüber ist das Personalpronomen ich völlig eindeutig. Auch im inneren Dialog ist es sehr hilfreich. Damit können die eigenen Gedanken, Wünsche und Gefühle klarer von den Gedanken, Wünschen und Gefühlen anderer Menschen abgegrenzt werden. Die Verwendung des ich ist deshalb zu einer unentbehrlichen verbalen Gewohnheit geworden.

Beim Handeln tritt die Erfahrung der eigenen Autorschaft regelmäßig zurück. Es ist nicht zufällig, dass man von der Selbstvergessenheit im Handeln spricht. Sobald man aber auf Widerstände stößt und die geplante Handlung nicht zu Ende geführt werden kann, tritt das Ich wieder ins Spiel. Das hängt damit zusammen, dass dann bewusste Bewertungen des eigenen Handelns in Abgrenzung vom Handeln anderer Menschen vorgenommen werden müssen.

Der Gedanke, dass das Ich auf einer inneren Erfahrung basiert, kann auf den ersten Blick als befremdlich erscheinen. Wenn man aber bedenkt, dass man nicht nur jede einzelne Handlung daraufhin bewertet, ob sie erfolgreich war, sondern dass man sich auch als ganze Person bewertet, wird deutlich, wie das Ich als verbale Gewohnheit auf inneren Selbstbewertungen basiert. So hat jeder Mensch ein bestimmtes Selbstverständnis von sich: ob man also z.B. eine gute Mutter ist, ehrlich ist, sich gut in andere Menschen einfühlen kann oder depressiv ist u.Ä. Ebenso wird erfahren, ob die eigenen Handlungen Ausdruck der persönlichen Bedürfnisse und Wünsche sind oder ob und wie viel Rücksicht dabei auf die Erwartungen anderer Menschen genommen wird. Es wird sofort registriert, wenn Handlungen ausgeführt werden, die nicht mit den eigenen Idealen konsistent sind. Von zentraler Bedeutung ist, ob man das Vertrauen hat, dass man alle sich stellenden Aufgaben bewältigen kann, oder ob man dazu neigt, sich als unfähig zu empfinden. Solche Selbsteinschätzungen wurzeln in spontanen Bewertungen der eigenen Handlungen. Da alle Selbstbewertungen eine emotionale Einfärbung haben, ist es berechtigt, die Erfahrung der eigenen Autorschaft als Gefühl zu bezeichnen. Da das Ich sich immer auf die ganze Person bezieht, ist es unvermeidlich, dass sich alle Gefühle, die man sich selbst gegenüber hat, damit verbinden. Da die Selbstbewertung davon abhängig ist, über wie viel Handlungskompetenz man verfügt, geht auch das Gefühl, über ausreichende oder mangelhafte Handlungskompetenzen zu verfügen, in das Ichgefühl ein.

Wenn man sich in einer kritischen Situation von seinen Gedanken und Gefühlen distanziert, ist dies kein Beweis für die Existenz des Ichs. Denn die Selbstkritik ist keine Leistung des Ichs, sondern Ausdruck einer inneren Spannung zwischen den eigenen Wünschen und der Anpassung an die Erwartungen anderer Menschen. Es wird das innere Ungleichgewicht gespürt, dass in der Situation bereits bestanden hat, aber nicht bemerkt wurde. Im Grunde ist die polare Entgegensetzung von Selbst -und Fremdbestimmung falsch. Auch die Fremdbestimmung ist eine Selbstbestimmung. Denn man muss sich dazu entscheiden, den Erwartungen anderer Menschen zu folgen.

Für die handelnden Menschen erscheint das Ich etwas Reales zu sein, da man sich als planendes und handelndes Wesen erlebt und seine Handlungen gegenüber anderen Menschen vertreten muss. Aber aus den bisherigen Überlegungen geht hervor, dass das ich letztlich nur ein zweckmäßiger Begriff ist, um die Herkunft der eigenen Gefühle, Gedanken und Handlungen zu bezeichnen. »Das Ich anzunehmen, zu postulieren, ist praktisches Bedürfnis.« (Georg Lichtenberg) Wenn sich viele Menschen gegen die Behauptung wehren, dass das Ich bloß eine mentales Konstrukt oder eine Fiktion sei, liegt das daran, dass sie durch Erziehung und kulturelle Rituale dazu angehalten werden, sich das kulturell vorherrschende Verständnis des Ichs als eine innere Instanz zu eigen zu machen, so dass es als selbstverständlich und natürlich erscheint. Man kann nicht mehr wahrnehmen, dass die Art und Weise, wie man sich selbst erlebt, auf einer kulturell geprägten Interpretation basiert. Dieses kulturelle Selbstverständnis ist in den letzten Jahren sehr stark von der Gehirnforschung erschüttert worden. Es wurde immer wieder herausgestellt, dass das Ich kein Akteur und keine Instanz ist, sondern lediglich eine Bezeichnung für die verschiedenen Bewusstseinszustände ist, die mit den selbst erfahrenen Gedanken, Gefühlen, Zielen, Bedürfnissen, Wert u.a. verbunden sind.44

Zusammenfassend ist festzuhalten, dass der Begriff ich eine nützliche verbale Gewohnheit ist, um die eigenen Gedanken, Gefühle und Wünschen von den Gedanken, Gefühlen und Wünschen anderer Menschen abzugrenzen. Er hat sich in der zwischenmenschlichen sprachlichen Kommunikation bewährt. Aber daraus darf nicht geschlossen werden, dass ihm eine Substanz zugrunde liegt. An der Art und Weise, wie das ich in der sprachlichen Kommunikation verwendet wird, braucht eigentlich nichts verändert zu werden. Allerdings muss das Verständnis, wie das Ich benutzt wird, grundsätzlich verändert werden. Wenn z.B. jemand sagt: »Ich bin ärgerlich, weil ...«, so will er damit nicht sagen, dass sich sein Ich entschlossen hat, ärgerlich zu sein, sondern er als ganze Person aus bestimmten Erfahrungen den Schluss gezogen hat, das Gefühl Ärger auszudrücken. Er will mit der Formulierung bekräftigen, dass er als ganze Person ärgerlich ist und sich mit diesem Gefühl identifiziert.


3.3.2. Gefühlskontrolle

»Unmoralisch ist nur, lebendig tot zu sein, sonnen-erloschen und eifrig bemüht, die Sonne auch in andern auszulöschen.« (D.H. Lawrence, Atem des Lebens)

»Am aller vernünftigsten ist es, nicht allzu vernünftig sein zu wollen.« (Viktor E. Frankl)

In der Regel merkt man den Gefühlen ihren Gewohnheitscharakter gar nicht an. Deshalb kann leicht die Illusion entstehen, dass man die Gefühle ohne weiteres kontrollieren könne. Aber die Erfahrung zeigt, dass sich emotionale Gewohnheiten wesentlich schwieriger als normale motorische Gewohnheiten ändern lassen. Aus der oben dargestellten These, dass die emotionale Zurückhaltung auf unbewältigte Angst zurückgeht, folgt, dass sie spontan geschieht. Wenn man den Eindruck hat, dass man ein bestimmtes Gefühl aus eigener Kraft unterdrückt hat, wäre es ein Missverständnis anzunehmen, dass dies eine Leistung des eigenen Ichs sei. Der Eindruck kommt dadurch zustande, dass man sich mit dem spontan erfolgten Prozess identifiziert. Aus diesen Überlegungen folgt, dass es eine Überforderung ist, von den Menschen zu verlangen, dass sie ihre Gefühle mithilfe des Denkens kontrollieren sollen.

Im alltäglichen Leben orientiert man sich ganz selbstverständlich an den Gefühlen. Deshalb ist die Empfehlung, auf die eigenen Gefühle zu hören, überflüssig. Man kann sowieso nichts anderes machen. Steht man unter dem Druck von Ersatzgefühlen, ist der Rat falsch, da er ein selbstschädigendes Verhalten noch unterstützen würde. In solchen Fällen wäre es besser, dem Ratsuchenden bewusst zu machen, dass er von schädlichen Gewohnheitsmustern geleitet wird und versuchen muss, sie durch nützlichere Gewohnheiten zu ersetzen. Insofern sollte die Redewendung, dass man auf seine Gefühle hören soll, sehr kritisch betrachtet werden!

Genauso problematisch ist es, wenn den Menschen geraten wird, »seinem Bauch zu folgen«, dass es aber gefährlich sei, »seinen Gefühlen blind zu vertrauen«. Solche Empfehlungen sind verwirrend, da sie eine doppelte Botschaft enthalten: Man soll seinen Gefühlen folgen, aber nur dann, wenn sie ungefährlich sind. Das Problem ist, dass die Gefährlichkeit wiederum nur von der organismischen Bewertung eingeschätzt werden kann. Denn das Denken, das keine Orientierung durch die Gefühle bzw. der in ihnen enthaltenen Bewertung erhält, hält sich an Vorurteile und neigt eher zur Vorsicht. Es kann nicht einschätzen, wie viel Gefahren in Kauf genommen werden können. Oft ist man bereit, ein höheres Risiko einzugehen, weil man genau weiß, dass sich nur so eine problematische Situation verändern lässt. Erst im Nachhinein zeigt sich, ob das Risiko richtig eingeschätzt wurde.

Es ist also eine Illusion zu glauben, seine Gefühle bewusst kontrollieren zu können. Wenn Gefühle abgelehnt werden und der Wunsch entsteht, sie zu kontrollieren, darf man nicht den Versprechungen der populärwissenschaftlichen Psychoberater Glauben schenken, dass man seine Gefühle kontrollieren könne, wenn es nur ernsthaft angestrebt wird. Wer es versucht, wird seine inneren Konflikte nur noch weiter verstärken, weil die unvermeidliche Enttäuschung bei der ausbleibenden Veränderung verdrängt werden muss.

3.3.3. Über die Gefühle nachdenken

»Wenn ihr's nicht fühlt, Ihr werdet's nicht erjagen.« (Goethe, Faust I)

»Das Große ist nicht, dies oder das zu sein, sondern man selbst zu sein.« (Sören Kierkegaard)

Häufig werden die körperlichen Symptome der Emotionen als Botschaften des Körpers verstanden, die entschlüsselt werden müssen. In vielen Psychotherapien wird geraten, auf die Botschaften des Körpers zu hören und in die körperlichen Signale hinein zu gehen. »Die Körperempfindungen gehören offensichtlich zu den Signalen, die dem Selbstsystem dabei helfen, sich zwischen früher schon einmal ausprobierten Handlungsoptionen zu entscheiden.«45 Da angenommen wird, dass die Emotionen die Handlungen anstoßen und ihre Zielrichtung festlegen, wird konsequent gefolgert, dass die körperlichen Signale eine wichtige Funktion im Entscheidungsprozess haben. So vertritt Antonio Damasio die These, dass die körperlichen Signale der Emotionen, die er somatische Marker nennt, die Genauigkeit von Entscheidungsprozessen erhöhen. »Somatische Marker nehmen uns das Denken nicht ab. Sie helfen uns beim Denken, indem sie einige (gefährliche oder günstige) Wahlmöglichkeiten ins rechte Licht rücken und sie rasch aus allen weiteren Überlegungen ausklammern46 Es wird also behauptet, dass die somatischen Signale eine bestimmte inhaltliche Bedeutung haben.

Wenn aber die körperlichen Signale bloß körperliche Begleiterscheinungen der Emotionen sind, die beim Aufbau des körperlichen Aktionsbereitschaftspotentials entstehen, dann ist die Annahme falsch, dass die Signale eine klare inhaltliche Botschaft enthalten und etwas bewirken können. Offensichtlich wird die Bedeutung der Signale falsch eingeschätzt. Da die Signale unzweifelhaft eine gewisse Bedeutung haben, ist zunächst zu klären, welche Funktion sie in der körperlichen Kommunikation haben.

Oben wurde bereits auf die Funktion der körperlichen Signale hingewiesen, den Lernprozess von neuen Bewegungen zu unterstützen, indem unphysiologische Bewegungen hervorgehoben werden. Eine andere wichtige Funktion wird beim Blick auf die physiologischen Signale des Hungers, des Durst, der Sexualität u.Ä. deutlich. Hier weisen die körperlichen Signale auf innere Ungleichgewichtszustände hin. Normalerweise werden sofort Handlungen eingeleitet, die auf die Befriedigung der entsprechenden Bedürfnisse abzielen, so dass die körperlichen Signale kaum ins Bewusstsein dringen. Wenn aber die Befriedigung aufgeschoben wird, rücken die körperlichen Signale immer stärker ins Zentrum des Bewusstseins, bis sie schließlich das ganze Bewusstsein für sich absorbieren. Daran wird deutlich, dass die körperlichen Signale die Funktion haben, darauf hinzuweisen, dass etwas für den Organismus Dringliches noch nicht erledigt worden ist. Diese Funktion gilt sicherlich auch für die emotionalen Signale. Wenn in einer Situation ein Gefühl wie z.B. die Wut über eine Kränkung nicht ausgedrückt wird, wird es sich weiterhin in Erinnerungen oder auch nur in körperlichen Signalen melden und darin erinnern, dass etwas noch nicht erledigt worden ist. Bei den Gefühlen ist es weit schwieriger als bei den physiologischen Bedürfnissen, an den körperlichen Signalen abzulesen, was unerledigt geblieben ist. Die Bedeutung der Signale ist nicht unmittelbar gegeben, sondern muss aus der Geschichte der dahinter stehenden Erfahrungen erschlossen werden. Es ist eine Interpretation erforderlich, die fehlerhaft oder falsch sein kann, weil sich in die Interpretation unbemerkt persönliche Überzeugungen, Theorien und übernommene Meinungen von anderen Menschen einschleichen.

Wenn von der Botschaft der körperlichen Signale die Rede ist, kann das nur soviel bedeuten, dass man sich die Frage stellen muss, welche seelischen Verletzungen in den Signalen nachwirken. Die körperlichen Signale enthalten zunächst nur die allgemeine Information, dass die Kraft gefehlt hat, eine Erfahrung in der Situation selbst zu bewältigen, so dass sie sich als seelische Verletzung festsetzen konnte. Sie zeigen an, dass bei den persönlichen Gewohnheitsmustern Defizite bestehen. Es kann deutlich werden, dass eine Kluft zwischen dem Idealbild von sich selbst und dem tatsächlichen Verhalten besteht. Welche Gewohnheitsmuster erforderlich sind, um mit belastenden Situation besser fertig zu werden, ergibt sich daraus nicht unmittelbar, sondern muss mit dem Denken gesucht und ausprobiert werden.

Die körperlichen Signale haben demnach keinen direkten mentalen Gehalt, der durch achtsame Hinwendung erfahren werden kann. Ihre Bedeutung ergibt sich nur daraus, dass sie in Bezug zu den Situationen gesetzt werden, in denen eine Handlung bzw. der Ausdruck von Gefühlen zurückgehalten wurde. Deshalb haben die Signale nicht von sich aus die Kraft, nach neuen Verhaltensmustern zu suchen. Ob das Wissen um fehlende oder unangepasste Gewohnheitsmuster die Bereitschaft öffnet, nach neuen Gewohnheitsmustern zu suchen, hängt davon ab, wie stark man unter den dysfunktionalen Gewohnheitsmustern leidet (siehe Kapitel Fehler: Referenz nicht gefunden.).

Demnach haben die körperlichen Signale in der Selbstregulation eines gesunden Menschen keine direkte Funktion. Es ist nicht erforderlich, ständig achtsam auf seine körperlichen Signale zu achten. Bereits kleinste Abweichungen vom Gleichgewichtszustand stoßen spontan das Denken an und regen an, was dagegen zu tun ist. Die Aufgabe der körperlichen Signale beginnt eigentlich erst, wenn man aus dem Gleichgewicht gefallen ist, weil bestimmte Handlungen nicht oder nur unzureichend ausgeführt werden konnten. Da dann die Sensibilität fehlt, die körperlichen Signale wahrzunehmen, bleiben die körperlichen Signale in der Regel unbeachtet.

Wenn man über seine Gefühle nachdenkt, spielt man im Grunde die einzelnen emotionalen Reaktionsmuster durch, die einem zur Verfügung stehen. Man vergegenwärtigt sich dabei eine Situation, die man mit gemischten Gefühlen durchlebt hat oder vor der man Angst hat, und prüft, mit welchen Reaktionen man bei den anderen Menschen rechnen muss. Das Nachdenken kommt erst zum Ende, wenn sich das Gefühl einstellt, dass man einen richtigen Weg gefunden hat, mit dem Problem umzugehen. Stand am Anfang des Nachdenkens die Angst, hilflos und unsicher zu sein, verringert sich die Angst in dem Maße, wie man sich vergewissert, dass man über Gewohnheiten verfügt bzw. neue Gewohnheiten entwickeln kann, um ängstigende Situationen aus eigener Kraft zu bewältigen.

Bei der Selbstreflexion der Gefühle geht es nicht darum, dass man sich von ihnen distanziert. Diese häufig zu hörende Empfehlung ist sinnlos, weil dabei vorausgesetzt wird, dass es hinter den eigenen Gefühlen und Gedanken ein Ich als »Zentrum reinen Selbstbewusstseins«47 gibt. »Ich habe Gefühle, aber ich bin nicht meine Gefühle48 Es ist unmöglich, einen Standpunkt außerhalb der Gefühle einzunehmen, da es eine solche Instanz nicht gibt (vgl. Kapitel Fehler: Referenz nicht gefunden.) Ebenso erweist sich die Annahme eines Geistes, der die Gefühle lenken kann, als ein Irrtum (siehe Kapitel Fehler: Referenz nicht gefunden. und Fehler: Referenz nicht gefunden.4.).

Es ist nicht zufällig, dass die Gefühle als wahr oder unwahr erlebt werden. Denn sie werden instinktiv daraufhin geprüft, ob sie ein Ausdruck der Basisemotionen sind. So kann z.B. ein Lächeln als unwahr erscheinen, weil es offensichtlich über Gefühle der Ablehnung oder Gleichgültigkeit hinwegtäuschen soll. Hass wird selten als wahr verstanden, auch wenn eine Übereinstimmung zwischen dem inneren Gefühl und dem Gefühlsausdruck besteht. Denn es wird unbewusst gespürt, dass hinter dem Hass andere Gefühle stehen, ohne zu wissen, dass sie aus unverarbeiteten seelischen Verletzungen stammen. Ein Gefühl wird als wahr empfunden, wenn es der Ausdruck von Basisemotionen ist, da dann eine Übereinstimmung zwischen dem inneren Gefühlszustand und dem Ausdruck besteht. Ersatzgefühle können nicht wahr sein, weil sie das Ergebnis einer Anpassung an die Bedürfnisse anderer Menschen sind. Die wahrhaftigen Gefühle werden oft auch als echt und die unwahren Gefühle als falsch bezeichnet. Offensichtlich verfügen die Menschen über ein sicheres Gespür, ob man den Gefühlen anderer Menschen trauen kann. Es ist deshalb nur berechtigt, von der Wahrheit der Emotionen zu sprechen, wenn es sich um Basisemotionen handelt.

Das Verhältnis zu seinen Gefühlen ist normalerweise nicht instrumentell geprägt. Man ist vollständig in seine Gefühle eingetaucht und weiß aus Erfahrung, dass es zwecklos ist, ein Gefühl manipulieren zu wollen, wenn es einmal da ist. Das hängt damit zusammen, dass die Emotionen auf körperlichen Bewertungsprozessen basieren und deshalb ein Werk des ganzen Organismus sind. Gleichwohl kann man sagen, »dass wir unsere Gefühle selber erzeugen«49, wie es Robert Solomon mit Nachdruck formuliert. Aber das darf nur so verstanden werden, dass die Emotionen als Aspekte von Bewertungsprozessen stets Ausdruck der gesamten Person sind und sich deshalb auch im Ichgefühl niederschlagen. Im Grunde ist die Frage, ob wir die Gefühle selber machen oder von ihnen abhängig sind, falsch gestellt. Diese Frage hätte nur einen Sinn, wenn es eine innere eigenständige Ich-Instanz geben würde.

Wie oben dargestellt, beruht die Möglichkeit, über seine Gefühle nachzudenken, auf der motorischen Selbstreflexivität der Bewegung. Da die Emotionen aus Bewegungen bestehen, kann bei ihnen geprüft werden, ob und inwieweit mit ihnen ein angestrebtes Ziel erreicht wird. Wer allerdings Angst hat, sich nicht wirksam für seine eigenen Bedürfnisse und Interessen einzusetzen zu können, ist wenig bereit, über seine Gefühle nachzudenken. Seine Beschäftigung mit den Gefühlen besteht lediglich im Grübeln und darin, die Schuld für die negativen Gefühle anderen Menschen zuzuschieben. Deshalb kann sich die Fähigkeit, über seine Gefühle nachzudenken, nur entwickeln, wenn man relativ wenig Angst hat, seine Gefühle uneingeschränkt auszudrücken.

3.3.4. Den Gewohnheiten ausgeliefert?

»Es ist und bleibt ein Glück, vielleicht das Höchste, frei atmen zu können.« (Theodor Fontane)

Wenn davon auszugehen ist, dass das Handeln überwiegend aus den Gewohnheiten hervorgeht, wird nach den gängigen Denkmustern behauptet, dass es von den Gewohnheiten determiniert wird. Es wird angenommen, dass Handeln aus Gewohnheiten macht unfrei und dass Gewohnheiten Freiheit ausschließen. Beim Thema Freiheit gehen die Philosophen davon aus, dass die Menschen die unerschütterliche Überzeugung haben, dass sie einen freien Willen haben. Diese Überzeugung beruhe auf dem Erlebnis der Freiheit. »Wir erleben, dass wir uns entscheiden, etwas zu tun, und es dann auch tun. Es gehört zu unseren bewußten Erlebnissen, dass wir die Ursache unserer Entscheidungen und Handlungen in Formen von Gründen für diese Entscheidungen und Handlungen als nicht hinreichend dafür erleben, dass sie die tatsächlichen Entscheidungen und Handlungen zwingend nötig machen.... Es gehört zu diesem Erlebnis, daß man das Gefühl hat, einem stehen alternative Wahlmöglichkeiten offen50 Der freie Wille wird als etwas Reales erlebt. Er wird nur dann als eingeschränkt erlebt, wenn man durch andere Menschen daran gehindert wird, beabsichtigte Handlungen umzusetzen. Aber das ändert nichts an dem Gefühl, dass der Wunsch zu dieser verhinderten Handlung als ein Ergebnis des freien Willens erscheint.

Zugunsten der Willensfreiheit wird in der Regel das Argument vorgebracht, dass die Menschen nur dann moralische Verantwortung für ihr Handeln übernehmen können, wenn sie auch frei sind. Wenn alles vorherbestimmt ist, wäre der Appell an die Verantwortung sinnlos. Ohne Freiheit gäbe es also keine Verantwortung. Diese Argumentation erscheint nur deshalb schlüssig, weil von einem falschen Begriff der Verantwortung ausgegangen wird. Verantwortung wird als moralische Verpflichtung verstanden. Wenn jemand die Werte verletzt, kann an die Verantwortung appelliert werden. Die Erfahrung zeigt aber, dass solche moralischen Appelle nichts bewirken. Das lässt Zweifel am Konzept der moralischen Verantwortung aufkommen.

Den philosophischen Befürwortern der Willensfreiheit ist die Einsicht entgegenzuhalten, dass die Aussage, das menschliche Handeln sei frei, bereits deshalb schon problematisch ist, weil damit die Grenzen des menschlichen Denkens überschritten werden. Wie später am Beispiel des Begriffs der Seele gezeigt werden soll, sind alle Begriffe über seelisch-geistige Phänomene mentale Konstruktionen, denen keine Substanzen, sondern allenfalls bestimmte innere Erfahrungen entsprechen. Die Menschen stehen vor dem Problem, dass es für die inneren psychischen Prozesse keine eindeutig zuordenbaren Begriffe gibt, so dass sie aus anderen Bereichen übertragen werden oder willkürlich festgelegt werden müssen. Denn das Denken hat sich entwickelt, um das praktische Handeln zu unterstützen. Wenn aber das Denken die Fähigkeit zu objektiven Aussagen über die Natur beansprucht, maßt es sich Fähigkeiten an, die es nicht besitzt.51 Außerdem ist es fraglich, ob es berechtigt ist, sich auf das angeblich untrügliche Gefühl zu berufen, dass man frei handeln könnte. Solche Gefühle sind kulturell vermittelt. Wahrscheinlich ist das Problem der Willensfreiheit erst entstanden, nachdem der menschliche Organismus in die unterschiedlichen Bereiche von Körper, Seele und Geist aufgespalten wurde.

Zum anderen konnte bisher nicht befriedigend geklärt werden, was der Wille ist. So hat der Philosoph Ludwig Wittgenstein den Verdacht geäußert, dass der Wille nicht vor oder hinter der Handlung, sondern das Handeln selbst ist. Vermutlich wird beim Postulat des Willens der Fehler gemacht, dass ein innerer Prozess zum Willen personalisiert wird. Wenn man z.B. erfährt, dass sich im Inneren Antriebe bilden, etwas anzustreben, ist dies ein unerklärliches Phänomen. Es wird versucht, dieses Phänomen damit zu verstehen, dass eine innere Willensinstanz angenommen wird. Dabei wird die Erfahrung benutzt, dass alles, was geschieht, eine Ursache hat. Es spricht vieles dafür, dass der Wille nur ein Ausdruck für die Erfahrung ist, dass sich die inneren Antriebsimpulse von selbst einstellen und man sich mit ihnen in der Regel spontan identifiziert. Der Begriff des Willens ist aus der hier entwickelten Sicht nur ein hilfsweiser Ausdruck für die motivierende Kraft der somatischen Bewertungen.

Das Handeln in Kenntnis von Alternativen wird von vielen Philosophen als Bedingung der Freiheit angesehen. Beim Handeln spielt aber das Gefühl, dass man auch anders hätte handeln können, überhaupt keine Rolle. Solange man zu Beginn einer beabsichtigten Handlung noch unsicher ist, besteht wohl der Eindruck, dass verschiedene Wege möglich sind. Wenn man sich aber entschieden hat, ist man überzeugt davon, dass dies die einzig richtige Entscheidung ist. Denn den Alternativen fehlt das Gefühl der Gewissheit und Überzeugung. Je bewusster eine Entscheidung getroffen wird, umso mehr schmilzt der Raum für Alternativen zusammen. Die Alternativen erweisen sich so stets als nicht gleichberechtigte Optionen. Aufgrund der persönlichen Bewertungen hat man immer Präferenzen für die getroffene Entscheidung. Da man sich bei den Gewohnheiten der persönlichen Gründe kaum bewusst ist, kann hier leicht der Eindruck entstehen, dass man auch anders hätte handeln können. Vermutlich haben neben dem kulturellen Vorurteil, dass man immer auch anders handeln könnte, die Gewohnheiten erheblich zu dem Gefühl beigetragen, dass man frei handeln kann.

Die Diskussion der Willensfreiheit ist auch deshalb noch nicht zum Abschluss gekommen, weil stets von der problematischen Annahme ausgegangen wurde, dass das moralische Handeln aus Einsicht erfolgen sollte. Seit Sokrates gilt tugendhaftes Handeln als ein kühles unbetroffenes Abwägen von Vor- und Nachteilen. Seitdem wird systematisch geleugnet, dass das Handeln nicht primär aus Wissen und Einsicht, sondern aus den emotionalen Bewertungen hervorgeht und dass die mentalen Begründungen nicht die Ursachen, sondern in der Regel nur aufgesetzt sind.

In die kontroverse Diskussion um die menschliche Willensfreiheit hat sich in den letzten Jahren die Gehirnforschung mit der Behauptung lautstark zu Wort gemeldet, dass die Vorstellung des freien Willens eine Illusion sei. Viele Gehirnforscher behaupten, dass das Gefühl, eine Entscheidung getroffen zu haben, nicht mehr als Einbildung ist. »Neurobiologisch gesehen gibt es keinen Raum für Freiheit«, sagt Wolf Singer, Direktor des Max-Planck-Instituts für Hirnforschung in Frankfurt/Main. »Das, was wir als freie Entscheidung erfahren, ist nichts als eine nachträgliche Begründung von Zustandsveränderungen, die ohnehin erfolgt wären52 Als Beweis wird die Beobachtung von Benjamin Libet herangezogen, dass die Gehirnzentren, in denen die Entscheidungen vorbereitet werden, 300 – 500 Millisekunden früher aktiv werden, bevor die Entscheidung ins Bewusstsein tritt. Offensichtlich werden die Entscheidungen zunächst unbewusst vorbereitet, bevor sie ins Bewusstsein treten. Dafür spricht auch die Beobachtung, dass Patienten, die z.B. im motorischen Zentrum für die Armbewegung elektrisch gereizt werden, spontan den Arm heben. Werden sie befragt, warum sie den Arm gehoben haben, antworten sie, dass sie es so gewollt haben.

Dieser Widerspruch zwischen den naturwissenschaftlichen Erkenntnissen und der subjektiven Gewissheit ist eine Herausforderung, darüber nachzudenken, was einerseits die subjektive Gewissheit bedeutet, frei zu handeln, und ob die Forschungsergebnisse wirklich zuverlässig sind. Auf der subjektiven Seite ist zu bedenken, dass die gängigen Theorien immer schon in die Selbsterfahrung eingehen. Wenn man immer wieder hört, dass der Wille frei sei, verändert das natürlich die Selbstwahrnehmung. Alle Erfahrungen, die auf das Gegenteil hinweisen, werden ausgefiltert, damit man im Einklang mit den kulturellen Dogmen bleibt. Wenn ein Kind immer wieder hört: »Tu das nicht, sonst mache ich ...!«, wird es daraus schließen, es habe die Freiheit, Entscheidungen zu treffen. Es ist deshalb fraglich, ob man sich auf die subjektive Gewissheit verlassen kann, wenn sie so leicht von außen beeinflusst werden kann.

Auf der anderen Seite leiten sich die Thesen der Gehirnforscher nicht zwingend aus den Forschungsergebnissen ab, sondern stellen lediglich Interpretationen von Beobachtungen dar. Es liegt der Verdacht nahe, dass hier das deterministische Vorurteil, das nach wie vor bei den Naturwissenschaftlern vorherrschend ist, auf die Beobachtungen projiziert wird. Man könnte also argumentieren, dass die angeblich objektiven Erkenntnisse der Gehirnforscher bloß mentale Konstruktionen sind.

Aus der Sicht der Gewohnheiten ergibt sich eine alternative Interpretation für das Phänomen, dass bereits vor dem Bewusstwerden von Handlungsabsichten neuronale Aktivitäten zu messen sind. Eine Aktion beginnt damit, dass sie von einem Bedürfnis angestoßen wird. Das kann z.B. ein Käfer sein, der auf dem Tisch herumkrabbelt und beim Nachdenken stört. Aus der Erfahrung weiß man, wie der Käfer erfolgreich verjagt werden kann. Bevor die Handlung freigegeben wird, prüfen die Sinnesorgane die Umstände der Situation. Anhand der Größe des Käfers wird entschieden, ob dazu ein Papiertaschentuch oder etwas Größeres verwendet werden soll. Die Sinnesorgane haben also die Funktion, die Besonderheiten der Situation wahrzunehmen, damit das Handeln optimal daran angepasst werden kann. Diese Prüfung erfolgt zunächst unbewusst. Wenn im Verhaltensrepertoire mögliche Bewegungsmuster so abgespeichert sind, dass sie flexibel an unterschiedliche Situationen angepasst werden können, wird die Wahl des Bewegungsmusters unbewusst festgelegt. Wenn sich der Organismus sicher ist, dass das gewählte Programm zum Ziel führen wird, wird der Vollzug der Bewegung freigegeben. Die Phase des Denkens im Handlungskreis kann übersprungen werden. Es findet sozusagen ein Kurzschluss statt. Das ist keine Störung, sondern ist mit dem Bestreben des Organismus zu erklären, das Handeln möglichst ökonomisch und schnell durchzuführen. Das bewusste Denken tritt erst ins Spiel, wenn festgestellt wird, dass im Verhaltensrepertoire keine geeigneten Bewegungsmuster vorhanden sind.

Der Zeitraum zwischen der Wahrnehmung des störenden Käfers und der Aktion bzw. der bewussten Zielwahrnehmung hat offensichtlich die Funktion, den Organismus auf die Aktion vorzubereiten. Wie oben dargestellt wurde, muss sich der Organismus auf jede Handlung vorbereiten und alle erforderlichen Teilsysteme wie Kreislauf, Atmung und Hormonsystem auf die Handlung einstellen. Der zeitliche Vorlauf kann also als ein Zeichen dafür verstanden werden, dass der Organismus die Tendenz hat, Situationen mit seinem erlernten Bewegungsrepertoire zu bewältigen und dass die dazu erforderliche Vorbereitung unbewusst verläuft. Das ist aus der Erfahrung hinlänglich bekannt und hat bisher nie dazu geführt, dass daran gezweifelt wird, ob man wirklich der Akteur seiner Handlungen ist.

Aus den Untersuchungen der Gehirnforschung ergibt sich somit keineswegs, dass damit das Thema der Willensfreiheit erledigt ist. Es stellt sich die Frage, warum so heiß und erbittert Argumente dafür gesucht werden, die Willensfreiheit zu verteidigen oder infrage zu stellen. »Ich weiß ehrlich nicht, was die Leute meinen, wenn sie von der Freiheit des menschlichen Willens sprechen«, sagte Albert Einstein. »Ich spüre, dass ich meine Pfeife anzünden will, und tue das auch; aber wie kann ich das mit der Idee der Freiheit verbinden? Was liegt hinter dem Willensakt, dass ich meine Pfeife anzünden will? Ein anderer Willensakt?«53 Um Einsteins Zweifel zu klären, soll im Folgenden untersucht werden, welche Rolle die Verantwortung im Handeln hat, weil dieser Begriff im Mittelpunkt der philosophischen Verteidigung der Willensfreiheit steht.

Wenn die Menschen zur Verantwortung gezogen werden, weil sie eine Regel verletzt haben, bedeutet dies, dass sie gezwungen werden, sich mit dieser Regelverletzung als persönlichem Fehlverhalten zu konfrontieren. Es geht nicht um Einsicht, sondern um sozialen Druck. Emotionen, die zu dem Fehlverhalten geführt haben, sollen neu geordnet werden. Das ist die eigentliche Absicht hinter der Verantwortung. Das wird bei kleinen Kindern deutlich. Wenn sie ermahnt werden, sich auf eine bestimmte Weise zu verhalten, wird nicht an ihre Einsicht appelliert, sondern soll mit Lob und Tadel ihr Verhalten in die gewünschte Richtung gedrängt werden. Eltern würden deshalb ihre Intervention völlig falsch verstehen, wenn sie unterstellen würden, dass das Kind die Freiheit hat, sich über die Regeln hinwegzusetzen. Das Kind hält die Regeln deshalb nicht ein, weil es sie entweder noch gar nicht kennt und/oder noch nicht die Fähigkeit erworben hat, sie in konkretes Handeln umzusetzen. Auch bei Erwachsenen kann davon ausgegangen werden, dass Regelverletzungen daraus erwachsen, dass die Regeln noch nicht oder nicht mehr in den Emotionen verankert sind. Schuldvorwürfe sind wenig hilfreich, wenn es darum geht, mangelnde oder fehlende Erziehung auszugleichen.

Verantwortung ist also nicht als Verpflichtung gegenüber allgemeinen Werten zu verstehen, wie es in der Regel interpretiert wird, sondern sie ist vielmehr eine Verpflichtung gegenüber sich selbst, die eigenen Gefühle zu akzeptieren und die Verantwortung nicht bei anderen zu suchen. Man soll die Folgen des eigenen Handelns auf sich nehmen und den anderen das Recht zugestehen, sich zur Wehr zu setzen, wenn sie durch das eigene Verhalten verletzt werden. Wie der Begriff Ver-antwort-ung sagt, soll man sich selbst antworten und das fehlerhafte Verhalten korrigieren. Wenn also Menschen das Gefühl haben, dass sie für die Art und Weise, wie sie leben, die Verantwortung haben, dann liegt das daran, dass sie sich der Einflussnahmen und Erwartungen anderer Menschen bewusst sind, und versuchen, sie in ihrem Verhalten zu berücksichtigen.

Der Begriff der moralischen Verantwortung ist äußerst problematisch, weil er dazu führt, dass das Verhalten anderer Menschen an äußeren Wertmaßstäben gemessen wird, anstatt dass zunächst versucht wird, ihr Verhalten zu verstehen. Jedes Fehlverhalten wird als Ausdruck eines bösen Willens verstanden. Wenn die Regeln der sozialen Gemeinschaft oder die kulturellen Werte verletzt werden, ist deshalb die Gemeinschaft berechtigt, den Einzelnen zur Verantwortung zu ziehen, ihn zu bestrafen und von ihm Wiedergutmachung zu verlangen. Dieses Verständnis individueller Schuld wird der menschlichen Natur nicht gerecht, weil vieles dafür spricht, dass die Regelverletzung nicht absichtlich oder sogar aus bösem Willen geschieht. Normalerweise haben die Menschen ein vitales Interesse daran, mit anderen Menschen harmonisch verbunden zu sein. Wenn dies nicht gelingt, ist das die Folge von persönlichem Leiden, falsch gelernten Gewohnheiten oder Entwicklungsstörungen, so dass man nicht die Chance hatte, die Regeln mit den eigenen Emotionen zu verbinden. Es spricht vieles dafür, dass Regelverletzungen nie aus »bösem Willen«, sondern immer aus emotionalem Zwang aufgrund von emotionalen Verletzungen resultieren.

Die Neigung, andere Menschen moralisch zur Verantwortung zu ziehen, moralische Appelle an sie zu richten, sie anzuklagen oder zu bewerten, wird der zwischenmenschlichen Verantwortung nicht gerecht. Die Erfahrung zeigt, dass in der Regel damit nichts erreicht wird. Vielmehr wird dadurch der Kontakt zu den anderen Menschen eher noch erschwert. Denn offensichtlich wird mit den moralischen Appellen nicht das Ziel verfolgt, den anderen zu verbessern. Insgeheim wird er als Sündenbock für die eigenen unverarbeiteten Enttäuschungen und Verletzungen verfolgt und bestraft, um die eigenen Ängste zu bewältigen. Das diesem Verhalten zugrunde liegende Denken kann deshalb als moralistisch bezeichnet werden, da das Moral für andere Zwecke missbraucht wird.

Das moralistische Denken fällt auf die eigene Person zurück, weil man dazu neigt, sich genauso viel Gewalt wie anderen anzutun. Man wertet sich selbst ab, wenn man an sich selbst Abweichungen von den Idealvorstellungen beobachtet, oder der Widerspruch mit den eigenen moralischen Idealen wird einfach verleugnet. Moralistisches Denken hängt offensichtlich damit zusammen, dass die geistig-gefühlsmäßige Kraft fehlt, sich einzugestehen, dass man sich für seine Gefühle selbst entschieden hat. Deshalb sind Appelle an die moralische Verantwortung des Einzelnen sinnlos. Auch »besseres Denken« oder »mehr Einsicht« helfen nicht weiter, weil sie nichts am Mangel an seelischer Kraft ändern können. Solange man an der Überzeugung festhält, dass es objektive Werte gibt, wird man sich und anderen Menschen Gewalt antun.

Aus diesen Überlegungen folgt, dass die Willensfreiheit nicht mit dem Argument gerettet werden, dass moralische Verantwortung ohne Freiheit undenkbar ist. Das Konzept der Verantwortung ist nicht geeignet, das ethische Handeln zu verstehen. Vielmehr ist davon auszugehen, dass es aus erlernten emotionalen Gewohnheiten hervorgeht. Man kann nur sicher handeln, wenn man die Chance hatte, die geltenden Regeln des Miteinanders zu erlernen, so dass man sich auf automatisierte Gewohnheiten stützen kann und nicht jedes Mal neu entscheiden muss, was das richtige Handeln wäre. Aus der Sicht eines Beobachters kann das Verhalten als eine Resultante aus den Bedingungen der jeweiligen Situation und den erlernten Gewohnheiten erscheinen. Aber aus der Sicht des Handelnden selbst erscheint das eigene Verhalten nicht als festgelegt. Das liegt einerseits daran, dass man sich mit den eigenen Zielen identifiziert, und dass man andererseits in jeder Phase prüft, ob das Handeln noch der aktuellen Wahrnehmung der Situation angemessen ist, und man dementsprechend jederzeit bereit ist, das Handeln gegenüber der ursprünglichen Absicht zu ändern. Man bleibt offen für Argumente, wie man eine Bewegung besser gestalten kann. Bewegungen laufen also im Idealfall nicht mechanisch ab, sondern passen sich an die wechselnden Bedingungen der Umwelt an. Wenn dies nicht gelingt und die Gewohnheiten »mit einem durchgehen«, hat man meistens ein deutliches Gespür dafür und sagt dann, dass man zum Sklaven der eigenen Gewohnheiten geworden ist. Meistens wird es einem auch von der Umwelt zurückgespiegelt, dass man nicht situationsgerecht gehandelt hat.

Aus meiner Sicht ist die Frage falsch gestellt, ob das Handeln frei oder determiniert sei. Diese Frage entstand durch die falsche Übertragung des politischen Freiheitsbegriffs auf das geistig-gefühlsmäßige Innenleben. Hier macht der Begriff der Freiheit keinen Sinn, weil er voraussetzt, dass es eine innere Führungsinstanz gibt, die frei oder unfrei sein kann. Im traditionellen Denken war es der Körper mit seinen Gefühlen, gegenüber dem der Geist seine Freiheit durchsetzen soll. Aber wenn gezeigt werden kann, dass die Annahme der Existenz des Geistes nicht zu halten ist und dass die persönlichen Gewohnheitsmuster ein zentraler Bestandteil der Identität sind, dann wird das Konzept der Freiheit brüchig. Es ist deshalb auch falsch, die neuronalen Prozesse als determiniert zu bezeichnen und daraus abzuleiten, dass die Menschen von ihrem Gehirn gesteuert werden. Der Begriff Determinismus hat nur Sinn in der polaren Entgegensetzung zum Freiheitsbegriff. Da er aber beim Menschen nicht sinnvoll verwendet werden kann, sollte auch der Begriff Determinismus vermieden werden.

Im Handeln identifiziert man sich spontan mit den Emotionen und den mit ihnen verbundenen Bewertungen. Schließlich ergeben sie sich aus der individuellen Vorgeschichte und aus der Bewertung der aktuellen Situation. Sie werden deshalb nicht als ein innerer Zwang erlebt, dem man gehorchen muss. Dass die Emotionen spontan kommen, stellt überhaupt kein Problem dar, da sie Sicherheit und Orientierung geben. Man ist deshalb bereit, den eigenen Gefühlen zu vertrauen. Dieses Vertrauen kann allerdings erschüttert werden, wenn aufgrund von emotionalen Verletzungen Ersatzgefühle gebildet wurden, die zu einem Handeln führen, das nicht im harmonischen Einklang mit der sozialen Gemeinschaft steht. Sicherlich haben die Ersatzgefühle wie Ressentiment, Neid, Hass oder Eifersucht dazu geführt, dass die Emotionen insgesamt diskriminiert wurden. Aber damit wurde sozusagen das Kind mit dem Bad ausgeschüttet.

Oben wurde dargestellt, dass die Ersatzgefühle stets mit einer verstärkten Anpassung an die Emotionen anderer Menschen einhergehen (siehe Kapitel Fehler: Referenz nicht gefunden.). Ersatzgefühle bedeuten immer die Bereitschaft, sich von anderen Menschen fremdbestimmen zu lassen. Jetzt wird verständlich, warum die Frage der Willensfreiheit ein so brennendes Problem für viele Menschen darstellt. Intuitiv wird gespürt, dass man die eigene emotionale Autonomie teilweise oder vollständig aufgegeben hat. Man ist unfrei, weil man sich selbst unfrei gemacht hat. Dieser Verrat an sich selbst weckt Schuldgefühle. Es besteht eine starke Neigung, diesen inneren Riss zu verleugnen. Dafür muss auch die philosophische Theorie der Willensfreiheit herhalten. Das Postulat der Willensfreiheit hat den Nutzen, dass man das Gefühl des Selbstverrats zudecken und an der Fiktion festhalten kann, dass das im Leben Versäumte jederzeit nachgeholt und dass das Leben prinzipiell revidiert werden kann.

Die Dringlichkeit des Problems der Willensfreiheit besteht demnach darin, dass es eigentlich den Finger auf die Wunde legt, die durch emotionale Verletzungen entstanden ist. Es geht um den selbst herbeigeführten Verlust an emotionaler Autonomie. Die Anpassung an die Emotionen anderer Menschen – Eltern, Chef, Ehepartner u.a. – sollte ursprünglich vor den eigenen Emotionen schützen, sie hat sich aber als eine chronische Unselbständigkeit und Fremdbestimmtheit in die Charakterstruktur eingebrannt. Das Problem der Willensfreiheit ist demnach kein theoretisches, sondern ein praktisches Problem. Es verlangt die Auflösung des Gewohnheitsmusters, sich mehr an den Erwartungen anderer Menschen als an den eigenen Emotionen zu orientieren. Deshalb ist es für den Handelnden unwichtig, ob seine Entscheidungen frei oder determiniert sind. Sein Selbstgefühl wird dadurch geprägt, ob er mit seinen eigenen Impulsen einverstanden ist oder sich von ihnen überwältigt fühlt. Auch wenn er sich überwältigt fühlt, fühlt er sich nicht als unfrei, da er tief im Inneren weiß, dass er diese Abhängigkeit selbst gewollt hat.

Insofern geht es an der geistig-gefühlsmäßigen Realität vorbei, wenn das Gefühl der Willensfreiheit als Illusion bezeichnet wird. Das Begriffspaar von Freiheit und Determinismus ist ungeeignet, das Handeln zu begreifen. Es geht nicht um Freiheit, sondern um die Fähigkeit, seine Gefühle ohne Angst zu entwickeln und auszudrücken. Man hat erst Anlass, sich als unfrei zu fühlen, wenn spontan auftauchende Entscheidungen Angst auslösen. Dann tritt ein Riss in den eigenen Gefühlen auf. An die Stelle der bruchlosen Identifikation mit den Gefühlen tritt das Bemühen, Gefühle abzuwehren und zu verleugnen. Aus Angst entstehen Gewohnheitsmuster, die mit der Erfahrung der inneren Entfremdung verbunden sind. Jetzt erst hat man das Gefühl, von etwas Fremden angetrieben zu werden. Fälschlicherweise werden »materialistische« und ähnliche Konzeptionen vom Menschen dafür verantwortlich gemacht. Der »Verlust an Person« geschieht aber in Wirklichkeit nicht durch eine Konzeption, die dem Menschen die Fähigkeit zur freien Entscheidung oder zum reflektierenden Denken abspricht, sondern dadurch, dass aus Angst vor möglichen Sanktionen und Nachteilen der Ausdruck der eigenen Gefühle blockiert wird.

Man fühlt sich unfrei, wenn die inneren Signale der Unstimmigkeit, die Mängel im eigenen Verhalten melden, aus Angst nicht wahrgenommen werden. Dadurch geht die Fähigkeit verloren, sein Verhalten an wechselnde Verhältnisse anzupassen und kreative Antworten auf Herausforderungen, für die man noch keine fertigen Antworten hat, zu finden. Das drückt sich in geschwächtem Selbstvertrauen aus.

Die Denkgewohnheit, das Verhältnis zu den Gefühlen mit den Begriffen frei oder determiniert zu bestimmen, hat zur Konsequenz, dass angenommen wird, dass die Menschen keine Verantwortung für ihre emotionalen Gewohnheiten haben. Aus den bisherigen Überlegungen geht hervor, dass diese Betrachtungsweise falsch ist. Sie übersieht, dass den emotionalen Mustern eine Entscheidung zugrunde liegt, die im Prinzip jederzeit wieder rückgängig gemacht werden kann. Wie unten dargestellt wird, sind dafür allerdings einige Bedingungen erforderlich (siehe Kapitel Fehler: Referenz nicht gefunden.). An dieser Stelle ist festzuhalten, dass die Chance, emotionale Gewohnheiten zu verändern, erheblich verschlechtert wird, wenn man sich vor einer Veränderung der Gewohnheiten mit dem Argument schützt, dass man nicht für sie verantwortlich ist.

Damit verliert die traditionelle Dichotomie von frei und determiniert ihre frühere Bedeutung. Die geistig-gefühlsmäßigen Regungen, die sich als Antwort auf eigene Erfahrungen einstellen, werden durchaus als sinnvoll erlebt. In der Selbsterfahrung identifiziert man sich mit den inneren Regungen, weil sie als richtige Reaktionen erlebt werden. Da man ständig erfährt, dass sich viele Entscheidungen von selbst einstellen, bildet sich das Vertrauen heraus, dass man sich auf sich selbst verlassen kann. So wie das Sehen völlig anstrengungslos abläuft, wenn es nicht durch den Wunsch, nicht genau hinzuschauen, eingeschränkt wird, so laufen auch die Entscheidungsprozesse völlig mühelos ab, wenn die Kraft vorhanden ist, sich den eigenen Gefühlen zu stellen und sie auszudrücken. Wenn man sich ohne Einschränkung mit ihnen identifiziert, wird es nicht als Unfreiheit empfunden, wenn sie sich von selbst einstellen. Schließlich sind sie Ausdruck der eigenen inneren Natur.

Wahrscheinlich liegt die schwierige Haltung gegenüber den Gefühlen auch darin begründet, dass die sprachliche Grammatik eine Entscheidung für aktive oder passive Haltung gegenüber den Gefühlen erzwingt. Da die Gefühle nicht aktiv gemacht werden, neigt das menschliche Denken dazu, daraus zu schließen, dass man ihnen passiv ausgeliefert sei. Aber diese Schlussfolgerung widerspricht der Erfahrung. Denn im Normalfall identifiziert man sich mit den Gefühlen und betrachtet sie als etwas Eigenes. In der Erfahrung ist also das Verhältnis zu den Gefühlen weder aktiv noch passiv geformt. Offensichtlich erzwingt die Struktur der Grammatik Unterscheidungen, die die Realität der Gefühle vergewaltigen.54

3.4. Zusammenfassung

Gefühle sind im Kern körperliche Bewegungsmuster, die mit einem bestimmten Zweck verbunden sind. Sie strukturieren die zwischenmenschliche Kommunikation und da sie diese Aufgabe am besten erfüllen, wenn sie gewohnheitsmäßig ablaufen, besteht ein großes Interesse daran, sie als feste Gewohnheiten einzurichten. In den Gefühlen wird erfahren, welche Qualität der Kontakt zu anderen Menschen hat. Negativ bewertete Gefühle weisen auf Konflikte, Dissonanzen und Unzufriedenheit hin. Sie sind keineswegs unnütz, da sie als ein Schutz vor der Wiederholung von emotionalen Verletzungen festgehalten werden. Sie enthalten die Aufforderung, die in ihnen verborgenen Ängste zu bewältigen.

Es erweist sich als eine Fehleinschätzung der Gefühle, wenn angenommen wird, dass sie die Bewertung vornehmen, was als nützlich oder schädlich erscheint. Gefühle sind keine eigenständigen Faktoren, sondern sind auf der Körperoberfläche wahrnehmbare Signale und Zeichen für tiefer liegende Bewertungsprozesse. Sie werden zum Problem, wenn sie sich nicht aus den Basisemotionen der Liebe, Freude, Wut und Trauer hervorgehen und man sich aus Angst vor Strafe auf die Erwartungen anderer Menschen fixiert. Dadurch wird ein lähmender innerer Konflikt aufgebaut. Das Selbstvertrauen, das auf dem Vertrauen in die eigenen Impulse gründet, wird untergraben. Die Folgen sind Unsicherheit, Unentschlossenheit und Selbstabwertung.

Das Phänomen, dass die Gefühle eine subjektive Erfahrung bilden, die scheinbar mit nichts in der körperlichen Realität vergleichbar ist, hat immer wieder dazu verleitet, in der subjektiven Erfahrung eine eigenständige Welt – die »geistige Welt« – zu sehen. Wenn man aber davon ausgehen kann, dass sich im Grunde jede menschliche Bewegung dadurch auszeichnet, dass sie körperlich vollzogen und gleichzeitig innerlich erlebt wird, gerät die Idee der »geistigen Welt« in ein anderes Licht. Zu jeder Bewegung gehört, dass sie auf ein Ziel gerichtet ist und damit eine Bedeutung hat, die innerlich erfahren wird. Deshalb sind Gefühle, Gedanken, Absichten und Bedeutungen nichts Außergewöhnliches, sondern gehören zur natürlichen Ausstattung des menschlichen Körpers.

4. Denkgewohnheiten

»Ich denke sowieso mit dem Knie.« (Joseph Beuys)

Das Denken scheint wenig mit den Gewohnheiten zu tun zu haben. Allenfalls wird zugestanden, dass stereotype Denkweisen, wie sie in Standpunkten, Überzeugungen, Vorurteilen u.Ä. zum Ausdruck kommen, auf Gewohnheiten basieren. In diesem Kapitel soll die These diskutiert werden, dass sich das ganze Denken der Gewohnheitsbildung verdankt. Denken ist nicht nur mit Gewohnheiten durchsetzt, sondern ist ohne Gewohnheiten gar nicht möglich. Es wird argumentiert, dass sich die Bedeutung der Gewohnheiten für das Denken daraus ergibt, dass die Bausteine des Denkens vorgestellte Bewegungen sind, die gewohnheitsmäßig ablaufen können. Im Folgenden soll deshalb geprüft werden, inwieweit sich die geistigen Aktivitäten in natürliche Bewegungsprozesse übersetzen lassen.

4.1. Das motorische Prinzip des Denkens

»Bewegung ist die Sprache des Menschen. Über alle äußeren Zwecke hinaus ist sie das Instrument, mit dem er äußert, was in ihm lebt und wirkt. Es gibt kein anderes Mittel, durch das der Mensch dem Menschen vernehmlich wird.« (Dore Jacobs)

Das Denken gilt als eine einzigartige menschliche Eigenschaft, die die Menschen aus der übrigen Natur heraushebt. Aber es ist nach wie vor ein ungelöstes Rätsel, was eigentlich das Denken ist und wodurch es möglich geworden ist. Die bisherigen Erklärungen des Denkens als Ausdruck des Geistes, des Ichs, der Vernunft u.Ä. sind nicht befriedigend, da diese Instanzen nicht weniger rätselhaft sind als die Seele selbst, die ursprünglich das Denken erklären sollte. Meistens wird das Denken als eine Verknüpfung von inneren Vorstellungen verstanden. Dabei bleibt jedoch die Frage offen, woher das Denken die Regeln nimmt, nach denen die Vorstellungen miteinander verknüpft werden.

In den letzten Jahrzehnten wurde von der Gehirnforschung eine rationale Erklärung des Denkens auf die Gehirnneurologie erwartet. Doch es macht sich immer mehr Ernüchterung breit, weil sich die Erkenntnisse der Gehirnforschung darin erschöpfen, welche Gehirnpartien am Denken beteiligt sind. Damit wird wenig über das Wesen des Denkens ausgesagt. Die Behauptung vieler Gehirnforscher, dass das Gehirn nichts anderes als Bewegungen organisieren kann, scheint immerhin ein interessanter theoretischer Ansatzpunkt zu sein. »Der Neurophysiologe Roger W. Sperry ist zu der Schlussfolgerung gelangt, dass die einzige Leistung der Gehirnfunktionen in muskulärer Koordination besteht55 Es spricht viel dafür, dass das Gehirn primär ein motorisches System ist und dass alle Teilfunktionen letztlich darauf ausgerichtet sind, Bewegungen zu organisieren. Auch die Verarbeitung von Sinnesinformationen steht eindeutig im Bezug zu beabsichtigten Bewegungen. »Letztlich ist das gesamte Gehirn als <motorisches System> zu betrachten, denn alles, was dort abläuft, ist nur sinnvoll, wenn es früher oder später in Verhalten einmündet.«56 Bereits 1919 hat der Psychoanalytiker Sandor Ferency festgestellt: »Das regelmäßige Parallellaufen motorischer Innervationen mit den psychischen Akten des Denkens und Aufmerkens, ihre gegenseitige Bedingtheit und vielfach nachzuweisende quantitative Reziprozität sprechen jedenfalls für eine Wesensgleichheit dieser Prozesse.«57

Für die These, dass das Gehirn ausschließlich darauf ausgerichtet ist, Bewegungen zu organisieren, sprechen viele Beobachtungen. So ist z.B. erkannt worden, dass das Kleinhirn, dass lange Zeit als das Zentrum der Bewegungsorganisation galt, auch an der Organisation von Gedanken beteiligt ist. Andererseits ist das Frontalhirn (präfrontaler Cortex), in dem das Denken lokalisiert wird, zugleich der Ort, in dem bewusste Bewegungen geplant werden. Wenn z.B. Versuchspersonen die Aufgabe gegeben wird, für in rascher Folge gezeigte Substantive passende Verben zu erfinden, zeigt sich ein erhöhter Stoffwechselumsatz in dem Teil des Gehirns, der unmittelbar an der Bewegungssteuerung beteiligt ist.58 Gerhard Roth hat dargestellt, dass an den Gedanken tiefere (subcorticale) Gehirnbereiche (Basalganglien) beteiligt sind, die eine wichtige Funktion bei der Modulation von Bewegungen haben.59 Alle Gehirnbereiche, die mit dem Fühlen und Denken beschäftigt sind, haben offensichtlich auch die Funktion, Bewegungen zu lenken. »Obwohl wir im allgemeinen das Denken für eine rein kognitive Tätigkeit halten, könnte es sein, dass die Kognition in der motorischen Funktion beheimatet ist und daß es beim Denken im Grunde darum geht, Handlungspläne zu beurteilen, zu ordnen und schließlich Entscheidungen zu treffen.«60 »Es ist nicht auszuschließen, dass sogar unser Ich-Bewusstsein teilweise auf der Tätigkeit motorischer Neuronen beruht.«61 Dafür spricht auch, dass sich die Bausteine des Gehirns überhaupt nicht zwischen einfachen und komplizierten Lebewesen unterscheiden, wie Wolf Singer immer wieder hervorhebt. »Die Algorithmen, nach denen die Großhirnrinde arbeitet, haben sich somit im Laufe der Evolution kaum verändert. Es sind lediglich mehr Areale hinzugekommen. Dies bedeutet, erstens, dass die von der Großhirnrinde erbrachten Verarbeitungsleistungen sehr allgemeiner Natur sein müssen und, zweitens, daß die Iteration ebendieser, im Prinzip gleichen Prozesse neue, qualitativ verschiedene Funktionen hervorbringen kann.«62

Wenn das Gehirn primär als ein motorisches System zu verstehen ist, könnte daraus gefolgert werden, dass es möglich sein müsste, auch das Denken als eine motorische Aktivität zu verstehen. Meines Wissens hat die Gehirnforschung noch nicht den Versuch unternommen, das Denken unter dieser Perspektive zu verstehen. Nachdem oben die Emotionen als körperliche Bewegungsmuster dargestellt wurden, soll im Folgenden die Hypothese geprüft werden, ob nicht in Analogie dazu auch das Denken als ein motorischer Prozess verstanden werden kann. Es ist sicherlich nicht zufällig, dass häufig die Metapher der Bewegung benutzt wird, um das Denken zu charakterisieren: So wird vom »beweglichen Denken«, vom »Beweggrund«, von den »Wegen des Denkens« gesprochen, oder es wird gesagt, dass das »Denken in Bewegung kommt«.

4.1.1. Die Bausteine des Denkens

»Es mag sein, dass wir durch das Wissen anderer gelehrter werden. Weiser werden wir nur durch uns selbst.« (Michel Montaigne)

Der amerikanische Psychologe Harlane Lane hat in dem bemerkenswerten Buch »Mit der Seele hören« die Geschichte der Gehörlosen dargestellt und ist dabei zu dem überraschenden Ergebnis gekommen, dass die Gebärdensprache ein vollwertiger Ersatz für die verbale Sprache ist.63 Er stellt überzeugend dar, dass Menschen, die mit der Gebärdensprache aufgewachsen sind, in ihrer Kommunikations- und Denkfähigkeit in keiner Weise gegenüber sprechenden Menschen benachteiligt sind. Von anderen Psychologen ist mit vielen Experimenten nachgewiesen worden, dass die Gehörlosen, die nicht über die verbale Sprache verfügen, gleichwohl logische Aufgaben genau so gut wie hörende Menschen lösen können.64 Aus diesem Ergebnis ist abzuleiten, dass das Denken nicht notwendig auf die verbale Sprache angewiesen ist und dass die zwischenmenschliche Kommunikation auf unterschiedliche Weise organisiert werden kann. Die Gehirnforschung hat festgestellt, dass die Gebärdensprache die gleichen Gehirnareale benutzt wie die Lautsprache! Für die Theorie des Denkens folgt daraus, dass das Denken offensichtlich nicht notwendig auf die verbale Sprache angewiesen ist, sondern das es als eine grundsätzlich davon unterschiedene Fähigkeit gedacht werden muss. Offensichtlich ist die verbale Sprache nur eine Form, wie die Menschen die Ergebnisse ihres Denkens anderen Menschen mitteilen können. Andere Formen des Outputs sind Gebärden, Gesten oder die Blindenschrift.

Von vielen Sprachforschern wird die These vertreten, dass es ein Denken gibt, dass ohne verbale Sprache auskommt. So arbeitet das Denken von Handwerkern, bildenden Künstlern, Ingenieuren u.a. primär mit Bildern und Plänen. Vermutlich haben die Menschen auf diese Weise ihre alltäglichen Probleme gelöst, als es noch keine verbale Sprache gab. Sprachforscher vertreten die Auffassung, dass die verbale Sprache nicht viel älter als 100.000 Jahre ist. Das bedeutet, dass die Menschen seit Jahrmillionen ihr Zusammenleben und ihr Überleben organisiert haben, ohne über eine verbale Sprache zu verfügen. Wenn aber das Denken nicht notwendig auf die verbale Sprache angewiesen ist, stellt sich die Frage, wie das nonverbale Denken verstanden werden kann. Was sind die Bausteine des Denkens, wenn dafür die Begriffe ausscheiden? Darauf konnten die Psychologen, die sich mit dem Denken der Gehörlosen beschäftigt haben, keine befriedigende Antwort geben.

Auch die Antworten der Philosophen führen nicht zur Klärung, wie nonverbales Denken möglich ist. In der philosophischen Literatur herrscht die Ansicht vor, dass die Bausteine des Denkens aus inneren Vorstellungen bestehen, wobei die Vorstellungen entweder aus der wahrgenommenen Realität oder aus der Einbildungskraft stammen. Es dominiert offensichtlich der Sehsinn als Quelle der Vorstellungen. Wie unten dargestellt wird, hat Jean Piaget die Bildertheorie des Denkens kritisiert, weil damit nicht die Regeln des Denkens geklärt werden können. Offensichtlich ist der Ansatz, das Denken mit den Vorstellungen zu klären, zu eng.

Im Folgenden soll versucht werden, die Bausteine des Denkens daraus zu entwickeln, wie Bewegungen im Kontakt mit der Realität gelernt werden. Bei Kleinkindern verwundert immer wieder, dass sie alle neuen Dinge zuerst in den Mund nehmen. Offensichtlich ist ihr Mund als Tastorgan früher entwickelt als die Hände. Deshalb vertrauen sie ihrem Mund, wenn sie die Dinge in ihrer Umwelt erkunden. Wie auch beim späteren Betasten der Dinge fällt auf, dass das frühe Erkennen damit verbunden ist, dass man sich den Dingen direkt körperlich zuwendet. Indem die Dinge in den Mund genommen, betastet, bearbeitet u.Ä. werden, wird ihre Qualität erfahren. Vom bloßen Anschauen kann niemand begreifen, was ein Apfel ist. Erst wenn man sich tastend, greifend, essend, schmeckend auf ihn hin bewegt, erlangt er Bedeutung. Ebenso muss man einen Hammer in die Hand nehmen und damit arbeiten, um sein »Wesen« zu begreifen. Man hat etwas erst begriffen, wenn man es an sich selbst erfahren hat. So hat man z.B. den Begriff »hart« erst wirklich begriffen, wenn man in etwas hinein gebissen hat, was den Zähnen widersteht. Wenn man in etwas leicht hinein beißen kann, ist es eher weich als hart. Zu Recht wird der Begriff begreifen, der sich ursprünglich auf das Greifen der Hände bezogen hat, auf das Denken übertragen. Man muss etwas er-greifen, um es zu be-greifen.

Zum Erkennen der Dinge gehört also ganz wesentlich dazu, dass man sich ihnen körperlich zuwendet. Die Art der Bewegungen erschließt die Eigenschaften, die für die menschlichen Bedürfnisse nützlich sind. In diesem Sinn sagt Jean Piaget: »Nach meiner Ansicht bedeutet ein Objekt zu erkennen nicht, es abzubilden, sondern, auf es einzuwirken. Es bedeutet, Transfomationssysteme zu konstruieren, die sich an oder mit diesem Objekt ausführen lassen.«65 Aber das visuelle Bild ist nur das Erkennungszeichen für die Bewegungsformen, die mit ihm verbunden sind: dass nämlich z.B. Äpfel gepflückt und gegessen werden können (und vieles andere mehr). Offensichtlich ist die visuelle Dimension nicht das Entscheidende, denn der Nutzen eines Gegenstandes wird durch die Bewegungen definiert, die er verlangt. Daraus kann die These abgeleitet werden, dass die Bausteine des Denkens primär die Bewegungen sind, die auf einen Gegenstand gerichtet werden, und dass die inneren Vorstellungsbilder nur eine ergänzende Funktion haben.

Beim Beobachten von Kindern wird deutlich, wie das Lernen von Bewegungen mit dem Erkennen der Umwelt zusammengeht. Kinder beobachten sehr aufmerksam, wie sich ihre Eltern bewegen – wie sie laufen, lachen, arbeiten, sprechen u.a. –, weil sie deren Bewegungen nachahmen wollen. Für alle Bewegungen wird deshalb ein inneres Vorstellungsbild gebildet, in dem das typische Muster der Bewegung abgespeichert wird. Wie oben dargestellt wurde, werden die zu erlernenden Bewegungen intuitiv daraufhin untersucht, welche Regelmäßigkeiten ihnen zugrunde liegen (vgl. Kapitel .). Beim Erlernen von Bewegungen wird gleichzeitig die Beschaffenheit der Objekte gelernt. So erfährt z.B. das Kleinkind beim Krabbeln die Eigenarten und die tragende Qualität des Fußbodens. Für alle Bewegungen ist charakteristisch, dass sie so gut gelernt werden, bis sie als Gewohnheitsmuster abgespeichert werden können. Gleichzeitig wird immer auch das neue Wissen von den Objekten abgespeichert.

Jede Bewegung muss sorgfältig geplant werden, damit der mit ihr verbundene Zweck erreicht werden kann. In die Planung geht einerseits alles Wissen ein, das bereits von dem Objekt gesammelt wurde und andererseits alle Bewegungen, die im Zusammenhang mit diesem Objekt erlernt wurden. Das Gedächtnis hat die Aufgabe, dem Handeln alles bisher gesammelte Erfahrungswissen zur Verfügung zu stellen, das aus Bewegungen und aus dem Wissen von Eigenschaften bestimmter Dinge besteht. Man wird z.B. bei einer Frucht vorsichtig zugreifen, wenn man weiß, dass sie sehr weich ist. Mangelndes Wissen führt dazu, dass Bewegungen ungelenk, tollpatschig und unsicher ausgeführt werden. Aus der Veränderung der Dinge und der Reaktion des Körpers auf diese Handlungen werden Informationen gesammelt, die es erleichtern, die Bewegung beim nächsten Mal präziser zu planen.

Das Lernen von Bewegungen läuft zunächst völlig ohne Sprache ab. Da mit jeder Bewegung etwas erreicht werden soll, wird sie vornherein eng mit einem Ziel verknüpft. Die Verbindung ergibt ihre mentale Bedeutung. In der Bedeutung der Bewegung drückt sich aus, dass sie für das eigene Leben einen Wert hat. Im Laufe der Entwicklung wird gelernt, die an konkrete Bewegungsmuster fixierten Ziele zu verallgemeinern. Dadurch wird es möglich, die Bewegungsmuster auch für andere Ziele einzusetzen oder das gleiche Ziel mit einer anderen Bewegung anzustreben. Das erweitert die Flexibilität des Denkens.

Allen Bewegungen ist gemeinsam, dass sie bestrebt sind, ihr jeweiliges Ziel möglichst selbständig zu erreichen. Kleinkinder verstehen dieses Ziel noch sehr wörtlich: sie wollen selbständig stehen können. Ihr Selbstvertrauen bildet sich zusammen mit der Fähigkeit, sich aus der Abhängigkeit von Erwachsenen zu befreien und alles selbständig zu tun. Daraus wird ersichtlich, dass das Selbstvertrauen primär in motorischen Fertigkeiten wurzelt.

Von jeder Bewegung wird sozusagen ein inneres Programm erstellt, das jederzeit aktiviert werden kann, um die Bewegung zu wiederholen. Das Programm wird ständig in dem Maße verfeinert, wie es gelingt, die Bewegungen flüssiger, schneller und geschmeidiger auszuführen. Die Abspeicherung der früher gemachten Erfahrungen macht es möglich, eine Bewegung ohne jegliche gedankliche Vorbereitung quasi automatisch als Gewohnheit auszuführen. Wenn man aber vor einer Aufgabe steht, die nicht ohne weiteres mit den erlernten Bewegungen bewältigt werden kann, muss die Bewegung vorbereitet werden. Es werden alle verfügbaren Bewegungsmuster geprüft, bis eine für das akute Problem als geeignet erscheinende Bewegung gefunden wird. So werden z.B. für die Aufgabe, einen Holzstab zu teilen, die Bewegungsmuster des Sägens, Schlagens oder Brechens durchprobiert. Es wird geprüft, welches Bewegungsmuster angesichts der Stärke des Stabes als am erfolgversprechendsten erscheint. Wenn z.B. ein Haus gebaut werden soll, werden im Planungsprozess alle Bewegungen der Reihe nach vorgestellt, die nach der Erfahrung für den Bau erforderlich sind. Dabei wird klar, welche Materialien benötigt werden und bei welchen Arbeiten die Unterstützung durch andere Menschen gebraucht wird. Wenn für das beabsichtigte Ziel noch kein festes Gewohnheitsmuster existiert, muss die Bewegung innerlich eventuell aus Einzelbewegungen neu zusammengesetzt werden. In diesem Sinne hat Sigmund Freud das Denken als probeweises Handeln charakterisiert. Ähnlich hat Konrad Lorenz das Denken als ein »anschauliches Hantieren im Vorstellungsraum«66 gekennzeichnet. Da Handeln zu neuen Erkenntnissen führt, kann Handeln umgekehrt auch als Probedenken betrachtet werden.

Aus der hier entwickelten Sicht besteht das Denken darin, dass es das Handeln vorbereitet. Es müssen mehrere Teilbewegungen probeweise miteinander in Verbindung gebracht werden. Es ist bemerkenswert, dass der Begriff denken ursprünglich die Bedeutung von »wiegen« und »abwägen« hatte. Offensichtlich wurde ursprünglich gespürt, dass das Denken primär in einem Vergleichen von verschiedenen Bewegungen besteht.

Da alle Bewegungen im Raum ablaufen, sind sie zwangsläufig mit bildhaften Elementen verbunden. Aber das ändert nichts daran, dass das Denken seine eigentliche Substanz in den Bewegungen hat, die mit ihren typischen Regeln abgespeichert werden. Deshalb ist es möglich, dass in der Vorstellungskraft direkt auf die Bewegungen zugegriffen werden kann, ohne dass sie bildhaft vorgestellt werden müssen und dass der Zugriff auch unbewusst erfolgen kann. Wenn also verschiedene Bewegungen miteinander verknüpft werden, erfolgt dies auf der Ebene ihrer relativ abstrakten Regeln.

Dass das Denken tatsächlich darin besteht, früher erlernte Bewegungen innerlich nachzuvollziehen, zeigt sich daran, dass beim Denken nervale Impulse auf sehr niedrigem Niveau an die Muskeln geschickt werden, die für den tatsächlichen Bewegungsablauf benötigt würden. Mit feinen Messgeräten können minimale Anspannungen in den Muskeln gemessen werden67. »Wenn man die Gehirnaktivitäten eines Menschen aufzeichnet, der im Geist Fingerübungen macht (ohne die Finger tatsächlich zu bewegen), zeigt sich, daß der zusätzliche motorische Bereich viel stärker arbeitet als der Rest des Gehirn68 Wenn man also denkt, wird in der Einbildungskraft gehandelt. Es konnte nachgewiesen werden, dass umso größere geistige Beeinträchtigungen zu beobachten sind, je stärker jemand spastisch gelähmt ist.69 Es gibt deshalb keine Zweifel daran, dass Denken mit verändertem Muskeltonus verbunden ist.

Die These, dass das Denken eine motorische Aktivität wie z.B. das Kauen ist, nur erheblich subtiler, wird durch ein Experiment untermauert, das der Hirnforscher Rainer Goebel durchgeführt hat. Eine Versuchsperson liegt in einem Magnet-Resonanz-Tomograph und hat die Aufgabe, ein einfaches Computerspiel bloß mit den Gedanken zu bedienen. Es muss dabei ein Ball mithilfe zweier Balken, die sich vertikal bewegen lassen, hin und her geschossen werden. Nach einiger Übung gelingt dies ausgezeichnet. Dieses Experiment wurde als Sensation gefeiert, weil es erstmals gelang, ohne direkte Eingriffe in das Gehirn, d.h. ohne Drähte und Elektroden, eine Maschine mit bloßer Gedankenkraft zu steuern. Daraus kann gefolgert werden, dass jede Bewegung ein spezifisches Aktivitätsmuster im Gehirn hat und dass es gleichgültig ist, ob es an körpereigene Muskeln oder mithilfe eines Seismographen an eine externe Maschine geschickt wird. Es ist sicherlich nicht zufällig, dass die Gehirnforscher ein Computerspiel verwendet haben. Denn hier geht es immer darum, mit den Fingern Bewegungen auf dem Bildschirm auszulösen und auf Widerstände u.Ä. mit geeigneten Bewegungen zu reagieren.70 Dieses Experiment berechtigt zu der Hoffnung, dass künftig behinderte Menschen künstliche Gliedmaße allein mit der Kraft ihrer Gehirnaktivität steuern können.

Ein weiterer Hinweis auf die motorische Qualität des Denkens besteht darin, dass mithilfe eines Computertomographen nachgewiesen wurde, dass im Gehirn immer die gleichen Areale aktiviert werden, egal ob man eine Bewegung direkt ausführt, sie bei anderen Menschen beobachtet oder bloß denkt71. Dieses Ergebnis kann so interpretiert werden, dass sich das Gehirn auch beim Denken so verhält, als würde es handeln. Dafür spricht auch, dass bei emotional geladenen Themen die muskuläre Anspannung im ganzen Körper ansteigt. Auch bei wachsendem Interesse an einer bestimmten Sache wächst die muskuläre Anspannung.72 Das zeigt, dass Erwartung und Interesse keine rein mentalen, sondern komplexe, mehrere Faktoren einbeziehende organismische Zustände sind. Der ganze Körper richtet sich offensichtlich auf den Gegenstand des Interesses aus.

Dass das Denken mit dem inneren Nachvollzug von Bewegungen zu tun hat, wird besonders beim formalen Denken - wie z.B. beim Rechnen - deutlich. Bestimmte geistige Prozesse lassen sich nur erlernen, wenn sie vorher als Bewegungen erlernt werden. Nicht zufällig rechnen die Menschen mit dem Dezimalsystem73. Das Zählen wird gelernt, indem zunächst die fünf Finger an beiden Händen dazu benutzt werden. So liegt dem Addieren ein Vorwärtsschreiten auf der Zahlenskala zugrunde und dem Subtrahieren ein Rückwärtsschreiten.74 Das Multiplizieren besteht z.B. aus einer bestimmten Anzahl von Sprüngen mit gleicher Breite. Allen Rechenarten liegt also ein spezifisches Bewegungsmuster zugrunde. Erst wenn das manuelle Zählen beherrscht wird, kann es verinnerlicht und als Gewohnheit abgespeichert werden. Die manuelle und visuelle Grundlage des Zählens kann dann in den Hintergrund treten. Auch beim Schachspiel ist leicht nachvollziehbar, dass das Denken darin besteht, alle Bewegungsvarianten der eigenen Figuren und der des Gegners zu überschauen und die Bewegung auszuwählen, die dem Gegner den größten Schaden zufügt. Problemlösen ist hier nichts anderes als die Entscheidung für eine bestimmte Bewegungsform der Figuren. Interessant ist auch, dass Gedächtnisgenies das Auswendiglernen dadurch unterstützen, dass sie die zu merkenden Objekte z.B. an unterschiedliche Stellen eines imaginierten Hauses ablegen.

Wenn man sich das Wissen vergegenwärtigt, mit dem der Alltag bewältigt wird, gibt es keinen Zweifel, dass es aus Bewegungsanweisungen besteht. Das Wissen darüber, wie z.B. Kaffee gekocht, die Wohnung geputzt oder eingekauft wird, bewährt sich darin, dass mit den vom Wissen angeleiteten Bewegungen ein angestrebter Zweck optimal erreicht wird. Auch das berufliche Wissen eines Handwerkers oder Polizisten besteht ausschließlich darin, welche Bewegungen ausgeführt werden müssen, um ein bestimmtes Problem zu lösen. Genau betrachtet ist auch die Tätigkeit eines Rechtsanwaltes darauf ausgerichtet, die Bewegungen anderer Menschen anhand von kulturell vorgegebenen Regeln zu bewerten. Dies kann nur gelingen, wenn er deren Bewegungen innerlich reproduziert und die Abweichungen vom Normverhalten registriert.

Nach diesem Verständnis der Bewegung bedeutet Wissen nicht bloß, dass man die Eigenschaften eines Objektes kennt oder dass man weiß, wo sich das Objekt befindet, sondern dass man auch die Bewegungen kennt, die erforderlich sind, um Dinge in der Umwelt für den eigenen Gebrauch zu erlangen oder Menschen dazu zu bewegen, etwas zu tun, was man dringend braucht. Dazu gehört auch das Wissen, welche Wirkungen bestimmte Bewegungen haben. Das Wissen um die Eigenschaften der Dinge ist also letztlich immer ein Wissen um die Bewegungen, die erforderlich sind, die eigenen Bedürfnisse zu befriedigen. So kann ein Computer nur benutzt werden, wenn man die Bewegungen beherrscht, mit denen er in Gang gesetzt werden kann. Selbst der Kunstgenuss ist nicht ohne gekonnte Bewegungen der Augen zu haben. Wissen, das nicht in der persönlichen Handlungssphäre genutzt wird, wird sehr schnell wieder vergessen. Deshalb ist alles praktisch relevante Wissen Bewegungswissen. Wissen ist Können.

Wissen ist demnach keine Aussage, die mit der Realität übereinstimmt, sondern eine Anleitung, wie Probleme gelöst werden können, eine Anleitung zum Handeln. Es besteht darin, wie etwas getan werden kann und wie man mit ihm umgehen soll. Alle Wissensbestände müssen sich daran bewähren, dass sie erfolgreiches Handeln anleiten können. So hilft z.B. geographisches Wissen dem Reisenden oder physikalisches Wissen, um einen Produktionsprozess effizienter zu gestalten. Der Impuls, Wissen zu erwerben, ist immer mit der Erwartung verbunden, dass damit besser gehandelt werden kann und effizientere Bewegungen möglich werden. Alles Wissen kann darauf reduziert werden, dass es Mittel und Wege aufzeigt, wie etwas bewältigt werden kann. Wenn man also das Gefühl hat, etwas verstanden zu haben, kann das nur so viel bedeuten, dass man weiß, wie man mit dem Wissen umgehen muss, aber es wäre ein Missverständnis zu behaupten, dass man damit sein Wesen begriffen hätte. Wenn jemand für bestimmte Wissensbestände (z.B. über die griechische Antike) keinen Bezug zu konkreten persönlichen Problemen herstellen kann, verliert das Wissen seinen Wert.

Wie aus der Geschichte der Wissenschaften hervorgeht, haben auch komplexe wissenschaftliche Theorien die Aufgabe, die Menschen bei der Bewältigung praktischer Probleme zu unterstützen. So wurde die astronomische Forschung von den Orientierungsbedürfnissen der Schifffahrt angestoßen. Es wurde erkannt, dass die Regelmäßigkeiten in den Bewegungen der Himmelskörper für die räumliche Orientierung genutzt werden können. Alle Naturgesetze, die aus Experimenten abgeleitet wurden, sind nichts anderes als Gebrauchsanweisungen, um die von ihnen behaupteten Vorgänge technisch reproduzierbar zu gestalten. »Tatsächlich ist es aber der technische Erfolg, der von Naturwissenschaftlern selbst als das letzte und entscheidende Kriterium für die Annahme oder Ablehnung so genannter Naturgesetze herangezogen wird.«75 Wenn der Bezug zu praktischen Bedürfnissen heute oft nicht mehr direkt sichtbar ist, heißt dies nicht, dass er nicht mehr existiert. Die Grundlagenforschung kann sich nur damit legitimieren, dass sie langfristig den Menschen bei ihren praktischen Aufgaben hilft.

Ohne Zweifel haben auch die kompliziertesten philosophischen Theorien eine praktische Funktion. Sie sollen z.B. die Zweifel am Sinn des Lebens beseitigen und den Kontakt zu sich selbst verbessern. Häufig dienen sie auch dem umgekehrten Ziel, das beabsichtigte Unterlassen von Handlungen zu begründen (z.B. den Kontakt zu den eigenen Eltern abzubrechen oder keine eigenen Körperorgane für Transplantationen zu spenden). Auch psychologische Theorien haben letztlich die Funktion, den gestörten Kontakt zu anderen Menschen, also die gestörte Hinwendung, zu beseitigen.

Theorien können praktisch genutzt werden, weil sie in ihrer inneren Struktur aus einem Komplex von aufeinander abgestimmten Bewegungsmustern und Handlungsanweisungen bestehen. So bedeutet z.B. das philosophische Konzept des Konstruktivismus, dass Überzeugungen, die von der Realität gebildet werden, aus handelnden Eingriffen in die Realität hervorgehen. Überzeugungen können das Handeln lenken, weil sie zuvor aus erfolgreichem Handeln abgeleitet wurden. Wenn beim Handeln neue Erfahrungen gemacht werden, werden damit die mentalen Konstruktionen der Realität verändert. Insofern ist das Konzept des Konstruktivismus Ausdruck der Erfahrung, dass man flexibel mit der Realität in Abhängigkeit von früheren Erfahrungen umgeht.

Was als Denken bezeichnet wird, kann als die notwendige Begleiterscheinung der handelnden, nicht durch Instinkte geregelten Auseinandersetzung mit der Welt begriffen werden. Denn alle Erfahrungen, auch die bedrohlichen und ängstigenden, werden dazu benutzt, das persönliche Bewegungsspektrum zu überprüfen und ggf. zu verändern. Das Denken ist somit überhaupt nichts Besonderes, sondern Teil alles Lebendigen, das sich bewegungsmäßig mit der Wirklichkeit auseinander setzen muss. Es findet z.B. bei Schimpansen statt, wenn sie einen langen Ast benutzen, um damit über einen Zaun zu klettern. Verbale Sprache ist dafür nicht erforderlich. Wenn vom »beweglichen Denken« die Rede ist, ist dies mehr als eine bloß metaphorische Redeweise. In diesem Zusammenhang ist interessant, dass viele Roboterforscher inzwischen davon ausgehen, dass intelligentes Verhalten nur nachgebildet werden kann, wenn der Roboter einen menschlichen Körper mit dessen Bewegungsfähigkeit hat.76 Es bestätigt sich die Überzeugung des amerikanischen Philosophen Charles Peirce, dass das Denken nur ein Schritt in der Erzeugung von Handlungsgewohnheiten ist.77

Die bisherigen Überlegungen legen es nahe, den Begriff des somatischen Denkens einzuführen. Er enthält die Überzeugung, dass alles Wissen Bewegungswissen ist und dass es bei allem Nachdenken um die Überprüfung und Korrektur von Bewegungsabläufen geht. Der Begriff des somatischen Denkens ist Ausdruck der Überzeugung, dass das Denken ein Teil der körperlichen Beweglichkeit ist und dass es nicht nur von der Gesundheit der Nervenzellen im Gehirn abhängig ist, die am Denken beteiligt sind, sondern auch von der Fähigkeit des gesamten Körpers, Dinge wahrzunehmen, Bewegungen zu planen und durchzuführen. Aus dieser Perspektive kann ein wirklich ganzheitliches Verständnis des Denkens nur erreicht werden, wenn die irreführende Unterscheidung von Körper, Seele und Geist aufgegeben wird.

4.1.2. Logisch ist, wie alle denken

»Man muss etwas Neues machen, um etwas Neues zu sehen.« (Georg Lichtenberg)

Die oben aufgestellte Behauptung, dass die Bausteine des Denkens Bewegungsmuster sind und dass das Denken in deren Verknüpfung besteht, provoziert die Frage, wie die These mit dem philosophischen Ideal des logischen Denkens vereinbar ist. Wie können Bewegungsmuster logisch miteinander verknüpft werden, wenn sie nicht von Haus aus etwas Kognitives sind? Was ist eigentlich unter kognitiven Prozessen zu verstehen? Kann am Begriff der Kognition festgehalten werden, der in Entgegensetzung zur Materie und zu den Gefühlen definiert worden ist?

Zunächst soll geklärt werden, was unter »logisch« zu verstehen ist. Luc Ciompi kommt bei seinem Versuch, anhand der in der Literatur zu findenden Definitionen den Begriff Logik zu bestimmen, zum Ergebnis, dass sie die Art und Weise bezeichnet, wie kognitive Inhalte miteinander verknüpft werden78. Demnach ist eine Verknüpfung logisch, wenn sie schlüssig zu sein scheint. Das liegt bereits dann vor, wenn das Denken in gewohnten Bahnen verläuft. In diesem Sinne hat bereits Parmenides gesagt, dass logisch ist, wie alle denken. Denn es gibt keine zwingenden allgemein gültigen Kriterien, mit denen das alltägliche Denken auf seine Schlüssigkeit überprüft werden kann. Der Anspruch, logisch zu denken, besteht dennoch zu Recht. Er muss in dem Sinne verstanden werden, dass die Verknüpfungen von Bewegungsmustern eine bestimmte Ordnung haben müssen, damit sie in der Lage sind, das Handeln anzuleiten. Damit die Gedanken das Handeln anleiten können, müssen sie einerseits der Ordnung des Handelns und andererseits der Logik der Objekte entsprechen.

Bei dem Versuch, die Entwicklung der Intelligenz bei Kleinkindern zu erforschen, ist Jean Piaget darauf gestoßen, dass schon vor der Entstehung der Sprache gegen Ende des ersten oder Anfang des zweiten Lebensjahres eine senso-motorische Intelligenz festzustellen ist, eine praktische Intelligenz, die ihre eigene Logik hat - eine »Logik der Aktion«. »Die Aktionen oder Handlungen, die die senso-motorische Intelligenz ausmachen, können wiederholt und generalisiert werden. So ist ein Kind, das gelernt hat, eine Decke zu sich heranzuziehen, um ein auf ihr liegendes Spielzeug zu erreichen, in der Lage, künftig die Decke auch dann zu sich heranzuziehen, wenn es irgend etwas anderes, das auf ihr liegt, erreichen will.«79 Piaget hat die geniale Beobachtung gemacht, dass die Muster, mit denen das Denken operiert, verallgemeinerte Erfahrungen sind, die aus dem Handeln gewonnen werden. Er hat deshalb die logischen Muster des Denkens als verinnerlichte Strukturen von Handlungen aufgefasst.

Jean Piaget richtete deshalb sein Forschungsinteresse auf die Logik der senso-motorischen Intelligenz. So macht jedes Kind die Erfahrung, dass bestimmte Bewegungen wie z.B. Hüpfen sehr unterschiedlich ausgeführt werden können, aber dass sie etwas Gemeinsames haben, das sie als Hüpfen auszeichnet. Daraus wird intuitiv das Denkmuster der Klassifikation abgeleitet. Ein anderes Denkmuster ergibt sich daraus, dass beim Anstreben eines Zieles mehrere Handlungsschritte miteinander koordiniert werden müssen. Die einzelnen Schritte sind Unterpläne des Gesamtplanes. Daraus bildet sich die Erfahrung, dass Klassen Unterklassen enthalten. »Auf der späteren Stufe entstehen auf der Grundlage dieser Beziehung der Klasseninklusion die Konzepte.« 80 »Ein weiterer an der Koordination von Plänen beteiligter Typus der Logik ist die Logik der Ordnung: um ein Ziel zu erreichen, müssen wir uns bestimmter Mittel bedienen. In diesem Fall besteht zwischen den Mitteln und dem Ziel eine Ordnung. Und es sind wieder praktische Ordnungsbeziehungen dieser Art, die die Grundlage der späteren logisch-mathematischen Ordnungsstrukturen bilden.«81 Jean Piaget hat so die logischen Muster der Entsprechung, der Erhaltung, der Reversibilität u.a. aus den Strukturen der Handlungen abgeleitet. Die Denkmuster sind demnach nichts anderes als die Regeln des Handelns. Die »Logik der Aktion« ist keine Metapher, sondern bezieht sich auf die inhärente Ordnung der Bewegungen.

Nach der Auffassung von Jean Piaget sind die frühen Formen des Denkens direkt an die wahrgenommenen Objekte gebunden. Wenn ein Gegenstand vor den Augen eines Babys verdeckt wird, verhält sich das Baby so, als würde es den Gegenstand nicht mehr geben. Dass die Gegenstände eine konstante Gegebenheit (Piaget spricht von Objektkonstanz) haben, unabhängig davon, ob sie im Blickfeld liegen oder nicht, muss erst gelernt werden. Das höchste Entwicklungsziel des Denkens besteht darin, dass es sich von der Bindung an äußere Objekte und Tätigkeiten lösen und über die eigenen Gedanken nachdenken kann. Es ist insofern abstraktes Denken, als es aus gespeicherten Informationen Schlussfolgerungen ziehen kann, ohne dass ein direkter Bezug zur Wahrnehmung oder zu einem praktischen Handeln vorliegt. Wenn das Denken über einen reichen Schatz an logischen Denkmustern verfügt, kann es logische Aufgaben bewältigen, indem einzelne Informationen oder Symbole in Beziehung gesetzt werden.

Das Konzept von Jean Piaget, dass die logischen Denkmuster internalisierte Handlungsmuster sind, passt hervorragend zu der oben entwickelten These, dass die Bausteine des Denkens Bewegungen sind. Es stellt das fehlende Glied dar, um zu verstehen, dass es sich bei den inneren kognitiven Prozessen um Bewegungsprozesse handelt. Die Tatsache, dass die logischen Denkmuster problemlos angewandt werden, lässt den Schluss zu, dass dies deshalb der Fall ist, weil sie vorweg aus Bewegungsabläufen abgeleitet wurden.

Das Gehirn kann die logischen Denkmuster bilden, weil es dem Grundsatz folgt, in allen Wahrnehmungen die Regeln aufzudecken, die ihnen zugrunde liegen. So wird aus den vielen Informationen, die ein Gesicht enthält, ein Muster mit den charakteristischen Zügen abgeleitet, so dass das Gesicht leicht wiedererkannt werden kann. Oder es werden beim Sprechenlernen die grammatischen Regeln erkannt, die die Sprache strukturieren. Eine Bewegung wird erst beherrscht, wenn man ihre Regeln kennt. Nur dann kann man die Bewegung an unterschiedliche Bedingungen anpassen. Umgekehrt wird zu Recht beim Lernen großer Wert darauf gelegt, dass man nach festen Regeln lernt. Die große Bedeutung der Regeln ergibt sich daraus, dass dadurch alles leichter als Gewohnheit abgespeichert werden kann.

Im Grunde ist das für folgerichtiges Denken verwendete Adjektiv »logisch« irreführend, da es, abgeleitet vom griechischen Begriff für Sprache, suggeriert, dass es sich beim Denken um einen rationalen, d.h. vom Geist bzw. von der Vernunft gelenkten Prozess handelt. Das normale Denken richtet sich aber nicht nach den Regeln der formalen Logik, sondern nach der Logik der Objekte, d.h. nach den Anforderungen, die sich aus der Ordnung der Objekte ergeben. Statt von logischem Denken sollte von geordnetem Denken gesprochen werden. Die Denkmuster sind als Spielregeln zu begreifen, wie Bewegungen nach der Ordnung der Objekte miteinander verknüpft werden können, so wie die Spielregeln beim Schachspiel festlegen, welche Bewegungen die einzelnen Figuren machen dürfen. Die Entdeckung von Jean Piaget, dass die formalen Strukturen des Denkens aus dem Handeln gewonnen werden, muss also durch die Erkenntnis ergänzt werden, dass auch die Inhalte des Denkens primär aus Bewegungsmustern bestehen.

Denken stützt sich somit auf zwei Leistungen des Gehirns. Einerseits werden beim Lernen von Bewegungen deren typischen Verlaufsmuster ermittelt. Andererseits werden aus der Art und Weise, wie Bewegungen miteinander verknüpft werden, Verknüpfungsregeln abgeleitet. Beide Leistungen erfolgen ohne Beteiligung des Bewusstseins. Daraus ergibt sich, dass das Gehirn aus den Erfahrungen im Umgang mit Bewegungen die komplexen Grundlagen dafür schafft, dass bewusstes Denken möglich wird.

Mit diesem Ansatz lässt sich relativ leicht erklären, warum das Denken prinzipiell auch ohne Symbole oder Vorstellungen auskommt. Beim Lernen der Bewegungen wird eine enge Verknüpfung mit dem Ziel der Bewegung vorgenommen. Da die Bewegungen durch Nachahmung gelernt werden, gibt es zwar für sie auch innere Vorstellungsbilder, aber diese werden beim intuitiven Denken nicht als Hilfsmittel des Denkens benötigt, da ein direkter Zugriff auf sie möglich ist. Die Bewegungsmuster können ohne symbolische Hilfsmittel direkt miteinander verknüpft werden. Jetzt wird auch verständlich, warum gehörlose Menschen, die nicht über Kenntnisse der verbalen Sprache verfügen, logische Aufgaben genau so gut wie andere Menschen lösen können: Im praktischen Handeln haben sie die gleichen logischen Denkmuster gelernt.

Jean Piaget ist nicht so weit gegangen anzunehmen, dass die Bausteine des Denkens aus erlernten Bewegungsmustern bestehen. Sein Interesse war primär darauf gerichtet, die Bilder­theorie des Denkens zu widerlegen, von der das Verständnis des Denkens bei vielen Menschen geprägt ist, die implizit die Auffassung der empiristischen Philosophen teilen, dass alle Begriffe aus der sinnlichen Erfahrung stammen. Demnach orientiert sich das Denken an den bildhaften Vorstellungen, die mit den Begriffen assoziiert werden. Da die Introspektion auf die verbalen Aspekte des Denkens stößt, wird sie dazu verführt, das Denken begrifflich als das Betrachten einer inneren Leinwand aufzufassen. »Durch die augenscheinlich innere Gewissheit getäuscht, halten wir die innere Sprache für den Gegenstand dieser Inspektion und identifizieren das verbale Symbol mit dem Denkprozess selbst.«82. Jean Piagets Analyse des Denkens zeigt, dass die menschliche Intelligenz weder an innere Vorstellungen noch an Symbole gebunden ist. Der Gedanke, dass die Intelligenz nicht, wie allgemein angenommen wird, von der Sprache abhängig ist, ist sehr wichtig. In der richtigen Kritik an der Bildertheorie des Denkens ist aber die Frage untergegangen, worin eigentlich die Bausteine des Denkens bestehen. Das liegt wahrscheinlich auch daran, dass Piaget seine Beispiele für die Logik des Denkens primär aus dem Bereich abstrakter Testaufgaben und weniger aus dem Bereich von Alltagsproblemen genommen hat.

Die Vernachlässigung des alltäglichen Handelns hat Jean Piaget dazu verleitet, das normale symbolische Denken nicht mit der gleichen Intensität wie das abstrakte, logische Denken zu untersuchen. Das alltägliche Denken geht fortwährend mit Symbolen um, da die Erkenntnisse über die Beschaffenheit der Wirklichkeit nur mithilfe von inneren Vorstellungsbildern gespeichert und erinnert werden können. Um innere Vorstellungsbilder zu bilden, muss aus der Fülle der Wahrnehmungsreize, die auf die Sinnesorgane treffen, eine Auswahl getroffen werden, also eine Gruppe von Reizen von anderen Reizen unterschieden werden, um sie zu einer Klasse zusammenzufassen. Die Auswahl richtet sich nach dem praktischen Nutzen, den die Gegenstände der Außenwelt für das eigene Überleben haben. So wird z.B. für alle an Bäumen wachsenden Früchte, die essbar sind und eine bestimmte Form haben, die Klasse der Äpfel gebildet. In die innere Vorstellung von Äpfeln gehen Eigenschaften wie »rund«, »meistens rot«, »glänzende Schale«, »hängt an Bäumen«, »mit Stiel«, »essbar«, bestimmter Geruch u.Ä. ein. Das Ergebnis ist eine innere Vorstellung. Man spricht meistens von Repräsentationen, weil die inneren Vorstellungen die Dinge nicht darstellen, sondern nur vertreten. Die innere Vorstellung vom Apfel ist somit das Ergebnis einer inneren Bearbeitung der Reize, die auf die Sinnesorgane eintreffen.

Die relativ abstrakte innere Vorstellung vom Apfel stellt im Grunde eine mentale Leistung der Klassifikation dar. Für die große Fülle der Apfelsorten wird also eine einheitliche Vorstellung gebildet, der nichts Vergleichbares in der Außenwelt entspricht. Dies rührt von der Neigung des Gehirns her, in allen Wahrnehmungen Regelmäßigkeiten festzustellen, um damit die Wahrnehmung zu erleichtern. Wie oben dargestellt, ist das Erfassen der Regeln einer Bewegung bzw. eines Gegenstandes ein elementarer mentaler Prozess (vgl. Kapitel .). Die Schaffung von inneren Vorstellungen ist somit ein aktiver und gestaltender Prozess der Aneignung der Natur. Es ist hervorzuheben, dass die Klassifizierung überhaupt noch nichts mit Sprache zu tun hat. Wie oben dargestellt, findet sie bereits vor der Entstehung der Sprache statt. Zwar kann den Klassen ein bestimmter Begriff zugeordnet werden, aber die Klassenbildung selbst ist ein davon völlig unabhängiger Vorgang.

Die inneren Vorstellungen von Gegenständen sind somit immer eine Mischung aus objektiven Momenten, erkannten Regeln und dem subjektivem Interesse, das den Dingen entgegengebracht wird. Sie sind deshalb keine objektiven fotografischen Abbilder, sondern neuronale Schemata, die sich aus charakteristischen Einzelelementen zusammensetzen, so wie die Dinge entsprechend den menschlichen Sinnesorganen und dem entgegengebrachten Interesse erscheinen.83 Sie sind etwas Konstruiertes, das aus dem Kontakt der Menschen mit den Dingen entstanden ist und damit eine Interpretation, die mit dem Wesen der Dinge nichts zu tun hat, sondern daraus entstanden ist, wie versucht wurde, sich die Dinge anzueignen. Es wird auch deutlich, dass bereits bei der Konstruktion der inneren Vorstellungen der Bewertungsprozess am Werk ist, auf dessen fundamentale Bedeutung oben hingewiesen wurde. Er legt fest, welche Aspekte der Wirklichkeit in die inneren Vorstellungen aufgenommen werden.

Innere Vorstellungen werden nur dauerhaft im Gedächtnis gespeichert, wenn ihnen eine positive oder negative Bewertung zugewiesen wird. Es werden also nie reine Informationen abgespeichert, sondern immer auch die emotionalen Umstände, unter denen die Informationen aufgenommen wurden, d.h. wie der Körper durch die Information verändert wurde. Denn Wahrnehmen ist nicht nur einfach ein Empfangen von Informationen, sondern eine Reaktion des ganzen Körpers auf die Wahrnehmung. Denn bei jedem Kontakt mit der Realität wird automatisch eine Bewertung vorgenommen, ob die Information für den Körper nützlich oder schädlich ist. Deshalb formieren In-form-ationen den Körper. Obwohl die Bewertung ein organismischer Prozess ist, reicht sie tief in den Bereich hinein, der als kognitiv bezeichnet wird. Das ist nach den vorhergehenden Überlegungen deshalb möglich, weil die kognitiven Inhalte im Kern aus normalen Bewegungen bestehen.

Die inneren Vorstellungen haben für das Denken die Funktion, dass sie es ermöglichen, die Ziele des Handelns genau zu spezifizieren, so dass dementsprechend die Bewegungen zielgenau geplant werden können. Wenn z.B. die Erkenntnis gewonnen wurde, wie stark ein Nagel sein muss, damit er ein großes, schweres Bild hält, können die erforderlichen Bewegungen bei der Auswahl des Nagels und dem Schlagen des Hammers exakt bestimmt werden. Beim alltäglichen Denken geht deshalb die Benutzung von inneren Vorstellungen und die Planung von darauf bezogenen Bewegungen immer Hand in Hand.

Die philosophischen Theorien des Denkens konnten bisher keine überzeugende Erklärung dafür geben, wie die Verknüpfung der inneren Vorstellungen bzw. Begriffe zustande kommt. David Hume hat mit seiner Theorie, dass die Verknüpfungen auf der Grundlage von in Erfahrungen erworbenen Gewohnheiten vorgenommen werden, die ältere Auffassung kritisiert, dass die Verknüpfungen durch angeborene Ideen zustande kommen. Die hier vorgeschlagene Bewegungstheorie des Denkens greift den Erfahrungsaspekt von Hume auf. Sie zeigt, dass die einzelnen Bausteine des Denkens auf der Basis der in ihnen enthaltenen Bewegungsmuster miteinander verknüpft werden, da an den Bewegungsmustern direkt – gestützt auf bisherige Erfahrungen – erkennbar ist, ob sie zur Problemlösung beitragen können. Mit dieser Theorie gibt es keinen Grund mehr, an angeborenen Ideen festzuhalten. Wie bereits Jean Piaget nachgewiesen hat, können auch mathematische Wahrheiten, die bisher immer als Beweis für angeborene Ideen herangezogen wurden, direkt auf erlernte Bewegungsmuster zurückgeführt werden.84

Auf der Basis dieser Überlegungen ist es möglich, den Begriff kognitiv pragmatisch zu definieren. Er bezieht sich auf die gesamte innere Aktivität bei der Vorbereitung von Bewegungen. Dazu gehört sowohl das Erfassen und Verarbeiten von sinnlichen Wahrnehmungen, um Erkenntnisse über die Struktur der Wirklichkeit zu gewinnen, als auch die Planung von Bewegungen, um Probleme zu lösen. Da einerseits Erkenntnisse bereits Bewegungen voraussetzen und geplante Bewegungen durch Erkenntnisse gesteuert werden müssen, darf der Begriff kognitiv nicht länger auf etwas Immaterielles bezogen werden. Die kognitiven Aktivitäten beziehen sich auf die im Zusammenhang mit dem Lernen von Bewegungen gewonnenen Fähigkeiten, Bewegungen zu organisieren. Die Fähigkeiten der Wahrnehmung, der Erkenntnis, der Schlussfolgerung, des Urteils, der Erinnerung, der Lernfähigkeit und des Abstraktionsvermögens, die gemeinhin als kognitive Fähigkeiten bezeichnet werden, haben also ihre gemeinsame Aufgabe darin, sich erfolgreich in der Realität zu bewegen. Auch das Abstraktionsvermögen wurde letztlich dafür entwickelt, komplizierte Probleme im alltäglichen Handeln effizienter zu lösen.

Aus dieser Sicht kann auch der Begriff der Erfahrung klarer gefasst werden. Erfahrungen sind das Endprodukt der spontanen Verarbeitung von sinnlichen Wahrnehmungen. Da sich die Wahrnehmungen primär darum drehen, wie praktische Probleme gelöst werden können, beziehen sich Erfahrungen darauf, wie etwas handelnd erreicht werden kann. Erfahrungen sind also Handlungsmuster.

Für die Struktur des Denkens folgt daraus, dass alle Gedanken über praktische Probleme immer aus einer Kombination von Bewegungsmustern und inneren Vorstellungen bestehen. Das Denken kann sich gleichwohl von allen Symbolen befreien und abstrakte (z.B. mathematische) Aufgaben lösen, weil es über allgemeine Denkmuster verfügt. Daraus darf aber nicht abgeleitet werden, dass das höchste Ziel des Denkens im abstrakten Denken liegen sollte oder dass es angeborene Ideen gibt, wie es die Idealisten seit Platon annehmen. Die einzelnen Formen des Denkens sind als gleichwertig anzusehen. Bereits das konkrete Denken enthält abstrakte Elemente, wie oben bei der Bildung der inneren Vorstellungen gezeigt wurde. Entscheidend ist, ob das Denken bei der Bewältigung des Alltags nützt. Da das praktische Leben nur mit einem Denken bewältigt werden kann, das Symbole und Vorstellungen integriert, kommt es darauf an, sich bewusst zu sein, wie das Denken durch die sprachlichen Symbole und Metaphern geprägt wird (vgl. Kapitel Fehler: Referenz nicht gefunden.).

Wird die Sprache als differenzierter innerkörperlicher Bewegungsprozess betrachtet, ist leicht zu verstehen, warum Kleinkinder ganz mühelos die grammatikalische Struktur der Sprache begreifen. Das hängt damit zusammen, dass die Grammatik festlegt, nach welchen Regeln die einzelnen Elemente der Sprache aufeinander folgen. Das Gehirn der Kinder untersucht die wahrgenommene Sprache wie einen Bewegungsablauf und abstrahiert daraus die Regeln. So wie z.B. verschiedene Hüpfbewegungen als Hüpfen klassifiziert werden, so kann hinter ähnlichen Sprachformen die gemeinsame Regel erkannt und angewandt werden. Aus dieser Sicht erweist sich die von Noam Chomsky geäußerte Behauptung, dass die grammatikalische Struktur der Sprache angeboren sei, als problematisch.

Aus diesen Überlegungen ergibt sich eine einfache Definition des Denkens: Denken liegt dann vor, wenn unterschiedliche Bewegungen zur Lösung eines Problems neu miteinander verbunden werden. Wenn hingegen erprobte und gewohnheitsmäßig abgespeicherte Problemlösungsmuster angewandt werden, ist dies im Grunde kein Denken. An solchen Handlungen sind ohne Zweifel kognitive Element beteiligt, aber der Begriff des Denkens sollte nur auf Akte angewandt werden, die neue Bewegungsfolgen begründen. Deshalb kann auch nicht von Denken gesprochen werden, wenn das Bewusstsein sich der Außenwelt zuwendet und Informationen aufnimmt. Erst wenn Informationen benutzt werden, um verschiedene Bewegungen miteinander zu verknüpfen, um damit ein Problem zu lösen, kann von Denken gesprochen werden. Insofern ist die häufig vorgenommene Gleichsetzung von Bewusstsein und Denken fragwürdig.

Trotzdem bleibt die Frage, warum die geistigen Regungen nicht als etwas Bewegungsmäßiges erlebt werden. Bei den Gedanken ist es wahrscheinlich ähnlich wie bei den Emotionen, für die oben bereits gezeigt wurde, dass sie zwar Bewegungen sind, dass sie aber als innere Stimmung erlebt werden. Das liegt offensichtlich daran, dass die Gefühle immer mit bestimmten Bildern, Erwartungen, Einstellungen und Überzeugungen verbunden sind und dass die mit ihnen verbundenen Bewegungen aus der Innenperspektive kaum wahrzunehmen sind, mit Ausnahme der starken Gefühle wie der bebenden Wut oder der zitternden Angst. Auch bei den Gedanken lassen die Vorstellungen, die nacheinander ins Bewusstsein eintreten, übersehen, dass eine wesentliche Information der Vorstellungen darin besteht, dass sie auf Bewegungen hinweisen.

Nach den bisherigen Überlegungen ist sowohl die empiristische Position des bildhaften Denkens als auch die rationalistische Position des rein begrifflichen Denkens problematisch. Alle Gedanken haben ohne Zweifel einen visuellen, bildhaften Anteil, aber dieser korrespondiert immer mit motorischen Komponenten. Innere Vorstellungen und verbale Begriffe werden nur verständlich, wenn die Bewegungen - zumindest unbewusst - mitgedacht werden, die sie enthalten und durch die sie geprägt werden.

Es erweist sich als Irrtum, wenn von Philosophen angenommen wird, dass das Denken ein inneres Gespräch sei. So hat Platon das Denken als »stilles Sprechen« bezeichnet. »Denken«, sagt Sokrates im Theaitetos, »ist eine Unterredung der Seele mit sich selbst, bei der sie sich selbst fragt und antwortet, bejaht und verneint.«85 Die verbale Sprache lässt den Eindruck entstehen, als würde das Denken primär darin bestehen, dass man im Inneren mit Begriffen Sätze formuliert. Wenn man aber sein eigenes Denken achtsam beobachtet, ist nicht zu übersehen, dass die Gedanken in der Regel darauf basieren, dass zunächst Beziehungen zwischen Objekten hergestellt oder bestimmte Bewegungen auf Objekte bezogen werden und erst sekundär versucht wird, die Aktionen in Sprache zu fassen. Das Denken verläuft ursprünglich in Vorstellungen und Bewegungsmustern und nicht in Begriffen ab. Das Denken stützt sich auf eine Fülle von aus Erfahrungen abgeleiteten Gewohnheiten, wie die einzelnen Bausteine des Denkens miteinander verknüpft werden können. Ohne die vorsprachlichen Denkgewohnheiten wäre das Denken gegenstands- und richtungslos.

Auf der Suche nach Unterstützung meiner These des somatischen Denkens habe ich verwundert feststellen müssen, dass bisher kein Denker ähnliche Gedanken entwickelt hat. Lediglich der Philosoph Constantin Brunner, der von 1862 bis 1937 lebte, vertrat in seiner »Bewegungslehre« die Auffassung, dass alles aus der Bewegung erklärt werden kann. Da die Bewegung selbst nicht aus anderem abgeleitet werden kann, aber auf einer anschaulichen Vorstellung basiert, ist sie für ihn der Hauptbegriff des wissenschaftlichen Denkens. Bei jeder Abstraktion werde aus der Mannigfaltigkeit der Erscheinungen das Gemeinsame in der Bewegung bestimmt. »Wirkliche Erfahrung ist allein die Bewegung86 Er kennzeichnet deshalb die Bewegung als das vollkommene, einzige und einzig mögliche Erklärungsprinzip für alles. Die Erfahrung könne nicht über die Bewegung hinausgehen. Damit hat Brunner in seiner Bewegungslehre die Grundlage für antimetaphysisches Denken gefunden. Allerdings hat Brunner nicht erkannt, dass die Struktur des Denkens selbst auch aus Bewegungen besteht. Dennoch kann seine Bewegungslehre als Bestätigung genommen werden, dass es gute Gründe gibt, die Bewegung als Grundprinzip für das mentale Verstehen anzunehmen.

4.1.3. Nur Bewegungen können verstanden werden

»Verstehen, das heißt: etwas Neues ausdrücken können in der Sprache von etwas Altem.« (Friedrich Nietzsche)

»Was der Mensch nicht aus sich selbst erkennt, das erkennt er gar nicht.« (Ludwig Feuerbach)

Mit der Bewegungstheorie des Denkens lässt sich relativ leicht erklären, was eigentlich Verstehen bedeutet. Das Gefühl, etwas verstanden zu haben, entsteht immer dann, wenn man die Bewegungen kennt, die geeignet sind, etwas zu erreichen. So werden andere Menschen verstanden, wenn man nachvollziehen kann, dass die von ihnen durchgeführten Bewegungen ein bestimmtes Ziel erreichen sollen. Verständnis ist keineswegs an Begriffe gebunden. Es stellt sich ein, wenn die gewählten Bewegungen nach der eigenen Erfahrung für das angestrebte Ziel als angemessen erscheinen. Bewegungen können verstanden werden, weil man aus eigener Erfahrung weiß, wie sie sich anfühlen und was sie erreichen können. Sinn und Bedeutung eines Gedanken erschließen sich aus dem Ziel, das mit einer Bewegung angestrebt wird.

Soll zum Beispiel geklärt werden, worin das Wesen der Politik besteht, ist zu fragen, welche Aktivitäten im Feld der Politik stattfinden. Eine mögliche Antwort besteht darin, dass unterschiedliche Ansprüche, Interessen oder Bedürfnisse verschiedener Menschen aufeinander abgestimmt werden. Aus dieser Sicht kommt es nicht darauf an, wie die Abstimmung zustande kommt (z.B. demokratisch oder autoritär), sondern dass eine Entscheidung getroffen wird, wie die Konflikte zwischen verschiedenen Interessen ausgeglichen werden. Nach diesem Verständnis sind die Verhandlungen des Betriebsrates mit der Unternehmensleitung genauso Politik wie die Diskussion in einem Sportverein, wie die verfügbaren Gelder auf die einzelnen Sportarten verteilt werden sollen.

Geschichten und Erkenntnisse werden demnach deshalb verstanden, weil man die Bewegungen kennt, auf die Bezug genommen wird. Subjekt und Objekt in einem Satz dienen nur der räumlichen und zeitlichen Orientierung. So wie beim Handeln die Randbedingungen der Situation wahrgenommen werden müssen, vermitteln Subjekt und Objekt den Rahmen, in dem eine Bewegung abläuft. Die Randbedingungen einer Situation können nur zur Kenntnis genommen, aber nicht verstanden werden. Ebenso können die Eigenschaften eines Objektes nur zur Kenntnis genommen werden. Warum das Objekt gerade diese Eigenschaften hat, ist nicht zu verstehen. Nur das Verhalten von Menschen kann verstanden werden, weil man ihr Verhalten – bezogen auf Ziele – nachvollziehen kann.

Alle Wahrnehmungen werden im Hinblick auf ihren Nutzen für die menschliche Selbsterhaltung bewertet. Aber das darf nicht mit ihrer Erkenntnis gleichgesetzt werden. Man kann allenfalls wissen, wie die Objekte reagieren, wenn sie auf bestimmte Weise behandelt werden. Warum sie so reagieren, dafür können wissenschaftliche Erklärungen gesucht werden. Stets bleiben sie theoretische Modellvorstellungen, die ein endgültiges Verständnis ausschließen. Dass hängt damit zusammen, dass die Menschen letztlich nur etwas verstehen können, was sie aus eigener Erfahrung kennen und dass sind allein menschliche Bewegungen. Aus dem inneren Erleben kann erfahren werden, wie sich Bewegungen anfühlen und was mit ihnen zu erreichen ist. Nach welchen Regeln die äußere Realität funktioniert, kann nicht auf die gleiche intime Weise erfahren werden.

Aus diesen Überlegungen kann die These abgeleitet werden, dass im Grunde nur menschliche Bewegungen verstanden werden können. Interessanterweise leitet sich der Begriff Sinn von dem althochdeutschen Verb sinnen ab, das »streben, begehren« und ursprünglich sogar »gehen, reisen« bedeutete. Auch die begriffliche Herkunft von Bedeutung weist auf die erklärende Handbewegung, mit der eine Bewegung verständlich gemacht werden soll. Das bedeutet, dass immer schon gespürt wurde, dass jedes Verstehen auf dem Verständnis von Bewegungen basiert.

Die Wissensgeschichte zeigt, dass die Menschen dazu neigen, die Natur nach dem Modell des menschlichen Handelns zu verstehen. So wird als selbstverständlich angenommen, dass alles was sich bewegt, eine innere Kraft hat, die die Bewegung anstößt. Zu Recht hat die Philosophie gefordert, dass die Natur nicht nach anthropomorphen Mustern interpretiert werden darf. Das Problem dabei ist, dass keine Naturerkenntnis ohne Metaphern auskommt und dass alle Metaphern vorwiegend aus menschlichen Bewegungen abgeleitet werden.87 So lehnt sich z.B. das mechanistische Naturverständnis an die Metapher der selbständig ablaufenden, von Menschen hergestellten Maschine an – wie z.B. ein Uhrwerk. Der Begriff des Naturgesetzes ist offensichtlich eine metaphorische Übertragung des juristischen Gesetzesbegriffs auf die Natur und der Begriff der Kausalität ist aus der Erfahrung abgeleitet, dass in den menschlichen Handlungen gewisse Regelmäßigkeiten zu beobachten sind (vgl. David Hume). Da die Natur gar nicht anders als mit Metaphern analysiert werden kann, kann die Kritik am anthropomorphen Denken nur bedeuten, dass man sich bei Erklärungsversuchen bewusst sein muss, mit welchen Metaphern dabei gearbeitet wird.

Aus diesen Überlegungen folgt, dass zwischen handwerklichen und mentalen Problemen kein prinzipieller Unterschied besteht. Auch mentale Probleme beziehen sich letztlich darauf, wie verschiedene Bewegungen miteinander koordiniert werden. Handwerkliche Betätigungen können deshalb das Denken befördern, weil hier Fähigkeiten der Koordination, Neuordnung und Integration von Bewegungen gelernt werden, die auch beim Denken benötigt werden. Deshalb können Menschen, die deren Denken und Bewegen durch von Gehirnverletzungen beschädigt wurden, am besten ihr Denken wiederherstellen, indem sie körperliche Fertigkeiten einüben.

Aus der Bewegungstheorie des Denkens ergibt sich eine pragmatische Erkenntnistheorie. Wenn das Denken mit Metaphern arbeitet, die aus dem Bereich des menschlichen Handelns stammen, kann es keine objektive Erkenntnis geben. Der traditionelle Anspruch der Wahrheit verkennt die Grenzen des menschlichen Denkens. Ob ein Wissen in Übereinstimmung mit der Sache selbst steht, wie es im traditionellen Wahrheitsbegriff beansprucht wird, kann nicht entschieden werden, da von der Sache immer nur das wahrgenommen wird, was für das menschliche Handeln nützlich ist. Es bestätigt sich, was Skeptiker immer behauptet haben, dass wahr ist, was nützt. Denn die Nützlichkeit ist das einzige Kriterium, das die Menschen besitzen, um eine Handlung zu bewerten. Allerdings darf Nützlichkeit nicht auf eigennütziges Handeln reduziert werden. Nur das Handeln, das nicht anderen Menschen schadet, erweist sich als nachhaltig nützlich.

Wie Ulrich Pothast gezeigt hat, wird eine Einsicht nur für wahr gehalten, wenn ein emotionales Moment gespürt wird.88 Dies kann ein Gefühl der Erleichterung, der Begeisterung oder ein Aha-Erlebnis sein. Zur Einsicht gehört also immer auch das innere gefühlsmäßige Einverständnis, dass der Gedanke etwas Richtiges erfasst hat. Aber das Richtige ist in Wirklichkeit etwas Nützliches. Wenn die innere gefühlsmäßige Zustimmung fehlt, erscheint das Wissen um bestimmte Zusammenhänge als beliebig. Deshalb werden auch Informationen, die zu keiner emotionalen Aufladung des Körpers führen, schnell wieder vergessen. Lernen darf nicht als eine rein mentale Tätigkeit missverstanden werden. Wenn die emotionalen Grundlagen wie Neugierde und oder das Interesse, etwas zu beherrschen und sich mit anderen Menschen über die aktuellen Probleme auszutauschen u.Ä. fehlen, kann Lernen nicht gelingen. Lernen aus Angst vor schlechten Noten oder beruflichem Versagen führt zu negativen Ergebnissen. Vor allem kann auf dieser Basis keine kreative Anwendung des Gelernten gelingen.

Das Wissen hat zwangsläufig den Charakter von Handlungsanweisungen. Wenn es sich im Handeln bewährt, bedeutet dies nicht, dass es wahr ist. Allenfalls kann es als rational bezeichnet werden, wenn dieser Begriff damit definiert wird, dass er sich auf alles bezieht, was gut für die Selbsterhaltung ist und was für eine gute Einfügung in die soziale und natürliche Umwelt sorgt. Dann können auch die emotionalen Gewohnheiten als rational bewertet werden, obwohl dies im Widerspruch zur Philosophie steht, die stets die Emotionen als irrational abgewertet hat. Dabei darf der Begriff Selbsterhaltung nicht zu eng gefasst werden. Die emotionale Rationalität bezieht sich immer auf das gesamte natürliche und soziale Umfeld, in dem ein Mensch steht. Dieser Bezug ist beim abendländischen Rationalitätsbegriff getilgt worden. Es ist die Illusion entstanden, dass die Vernunft ihre Maßstäbe aus sich heraus schöpfen kann. Als Vorbild galt das sich auf sich selbst beziehende Denken Gottes. In Wirklichkeit kann sich das Denken nur daran messen, inwieweit es den inneren und zugleich den äußeren Lebensbedingungen gerecht wird. Vernunft ist zwangsweise subjektiv.

4.1.4. Denken und Gehirnforschung

»Wir wissen viel, aber verstehen wenig.« (Wolfgang Prinz, Gehirnforscher)

Die übliche Frage nach der Wirksamkeit des Denkens ist falsch gestellt. Sie unterstellt, dass es eine eigenständige Denkinstanz gibt. Nach der hier entwickelten Konzeption des Denkens gibt es sie nicht. Auch das Bewusstsein ist bloß der Ort, in dem sich Bewegungen darstellen, die noch nicht absolut beherrscht werden bzw. bei denen wahrgenommen wird, dass sie möglicherweise angesichts der Besonderheiten der Realität scheitern könnten. Im Bewusstsein wird gewahr, dass Gewohnheitsmuster neu justiert werden müssen. Da in diesem Prozess der Neuorientierung auch die Sprache benutzt wird, scheint er ein aktiver Denkprozess zu sein. Demnach ist das Denken kein ausschließlich mentaler Prozess, sondern umfasst den ganzen Körper mit seinem Bewegungsrepertoire.

Die vorliegenden Überlegungen bieten ein Konzept an, mit dem die Annahme einiger Gehirnforscher, dass das Gehirn ausschließlich ein motorisches System ist, produktiv zum Verständnis der emotionalen und mentalen Funktionen genutzt werden kann. Wenn das Denken als ein motorischer Prozess aufgefasst wird, kann verständlich werden, warum alle Teile des Gehirns (wie z.B. das Frontalhirn), die am Denken beteiligt sind, gleichzeitig auch Bewegungen organisieren. Deshalb ist es auch nicht weiter überraschend, dass selbst das Kleinhirn, das bisher als das Zentrum zur Steuerung von Bewegungen galt, nach neueren Erkenntnissen am Denken beteiligt ist89, und dass die Gebärdensprache in den gleichen Gehirnarealen organisiert wird wie die Lautsprache. Damit wird auch verständlich, warum das außergewöhnliche Gehirnwachstum beim Menschen mit der phylogenetischen Entwicklung zum aufrechten Gang und zur vielfältigen Benutzung der Hände beim Gebrauch von Werkzeugen in Verbindung gebracht wird. In dieses Bild passt auch die Beobachtung, dass im Gehirn von Blinden, die Blindenschrift lesen, die Gehirnregion, die den Zeigefinger repräsentiert, deutlich vergrößert ist.90 Die Erfahrung zeigt, dass das Denken umso besser gelingt, je beweglicher der Körper ist. Kinder, die sich zu wenig bewegen, entwickeln mit hoher Wahrscheinlichkeit auch mentale Defizite, die konsequenterweise mit motorischen Übungen wieder beseitigt werden können.

Der ganze Organismus ist auf die Umwelt ausgerichtet. Die dabei gemachten Erfahrungen drücken sich in inneren Bewegungen aus, die als Gedanken erfahren werden. Dass Gedanken selbst virtuell vollzogene Bewegungen sind, zeigt sich daran, dass alle dafür erforderlichen Körpermuskeln eine minimale Innervation erhalten, wie oben für das Denken mit verbalen Begriffen gezeigt wurde. Es wäre deshalb falsch zu sagen: »Mein Gehirn sagt mir, was ich zu tun habe«. Die Vorstellung, dass die Verschaltungen des Gehirns die Gedanken festlegen, geht von der irrigen Vorstellung einer selbständigen Denkinstanz aus, die von den einzelnen Gedanken des Gehirns unabhängig ist. Die Annahme, dass das Gehirn eine selbständig agierende Einheit ist und nach deterministischen Gesetzen arbeitet, geht an der Tatsache vorbei, dass das Gehirn keine autonome Steuereinheit ist, sondern nur ein Mittel des Organismus, um die Kommunikation mit der Umwelt besser zu organisieren.

Die Frage der Gehirnforscher, wie es das Gehirn fertig bringt, mentale Prozesse hervorzubringen, kann damit beantwortet werden, dass die mentalen Prozesse darin bestehen, dass die innere Koordination von verschiedenen Bewegungsmustern bei der Vorbereitung des Handelns subjektiv erfahren wird. Aus dieser Sicht kann der Streit unter den Gehirnforschern, ob mentale und neurophysiologische Prozesse unterschiedliche Strukturen darstellen, ob sie identisch sind oder ob zwischen ihnen eine Interaktion besteht, als gelöst betrachtet werden. Neurophysiologische Erkenntnisse beziehen sich auf die gleichen Prozesse wie die subjektiven Erfahrungen, die im Bewusstsein zugänglich sind. Was im Bewusstsein erscheint, ist demnach nur eine Erscheinungsweise von neurophysiologischen Vorgängen, die auch mit Messgeräten beobachtbar sind, vorausgesetzt, dass sie ausreichend fein sind.

Den Gehirnforschern gelingt eine immer differenziertere Darstellung, welche Gehirnzellen bei bestimmten mentalen Akten beteiligt sind. Sie trauen sich inzwischen zu vorauszusagen, wie man im nächsten Moment handeln wird, wenn sich im Gehirn bestimmte Konstellationen von Nervenzellen einstellen. Ob aber damit das Denken selbst besser verstanden werden kann, ist fraglich. Die neurobiologischen Erkenntnisse zeigen lediglich, wie Bewegungen auf der körperlichen Ebene organisiert werden. Dabei geht es ausschließlich um biochemische und bioelektrische Prozesse. Demgegenüber zeichnet sich die Qualität der mentalen Prozesse dadurch aus, dass sie Bewertungen und Bedeutungen enthalten, inwieweit es mit den Bewegungen gelungen ist, sich in der sozialen Umwelt zu behaupten und die eigenen Bedürfnisse zu erfüllen. Die Bewertung des Gelingens oder Misslingens ist zwar auch ein körperlicher Akt, aber sie ist abhängig davon, welche Bedeutung den einzelnen Aktionen gegeben wird. Dies ist wiederum abhängig von Wertmaßstäben, von denen der Einzelne sich leiten lässt. Das Verständnis dieser Bewertungsprozesse setzt eine Kenntnis der Umweltbedingungen, der bisherigen Erfahrungen und der daraus abgeleiteten Wertmaßstäbe voraus. Die Kenntnis der chemischen und elektrischen Einzelheiten bei den neurobiologischen Prozessen kann hier überhaupt nicht weiterhelfen. Insofern spricht vieles dafür, dass die Hoffnung, dass die Gehirnforschung das Verständnis mentaler Probleme auf eine neue Grundlage stellen könnte, nicht in Erfüllung gehen wird. Das persönliche Verhalten ist nur im Horizont der individuellen Werte und angestrebten Ziele zu verstehen.

Auch wenn vieles dafür spricht, dass das Denken ein motorischer Prozess ist, muss man daran festhalten, dass diese Idee nur ein mentales Konstrukt ist. Denn alle Erklärungsmodelle über innere Prozesse können nie mehr als Theorien sein, auch wenn sie empirisch ausreichend bewiesen sind. Die Gehirnforscher verstehen so wenig, weil im Gehirn Prozesse ablaufen, die mit den Bewegungen, die die Menschen aus ihren Erfahrungen heraus verstehen können, überhaupt nicht vergleichbar sind.

Vielleicht kann man zu einem besseren Verständnis der Arbeitsweise des Gehirns gelangen, wenn auf der Basis der Bewegungstheorie des Denkens alle Teilfunktionen des Gehirns auf die zentrale Aufgabe der Koordination von Bewegungen im Raum bezogen werden. Daraus ergeben sich wahrscheinlich neue Fragestellungen für die Gehirnforschung. Auf jeden Fall führt sie zu einer realistischeren Einschätzung der Erkenntnismöglichkeiten der Gehirnforschung für den Bereich des Denkens und des sozialen Handelns.

4.2. Einfluss der Sprache auf das Denken

»Nur wenn man noch viel verrückter denkt als die Philosophen, kann man ihre Probleme lösen.« (Ludwig Wittgenstein)

Wenn davon ausgegangen wird, dass das Denken der Handlungsvorbereitung dient und selbst aus Bewegungen besteht, muss die traditionelle Überzeugung, dass das Denken überhaupt erst mit dem begrifflichen Denken anfängt, infrage gestellt werden. Wenn das Denken auch ohne die verbale Sprache funktioniert, stellt sich die Frage, ob und wie das Denken durch die Verwendung von Begriffen verändert wird. Hat das Denken dadurch etwas dazu gewonnen oder eher etwas verloren. Oder ist die Sprache nur eine von mehreren möglichen Darstellungs- und Ausdrucksformen des Denkens?

4.2.1. Die unvollkommene Sprache

»Man kann auch seine Gedanken nicht ganz in Worten wiedergeben.« (Friedrich Nietzsche)

Beim Sprechen gibt es keine Zweifel, dass es auf körperlichen Bewegungsprozessen basiert. Sprache entsteht dadurch, dass die ausgeatmete Luft in Schwingung versetzt wird. Die sprachlichen Laute, die Vokale und Konsonanten, entstehen durch differenzierte Bewegungen der Atemorgane, insbesondere durch die Gestaltung des Rachenraums, die Aktivität des Kehlkopfes und des Zwerchfells. Ilse Middendorf hat beobachtet, dass jeder Vokal einen spezifischen Körperraum hat, in dem er gebildet wird. So wird das 'u' im Beckenraum, das 'i' im Schultergürtel, das 'e' in den Flanken und das 'o' in der Mitte des Rumpfes gebildet. Das 'a' umfasst den ganzen Atemraum. Die Konsonanten haben keine ausgesprochenen Atembewegungsräume, sondern haben eher den Charakter von Anschlägen, Zentrierungen, Antrieben, Verbindungen und Lösungen in der Gesamtheit der Körperwand. So erhält z.B. das 'f' seinen Charakter durch den Beckenbodenmuskel, die Konsonanten 'p', 't', 'k', 'b', 'd' und 'g' kommen durch das Zusammenwirken des Zwerchfells mit unterschiedlichen Rippenpaaren zustande, bei 's', 'sch', 'z' und 'c' ist dominant die Bauchdecke beteiligt, das 'n' beansprucht den Schultergürtel usw.91

Bekanntlich ist die Entwicklung der Feinmotorik der Hände eine wesentliche Voraussetzung der Sprach- und Denkentwicklung. Wenn die Feinmotorik von Kindern beeinträchtigt ist, sind Störungen in der Sprachfähigkeit zu beobachten. Es ist nachgewiesen worden, dass auch die Muskulatur im Becken zur Sprachbildung beiträgt. So können Sprachlaute nur artikuliert werden, wenn das Becken fähig ist, minimale Rotations- und Kippbewegungen durchzuführen.92 Das zeigt, dass die Artikulation der Sprache und damit auch das begrifflich gestützte Denken auf einen großen Schatz an subtilen Bewegungsmustern angewiesen ist.

In der menschlichen Sprache bilden die Konsonanten das Gerüst und geben den Vokalen ihre Prägung. Allerdings sind die Bewegungen der Vokale und Konsonanten sehr subtil, da die Bewegungen des ganzen Körpers – außer denen der Lippen und des Kiefers – kaum wahrgenommen werden können. Die eigentlichen Bausteine der Begriffe sind die Phoneme (wie z.B. "ba" und "da"). Alle Wörter setzen sich aus lediglich 44 Phonemen zusammen.93

Begriffe bestehen aus Verknüpfungen von mehreren Konsonanten mit Vokalen und sind damit nichts anderes als komplexe Bündel von aufeinander folgenden Lauten. Da die Laute aus Schwingungen bestehen und Schwingungen körperliche Bewegungen sind, bestehen Begriffe aus körperlichen Bewegungsmustern. Wenn also ein Begriff benutzt wird, läuft eine komplexe körperliche Bewegungsgewohnheit ab.

Begriffe erhalten ihre Bedeutung dadurch, dass ihnen einerseits Vorstellungen von Gegenständen und andererseits Bewegungsmuster zugewiesen werden. So ist der Begriff »Gefäß« nichts anderes als ein bestimmtes Klangmuster, das beim anderen die bildhafte Vorstellung von etwas hervorrufen soll, das eine innere Höhlung enthält, in die man etwas hineinfüllen, in der man etwas aufbewahren und aus der man etwas gießen kann. Oder der Begriff sägen stammt von dem anschaulichen Begriff schneiden. Das gilt auch für abstrakte Begriffe. So wird z.B. die Seele primär durch ihre Fähigkeiten definiert zu denken, zu fühlen und zu sprechen. Oder Wahrheit besteht darin, dass zwei verschiedene Zustände miteinander verglichen und als gleichartig erkannt werden. Es scheint unmöglich zu sein, einen Begriff nur mit visuellen Bildern zu definieren. So ist ein Tisch nicht zentral dadurch definiert, dass er vier Beine hat (das trifft auch für einen Löwen zu), sondern dass man sich vor ihn hinsetzen und an ihm essen oder arbeiten kann. Es ist deshalb nicht zufällig, dass sich der Begriff Tisch etymologisch von der flachen Schlüssel ableitet, mit der auf dem Tisch gegessen wird. Wenn versucht wird, jemandem einen ihm unbekannten Begriff zu erklären, wird automatisch nicht auf vergleichbare Bilder, sondern auf die Funktionen Bezug genommen, die mit dem Begriff gemeint sind. Begriffe erscheinen als unscharf, wenn sie sich auf vielfältige, wenn nicht sogar konträre Bewegungsmuster beziehen, wie dies z.B. beim Begriff der Liebe der Fall ist, die einerseits an den sexuellen Akt und andererseits an die emotionale Zuwendung denken lässt. Die Vieldeutigkeit von Begriffen ergibt sich also daraus, dass sie gleichzeitig verschiedene Bewegungsmuster ansprechen können, so dass allein der Kontext entscheidet, welches Bewegungsmuster gemeint ist.

Üblicherweise werden Begriffe primär mit den inneren Vorstellungen definiert, die man von einem Gegenstand hat. So hat z.B. jeder Mensch eine Fülle von verschiedenen Vorstellungen, mit denen der Begriff Kirche assoziiert wird. Da Kirchen sehr unterschiedliche bauliche Formen annehmen können, wobei das Gebäude nicht unbedingt groß sein muss und nicht immer einen Turm hat, erscheint der Begriff als unscharf und verschwommen. Dennoch haben die Menschen keine Schwierigkeiten im Umgang mit diesem Begriff. Das liegt daran, dass die Begriffe im Kern mit den Bewegungen definiert werden, die mit einem Objekt verbunden werden. So ist für die meisten Menschen die Kirche ein Gebäude, in dem mit Gebeten, Gesang und Predigten Kontakt mit Gott aufgenommen wird. Auch wenn ein Gebäude, in dem gebetet und gepredigt wird, keinen Turm hat, wird es als eine Kirche bezeichnet. Es zeigt sich immer wieder, dass sich aus der Sicht der Bewegungen Begriffe relativ eindeutig definieren lassen.

Begriffe können damit als körperliche Bewegungsmuster verstanden werden, die auf andere Bewegungsmuster verweisen. Begriffliches Denken bedeutet demnach, dass körperliche Bewegungen ausgeübt werden, die mit anderen Bewegungen assoziiert sind. Dieses Prinzip wird auch bei den Gesten angewandt. So wird fast überall das Kopfnicken als eine Bejahung verstanden.

Die Begriffe werden immer in bestimmten Situationen gelernt. Deshalb geht auch die Stimmung der Situation genauso in das neuronale Schema für den Begriff ein, wie nicht vergessen wird, von wem man einen Begriff gelernt hat. Deshalb können Begriffe auch vergangene Situationen hervorrufen. Begriffe werden verstanden, weil sie die Vorstellungen und Erinnerungsspuren von Bewegungen ins Bewusstsein rufen, die in der Sprachgemeinschaft mit dem Wort verknüpft werden. Verständnis setzt also voraus, dass die Worte in die Vorstellungen und Bewegungen rückübersetzt werden, auf die in den Begriffen Bezug genommen wird. Eine bildhafte Sprache erleichtert deshalb das Verständnis. Bei Missverständnissen empfiehlt es sich, die Bewegungsmuster zu klären, von denen beide Dialogpartner ausgehen.

Die meisten Sprachforscher gehen davon aus, dass alle Begriffe aus der sinnlichen Anschauung stammen und mit bestimmten Vorstellungen angefüllt werden.94 Da diese Vorstellungen aber kein Abbild der realen Objekte sind, sondern immer schon Typisierungen enthalten, sind die Begriffe bloße Zeichen oder Hinweisschilder, die auf etwas anderes verweisen. Das wird besonders bei den Verben deutlich, weil die Bewegungsmuster bereits im vorsprachlichen Denken klassifiziert werden.

In die mit Begriffen von Objekten assoziierten Vorstellungen gehen nur die Aspekte ein, die von besonderem Interesse für das eigene Leben sind. Da die inneren Vorstellungen immer individuelle Konstrukte sind, sind alle Begriffe grundsätzlich nicht mehr als Zeichen, die den Blick auf bestimmte Vorstellungen richten sollen. Aus der Herkunftsgeschichte der Begriffe geht regelmäßig hervor, dass sie zunächst anschaulich waren. Wie am Beispiel des Tisches oben deutlich wurde, kann der Bezug zu den ursprünglich anschaulichen Vorstellungen verloren gehen und nur der Bezug zu den Funktionen erhalten bleiben.

In der Sprachforschung gibt es die Kontroverse, welche Begriffe am Anfang der Sprachentwicklung standen. So vertritt z.B. der österreichische Sprachphilosoph Fritz Mauthner die Überzeugung, dass die Adjektive ursprünglicher als die Substantive und Verben seien, weil sie unmittelbar aus der sinnlichen Erfahrung hervorgehen.95 Verben und Substantive seien dagegen mentale Hypothesen, die über die sinnliche Erfahrung hinausgehen. Im Licht der bisherigen Überlegungen zur Funktion der Sprache erscheint diese Auffassung als problematisch. Da die Bewegungen etwas ganz Elementares sind und an jeder Erfahrung beteiligt sind, kann angenommen werden, dass sich alle Begriffsarten gleichzeitig entwickelt haben, wobei aus meiner Sicht die Verben einen gewissen Vorrang haben, weil sie aufgrund ihrer direkten körperlichen Erfahrbarkeit viel vertrauter sind als die Dinge, die man immer nur äußerlich wahrnehmen kann.

Wie sehr die Bewegung im Zentrum des Verstehens steht, zeigt sich daran, dass nach Auffassung der Sprachforscher die Dinge regelmäßig mit den Begriffen für die Bewegungen benannt wurden, die den Umgang mit ihnen charakterisieren. So leitet sich z.B. der Begriff Holz von »schlagen« ab. Viele Begriffe, die zur Kennzeichnung geistiger Prozesse benutzt werden, stammen unübersehbar von Bewegungen der Hände ab: »begreifen« von greifen, »erfassen« von fassen, »deuten« von hindeuten. Die Schlüsselrolle der Verben geht auch daraus hervor, dass alle abstrakten Substantive, die sich nicht direkt auf Wahrnehmungsgegenstände beziehen, auf Verben zurückgehen. So leitet sich Wissen von »sehen«, Erkenntnis von »erkennen«, Wahrheit von »wahrnehmen« oder Einfühlungsvermögen von »einfühlen« usw. ab. Das bedeutet, dass die sprachlichen Begriffe ihren Ursprung in körperlichen Bewegungen haben. 96

Wenn man mit einem Gegenstand konfrontiert wird, der als emotional bedeutungsvoll erlebt wird und für den noch kein Begriff vorhanden ist, wird ein Begriff gewählt, der sich an bekannte Begriffe anlehnt. So wurde z.B. für den Ausscheidungsprozess das Wort »Stuhlgang« gewählt, weil man für diese Aktivität auf den Stuhl gehen musste. Abgesehen davon, dass mit diesem Begriff peinliche Gefühle verdrängt werden sollen, zeigt dieses Beispiel, dass man gern auf vertraute Begriffe zurückgreift, weil dadurch eine bessere Verständlichkeit garantiert ist. Insbesondere bezieht man sich vorzugsweise auf vertraute Verben. Wie in Kapitel 5.2.2. gezeigt wird, wurde der Begriff der Seele für das geistig-gefühlsmäßige Innenleben gewählt, weil man davon ausging, dass alle geistig-gefühlsmäßigen Prozesse mit Veränderungen des Atems einhergehen.

Die Sprache erhält ihre Fähigkeit, Informationen weiterzugeben, eigentlich erst durch die Satzstruktur. Sätze bestehen aus einer Kombination von Begriffen für Objekte und Bewegungen. Sie bilden damit den Grundvorgang der Bewegung ab, bei der der Körper auf ein Objekt bezogen wird. Sätze erhalten ihre Struktur durch die Verben und sind insofern Bewegungsprogramme. Sätze werden verstanden, indem die Bewegungen vorgestellt werden, die in den Sätzen ausgedrückt werden. Natürlich muss man die Bewegungen kennen, von denen gesprochen wird. Auch in Geschichten sind die Verben der Schlüssel zum Verständnis. Die Verben kennzeichnen die Art der Bewegungen und machen die Absichten des handelnden Subjekte verständlich. Weil die grobmotorischen und emotionalen Bewegungen innerlich nachvollzogen werden können, übermitteln sie den Sinn der Geschichte.

Wenn sich die Menschen in ihrem Handeln an ihren Überzeugungen orientieren, bedeutet das nichts anderes, als dass sie ihren erlernten Bewegungsmustern folgen. Denn Überzeugungen dürfen nicht als mentale Sätze missverstanden werden. Sie haben ihre Substanz in Bewegungsgewohnheiten, die für bestimmte Situationen zur Verfügung stehen. Wenn man also die Überzeugungen von Menschen verstehen will, muss man sich fragen, welche Präferenzen sie haben, sich in bestimmten Situationen zu bewegen. Wenn man erfahren will, mit welchen Überzeugungen man selbst an ein bestimmtes Problem herangeht, muss man sich die Bewegungen anschauen, die dabei geplant werden. In diesem Sinne hat jeder Mensch mit der Gesamtheit der erlernten Bewegungsmuster ein unartikuliertes, vorsprachliches Verständnis von der Realität.

Die verbale Sprache steht vor der Aufgabe, die inneren vorsprachlichen Denkprozesse, die darin bestehen, dass mehrere Bewegungsabläufe miteinander in Verbindung gebracht werden, in Begriffen auszuformulieren. Da davon auszugehen ist, dass das Denken auch ohne Begriffe funktioniert, handelt es sich dabei streng genommen nicht um eine Übersetzung, sondern um einen Versuch, Denkprozesse im Medium der verbalen Sprache auszudrücken. Die verbale Artikulation kann im Prinzip gelingen, da das vorsprachliche Denken bereits mit abstrakten Klassifikationen arbeitet und nicht am konkret Sinnlichen klebt, wie meist behauptet wird. Wie oben dargestellt wurde, beziehen sich die Verben auf Bewegungsabläufe, die von vornherein als typische Bewegungsformen erlebt werden. Allerdings bringt die Verwendung von Begriffen immer auch minimale Verschiebungen im Verständnis mit sich, da in den verwendeten Begriffen meist noch andere Bedeutungen mitschwingen, die über den aktuellen Vorgang hinaus weisen.

Da sich die sprachlichen Begriffe auf Bewegungen beziehen, sind ihrer Ausdruckskraft enge Grenzen gesetzt. Wenn z.B. versucht wird, jemandem eine ungewöhnliche Bewegung sprachlich zu erklären, müssen die sprachlichen Umschreibungen zwangsläufig Bezug auf bekannte Bewegungsmuster nehmen. Sie geben deshalb zu vielen Missverständnissen und Unsicherheiten Anlass. Deshalb ist es auch sehr schwer, neue Problemlösungsmuster, die von den bekannten Bewegungsmustern abweichen, anderen Menschen verständlich zu machen. Wird jedoch die Bewegung gezeigt, versteht man sie auf Anhieb.

Nur Begriffe, die sich auf vertraute Bewegungen beziehen, lassen das Gefühl entstehen, etwas verstanden zu haben. Es kann allgemein so formuliert werden, dass alles Verstehen letztlich darin wurzelt, dass man die Bewegungen kennt, auf die die Begriffe verweisen. So kann etwas Fremdes nur verstanden werden, wenn es auf vertraute Bewegungen zurückgeführt und innerlich nachvollzogen wird. Deshalb können Tiere »verstanden« werden, aber unbewegliche Materie kann wohl in ihre Elemente zerlegt und benutzt werden, ohne aber zu einem wirklichen Verstehen zu gelangen. Wenn eine Erkenntnis angibt, was man tun muss oder im Prinzip tun müsste, um ein bestimmtes Phänomen technisch zu erzeugen und zu manipulieren, erscheint ein Phänomen als verstanden. So wurde der Regenbogen »verstanden«, als man entdeckt hatte, wie mit einem Prisma das Sonnenlicht in die Regenbogenfarben zerlegt werden kann.

Auch bei seelischen Problemen ist man erst richtig überzeugt, etwa verstanden zu haben, wenn man begriffen hat, durch welche (evtl. auch unterlassene) Bewegungen sie entstanden sind. Wie oben dargestellt, kommt es darauf an zu wissen, welche Entscheidungen früher getroffen wurden, sich in bestimmten Situationen so und nicht anders zu verhalten. Die üblichen Erklärungen mithilfe psychologischer Theorien reichen an solches Verständnis nicht heran. Denn sie setzen sich regelmäßig über das subjektive Entscheidungsmoment hinweg und täuschen so nur ein Verständnis vor.

Es wird häufig angenommen, dass sich das Denken erst im Zusammenhang mit der verbalen Sprache zu seiner heutigen Qualität entfalten konnte. Wenn aber das Sprechen nur ein Versuch der Ausformulierung des somatischen Denkens ist, ist dieses kulturelle Dogma infrage zu stellen. Das Gesprochene kann nie authentischer und vollkommener sein als das Gedachte. Es ist das Kardinalproblem aller Schriftsteller, dass sie damit ringen, differenzierte Erfahrungen sprachlich so abzufassen, dass sie von anderen Menschen nachvollzogen werden können. Der verbale Ausdruck muss zwangsläufig hinter dem »Original« zurückbleiben. Die Übersetzung ins gesprochene Wort kann nicht nur misslingen, sondern kann sogar etwas vortäuschen, was gar nicht vorhanden ist. So kann z.B. von Gefühlen geredet werden, ohne dass sie empfunden wurden. Es spricht viel dafür, dass die Qualität des Denkens nicht automatisch durch die verbale Sprache höher geworden ist, sondern dass sie davon abhängig ist, inwieweit es gelingt, angemessene Metaphern für die Erfahrungen zu finden.

Häufig wird gegenüber der These, dass die Sprache nur ein Instrument zum Ausdruck vorsprachlicher Gedanken ist, eingewandt, dass die Wirklichkeit, die Gegenstände, ihre Unterschiede, Eigenschaften und Beziehungen bereits in sprachlicher Form erfasst werden97 und deshalb verbale Gedanken artikuliert werden. Das ist ohne Zweifel der Fall. Aber darin liegt auch das Problem der verbalen Sprache. Sie stellt mit ihren Denkmustern einen Filter dar, mit dem die Wirklichkeit wahrgenommen wird. Die erlernten Denkmuster laufen automatisch ab. Da jeder Begriff bereits mit bestimmten Vorstellungen und Erwartungen verbunden ist, wird dadurch die Wahrnehmung geprägt. Die unvoreingenommene Wahrnehmung wird zur großen Kunst. Zweifellos basiert die befreiende Wirkung der Meditation darauf, dass sie die offene Wahrnehmung wiederherstellt. Zu Recht wird in vielen esoterischen Traditionen gefordert, das Bewusstsein von dem unablässigen Strom der Gedanken freizumachen, um die eigene Kreativität zu fördern. Auch die Empfehlung, mehr mit der rechten Gehirnhemisphäre zu denken, die gestalthaft, bildhaft und ganzheitlich arbeitet, drückt die Skepsis gegenüber dem sprachlichen Denken aus. Das Geheimnis jeder Veränderung ist Entspannung, weil man sich dann der Schicht der inneren Vorstellungen und Bewegungsmuster öffnet, die neue Wege weisen können.

4.2.2. Die Macht der Sprache

»Man kann auch seine Gedanken nicht ganz in Worten wiedergeben.« (Friedrich Nietzsche)

Es ist erstaunlich, dass sich die Sprache erst relativ spät in der menschlichen Evolution herausgebildet hat. Wenn davon ausgegangen wird, dass es seit 3-4 Millionen Jahren Menschen gibt, dann ist der Zeitraum von ca. 100.000 Jahren, in dem die Menschen über Sprache verfügen, sehr klein. Wahrscheinlich haben sich die Menschen vor der Erfindung der Lautsprache mit Gesten und Gebärden unterhalten. Als die Lautsprache erfunden wurde, hat sie sehr rasch die Gebärdensprache verdrängt, weil sie gegenüber der Gebärdensprache erhebliche Vorteile hat. Die Hände wurden frei für die Bedienung von Werkzeugen, so dass man auch beim Arbeiten miteinander kommunizieren konnte. Vermutlich ist das Gestikulieren beim Sprechen ein Restbestand der früheren Gewohnheit, mit Gesten zu kommunizieren. Im Folgenden sollen einige Überlegungen zur Entwicklungsgeschichte der Sprache angestellt werden, die die These unterstützen, dass sprachliches Verstehen auf motorischen Prozessen basiert.

In der Biologie werden mehrere physiologische Entwicklungssprünge genannt, die die Voraussetzung dafür seien, dass die verbale Sprache überhaupt möglich wurde. Die Grundannahme ist, dass in der menschlichen Evolution erst bestimmte physiologische Fähigkeiten erworben werden mussten, damit die Artikulation von Sprache möglich wurde. So ist beim Menschen der Kehlkopf wesentlich tiefer als bei seinen Vorfahren in den Hals herabgesunken. Dadurch ist das »Ansatzrohr«, d.h. der Rachenraum größer geworden. Auch die menschliche Zunge ist in diesem Zusammenhang beweglicher geworden. Erst beim Menschen schließt der Kehlkopf absolut dicht. Weiterhin ist bedeutsam, dass mit dem aufrechten Stand der Brustkorb frei von den Einschränkungen durch die Hände wurde, die von den menschlichen Vorfahren zum Laufen verwendet wurden. Schließlich wird vermutet, dass die Sprachentwicklung erst möglich geworden ist, nachdem die Menschen ihre große Feinsteuerung der Finger erworben haben. Mit den Händen wurde gelernt, mehrere Bewegungsabläufe – zum Beispiel für die Benutzung eines Werkzeugs oder für das Klavierspielen – präzise miteinander zu verketten. Das ist für die Sprache, die ja aus der Abfolge einer Vielzahl von körperlichen Einzelbewegungen für die Konsonanten und Vokale besteht, eine zentrale Voraussetzung.98

Aber die zentrale Bedingung dafür, dass Sprache entstehen konnte, ist aus meiner Sicht die Fähigkeit zur willkürlichen Steuerung der Atmung. Nur wenn die Fähigkeit vorhanden ist, den Atem anzuhalten, sind willkürlich artikulierte Laute möglich. Auf die Frage, wann diese Fähigkeit erworben worden ist, hat der amerikanische Biologe Alister Hardy eine verblüffende Antwort gefunden. Er vermutet, dass in Ostafrika lebende Menschengruppen ihr Leben total ändern mussten, als aufgrund von terrestrischen Verschiebungen ihr Lebensraum zur Insel im vordringenden Meer wurde und sie ihre Ernährungsbasis von der Landwirtschaft auf Fischfang umstellen mussten. Möglicherweise wurden die Menschen auch durch die Austrocknung der Savannen an die Ufer des Meeres getrieben. Das Leben spielte sich deshalb über viele Millionen Jahre im und am Wasser ab. Die Menschen mussten lernen, im Wasser zu stehen, zu schwimmen und zu tauchen. Alister Hardy weist in seiner Theorie der Wasseraffen nach, dass sich dabei die typischen Eigenschaften der Menschen wie die fehlende Behaarung, das Unterhautfettgewebe, der Tauchreflex, der dichte Kehlkopf herausgebildet haben, die eigentlich typisch für Meerestiere sind. Diese Theorie, die auf hervorragende Weise von der Journalistin Elaine Morgan in ihrem Buch »Kinder des Ozeans« dargestellt worden ist,99 kann hier nicht ausgebreitet werden. Es kommt nur auf die Erkenntnis an, dass es ein außergewöhnliches historisches Ereignis war, das die Menschen zwang, die für Meerestiere selbstverständliche, aber für Landbewohner ungewöhnliche Fähigkeit der Atemkontrolle zu erlernen. Diese Theorie lässt vermuten, dass sich die Sprachfähigkeit in der Wiege der Menschheit in Ostafrika entwickelt hat.

Die Theorie der Wasseraffen stellt das Konzept des Selektionsdrucks radikal infrage. Es sind nicht die kleinen Mutationen, die zu besserer Anpassung an die Lebensbedingungen führen, sondern außergewöhnliche Herausforderungen durch Veränderungen in der Umwelt, die von den Lebewesen mit Anpassungsreaktionen positiv aufgenommen werden. Sprache ist deshalb sicherlich nicht das Ziel der Evolution, wie es oft dargestellt wird, sondern ist als ein Nebenprodukt von Anpassungsleistungen an veränderte Lebensbedingungen anzusehen. Sprache war und ist nicht zum Überleben erforderlich, aber als sie sich einmal herausgebildet hatte, wurde sie zum mächtigen Stimulator weiterer Entwicklungsfortschritte. Die großen Erfindungen im Bereich des Handwerks sind sicherlich durch die Fähigkeit zur sprachlichen Kommunikation im Arbeitsprozess gefördert worden. Schließlich ist die Sprache in den daraus entstandenen komplexen Sozialstrukturen überlebensnotwendig geworden.

Seitdem sich die Sprache entwickelt hat, ist sie zum privilegierten Mittel geworden, die eigenen Gedanken anderen mitzuteilen. Gesten und Gebärden treten zurück und werden sogar als legitime Mittel der Mitteilung diffamiert. Die Menschen haben sich so sehr mit der verbalen Sprache identifiziert und daraus ihre Überlegenheit abgeleitet, dass sie vergessen haben, dass das Denken auch unabhängig von der Sprache funktioniert.

Wenn die Gesten und Gefühle weitgehend durch die Lautsprache in den Hintergrund gedrängt wurden, so ist dies kein Entwicklungssprung, sondern die kontinuierliche Erweiterung der menschlichen Fähigkeit, mithilfe von Bewegungen anderen Menschen Bedeutungen mitzuteilen. Mit der Sprache tritt nichts grundsätzlich Neues in der menschlichen Evolution auf. Wenn das Sprechen und verbale Denken als eine motorische Aktivität verstanden wird, kann auf die mysteriöse Emergenztheorie des Geistes verzichtet werden, nach der sich auf einer bestimmten Entwicklungsstufe die grundsätzlich neue Qualität des Geistes herausgebildet hat.

In der Entwicklung des Kleinkindes wird man vergebens nach dem Zeitpunkt suchen, an dem der Sprung zum Denken erfolgt. Denn es vollzieht sich ein kontinuierliches Erlernen immer komplizierterer und subtilerer Bewegungen. Wenn sich Kleinkinder geistige Überzeugungen und Wissen aneignen, ist das nichts anderes, als dass Bewegungsformen erlernt werden, mit denen etwas Bestimmtes erreicht werden kann. Deshalb kann angenommen werden, dass das Denken direkt aus dem Bewegungslernen hervorgeht. Es hat die Funktion, die eigenen Bewegungsmuster mit denen der anderen Menschen abzustimmen. Denn die Menschen können nur als soziale Wesen überleben, wenn ihre Bewegungsmuster mit denen der anderen Menschen zusammenpassen. Nur dann können sie zusammenarbeiten, sich ihre Gefühle und Erfahrungen mitteilen und gemeinsame Pläne entwickeln.

Die verbale Sprache hat das menschliche Zusammenleben gewaltig verändert. Von den vielen Auswirkungen soll hier zunächst die erleichterte Kooperation der Menschen im Arbeitsprozess hervorgehoben werden. Außerdem hat die Sprache den Aufbau eines kulturellen Gedächtnisses ermöglicht, da jetzt alle Erfahrungen und Erkenntnisse für die Nachwelt festgehalten werden können. Dadurch ist eine gewaltige Akkumulation von Wissen möglich geworden. Am Nachhaltigsten ist sicherlich die menschliche Entwicklung dadurch geprägt worden, dass mithilfe der Sprache große Bevölkerungsgruppen beherrschbar und verwaltbar geworden sind. Erst die Sprache hat den Aufbau und die Verwaltung von großen Herrschaftsgebieten möglich gemacht. Politische Machthaber nutzen seitdem die Sprache zur Legitimation ihrer Herrschaft, indem sie Weltanschauungen, die ihre Macht stützen, mithilfe aller Informationskanäle in die Köpfe der Menschen einpflanzen. Politische Handlungen, die bestimmte Bevölkerungsgruppen benachteiligen, können so mit scheinbar allgemeingültigen Argumenten begründet werden. Außerdem können Handlungen, die sich gegen die politische Ordnung richten, leicht diskriminiert werden. Die Menschen identifizieren sich in der Regel mit den Argumenten der Herrschenden, weil sie Angst vor den Folgen freien Denkens haben. Die Politiker brauchen deshalb seit Erfindung der Sprache weniger physische Machtmittel einzusetzen, um Gehorsam zu erzwingen.

In einer Sprach- und Schriftkultur ist die Neigung groß, sich mehr auf das Gehörte und Gelesene als auf das direkt und unmittelbar Wahrgenommene zu verlassen. Meinungen und Ansichten werden von anderen Menschen übernommen, ohne sie auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen. Man kann vieles wissen, was man nicht unmittelbar erfahren hat. Dadurch ist der Impuls, sich mit den eigenen Sinnen der Realität zuzuwenden, abgeschwächt worden. Wenn man sich zu sehr auf das gesprochene Wort verlässt, kann auch das Gespür für den emotionalen Zustand des Gegenübers und für die eigenen Gefühle schwächer werden. Wahrscheinlich ist es falsch anzunehmen, dass das Gespür für die eigenen Gefühle durch die Sprache differenzierter geworden ist. Eher ist das Gegenteil der Fall, weil man die eigenen Gefühle nun durch die Brille der sprachlichen Begriffe betrachtet, die gerade gegenüber Gefühlsunterschieden relativ undifferenziert ist. Die Entwicklung der Sprache hat deshalb dazu geführt, dass an die Stelle des wahrnehmungsgeleiteten Denkens immer mehr fremdbestimmtes Denken tritt. Wenn die verbale Ebene des Denkens fixiert und dadurch der Zugang zum primären Denken mit seinen Bewegungsmustern und inneren Vorstellungen verschüttet wird, geht das kreative und kritische Denken verloren.

Die Gefahr der Fremdbestimmung durch andere Menschen ist durch die Sprache verstärkt worden. Seit Erfindung der Sprache neigen die Menschen dazu, zur Abwehr von emotionalen Verletzungen Glaubenssätze zu bilden. Die Glaubenssätze sind an Sprache gebundene Überzeugungen, die dafür sorgen, dass in Situationen, die als gefährlich eingeschätzt werden, in früheren Situationen gelernte Gewohnheitsmuster ablaufen.100 Wenn man sich bedroht fühlt, redet man sich mit seinen Glaubenssätzen sozusagen ein, wie die Situation zu bewerten ist, ohne dies noch zu überprüfen. Das bedeutet, dass man sich selbst davon überzeugt, dass die gewählte Gewohnheitsreaktion sinnvoll ist, auch wenn sie mit Einschränkungen verbunden ist. Ohne die Glaubenssätze würde der ursprüngliche Widerstand gegen die emotionale Unterdrückung lebendig bleiben und immer wieder Protestaktionen gegen die Unterdrückung anregen.

Die verbale Sprache erleichtert es, andere Menschen zu verletzen. So kann die Sprache direkt dazu benutzt werden, andere Menschen zu beleidigen, herabzusetzen oder zu kritisieren. Zugleich ist mit der Sprache Lüge und Heuchelei in das soziale Zusammenleben eingezogen. Denn sie eignet sich hervorragend dafür, andere Menschen zu täuschen und zu manipulieren. Zugleich kann das betrügerische und verletzende Verhalten auf geschickte Weise vor sich selbst und den anderen gerechtfertigt werden. So ist z.B. das Konzept des Ichs und der Verantwortung dazu benutzt worden, Menschen wegen ihrer Regelverstöße zu bestrafen, anstatt ihnen zu helfen, ihre dysfunktionalen Gewohnheiten zu ändern. Die originäre Funktion des Denkens, das Handeln anzuleiten und zu optimieren, wurde so historisch zunehmend von der Funktion überlagert, unsoziales Verhalten zu rationalisieren.

Normalerweise wird die hohe kulturelle Wertschätzung der Sprache mit ihrer Fähigkeit begründet, die Wahrheit der Realität und der Transzendenz zu erkennen. Sicherlich hat auch der große politische Nutzen der Sprache, mit ihrer Hilfe Menschen leichter beherrschen zu können, wesentlich mit zu der Hochschätzung der Sprache beigetragen. Aus heutiger Sicht fällt die Bilanz der kulturellen Bedeutung von Sprache sehr zwiespältig aus: Den großen Vorteilen, die die Entwicklung der verbalen Sprache gebracht haben, stehen erhebliche Nachteile gegenüber. So sind die massenhafte Unterdrückung der Emotionen und die Errichtung von politischen Unrechtsregimen erst durch die Sprache möglich geworden. Und die Theorien, die von sprachbegabten Menschen, die sich gerne Philosophen nannten, hervorgebracht worden sind, haben mehr zur Legitimation der emotionalen Zurückhaltung und zur Rationalisierung von Ungerechtigkeit und Verletzungen als zur Erkenntnis der Realität beigetragen.

Erst mit der Entfaltung der Sprache ist Philosophie möglich geworden. Theorien über den Sinn und das Ziel des Lebens, das Woher und Wohin der Menschen, die Ursache des Lebens u.Ä. konnte es vorher nicht geben. Erst mit der Sprache wurde es möglich, über Phänomene zu reden, die es in der direkten sinnlichen Wahrnehmung gar nicht gibt. So gab es für den Bereich des geistig-gefühlsmäßigen Innenlebens keine Klassifikationen aus der sinnlichen Wahrnehmungswelt, die für dessen Verständnis herangezogen werden konnten.

Die Sprache macht es möglich, Begriffe zu schaffen, die sich nicht direkt auf sinnlich Wahrnehmbares beziehen. So wurde z.B. der Begriff Seele gebildet, um das geistig-gefühlsmäßige Innenleben zu entschlüsseln. Abstrakte Begriffe wie Geist, Weltseele, Sein oder Moral lassen den Eindruck entstehen, als würde es eine eigenständige geistige Welt geben. Außerdem verführt die verbale Sprache dazu, Gedanken zu verselbständigen, d.h. ihren Bezug zu einer konkreten Handlungssituation mit ihren spezifischen Bewegungszielen zu vergessen. Es kann dann der Eindruck entstehen, dass es »absolute Wahrheiten« und »objektive Erkenntnisse« gibt. Das liegt in erster Linie an der verhängnisvollen Neigung, Allgemeinbegriffe zu bilden, denen ihre Herkunft aus Bewegungsprozessen und damit der alltäglichen Lebenspraxis nicht mehr anzusehen ist. Bevor solche abstrakten Begriffe gebildet wurden, gab es nicht die Gefahr, dass sich die Menschen mit solchen Theorien überidentifizieren oder sich sogar im Recht fühlen, wenn sie im Namen dieser Theorien andere Menschen töten oder versklaven.

Früher habe ich die These vertreten, dass das Denken erst durch den Atem möglich geworden ist. Ich bin dabei der These von Sprachforschern gefolgt, dass das Denken erst durch die Sprache möglich geworden ist.101 Die dargestellten Überlegungen führen zu dem Schluss, dass diese These falsch ist. Denken gab es schon lange, bevor die oben dargestellten physiologischen Änderungen in den Atemorganen die verbale Sprache möglich gemacht haben. Ebenso wenig ist der Atem eine Grundbedingung des Denkens, wie in den alten Seelentheorien implizit angenommen wurde. Die traditionelle Gleichsetzung des Atems mit dem Geistigen, die sich z.B. im lateinischen Wort spiritus für Geist und im Begriff Inspiration ausdrückt, beruht auf einer falschen Einschätzung der Bedeutung des Sprechens. Zweifellos hat die verbale Sprache dem Denken ein neues Ausdrucksmittel gegeben, so dass es auf sehr differenzierte Weise mitgeteilt werden kann. Aber das Sprechen ist nicht für das Denken konstitutiv. Da das Denken seine Substanz in verinnerlichten Bewegungen hat, kommt es auch ohne die begriffliche Sprache aus.

4.2.3. Selbstreflexion

"Wer jeden Schritt vorher lange überlegt, verbringt sein ganzes Leben auf einem Bein." (Chinesische Lebensweisheit)

Die Fähigkeit zur Selbstreflexion gilt in der Philosophie als Krone des menschlichen Denkens. Sie hat viele Philosophen dazu verleitet, damit die Sonderstellung des Menschen in der Natur zu begründen. So wird behauptet, dass die Menschen die einzigen Lebewesen wären, die fähig sind, über ihre eigenen Begriffe nachzudenken.

Wie oben dargestellt, tritt die Selbstreflexivität nicht erst mit dem verbalen Denken auf, sondern ist bereits in den einfachsten gelernten menschlichen Bewegungen angelegt (Vgl. Kapitel .). Geistige Selbstreflexion besteht demnach darin, dass geprüft wird, ob mit der geplanten Bewegung ein angestrebtes Ziel effektiv erreicht werden kann. Sie ist aus dieser Sicht keine geheimnisvolle Fähigkeit, sondern Ausdruck der natürlichen Selbstreflexivität, die in allen erlernten Bewegungen angelegt ist.

Wie oben dargestellt wurde, geht in jeden Gedanken eine Bewertung ein. Sie legt die Richtung, Intensität und Qualität der Bewegungen fest (siehe Kapitel Fehler: Referenz nicht gefunden.). Sie gibt die Richtung vor, in der eine passende Bewegung zur Lösung eines Problems gesucht wird. Die Bewertungen können diese Aufgabe übernehmen, weil sie das Ergebnis der Bemühungen sind, auf der Basis der gespeicherten Erfahrungen ein der Situation angemessenes Handlungsprogramm zu entwickeln. Die Hirnforscher erkennen zunehmend, wie wichtig die Bewertungen bei der Aufgabe sind, Informationen aus der Umwelt schnell und effizient zu verarbeiten. Es ist davon auszugehen, dass die spontane Bewertungsfunktion nicht nur bei den elementaren Überlebensfragen, sondern auch bei »höheren« psychischen und mentalen Aktivitäten wirksam ist. Das ist darin begründet, dass auch diese Aktivitäten letztlich, wenn auch indirekt und auf Umwegen, zum Überleben beitragen.

Die geistige Selbstreflexion läuft meist unbewusst ab, insbesondere wenn man sich seines Handelns sicher ist. Oft wird sie allerdings unterdrückt. Das passiert, wenn man sich aus Angst vor Sanktionen oder Unsicherheit an seine Gewohnheiten klammert und alle Impulse, die auf eine Korrektur des Verhaltens drängen, ausblendet. Dann kann man sich nicht von der normalen Identifikation mit den eigenen Gedanken lösen, so dass die Gedanken nicht als Konstrukte wahrgenommen werden können, die etwas Bestimmtes erreichen sollen, aber auch fehlerhaft sein können.

Daraus folgt, dass die Selbstreflexion nur gelingen kann, wenn die Kraft vorhanden ist, die eigenen Gefühle eventuell zu verändern, falls sich herausstellen sollte, dass das angestrebte Ziel den eigenen Werten widerspricht. Das setzt voraus, dass die eigenen Emotionen relativ angstfrei angeeignet werden konnten. Daraus ergibt sich, dass die Fähigkeit zur geistigen Selbstkritik in der Fähigkeit der emotionalen Selbstreflexivität wurzelt, die wiederum davon abhängig ist, dass die Bewertungsfunktion nicht durch verletzende Erfahrungen beschädigt wurde. Sie kann nur wirksam geschult werden, wenn gleichzeitig daran gearbeitet wird, seinen Gefühlen mit weniger Angst begegnen zu können.

Das bedeutet, dass man es nicht in der Hand hat, welche Folgerungen sich aus der geistigen Selbstreflexion für das persönliche Verhalten ergeben. Die Selbstreflexion ist ein spontaner Akt, der nur in Gang gesetzt wird, wenn bestimmte emotionale Voraussetzungen gegeben sind. Es ist deshalb sinnlos, von anderen Menschen zu fordern, ihr Verhalten und ihre Gedanken selbstkritischer zu betrachten. Wohin die geistige Selbstreflexion führt, kann nicht im Vorhinein festgelegt werden. Sie ist immer ein Wagnis.

Die selbstreflexive Beobachtung des eigenen Verhaltens führt dazu, dass man sich seiner eigenen Gewohnheiten bewusst wird. Deshalb können die Regeln, an denen man sich in seinen Gewohnheiten orientiert, als Grundsätze oder Überzeugungen verbalisiert werden. Dies ist allerdings mit erheblichen Problemen verbunden. So können Grundsätze leicht suggerieren, dass man sie nur zu lernen braucht, um sich das damit verbundene Verhalten anzueignen. Die Erfahrung zeigt aber, dass sie nur dann das Verhalten spontan anleiten, wenn sie aus eigenen Erfahrungen abgeleitet wurden. Auch verleiten die Grundsätze dazu zu glauben, dann man es in der Macht hat zu entscheiden, welche Regel in bestimmten Situationen angewandt wird. Oben wurde bereits erwähnt, dass dies ein Irrtum ist. Schließlich kann die verbale Form der Grundsätze zu dem Schluss führen, dass sie Bestandteil einer eigenständigen geistigen Welt sind. Beim Nachdenken über die eigenen Gewohnheiten muss man deshalb sehr behutsam und selbstkritisch vorgehen, wenn man ihre Regeln in Worte fassen will.

4.3. Die Selbstorganisation des Denkens

»Gute Einfälle sind Geschenke des Glücks« (Gotthold Ephraim Lessing)

Normalerweise ist man davon überzeugt, dass man selbst denkt. Bereits das Verb denken, das stets in der aktiven Verlaufsform benutzt wird, legt nahe, das Denken als einen vom Ich aktiv gestalteten Vorgang zu begreifen. Dem steht die Erfahrung gegenüber, dass sich Gedanken oft spontan einstellen. Zu Recht wird gesagt: »Mir kommt der Gedanke, dass... « Im Alltag wird treffend gesagt, dass »mir etwas ein-fällt« oder dass »ich ein Gefühl oder eine Ahnung« habe. Auch im Traum kann die Erfahrung gemacht werden, dass man sich mit anderen Menschen sprachlich unterhält oder dass man über etwas nachdenkt. Die Erfahrung zeigt, dass die Gedanken kommen, wenn die Zeit dafür reif ist. Wenn der Kontakt mit der Umwelt gestört wird, setzt sofort das Denken mit dem Versuch ein, die Behinderungen zu beseitigen. So wenig man die Erfahrungen aussuchen kann, denen man persönlich ausgesetzt ist, so wenig kann man bestimmen, mit welchen Gedanken man darauf reagiert. Zu Recht hat der Dichter Eugene Ionesco festgestellt: »Wir glauben, die Erfahrungen zu machen, aber die Erfahrungen machen uns

4.3.1. Theorie der Intuition

»Auch Gedanken fallen manchmal unreif vom Baum.« (Ludwig Wittgenstein)

Die Erfahrung, dass sich unversehens Gedanken und Entscheidung einstellen, steht im krassem Gegensatz zum philosophischen Modell des rationalen Denkens und der rationalen Entscheidung, bei der in Kenntnis möglicher Alternativen und deren Nebenfolgen eine bewusste Wahl getroffen wird. Auch wenn es in der Wissenschaft kaum noch Zweifel gibt, dass die Informationsverarbeitung weitgehend unbewusst abläuft,102 gibt es dazu meines Wissens noch keinen rationalen Erklärungsansatz. Sicherlich hat es der starke Einfluss des Modells des rationalen Denkens sehr erschwert, eine rationale Erklärung für das Phänomen der Intuition zu finden.

Häufig wird das Unbewusste als Quelle der intuitiven Gedanken angesehen. So wird z.B. von Gerd Gigerenzer die »Intelligenz des Unbewussten«103 zur Erklärung der Intuition beschworen. Oder Gerhard Roth spricht von dem Unbewussten als Ort des intuitiven Problemlösens.104 Aber dieses Konzept hat nur einen geringen Erklärungswert, weil das Unbewusste, dessen Existenz völlig unbewiesen ist, letztlich selbst eine »black box« ist,. Es wird lediglich anerkannt, dass die intuitiven Gedanken aus einer tieferen Schicht als dem bewussten Ich kommen.

Gegenwärtig überwiegen eindeutige esoterische Erklärungen der Intuition. In der esoterischen Philosophie wird häufig in Situationen der Entscheidungsunsicherheit empfohlen, sich dem »inneren Ratgeber« anzuvertrauen und seinem Rat zu folgen. »Wenn Sie der Stimme Ihres weisen inneren Führers... folgen und das Ich still werden lassen, werden Sie zur Erfahrung der Gegenwart von Weisheit, Freude und Glückseligkeit gelangen, die Ihr eigentliches Wesen sind105 Der innere Ratgeber gilt als Ausdruck der »kosmischen Intelligenz«, der »Weisheit des Körpers« oder des »höheren Selbst«. Die Weisheit des Körpers wird daraus abgeleitet, dass der menschliche Körper ein Teil des Weltganzen sei und damit an dessen Intelligenz teilhabe. Da hier offensichtlich das menschliche Denken auf die ganze Welt übertragen wird und die Berechtigung dieser Projektion nicht überprüfbar ist, kann diese Theorie nicht befriedigen. Viele Denker sind sogar so weit gegangen, dass sie angenommen haben, dass beim individuellen Denken eine höhere Macht am Werk ist. So war z.B. Novalis davon überzeugt, das im Denken höhere Kräfte hineinwirken, die die Menschen nicht selbst erzeugen, sondern empfangen. »Unser Denken ist schlechterdings nur eine Galvanisation... eine Berührung des irdischen Geistes... durch einen himmlischen, außerirdischen Geist.«106 Da auch der Atem als etwas erscheint, das die Menschen mit einer höheren Macht wie z.B. der »Weltseele« verbindet, konnte Novalis den Begriff des »atmenden Denkens« prägen. Diese Nähe von Denken und Atem klingt im Begriff der Intuition an, der sich direkt vom Atembegriff ableitet.

Aus der Perspektive des bisher entwickelten Konzeptes, dass das Denken aus innerlich vollzogenen Bewegungen besteht, die zur Vorbereitung von äußeren Bewegungen dienen, ergibt sich eine einfache Erklärung dafür, warum die Menschen fähig sind, intuitiv d.h. gleichsam wie von selbst »kluge« Gedanken zu produzieren. Es ist dabei davon auszugehen, dass jedes Problem eine Erfahrung ist, dass sich einer bestimmten Bewegung ein Widerstand entgegenstellt und dass deshalb das beabsichtigte Ziel nicht erreicht werden kann. Am Widerstand wird erfahren, dass die gelernten Gewohnheitsmuster der Situation nicht gerecht werden und damit untauglich sind. Jeder Widerstand provoziert die Frage, wie die Bewegungen erfolgreicher ausgeführt bzw. wie die Widerstände beseitigt werden können. Der Körper hat eine angeborene Tendenz, alle Probleme aus eigener Kraft zu lösen. So fängt er sich spontan auf, wenn er über einen Stein stolpert oder bekämpft die durch Bakterien ausgelöste Erkrankung eines Organs mit seinem Immunsystem. Genauso sucht er spontan nach Bewegungen, mit denen ein Widerstand beim Handeln überwunden werden kann.

Bei der spontanen Bewältigung von Problemen beim Handeln kann sich der Organismus auf seine Erfahrungen stützen, welche Bewegungen zur Lösung von bestimmten Problemen geeignet sind und welche Bewegungen miteinander kombiniert werden können. Wie oben dargestellt, sind die Erfahrungen mit erfolgreichem Handeln in Form von Regeln im Gehirn abgespeichert. Es wird solange das Repertoire an Bewegungen bzw. Regeln durchgeprüft, bis eine Lösung gefunden wird – oder resigniert die Suche aufgegeben. Die Suche kann völlig unbewusst ablaufen, weil das Gehirn auf erfolgreiche Verknüpfungen von Bewegungen im Gedächtnis zurückgreifen und die Wirkung der vermuteten Problemlösung abschätzen kann. Die zentrale Bedeutung der Regeln bei der Intuition hat Gerd Gigerenzer herausgearbeitet: »Ihre Qualität gewinnt die Intuition aus der Intelligenz des Unbewussten: der Fähigkeit, ohne Nachdenken zu erkennen, auf welche Regel wir uns in welcher Situation zu verlassen haben.«107

Je größer das Repertoire an sicher beherrschten Bewegungen ist, umso wahrscheinlicher ist es, dass eine problemgerechte Antwort gefunden wird. Analysen von hochbegabten Musikern haben gezeigt, dass deren Begabung nur zur Hälfte mit angeborenen Fähigkeiten zu erklären ist und dass ein sehr hohes Maß an musikalischem und d.h. körperlichem Training dazu kommen muss.108 Wenn das Training bereits in der frühen Kindheit erfolgte, ist die Wahrscheinlichkeit deutlich größer, dass sich die Kinder zu musikalischen Genies entwickeln, weil dann eine Vielzahl von Regeln gelernt und die Gewohnheiten stabil abgespeichert werden. Die Vorstellung vom Genie, das sich nach verbreiteter Vorstellung einer Ausnahmebegabung verdankt, ist offensichtlich ein Produkt des romantischen Denkens, das den Trainingsaspekt und den damit verbundenen großen Reichtum an vielfältigen Bewegungen, mit denen Probleme in Angriff genommen werden können, ausblendet.

Typischerweise bestehen Einfälle darin, dass sie zeigen, auf welchem Wege Probleme gelöst werden können. Es stellt sich z.B. die Vorstellung ein, wie ein verlorener Gegenstand wieder gefunden werden kann oder welche Schritte getan werden müssen, um ein Hindernis zu umgehen. Wenn vom Weg der Problemlösung gesprochen wird, ist dies also gar keine Metapher, sondern es wird konkret hervorgehoben, dass zur Problemlösung die richtige Abfolge von Bewegungen gehört. Die Antwort auf ein Problem ist also eine neue Bewegung, eine abgewandelte Bewegung oder eine andersartige Abfolge von bisherigen Bewegungen. Auch wenn die Antwort in komplizierte philosophische Theorien verpackt wird, ändert sich nichts an der Einsicht, dass jede Antwort eine Bewegung ist, um ein bestimmtes konkretes Problem zu lösen. Nach diesem Verständnis sind theoretische Hypothesen provisorische Antworten, die besagen, dass bestimmte Bewegungen für ein Problem zielführend sein könnten.

Bei den meisten praktischen und theoretischen Problemen kommt man also nicht durch logische Schlussfolgerungen zum Lösungsweg, sondern es stellt sich ein Einfall ein, der von der mentalen Selbstorganisation mit den im Laufe des Lebens erworbenen Regeln erarbeitet wurde. Nach den abendländischen Denkgewohnheiten kann dieser unbewusste Prozess nicht als Denken bezeichnet werden, da das Wort denken gemeinhin nur als ein bewusster Zustand verstanden wird. Man wird dem Denken nur gerecht, wenn dies als Missverständnis des Denkens durchschaut und anerkannt wird, dass alle Verknüpfungen unbewusst vorgenommen werden und sich nur die Ergebnisse im Bewusstsein präsentieren.

Daraus ergibt sich, dass die Ansicht falsch ist, dass die Gedanken bewusst gestaltet werden können, dass man also Einfluss darauf hat, welche Gestalt die Gedanken im Einzelnen annehmen. Wenn jemand sagt: »Ich denke, dass...«, ist das nur in dem Sinne zu verstehen, dass kundgetan wird, was gedacht wurde. Alles andere wäre Lüge und Anmaßung. Es wäre also richtiger zu sagen: »Mir ist der Gedanke gekommen, dass ... .« Wenn man sich beim Denken anstrengt, ist das kein Beweis für die Existenz eines Ichs. Es handelt sich lediglich um ein Gefühl, das das Denken begleitet. Das bedeutet, dass das Denken nicht als ein Mittel verstanden werden darf, das man beliebig wie ein Handwerkszeug einsetzen kann. Da das Denken seiner immanenten Dynamik folgt, ist man nicht Herr seines eigenen Denkens.

Das intuitive Denken zeichnet sich dadurch aus, dass es äußerst schnell und mühelos ist. Gehirnmessungen zeigen, dass das Gehirn im unbewussten Prozess wesentlich schneller arbeiten kann. Daraus erklärt sich, dass es sich immer wieder als nützlich erweist, bei anstrengenden Denkaufgaben häufiger Pausen einzulegen, um dem unbewussten Verarbeitungsprozessen eine Chance zu geben.

Wie bei allen psychischen Prozessen läuft auch das Denken leichter ab, wenn der Organismus frei von Ängsten und damit frei von muskulären Verspannungen ist. Da dann die Sinne geöffnet sind, kann die Struktur des Problems vollständig wahrgenommen werden. Erst wenn das Problem in allen seinen Aspekten erfahren wird, kann das Denken eine taugliche Lösung finden. Es ist daran zu erinnern, dass sich der Begriff Intuition vom lateinischen Verb inspirare ableitet, das einatmen bedeutet. Der Begriff der Intuition zeigt, dass das Denken ursprünglich unmittelbar mit dem Atem in Verbindung gebracht wurde. Es war klar, dass dem Denken am meisten hilft, wenn man dafür sorgt, dass man sich in einer ausgeglichenen und sorgenfreien Gemütsverfassung befindet. Denn wenn der Atem gelöst ist, kann sich das Denken entfalten. Insofern macht der Begriff Intuition darauf aufmerksam, dass das Denken tiefe körperliche Voraussetzungen hat.

Das Problem beim intuitiven Denken besteht darin, dass man sich auch irren kann, weil viele Einschätzungen und Bewertungen anderer Menschen ungeprüft übernommen werden, die die Wahrnehmung der Realität verfälschen, oder dass man nicht den Mut hat, neue Wege zu beschreiten. Außerdem wird das Denken häufig durch den Mangel an eigenen Erfahrungen eingeschränkt. Wo Erfahrungen fehlen, kommt das Denken nicht weiter. Wenn wichtige Bewegungsschritte unbekannt sind, die zur Lösung eines Problems existieren, kann sich das Denken meistens nicht selber helfen. Man kann sich auf den »inneren Ratgeber« nur verlassen, wenn man sich in dem Gebiet, um das es geht, gut auskennt. Der »innere Ratgeber« kann niemals fehlende Erfahrungen und Kenntnisse ausgleichen. Man muss sich deshalb bei allen »Bauchentscheidungen« zunächst fragen, ob die eigenen Erfahrungen gesichert und ausreichend sind. In vielen Fällen wird man auf den Weg machen müssen, um die fehlenden Erfahrungen und Informationen zu besorgen.

Wahrscheinlich wurde das intuitive Denken bisher so wenig verstanden, weil das Denken primär als ein begrifflicher Vorgang verstanden wurde. Nach allgemeiner Auffassung werden die Begriffe mithilfe der mit ihnen verbundenen Assoziationen verknüpft, wobei die Assoziationen Vorstellungen enthalten. Die Art der Verknüpfung muss als zufällig erscheinen, da die Assoziationen nicht nachvollziehbar sind. Zu Recht wurde von einigen Philosophen hervorgehoben, dass sich die Verknüpfungen der Begriffe nicht aus der Logik ableiten lassen, sondern ausschließlich von Gewohnheiten bestimmt werden.109 Als Henri Bergson behauptet hatte, dass die Intuition dem Begreifen vorausgeht, hatte er die richtige Ahnung, dass sich alles Denken auf eine tief im Körper verankerte Gestalt bezieht. Wenn aber das Denken so verstanden wird, dass die Verknüpfung der Begriffe von den persönlichen Erfahrungen bestimmt wird, welche Bewegungen verknüpft werden können, wird der unbewusste Prozess der Intuition nachvollziehbar. Die Intuition ist demnach möglich geworden, dass die organismische Selbstorganisation auch im Bereich des Denkens wirksam ist.

Die esoterische Figur des »inneren Ratgebers« basiert somit auf der Fähigkeit des menschlichen Körpers, im Kontakt mit der Umwelt und auf dem Hintergrund der früheren Erfahrungen zu prüfen, ob bestimmte Bewegungen für die individuelle Selbsterhaltung nützlich oder schädlich sind. Der »innere Ratgeber« ist nichts anderes als eine mythologische Personalisierung der somatischen Bewertungsfunktion und der mentalen Selbstorganisation, mit der der Organismus spontan nach Bewegungen sucht, die aus einer aktuellen Problemlage herausführen können.

Aus diesen Überlegungen ergibt sich, dass die übliche Zweiteilung in logisches und intuitives Denken falsch ist. Die häufig anzutreffende Vorstellung, dass man Verstand und Intuition gleichzeitig benutzen soll, angepasst an die jeweilige Situation, unterstellt, dass Verstand und Intuition zwei unterschiedliche Vermögen sind. In Wirklichkeit ist das Denken immer intuitiv. Auch wenn man logische Aufgaben zu bewältigen hat, ist das intuitive Denken am Werk. Nur kommt dann meistens das Denken ins Stocken und wird mühsam, weil man für die anstehende Aufgabe über keine geeigneten Regeln verfügt. Was als bewusstes Denken wahrgenommen wird, ist Ausdruck dafür, dass das Gehirn neue Lösungswege sucht und ausprobiert.

4.3.2. Ist der Geist der Urheber des Denkens?

»Die Gewohnheit ist ein Seil. Wir weben jeden Tag einen Faden und schließlich können wir es nicht mehr zerreißen.« (Heinrich Mann)

Aus der obigen Erklärung des intuitiven Denkens folgt, das auch das Denken dem natürlichen Prinzip der Selbstorganisation folgt. Wenn das Denken Ausdruck des gesamten Organismus ist, ist die Redeweise »ich werde gedacht« oder »es denkt« falsch. Die dahinter liegende Idee der Fremdbestimmung bleibt dem Dualismus von Körper und Geist verhaftet, der im Konzept der Selbstorganisation aufgehoben wird.

Nach den bisherigen Überlegungen ist das Bewusstsein keine aktive Kraft, die das Denken hervorbringt. Im Bewusstsein wird lediglich angezeigt, worauf sich die Aufmerksamkeit richtet. Etwas tritt ins Zentrum des Bewusstseins, wenn der Organismus bei der Durchführung einer Handlung auf einen Widerstand oder ein Problem stößt. Das Bewusstsein muss als eine Bühne betrachtet werden, auf der sich die Gedanken darstellen. Die Gedanken können sich im Bewusstsein repräsentieren, weil sie auf der Selbstreflexivität von Bewegungen basieren. Wenn für das Denken häufig der Begriff Reflexion verwendet wird, ist die dabei verwendete Metapher des Spiegels insofern richtig, als sich im Bewusstsein spiegelt, was in unbewussten Bereichen gedacht worden ist.

Aus dieser Sicht ist die übliche Formulierung, dass z.B. die Gedanken die Hände bewegen, nicht korrekt. Korrekter wäre es zu sagen, dass die Handbewegungen Ausdruck des Impulses sind, etwas zu bewegen. Die dabei auftretenden Gedanken sind Ausdruck dafür, dass die Bewegungen nicht gewohnheitsmäßig ausgeführt werden können und ein erhöhtes Maß an Aufmerksamkeit und Ausprobieren erforderlich ist. Die Gedanken sind Ausdruck einer inneren Aktivität, mit der die Bewegungen optimal auf das angestrebte Ziel ausgerichtet werden. Die Gedanken übernehmen also die Feinsteuerung der Bewegung, aber der eigentliche Handlungsantrieb kommt von tieferen Prozessen.

Auch das Ich kann nicht als Urheber des Denkens in Anspruch genommen werden. Wie oben dargestellt wurde, ist das Ich nur eine praktische Sprachgewohnheit, um die Herkunft von Handlungen und Gedanken zu kennzeichnen. Sobald beansprucht wird, dass das Ich der Urheber der Gedanken ist, begibt man sich auf das Feld der Spekulation.

Wie unten dargestellt wird, erweist sich auch der Geist als ein mentales Konstrukt (vgl. Kapitel 5.2.). Der Geist entwickelte sich daraus, dass man der alten mythologischen Denkgewohnheit gefolgt ist, hinter allen Aktivitäten ein personales Handlungsprinzip anzunehmen. So wie ganz selbstverständlich der Mond als eine persönliche Kraft angesehen wird, so wurde auch die im Inneren wirkende Kraft, die sich im Denken manifestiert, als Geist personalisiert.

Das Denken wird also ausschließlich aus inneren Gründen in Gang gesetzt. Wenn der Organismus bei der inneren Verarbeitung von Erfahrungen und Reizen auf ein Problem stößt, das nicht unmittelbar mit Handeln gelöst werden kann, da entsprechende Reaktionsmuster fehlen, werden alle Fähigkeiten aktiviert, um neue Lösungswege zu suchen. Dies wird als Denken erfahren. Da diese denkende Aktivität vom eigenen Organismus produziert wird, ist es ganz selbstverständlich, dass man sich mit ihr als etwas Eigenes identifiziert. Wenn ich denke, bedeutet das nicht mehr, als dass sich die bewusste Aufmerksamkeit auf bestimmte Zusammenhänge, Bewegungen, Aspekte u.a. richtet.

Es ist bemerkenswert, dass im Begriff des Geistes ursprünglich sein selbsttätiger Charakter bemerkt wurde. Es ist nicht zufällig, dass sich der Begriff Geist vom Atem ableitet. Im lateinischen Begriff spiritus ist die ursprüngliche Erfahrung, dass die Gedanken von selbst kommen, noch offenkundig. So wie der Atem nicht gemacht wird, sondern geschieht, so geschieht auch das Denken. So wie der Atem davon bestimmt wird, von welchen Erfahrungen man geprägt wurde, so erhalten die Gedanken ihren Charakter durch die gesammelten persönlichen Erfahrungen. Auch im Begriff Vernunft, der sich vom Verb vernehmen ableitet, klingt das Sich-Einstellen der Gedanken an.

So wie das Gehen wie von selbst abläuft und normalerweise nicht als anstrengend erlebt wird, so ist auch das normale Denken mühelos. Wenn man sich anstrengt, wird das Denken als ein Prozess erfahren, den man scheinbar selbst bewirkt. Aber das spricht keineswegs für die Existenz eines Ichs oder eines Geistes, sondern zeigt nur, dass man vor einem Problem steht, für das noch keine Antwort gefunden wurde und dass alle Kräfte für die Problemlösung aufgeboten werden müssen. Das Gefühl, sich beim Denken anzustrengen, bedeutet demnach nicht, dass es nicht den Regeln der Selbstorganisation folgt. Da geistige Instanzen wie das Ich oder der Geist infrage zu stellen sind, bleibt gar keine andere Wahl, als davon auszugehen, dass Denken selbst dann noch wie von selbst abläuft, wenn man sich dabei anstrengt.


4.4. Prägefaktoren des Denkens

»Das reine Denken ist ein Phantom.« (Sören Kierkegaard)

Da sich das Denken in großen Strecken außerhalb des Bewusstseins organisiert, entzieht sich zwangsläufig dem Bewusstsein, welche Faktoren auf das Denken Einfluss nehmen und seine Struktur und Zielrichtung bestimmen. Frühere Erfahrungen und Denkgewohnheiten bestimmen so das Denken, ohne dass man sich dieser Einflüsse bewusst wird.

4.4.1. Abhängigkeiten des Denkens

"Die meisten wohnen in den Ruinen ihrer Gewohnheiten." (Jean Cocteau)

»Wer von allen seinen Gewohnheiten Kenntnis nähme, wüsste nicht mehr, wer er ist.« (Elias Canetti)

Die Philosophen haben immer wieder betont, dass die Menschen in ihrem Denken frei sind. Tatsächlich können sie ihre inneren Vorstellungen beliebig miteinander verknüpfen. Der Glaube, dass man im Denken frei ist, soll sich auch auf die Gedanken beziehen, die in Verfolgung der praktischen Bedürfnisse gedacht werden. Hier kann man aber nicht übersehen, dass sich die Gedanken mit Notwendigkeit aus den bisherigen Erfahrungen und aus der Wahrnehmung und aktuellen Bewertung der Situation ergeben. Gleichwohl fühlt man sich nicht unfrei und wird den Verdacht, dass man in seinem Denken determiniert sei, schärfstens ablehnen.

Bei der Diskussion der Freiheit der Gedanken tritt die gleiche Problematik auf, die oben im Zusammenhang mit den Gefühlen dargestellt wurde. Die Kategorien der Freiheit und der Determination sind für das Denken nicht anwendbar. Beim Denken geht es darum, ob man sich an die vorherrschenden Denkkonventionen anpasst oder die Kraft hat, seinen eigenen Gedanken zu vertrauen. Wenn Kinder in ihre Kultur hineinwachsen, eignen sie sich unzählige Denkgewohnheiten an, ohne sie überprüfen zu können. Sie wenden sie später ganz selbstverständlich an. Solange sie sich im konkreten Handeln bewähren, gibt es keinen Grund, über sie nachzudenken. Wenn aber gespürt wird, dass etwas mit den Denkmustern nicht stimmt, hängt es davon ab, ob man die Kraft hat, selbständig nach besseren Problemlösungsmustern zu suchen und danach zu handeln. Beim Handeln kommt es allein darauf an, ob es im Einklang mit den eigenen Bewertungen steht. Das ist auch der Fall, wenn man gewohnheitsmäßig handelt.

Häufig wird gesagt, dass man beim Handeln der eigenen Einsicht folgen soll. Damit wird gefordert, dass man nicht aus Gewohnheit, sondern aus bewusster Entscheidung handeln soll. Das verkennt, wie das Handeln der Menschen zustandekommt. Kinder lernen von ihren Eltern, welche Ziele mit welchen Bewegungsmustern erreicht werden können. Eltern nehmen deshalb mit mehr oder weniger Druck Einfluss auf ihre Kinder. Die erlernten Bewegungsmuster werden zu Gewohnheiten, die in passenden Situationen mehr oder weniger unbewusst eingesetzt werden. Es meldet sich ein Gefühl des Überzeugtseins. Man braucht sich dann nicht mehr um Einsicht bemühen. Natürlich wird man sich mit der Einsicht rechtfertigen, wenn das Handeln von anderen kritisiert wird. Eventuell spürt man auch, dass mit der Einsicht eigentlich gefordert wird, dass man sich an die vorherrschenden Denkmuster anpassen soll.

Mentale Selbstkritik besteht im Grunde darin, die Abhängigkeiten des Denkens von kulturellen Prägungen und besonderen Erfahrungen offen zu legen und die dysfunktionalen Denkmuster durch nützlichere zu ersetzen. Eigentlich braucht es keinen Appell dazu, da dies spontan erfolgt, sobald sich bei bestimmten Gewohnheiten ein Gefühl der Unstimmigkeit meldet. Wenn die Fähigkeiten zur Selbstkritik fehlen oder die Angst davon abhält, kann der Appell nichts ausrichten. Deshalb ist auch der Appell, selbständig zu denken, nutzlos.

Wer gelernt hat, selbständig zu denken, wird vor einem als unlösbar erscheinenden Problem zunächst den Verdacht haben, dass das Problem noch nicht klar genug formuliert worden ist. Es kann aber auch daran liegen, dass zu wenige Kenntnisse erworben wurden oder dass beim Lernen nicht darauf geachtet wurde, neues Wissen so in den Gesamtbestand des eigenen Wissens zu integrieren, dass es bei wahrgenommenen Problemen spontan zur Verfügung steht. Eine gute Integration gelingt am ehesten, wenn das neue Wissen im praktischen Handeln ausprobiert wird. Wenn dies nicht möglich ist, muss zumindest gefragt werden, welche persönlichen Gewohnheiten aufgrund des neuen Wissens verändert werden müssten. Denn wenn nicht nach den bewegungsmäßigen Konsequenzen des neuen Wissens gefragt wird, wird das neue Wissen nur oberflächlich abgespeichert und steht im Bedarfsfall nicht zur Verfügung. Wenn sich keine Lösung für ein persönliches Problem einstellt, muss akzeptiert werden, dass man nichts an den Bewegungsgewohnheiten ändern will. Das Problem stellt im Grunde bereits eine Problemlösung dar und hat deshalb einen großen persönlichen Wert.

Wenn das Denken vor einem Problem scheitert und ins Grübeln gerät, ist regelmäßig Angst im Spiel. Man hat Angst, seine Wünsche und Bedürfnisse klar zu artikulieren, um nicht abgelehnt oder bestraft zu werden. Die eigenen Gedanken werden dann spontan an die Erwartungen und die Bedürfnisse anderer Menschen angepasst. Bei symbiotischer Abhängigkeit von anderen Menschen geht meistens das normale Gefühl der Abhängigkeit verloren, so dass die selbst gewählte Fremdbestimmung nicht gespürt wird. Aber es bleibt ein innerer Widerstand, der sich als innere Unruhe kundtut. Wenn die Ängste wie z.B. beim Psychotiker überhand nehmen, können die Gedanken sogar als etwas Fremdes erfahren werden. Die inneren Stimmen scheinen dann von anderen Menschen oder äußeren Kräften zu kommen.

Die Empfehlung, vor schwierigen Entscheidungen nicht sofort dem ersten Einfall zu folgen, sondern ihn erst sorgfältig zu überprüfen, ist nicht darin begründet, dass die somatischen Signale interpretiert werden müssen und dass dabei zwangsläufig Übersetzungsfehler passieren können. Ausschlaggebend ist, dass man sich häufig von Zielen leiten lässt, die in der Regel gerade nicht das erreichen sollen, was man bewusst anstrebt. Entscheidungsprobleme deuten immer darauf hin, dass man sich in einem Konflikt zwischen den eigenen Bedürfnissen nach Zuwendung, Kontakt oder Anerkennung und der Angst, die Erwartungen anderer Menschen zu verletzen, befindet. Der Appell zum Abwarten soll den Anstoß geben, dass die Ziele noch einmal überprüft werden. Wer aber unter dem Druck von Zielen steht, die mit Ersatzgefühlen einhergehen, lässt sich nicht von solchen Appellen ansprechen. Selbstbesinnung findet immer nur spontan, d.h. bei unbehinderter emotionaler Selbstreflexivität statt.

Trotz aller Strategien, wie man mit Problemen umgeht, hat man überhaupt keinen Einfluss darauf, welche Lösungen sich präsentieren. Dies resultiert allein aus den bisherigen Erfahrungen und den gelernten Denkmustern. Alle Prägungen des Denkens machen sich unbewusst geltend. Aber das beunruhigt auch nicht weiter, da es darauf ankommt, dass sich die Lösungsmuster beim praktischen Handeln bewähren.

4.4.2. Denken und Fühlen

»Was wir vernünftige Gründe für unsere Überzeugungen nennen, sind oft äußerst unvernünftige Versuche, unsere Instinkte zu rechtfertigen.« (Thomas Henry Huxley)

Da die Bewertungen immer mit Gefühlen einhergehen und in den Gefühlen die eigene Stellung zur Welt erfahren wird, kann leicht der Eindruck entstehen, dass die Gefühle die Bewertung vornehmen. So kann man immer wieder die Behauptung hören, dass nicht das Denken, sondern die Gefühle bestimmen, wie man denkt. Diese Einstellung hat Antonio Damasio in Abwandlung des berühmten Satzes von Descartes mit seinem Buchtitel auf den Punkt gebracht: »Ich fühle, also bin ich«.110 Aber nach den bisherigen Überlegungen ist die Annahme, dass die Gefühle die Bewertungen vornehmen, ein Irrtum. Wie oben dargestellt, liegen sowohl den Gefühlen als auch den Gedanken organismische Bewertungen zugrunde. Daran liegt es, dass sie eine erstaunliche strukturelle Ähnlichkeit aufweisen. Beide streben etwas an oder wollen etwas vermeiden. Beides Mal tritt der aktuelle Zustand des Körpers ins Bewusstsein. So wie bei den Gefühlen die aktuelle Verfassung des ganzen Körpers und die Haltung zur Umwelt erlebt wird, so wird bei den Gedanken erlebt, was mit den Bewegungen angestrebt und ob und wie das Ziel erreicht wird. Wenn Aristoteles die Seele nicht nur als Sitz der Gefühle, sondern auch als Ort des Denkens gekennzeichnet hat, kann dies als Hinweis darauf verstanden werden, dass immer schon zwischen Denken und Fühlen eine große Ähnlichkeit vermutet wurde.

Somit muss die bisherige Art und Weise, wie über das Verhältnis von Denken und Fühlen gedacht wird, grundlegend verändert werden. Wenn die Bewertungen weder vom Denken noch vom Fühlen vorgenommen werden, wird die traditionelle Forderung, dass das Verhalten rational begründet werden soll, fragwürdig. Wenn das Denken die Werte nicht begründen kann (vgl. Kapitel Fehler: Referenz nicht gefunden.), zerbricht das traditionelle Dogma, dass Verhalten aus Einsicht möglich sei.

Im konventionellen Denken wird verlangt, dass jede Aussage daraufhin zu überprüfen ist, ob sie rational ist. Es wird verlangt, die Gründe für eine Entscheidung sorgfältig abzuwägen. Die Rationalität wird in der Regel daran gemessen, ob die gewählten Mittel geeignet sind, das angestrebte Ziel zu erreichen. Wenn man sich aber vor Augen hält, dass das Ziel meistens auf sehr verschiedenen Wegen erreicht werden kann, wird deutlich, dass in die Mittelauswahl immer auch Wertentscheidungen eingehen. So können Mittel, die zeitlich oder ökonomisch am günstigsten sind, mit den Mitteln, die den geringsten Stoffeinsatz benötigen oder die geringsten ökologischen Folgewirkungen haben (zeitliche, ökonomische, stoffliche oder ökologische Rationalität) im Konflikt stehen. Für welche Mittelkombination man sich entscheidet, kann nicht mehr sachlich begründet werden, sondern hängt von den persönlichen Werten ab. In der Regel hält man sich an früher gebildete Gewohnheiten, weil man dann sicher ist, dass die Wahl erfolgreich ist. Denn Gewohnheiten stellen eine persönliche Entscheidung dar, welche Werte welche Priorität haben.

Es genügt also nicht, seine Entscheidungen allein mit den gewählten Mitteln zu begründen, sondern man muss auch die Werte begründen, mit denen die Mittel ausgewählt werden. Bei dieser Aufgabe stößt das Denken jedoch an seine Grenzen. Es ist nicht zufällig, dass es der Philosophie bisher nicht gelungen ist, dafür eindeutige Prüfkriterien anzugeben. Da das Denken aus der Kombination von Bewegungen besteht, kann nicht erwartet werden, dass es in der Lage ist, Werte zu setzen und zu begründen. Interessanterweise fragt niemand bei einem Handeln, das den Maximen der Liebe, des Respekts und der Achtung folgt, nach einer Begründung. Nur beim Handeln aus Ehrgeiz, Eigennutz oder Macht wird eine Begründung verlangt. Aber hier können offensichtlich nur Rationalisierungen gefunden werden.

Demnach ist es eine Illusion zu glauben, dass jemals eine rationale Wahl der Mittel erreicht werden könnte. Die traditionelle Vorstellung, dass Entscheidungen aus dem bewussten Abwägen von Gründen hervorgehen, erweist sich als ein rationalistischer Irrtum. Gründe sind immer Werturteile, die festlegen, was mit einer Bewegung erreicht werden soll und welche Bedingungen dabei eingehalten werden sollen. Deshalb ist auch die Vorstellung, dass objektives Denken möglich sei, das ohne Bewertungen bloß an der Sache orientiert ist, eine Illusion. Damit löst sich das philosophische Problem, woran zu erkennen ist, ob eine Aussage rational ist, als Scheinproblem auf: »Rational« ist nichts anderes als eine positive Bewertung, dass eine Entscheidung mit den persönlichen oder gesellschaftlichen Werten konform ist. Wenn rationales Verhalten gefordert wird, kann dies deshalb nichts anderes bedeuten, also dass konformes Verhalten verlangt wird. Rationalität ist also kein Ausweis eines »richtigen«, sondern allenfalls eines konformen Denkens. Rationalität dient somit ausschließlich der sozialen Kontrolle.

Bei der Analyse der Emotionen wurde herausgearbeitet, dass es ein Fehler wäre, die Gefühle als etwas Irrationales aufzufassen, das im Gegensatz zum Denken steht, oder anzunehmen, dass beide Funktionen wechselseitig aufeinander einwirken können. Da das Denken und Fühlen ihre gemeinsame Wurzel in den organismischen Bewertungen haben, müssen sie als Ausdrucksformen der Bewertungen betrachtet werden. Die organismischen Bewertungen stellen die erste Reaktion auf die Erfahrung der fördernden oder hemmenden Realität und der eigenen Existenz dar. Je mehr Widerstand erfahren wird, umso stärker werden Denken und Fühlen angeregt. Damit verliert die Vorstellung, dass es eine Wechselwirkung zwischen den Gedanken und Gefühlen gibt, ihre Grundlage.

Es ist auch zweifelhaft, ob das Denken für das ethische Verhalten überhaupt erforderlich ist. Als Begründung wird meistens angeführt, dass das Denken die Informationen bereitstellen muss, welche Konsequenzen das Handeln hat. Aber dafür ist das Denken nicht erforderlich, denn die Konsequenzen werden anhand der gesammelten Erfahrungen abgeschätzt. Wenn Erfahrungen fehlen, können sie nicht durch das Denken ersetzt werden. Nach der oben entwickelten Theorie des Denkens hat das ethische Verhalten nichts mit dem Denken zu tun. Der ethische Kompass, der das Handeln anleitet, entsteht ausschließlich aus den mit persönlichen Erfahrungen angereicherten Bewertungsprozessen (vgl. Kapitel Fehler: Referenz nicht gefunden.)

Im Folgenden soll gezeigt werden, dass nicht nur der Inhalt, sondern auch die Qualität des Denkens von den organismischen Bewertungen geprägt wird, für die man sich entschieden hat. Die vom Denken verlangten Fähigkeiten wie Engagement, Klarheit, Selbständigkeit, Aufrichtigkeit, Mut oder Selbstkritik sind keineswegs rein geistige Fähigkeiten, sondern drücken aus, wie man sich zur Welt wertend verhält. Wer sich nicht von anderen Personen emotional abgrenzen kann, ist unfähig, selbständig zu denken. Wer Angst hat, uneingeschränkten Kontakt mit anderen Menschen aufzunehmen, wird wenig Mut haben, sich für neue Antworten auf seine Probleme zu öffnen. Nur die Menschen können ihre Gedanken klar formulieren, die gelernt haben, ihre Aggressionen konstruktiv auszudrücken. Engagement setzt voraus, dass man viel Zuwendung erfahren hat und die frühen Regungen der Neugierde unterstützt wurden. Nach Wahrheit oder dem Wesen der Dinge zu suchen – das gelingt nur, wenn darin ein hoher persönlicher Wert gesehen wird und keine Angst vor den möglichen Konsequenzen der neuen Einsichten besteht.

Selbständiges Denken liegt dann vor, wenn bei jeder vorgestellten Bewegung geprüft wird, ob sie mit den persönlichen Zielen übereinstimmt. Es kommt darauf an, dass die Signale der Stimmigkeit und Unstimmigkeit, die sich bei jeder vorgestellten Bewegung melden, im Bewusstsein zugelassen werden, so dass persönlich angemessene Bewegungen gefunden werden können. Wenn man sich an Erwartungen anderer Menschen orientiert, werden die Signale aus Angst vor Sanktionen unterdrückt und es wird darauf verzichtet, sich von den Stimmigkeitssignalen leiten zu lassen. Selbständiges Denken zeichnet sich dadurch aus, dass es spürt, wie es von eigenen Gewohnheiten abhängig ist. Es weiß, dass es von Gewohnheiten geprägt wird, die aus früheren Erfahrungen abgeleitet wurden. Es verliert das naive Selbstvertrauen, sich blind auf die eigenen Gedanken zu verlassen und ist bereit, eigene Gewohnheiten aufzugeben und durch neue zu ersetzen.

Der häufig zu hörende Rat, dass man sich von den Gefühlen leiten lassen soll, ist irreführend. Rein theoretisch verliert er seinen Sinn, weil es keine innere Instanz gibt, die sich positiv oder negativ zu den Gefühlen verhalten kann. Praktisch haben die Menschen keine Wahl, sich gegen ihre Gefühle und das heißt, ihre eigenen Bewertungen zu stellen. Sie können nicht anders, als das zu machen, was ihre inneren Impulse anregen. Wenn man den Eindruck hat, dass man seine eigenen Gefühle kritisiert, dann ist dies nur der Ausdruck eines inneren Konflikts, dass man sich nicht zwischen zwei Handlungsoptionen entscheiden kann.

Deshalb ist auch die in vielen Ratgeberbüchern vertretene Auffassung falsch, dass man so fühlt, wie man denkt, und dass man nur anders zu denken braucht, um anders zu fühlen. Zum Beweis dieser Behauptung wird angeführt, dass man sich gleich besser fühlen würde, wenn man sich eine vergangene Situation vergegenwärtigt, in der man sich wohlgefühlt hat. Aber diese Vergegenwärtigung ist keineswegs ein Werk des Denkens, wie es immer dargestellt wird, sondern eine reine Gedächtnisleistung. Es werden zwar dadurch Gefühle reaktiviert, aber diese Gefühle haben – im Vergleich mit den auf unmittelbaren Erfahrungen basierenden Gefühlen – in der Regel keine verhaltensändernde Kraft mehr, weil sie bei ihrem ersten Auftreten bereits ausgewertet wurden. Wenn starke Gefühle reaktiviert werden, ist es durchaus möglich, dass sie aus der Sicht der später erworbenen Erfahrungen neu bewertet werden, das Ergebnis aber hat man nicht in der Hand.

So wenig wie es rationales Denken im Sinne von wertfreiem Denken gibt, so wenig gibt es emotionales Verhalten, in dem nicht auch Elemente sind, die für rationales Verhalten beansprucht werden können. Dem Bankräuber erscheint sein Verhalten als rational, weil es aus seiner Sicht zweckmäßig ist, um seine verfahrene finanzielle Situation zu lösen. Er nimmt das Risiko, erwischt zu werden und ins Gefängnis zu kommen, in Kauf, weil dadurch seine scheinbar ausweglose Situation zunächst einmal bewältigt werden kann. Die Psychotherapie hat gezeigt, dass im Grunde hinter jedem sozial abweichenden Verhalten die Überlegung steht, damit einen schwierigen Konflikt zu lösen. Sozial angepasste Verhaltensmuster stehen persönlich nicht zur Verfügung. Das abweichende Verhalten macht deshalb aus der Sicht des Betroffenen einen tiefen Sinn, auch wenn er darunter leidet. Insofern ist es ein Vorurteil, dass es ein emotionales Verhalten in dem Sinne gibt, dass man sich wider Willen selbst schädigt. Deshalb ist das Denkmuster zu bezweifeln, dass selbstschädigende emotionale Verhaltensmuster als Ausdruck einer Regression auf frühere evolutionäre Entwicklungsstufen verstanden werden, wie es z.B. im Begriff der Kurzschlussreaktion anklingt. Das gewählte Verhaltensmuster ist nur insofern ein Rückfall, als aufgrund von emotionalen Verletzungen keine sozial angepassten Verhaltensmuster gelernt werden konnten. Aus diesen Überlegungen ergibt sich das Fazit, dass auch die Bezeichnung eines Verhaltens als »emotional« eine abwertende Etikettierung ist, die sich der Aufgabe verweigert, das Verhalten zu verstehen.

Aus diesen Überlegungen zum Verhältnis von Denken und Fühlen folgt, dass es im Grunde unmöglich ist, die beiden Funktionen im Erleben klar und eindeutig voneinander abzugrenzen. Es gibt kein reines Fühlen, weil es von Anfang an mit Bewegungsmustern, die als Überzeugungen erfahren werden, verbunden ist. Ebenso wenig gibt es reines Denken, da seine Ziele von den emotional gefärbten organismischen Bewertungen vorgegeben werden. Wenn gedacht wird, wird im gleichen Moment auch gefühlt. Beide Funktionen sind so eng miteinander verknüpft, dass die übliche Entgegensetzung von Denken und Fühlen in die Irre führt. Man darf nicht den Fehler machen, einfach die bisherige Dominanz des Denkens in eine Dominanz der Gefühle umzudrehen oder zu fordern, beim Denken auch die subjektiven, gefühlsmäßigen Aspekte zu berücksichtigen. In Wirklichkeit geht es darum zu erkennen, dass das Denken ein äußerst komplexer Vorgang ist und dass sowohl den Gedanken als auch den Gefühlen somatische Bewertungen zugrunde liegen.

4.4.3. Kreativität

»Alle Menschen haben die Anlage, schöpferisch zu arbeiten. Nur die meisten merken es nie.« (Truman Capote)

»Solange Du genug Prinzipien hast, brauchst Du nicht zu denken.« (C. Buddingh)

Karl-Heinz Brodbeck111 hat herausgearbeitet, dass Kreativität zum Leben gehört und keine besondere Eigenschaft ist, weil sie schon da ist und nur darauf warte, entdeckt zu werden. Aus meiner Sicht basiert diese Grundfähigkeit des Lebens in der somatischen Organisation von Bewegungen. Bewegungen müssen immer wieder an die wechselnden Bedingungen der Umwelt angepasst werden. Da sich die äußeren Bedingungen ständig ändern, müssen auch die Bewegungsmuster so flexibel verschaltet sein, dass sie leicht verändert werden können. Die Fähigkeit zur Neu- und Umorientierung von Bewegungsmustern scheint der Kern der Kreativität zu sein. Wenn ein Hindernis für die Bewegungen erkannt wird, ruht das somatische Denken solange nicht, bis eine Lösung zur Beseitigung des Hindernisses gefunden wurde. »Wahrnehmung von Problemen erzwingt ihre Lösung.«112 Aber man muss dem Denken Zeit lassen und das Ergebnis kritisch daraufhin überprüfen, ob es nur ein Kompromiss mit den bestehenden Gewohnheitsmustern oder wirklich eine gute Problemlösung darstellt.

Nach den bisherigen Überlegungen ist ein Problem dann richtig erkannt, wenn gespürt wird, was die bisherigen Bewegungsabläufe daran hindert, ihr Ziel zu erreichen. Solange das Problem als etwas Geistiges oder Psychisches definiert wird, ist das Problem auf jeden Fall nicht angemessen formuliert. Am sichersten wird die richtige Lösung gefunden, wenn man in der Einbildungskraft mögliche Lösungswege ausprobiert. Indem verschiedene Wege beschritten werden, wird am ehesten gespürt, wo sich Hemmnisse der gelingenden Ausführung von Bewegungen entgegenstellen. Da im probeweisen Handeln ansatzweise auch die Aktionsbereitschaft aufgebaut wird, werden emotionale Signale ausgelöst, an denen erkannt werden kann, ob der eingeschlagene Lösungsweg zielführend ist oder nicht. Wenn man nur auf die Signale horcht, ohne virtuelle Bewegungen durchzuführen, wird man nicht weiterkommen. Wenn nicht innerlich gehandelt wird, können sich keine Signale bilden. Insofern ist der häufig zu hörende Rat, auf das eigene Spüren oder auf die Gefühle zu achten, irreführend. Nur wenn man in der Einbildungskraft probeweise handelt, wird die emotionale Selbstreflexivität eingeschaltet, so dass man erfahren kann, welche Bewegungen am effektivsten sind. Dann können die spontan ablaufenden Verarbeitungsmechanismen, die wissenschaftlichen Untersuchungen zufolge auch nachts aktiv sind, wirksamer arbeiten.

Es ist ganz normal, dass man zunächst immer erst die Problemlösungsmuster anwendet, die sich aus den erlernten Gewohnheiten ergeben. Neue Wege werden erst beschritten, wenn die gewohnten Wege versagen. Aber neue Problemlösungen können nur mit Bewegungsmustern vorgenommen werden, die relativ gut beherrscht werden, also schon zur Gewohnheit geworden sind. Daraus ergibt sich die These, dass es ohne Gewohnheiten keine Fortschritte im Denken gibt. Ohne Gewohnheiten wäre es unmöglich, komplizierte Probleme zu lösen.

Jemand ist umso kreativer, je mehr er den Horizont der denkbaren Problemlösungsmuster erweitert und auch ungewohnte und unkonventionelle Bewegungsmuster bzw. Abfolgen von Bewegungsmustern im Denken ausprobiert. Neues Denken besteht also meistens darin, dass alte Probleme mit neuen Bewegungen angegangen werden. Kreativität besteht in der Fähigkeit, Probleme auf eine nicht-gewohnheitsmäßige Weise anzupacken, wobei meist Bewegungsmuster angewandt werden, die sich in anderen Lebensbereichen bewährt haben. So zeichnet sich die alternative Medizin dadurch aus, dass die gesundheitlichen Probleme nicht mit Medikamenten, Chirurgie u.Ä., sondern mit einer anderen Lebensweise gelöst werden. Bei gesundheitlichen Störungen führt der Versuch, das Problem als eine blockierte Bewegung von Organen zu verstehen, meist sofort zur richtigen Therapie. So sind Sehstörungen, wie im Kapitel 3.2.3. dargestellt wurde, in der Regel auf Blockierungen der Augenmuskeln zurückzuführen. Insofern ist jeder kreative Akt auch eine Art Befreiung von einschränkenden Gewohnheiten.113

Am Anfang steht immer die Frage, ob die erlernten Bewegungsmuster auf dem kulturell höchsten Stand sind und ob es erforderlich ist, eine Phase des Lernens einzuschieben, in der neue Bewegungsmuster erlernt und dysfunktionale Bewegungsmuster verlernt werden. Der beste Einfall nutzt allerdings wenig, wenn der Mut fehlt, die bisherigen Gewohnheiten aufzugeben, die häufig mit großem zeitlichem und finanziellem Aufwand aufgebaut wurden, und sich für die Durchsetzung der neuen Bewegungsmuster einzusetzen.

Sobald der sinnliche Kontakt zur Umwelt eingeschränkt wird, geht die basale Eigenschaft des Lebens zur Gestaltung von kreativen Bewegungen verloren. Die Angst vor der Wiederholung von Verletzungen schränkt den Kontakt zur Realität ein. Angesichts des Mangels an ausreichenden Informationen über die Situation behilft man sich mit gewohnheitsmäßigen Bewegungsmustern. Je mehr Angst erfahren wird, umso stärker wird das Verhalten durch starre Gewohnheitsmuster geprägt, die immer mit körperlichen Verspannungen verbunden sind. Dadurch geht die Flexibilität für neue, situationsangemessene Bewegungen verloren. Wenn man sich in schwierigen Situationen nicht aus eigener Kraft behaupten kann, werden das Selbstwertgefühl und das Selbstvertrauen geschwächt. Da man sich immer weniger zutraut, entsteht ein Teufelskreis aus dem Verlust von Selbstwertgefühl und zunehmender Handelsunfähigkeit. Da dadurch die Wahrscheinlichkeit abnimmt, dass spontane Gedanken kommen, wird zwangsläufig das Denken durch starre Gewohnheiten beeinträchtigt.

Wenn die Lösung eines Problems Ängste weckt, wird die Lösung sofort verworfen. So kann z.B. der Kern der persönlichen Unzufriedenheit darin bestehen, dass emotional bedingte Bewegungen unterdrückt werden müssen, weil sie mit sozialen Anforderungen in Konflikt geraten könnten. Unter dem Druck der Angst reduziert sich die Sensibilität für Probleme, so dass sie gar nicht wahrgenommen werden und deshalb nicht der Antrieb fehlt, eine bessere Problemlösung zu suchen. Typischerweise schwindet die Fähigkeit, alle Probleme bereits in einem frühen Stadium wahrzunehmen und d.h. ernst zu nehmen, wenn sie noch wenig beunruhigen. Daraus kann die Folgerung gezogen werden, dass Angst der eigentliche Feind der Kreativität ist und dass man zu allererst die eigenen Ängste überwinden muss, um kreativ zu sein. Da aber Ängste in einem Klima von Feindseligkeit und Lieblosigkeit entstehen, bedeutet dies, dass Liebe der sicherste Garant für Kreativität ist. So wenig wie Liebe verordnet werden kann, so wenig kann Kreativität mit gezielten Übungen gefördert werden.



4.5. Exkurs: Selbstorganisiertes Lernen

»Wer´s lernen muss, wird es nie begreifen.« (Graffito)

»Lernen ist wie Rudern gegen den Strom. Sobald man aufhört, treibt man zurück.« (China)

Ein großer Teil des Lebens ist mit dem Lernen von Gewohnheiten ausgefüllt. Es besteht deshalb ein großes Interesse daran, wie der Lernprozess optimiert werden kann. Dazu ist aber ein angemessenes Verständnis des Lernprozesses erforderlich. Deshalb soll im Folgenden dargestellt werden, welches Verständnis des Lernens sich aus der oben entwickelten Bewegungstheorie des Denkens ergibt.

Bei kleinen Kindern ist immer wieder erstaunlich festzustellen, wie groß ihre Neugierde ist, Neues zu lernen und wie schnell sie es sich auch ohne Lehrer aneignen. Spätestens wenn sie in die Schule kommen, wird aber ihre Lernbereitschaft auf eine harte Probe gestellt. Viele Pädagogen machen der Schule den Vorwurf, dass sie die Lernbereitschaft und Neugierde der Kinder eher zerstören als fördern. Schuld seien zu große Klassen, schlecht ausgebildete Lehrer, Konfrontationsunterricht, Notenangst u.Ä. Einige knüpfen an die Gehirnforschung die Hoffnung, dass von ihr eine Reform der überholten Pädagogik angestoßen wird. Denn die Gehirnforschung hat demonstriert, dass das Gehirn nur unter bestimmten Bedingungen lernen kann. Sie hat damit neue Begründungen für optimales Lernen geliefert.114 Hauptsächlich werden folgende Bedingungen hervorgehoben:


a) Der Lernstoff muss als bedeutungsvoll und nützlich erfahren werden.

b) Lernen braucht Tun. Handlungs- und problemorientierter Unterricht erleichtert das Lernen.

c) Lernen braucht Üben.

d) Lernen gelingt am besten, wenn es Neugierde weckt und Spaß macht. Angst behindert das Lernen.

e) Kinder lernen »von selbst«, wenn sie altersgerechte Lernangebote erhalten. Sie lernen am besten, wenn sie ihr Lerntempo selbst gestalten können. Lernen folgt der Selbstorganisation des Gehirns.

Diese Prinzipien sind zweifellos überhaupt nicht neu, sondern der Reformpädagogik längst bekannt. Es ist fraglich, ob sie mehr Gewicht bekommen, wenn sie jetzt von der Gehirnforschung wissenschaftlich begründet werden. Wenn man sich die Argumente vergegenwärtigt, mit denen die Prinzipien bestätigt werden, kommen Zweifel, ob das wirklich der Fall ist. Wenn z.B. die Notwendigkeit von häufigen Wiederholungen des Lernstoffs damit begründet wird, dass für erfolgreiches Lernen die Nervenverbindungen (Synapsen) verstärkt werden müssen, ist das eine wenig plausible Begründung, weil die Prozesse im Gehirn zwangsläufig unanschaulich bleiben und deshalb wenig nachvollziehbar sind. Die meisten Begründungen basieren außerdem nur auf Ergebnissen von Experimenten. Auch die Reformpädagogen haben ihre Forderungen mit praktischen Erfahrungen begründet, ohne dass dies Vertreter der herrschenden Pädagogik beeindruckt hat.

Was die Gehirnforschung für die Pädagogik so bedeutsam macht, sind weniger die Bestätigungen der längst bekannten Prinzipien für optimales Lernen, als die Eindringlichkeit, mit der deutlich wurde, dass das Lernen nicht bloß im Geist stattfindet, sondern ein äußerst komplexer körperlicher Vorgang ist. Im Gehirn müssen eine Vielzahl von mit den Sinnesorganen aufgenommenen Reizen in komplexen Bearbeitungsschritten zur persönlich bedeutsamen Wissen und Können aufbereitet werden. Dieser bewusstlos ablaufende Prozess ist an Bedingungen gebunden, auf die die Lernenden keinen Einfluss haben. Wenn z.B. altersgemäße Lernangebote fehlen oder die Lernangebote nicht auf den vorhandenen Wissenstand der Kinder Rücksicht nehmen, wird das Lernen behindert. Wenn das Kind aufgrund seiner bisherigen Erfahrungen im Lehrangebot keinen persönlichen Nutzen sieht, verliert es das Interesse am Lernen. Deshalb kann man nur so viel lernen, wie es die Umstände ermöglichen. Deshalb ist es falsch, den Schülern Vorwürfe zu machen, wenn sie schlecht lernen.

Die Gehirnforschung hat zu Recht hervorgehoben, dass Wissen nicht übertragen werden kann, sondern dass es in jedem Menschen neu aufgebaut werden muss. Alle Laute und Zeichen, die in der Kommunikation übertragen werden, sind zunächst nur bedeutungslose physikalische Ereignisse, die erst vom Empfänger mit Bedeutungen versehen werden. Sofern er schon das dafür erforderliche Vorwissen besitzt, kann er die Laute und Zeichen mit etwas Verständlichem verbinden. Wenn aber das Vorwissen fehlt, müssen sie unverständlich bleiben. Dann hilft nur, dass das Gemeinte gezeigt oder vorgemacht, also anschaulich gemacht wird. Deshalb ist es vorteilhaft, wenn das neu zu Lernende unmittelbar selbst erlebt wird.

Die Schwäche der Gehirnforschungspädagogik besteht darin, dass sie behauptet, dass ihre Theorie des Lernens unmittelbar aus den Funktionsmechanismen des Gehirns abgeleitet werden könne. Aus meiner Theorie des Denkens geht aber hervor, dass die Funktionsmechanismen des Gehirns letztlich nicht verstehbar sind. Sie können nur in Analogie zu bekannten menschlichen Bewegungen konstruiert werden und haben daher keine zwingende Überzeugungskraft. Wirkliche Überzeugungskraft hat nur das, was man an sich selbst erfahren hat. Es ist deshalb zu bezweifeln, ob man wirklich ein besserer Lehrer sein kann wenn man weiß, wie das Gehirn beim Lernen funktioniert, wie es oft behauptet wird.

Aus der oben entwickelten Theorie, dass alles Lernen darin besteht, dass neue Bewegungen gelernt werden, ergibt sich ein völlig neuer Ansatzpunkt, wie Lernen begriffen werden kann. Der springend Punkt ist, dass nicht nur für die körperlichen Fähigkeiten wie Laufen, Schreiben oder Singen und für den Umgang mit kulturellen Geräten wie z.B. einem Musikinstrument oder einem Werkzeug differenzierte Bewegungen gelernt werden müssen, sondern dass dies auch für jedes Sachwissen gilt, obwohl dies scheinbar meistens völlig frei von Bewegungen ist. Das liegt daran, dass bei jedem Sachwissen mit gelernt werden muss, für welche Bewegungen es nützlich ist. Alles Wissen entsteht aus dem Interesse heraus, damit ein bestimmtes Problem zu lösen. Es gibt deshalb kein Wissen, das nicht ursprünglich einen direkten praktischen Bezug hatte. Wenn es im Verlauf der historischen Entwicklung verloren gegangen ist, darf nicht daraus geschlossen werden, dass es objektives Wissen gibt, das ohne Bezug zu Bewegungen gelernt werden kann. Wenn man nicht weiß, was man mit einem bestimmten Wissen handelnd anfangen kann, hat es keine Chance, dass es vom Kurzzeitgedächtnis ins Langzeitgedächtnis gelangt. Offensichtlich ist die Bewegung, für die das Wissen nützlich ist, kein bloßes Anhängsel, sondern der Angelpunkt des Wissens. Auch Wissen muss als Gewohnheit, also als Einheit von Bewegung und Ziel, abgespeichert werden.

Meines Erachtens können mit dem neuen Ansatz, dass das Lernen aus dem Einüben von Bewegungen besteht, die Prinzipien effizienten Lernens viel plausibler begründet werden als dies die Gehirnforschung vermag.

a) Wissen kann nur dann als nützlich für das eigene Leben erkannt werde, wenn es direkt oder indirekt Bewegungen anspricht, die damit effizienter ausgeführt werden können. Es muss also spontan einsichtig sein, wie das Wissen für erfolgreicheres Handeln genutzt werden kann. Was nützlich ist, ist interessant. Wenn der Bezug zu den eigenen Bewegungen nicht spontan erkannt wird, hilft es nicht, sich im Vertrauen auf den Lehrer u.Ä vorzunehmen, es dennoch als nützlich zu betrachten. Wie oben dargestellt, laufen die Bewertungsprozesse auf der Basis der bisherigen Erfahrungen völlig selbsttätig ab. Deswegen kann man nichts daran ändern, dass das Wissen, dessen Nutzen für das eigene Leben nicht erkannt wird, unbewusst als wertlos deklariert wird.

Die unbewusste Filterung hat offensichtlich den Sinn, dass nur die Bewegungen ausgewählt werden, die sich unmittelbar an das vorhandene Bewegungsspektrum, also an das bereits vorhandene Wissen anschließen, so dass das Lernen kontinuierlich aufgebaut werden kann. So wie alle Bewegungen aufeinander aufbauen, lassen sich komplexe Sachzusammenhänge nur verstehen und damit lernen, wenn man die Grundkenntnisse so gut beherrscht, dass sie als Gewohnheiten verfügbar sind.

Neues Wissen muss aus diesen Gründen so präsentiert werden, dass es auf Probleme bezogen wird, die damit gelöst werden können. Hilfreich ist es, wenn man sich in die Rolle früherer Forscher versetzt, wie sie vor einem praktischen Problem standen. Wenn der Bezug zum praktischen Handeln fehlt, kann das neue Wissen nur im Kurzzeitgedächtnis mit Hilfe der Angst vor Prüfungen u.Ä. gespeichert werden. Aber dort kann es nicht für kreative Problemlösungen genutzt werden.

b) Lernen ist im Tun erfolgreicher, weil das Gelernte nur verstanden wird, wenn es angewandt und d.h. wenn die damit verbundenen Bewegungen ausgeführt werden. Bewegungen können nur verstanden werden, wenn sie ausgeführt werden. Dann erlebt man ihre Qualität und Bedeutung. Es wird deutlich, welche Anforderungen die Bewegung hat und auf welche Weise das Ziel erreicht wird. Vormachen reicht nicht aus, weil jede neue Bewegung innerlich erfahren werden muss.

Bei Wissen, das nicht unmittelbar handelnd umgesetzt werden kann (wie z.B. historisches Wissen), gibt es zwangsläufig eine strukturelle Lernschwierigkeit. Es gibt nur den Ausweg, dass es als Geschichte von handelnden Personen aufbereitet wird, so dass es leichter in der Einbildungskraft handelnd nachvollzogen werden kann. Dann können die ihm zugrunde liegenden Regeln und deren Bedeutung für das eigene Leben transparent werden. Außerdem kann es leichter von den unbewussten Verarbeitungsmechanismen im Gehirn mit dem bereits vorhandenen Wissen verbunden werden. Damit hängt auch der Rat zusammen, naturwissenschaftliches Wissen in Form von Geschichten zu übermitteln. Dadurch wird das Wissen automatisch in Bewegungsabläufe eingebaut, die unbewusst leichter nachvollzogen werden können.

Exemplarisches, problemorientiertes Lernen ist förderlich, weil es dazu anhält, neue Bewegungen im praktischen Anwendungskontext zu erproben. Es werden dabei spontan die Regeln erkannt, die im Beispiel wirksam sind. Es wird gelernt, dass die neuen Bewegungen ein breites Anwendungsspektrum haben. Am Einzelfall wird immer auch Allgemeines gelernt. Beispiele zwingen dazu, sie nicht für sich stehen zu lassen, sondern daran gezielt das Allgemeine herauszuarbeiten. Beim exemplarischen Lernen werden so Muster gelernt, wie erfolgreich Probleme gelöst werden können. Es bildet sich das Vertrauen heraus, dass man mit vielfältigen Problemen zurechtkommt. Das konkrete Wissen wird dadurch nicht relativiert. Das Wissen lässt sich problemloser aneignen, wenn es im Zusammenhang mit Problemlösungsaufgaben gelernt wird.

c) Die Notwendigkeit, eine neue Bewegung umso häufiger zu üben, je komplexer sie ist, ergibt sich daraus, dass alle Bewegungen als Gewohnheiten abgespeichert werden müssen. Sie müssen so gut beherrscht werden, dass sie praktisch automatisch ablaufen. Das setzt voraus, dass sie flüssig und ökonomisch ausgeführt werden können und dass ihre Regel klar erkannt worden ist. Die Gewohnheitsbildung wird begünstigt, wenn das neue Wissen gut strukturiert vermittelt wird. Es braucht Zeit, bis die neue Bewegung in das System der bisherigen Bewegungen integriert worden ist. Selbst für so relativ überschaubare Bewegungen wie Bogenschießen braucht man viele Jahre, bis man eine hohe Treffsicherheit erreicht. In der Literatur wird immer wieder behauptet, dass für das sichere Beherrschen einer komplexen Fertigkeit wie der Goldschmiedekunst oder dem Spielen von Musikinstrumenten 10000 Übungsstunden erforderlich sind.

Wenn viele Pädagogen dazu neigen, das Üben gering zu schätzen, und demgegenüber das Verstehen betonen, wird ein falscher Gegensatz zwischen stupidem Üben und Verstehen aufgebaut. Denn Verstehen ist erst möglich, wenn genügend automatisiertes Wissen zur Verfügung steht. Ohne Auswendiglernen kommt kein Sinnverständnis zustande. Erst wenn das Bewusstsein von der Konzentration auf die Details einer Bewegung entlastet wird, kann es größere Zusammenhänge in den Blick nehmen und kann die Fähigkeit entstehen, Gewohnheiten zu überprüfen und an neue Erfahrungen anzupassen. Allerdings muss das automatisierte Lernen immer auf als nützlich bewertete Lernziele bezogen sein. Dann wird es nicht als langweilig, geisttötend oder stumpfsinnig erlebt.

Komplexe Bewegungsgewohnheiten, die nicht ständig - zumindest virtuell - wiederholt werden, gehen allmählich wieder verloren, weil neue Gewohnheiten offensichtlich erst nach häufiger Benutzung und hoher persönlicher Wertschätzung ins Langzeitgedächtnis abgespeichert werden. Üben ist deshalb der zentrale Hebel der geistigen Entwicklung.

d) Die emotionale Beteiligung am Lernen ist deshalb so wichtig, weil neue Bewegungen nur gut gelernt werden, wenn sie spontan als nützlich erfahren werden. Neugierde zeigt, dass man bereit ist, sich für neue Bewegungen zu öffnen und vorhandene Bewegungen infrage zu stellen. Die Offenheit für Neues bleibt nur erhalten, wenn man sich Zeit lassen kann, die neue Bewegungen im eigenen persönlichen Tempo so lange zu lernen, bis sie beherrscht wird. Das bedeutet umgekehrt, dass jeder äußere Druck das Lernen behindert. Angst ist beim Lernen hinderlich, weil Bewegungen nicht frei ausprobiert und damit im eigenen Rhythmus angeeignet werden können.

e) Lernen braucht große Freiräume. Jeder muss sein Lernen so organisieren, wie es seinen Begabungen, Fähigkeiten, Vorwissen u.Ä. entspricht. Kein Lehrer ist in der Lage festzustellen, was der richtige nächste Schritt im optimalen Lernen ist. Das ergibt sich daraus, dass der Lernende am besten spürt, wo seine neu gelernten Bewegungen sozusagen noch nicht rund laufen und welche Anregungen er für die weitere Entfaltung seiner Fähigkeiten braucht. Natürlich sind Hilfestellungen, Rückmeldungen und Hinweise von Lehrern unentbehrlich. Aber diese Interventionen dürfen nicht den autonomen Lernrhythmus des Lernenden stören.

Diese Argumente sprechen dafür, dass der Lernprozess besser verstanden werden kann, wenn man von der Bewegungstheorie des Lernens ausgeht. Dieses Konzept hat den Vorteil, dass es ständig in der eigenen Lernerfahrung überprüft werden kann. Die neuronalen Vorgänge im Gehirn sind nicht nachvollziehbar, aber das Lernen von eigenen Bewegungen ist mit viel Einsicht verbunden, da man erfährt, welche Regeln befolgt werden, wovon die Regeln abhängig sind und was die Bewegungen behindert. Das Lernen differenziert und bereichert so den Dialog mit sich selbst.

4.6. Zusammenfassung

Die Überlegungen in diesem Kapitel sollten zeigen, dass die allen Menschen gemeinsame Sprache, die beim Denken benutzt wird, auf den als Gewohnheiten erlernten Bewegungen basiert. Die Idee, dass die Menschen beim Denken die gleiche Sprache benutzen, hat zuletzt der amerikanische Philosoph Jerry Fodor vertreten. Er nannte diese Sprache Mentalesisch. Meine Überlegungen haben das Ergebnis, dass die universale Sprache des menschlichen Denkens aus gelernten Bewegungen besteht. Die Logik des Denkens ergibt sich aus der Logik der Objekte, auf die sich die Menschen handelnd beziehen. Syntax und Grammatik des Denkens lassen sich aus den Bewegungen ableiten, die beim Handeln benutzt werden.

Damit wird das philosophische Dogma, dass sich das menschliche Denken dadurch auszeichnet, dass es mit Begriffen arbeitet, infrage gestellt. Das Denken erfolgt ohne Begriffe. Die Begriffe werden nur benötigt, um das Gedachte anderen Menschen mitzuteilen. Sie sind Symbole, die bestimmte Bedeutungen transportieren. Sie können nicht beanspruchen, etwas von den Objekten zu erfassen. Sie weisen nur auf Bewegungen hin, wie mit Objekten umgegangen werden kann. Für die Sprache sind die Begriffe unentbehrlich, aber das Denken kommt ohne sie aus.

Das Denken ist wohl für erfolgreiches Handeln unentbehrlich, aber es legt nicht die Ziele des Handelns fest, sondern sorgt nur für die richtige, d.h. situationsgemäße Auswahl der Bewegungen und für eine optimale Anpassung des Handelns an die jeweilige Situation, in der das Handeln stattfindet. Auch beim Lernen von neuen Bewegungen ist das Denken nur ein Faktor unter vielen, der für das äußerst komplizierte nachahmende Ausprobieren von neuen Bewegungen erforderlich ist. Offensichtlich basiert die traditionelle Überzeugung, nach der das Denken das Handeln lenkt, auf einer falschen Theorie.

Dieses Verständnis des Denkens erklärt, warum das Denken wirksam sein kann. Einerseits kann es den Ablauf von Bewegungen beeinflussen, da es selbst aus der Auswahl von Bewegungen besteht und andererseits kann es alle Probleme lösen, weil sie dadurch entstanden sind, dass ein Ziel nicht mit angemessenen Bewegungen angestrebt wurde oder man Angst dabei hatte, die angemessenen Bewegungen anzuwenden. Die Macht der Vorstellungskraft beruht demnach darauf, dass die Menschen lernen, Bewegungsmuster innerlich miteinander zu verknüpfen und damit ihr Handeln zu organisieren, und dass sie die Neigung haben, für wahrgenommene Probleme spontan nach Lösungen zu suchen.

Es muss betont werden, dass die entwickelte Bewegungstheorie des Denkens keine naturalistische Theorie ist. Wenn der Naturalismus darin besteht, dass alle mentalen Prozesse auf physikalische Prozesse reduziert werden und/oder mit naturwissenschaftlichen Begriffen beschrieben werden, dann kann die hier entwickelte Theorie des Denkens gerade nicht als naturalistisch bezeichnet werden. Denn das Prinzip der Bewegung, wie es hier in allen mentalen und emotionalen Prozessen aufgespürt wird, ist mehr als ein physikalischer Prozess der Ortsveränderung. Im menschlichen Bereich können Bewegungen nicht ohne Bedeutungen gedacht werden, da sie von vornherein auf Ziele ausgerichtet sind. Deshalb besteht das Prinzip der Bewegung aus einer komplexen Einheit von körperlichen und mentalen Aspekten und darf nicht als eine physikalische Größe gedacht werden.

Wenn man davon ausgeht, dass die Gedanken aus der organismischen Selbsttätigkeit hervorgehen, dann erlebt man sich nach den überlieferten Denkvorstellungen so, als würde man wie ein Roboter funktionieren. Das wird gemeinhin als unvereinbar mit der menschlichen Würde gehalten. Aber dieses Gefühl drängt sich vermutlich nur deshalb auf, weil an dem problematischen Selbstverständnis des Menschen als geistiges Wesen festgehalten und angenommen wird, dass die Gedanken auf nicht-materiellen Prozessen basieren. Wenn jedoch ein neues, den ganzen Menschen umfassendes Selbstverständnis entwickelt wird, in dem die Selbsttätigkeit der inneren physiologischen Natur identisch ist mit der Selbsttätigkeit des geistig-gefühlsmäßigen Innenlebens, dann sind auch die unbewusst arbeitenden Prozesse ein Teil der Persönlichkeit, da hier alle persönlichen Erfahrungen in Gewohnheitsmustern abgelegt wurden. Die Auffassung des Denkens als motorischer Prozess muss deshalb nicht als eine Abwertung empfunden werden, sondern vielmehr als Befreiung von einer alten Täuschung.

Da die Qualität des Denkens von der Qualität der organismischen Bewertungen abhängig ist, steht die Aufgabe an, die Beziehungen zu anderen Menschen so zu gestalten, dass die eigenen Gedanken nicht aus Angst vor der Reaktion anderer Menschen verbogen werden. Wenn man die anderen Menschen respektieren oder sogar lieben kann, dann wird sich von selbst Vertrauen zu den eigenen Gedanken einstellen. Es kann dann nicht mehr das Gefühl entstehen, dass man von den eigenen Gedanken beherrscht wird. Es wird Weisheit möglich, die darin besteht, dass man sich nicht mit den empfangenen Gedanken überidentifiziert, sondern um ihre mögliche Fehlerhaftigkeit und Relativität weiß.

Der am Anfang dieses Kapitels aufgeführte Satz von Joseph Beuys »Ich denke sowieso mit dem Knie« ist demnach keine reine Provokation, sondern die überspitzte Formulierung der Einsicht, dass das Denken nicht im »Geist« stattfindet, sondern den ganzen Körper umfasst und in seiner motorischen Intelligenz wurzelt.


5. Gewohnheiten im Umgang mit sich selbst

»Wer seine Geschäfte maschinenmäßig betreibt, der bekommt ein Maschinenherz.« (Konfuzius)

Die Menschen zeichnen sich dadurch aus, dass sie sich ständig selbst beobachten. Sie nehmen ihren Körper und seine Empfindungen, ihre Gedanke, Gefühle, Ziele u.Ä. wahr. Dabei stellt sich die Frage, wer es ist, der die inneren Prozesse beobachtet, und wie die Prozesse entstehen und beeinflusst werden können. Im Zentrum des Fühlens und Denkens steht somit die Frage, wie man mit sich selbst umgeht. Das traditionelle Denken hat darauf die Antwort gegeben, dass die Gedanken und Gefühle vom Geist, von der Seele oder von der Vernunft erzeugt werden. Diese Instanzen haben die Aufgabe, den Körper mit seinen Regungen zu kontrollieren und ihn wie ein Objekt für ihre Ziel zu gebrauchen. Wie oben dargestellt, wird diese Einstellung den Gefühlen und Gedanken nicht gerecht. Denn es wird nicht akzeptiert, dass sie sich von selbst einstellen. Außerdem ist es problematisch zu verlangen, dass man dafür die Verantwortung übernehmen soll. Deshalb ist es erforderlich, ein angemesseneres Selbstverständnis zu entwickeln.

Trotz der heftigen Kritik am idealistischen und mechanistischen Körperverständnis konnte bisher keine tragfähige Alternative dazu entwickelt worden. Das so genannte ganzheitliche Menschenbild ist keine sinnvolle Alternative, da hier das hierarchische Verhältnis von Körper, Seele und Geist nur in ein gleichberechtigtes Zusammenwirken umgeformt wird. Das eigentliche Problem, nämlich die dualistische Spaltung, bleibt aufrecht erhalten. Ebenso wenig führt die Systemtheorie weiter, da hier ebenfalls an den angeblich selbständigen Subsystemen Körper, Seele und Geist festgehalten wird. Auch das esoterische Konzept, wonach der Körper verdichteter Geist sei, ist problematisch, da es die Stofflichkeit des Körpers mit seinem bemerkenswerten Eigenleben nicht ernst nimmt und die Kommunikation innerhalb des Körpers nur als eine zentrale Steuerung durch das Gehirn verstehen kann. Solange das Geistig-Seelische als ein von der Materie unterschiedenes System begriffen wird, ist die dualistische Spaltung des Menschen nicht zu überwinden.

Der im Folgenden entwickelte Ansatz begründet ein neues Paradigma des Körperverständnisses, das die Schwächen der oben erwähnten Körperverständnisse überwindet. Sein Kennzeichen ist, dass die Kommunikation als ein Grundprinzip des Lebens verstanden wird. Die Menschen organisieren ihr Leben nicht nur durch die zwischenmenschliche Kommunikation, sondern auch ihre innere Organisation stützt sich auf umfassende Kommunikationsprozesse alle Teile des Organismus untereinander. Mit dem Lernen von Gewohnheiten wird darüber hinaus eine innere Kommunikation aufgebaut, mit der die Menschen in ein bewusstes Verhältnis zu sich selbst treten. Offensichtlich besteht die Grundstruktur des Selbsterfahrung darin, dass man sich ständig im Dialog mit sich selbst befindet.

5.1. Kommunikatives Körperverständnis

»Was Dir Sorgen macht, beherrscht Dich.« (John Locke)

Das Hauptkennzeichen aller Lebewesen besteht darin, dass sie im Dialog mit der Umwelt ihr inneres Gleichgewicht aufrechterhalten müssen. Bei den Menschen wird der Dialog hauptsächlich mit den Gefühlen und Gedanken geführt. Mit den Gefühlen versuchen sie, einen guten Kontakt mit anderen Menschen herzustellen. In den Gedanken erfahren sie, auf welche Probleme und Widerstände sie in der Umwelt stoßen und wie sie diese überwinden können. Es ist auffallend, dass die Menschen auch im Kontakt zu sich selbst ein dialogisches Verhältnis aufbauen. Die Gedanken werden kommentiert und bewertet, man gibt sich Anweisungen, kontrolliert seine Gefühle und lacht über seine Träume, beklagt sich über seine Gewohnheiten oder versucht, sich mit ihnen anzufreunden u.Ä. Die Gedanken wurden deshalb immer wieder als ein inneres Gespräch der Seele mit sich selbst charakterisiert (z.B. Platon, vgl. Kapitel Fehler: Referenz nicht gefunden.). Das bedeutet, dass sich die Menschen auf ihre inneren Impulse, Gefühle und Gedanken wie auf etwas Äußeres beziehen.

Wie es zu dem inneren Dialog mit sich selbst kommt, konnte meines Wissens bisher nicht plausibel erklärt werden. Wenn zur Erklärung darauf verwiesen wird, dass dies die Eigenart der Seele oder des Geistes ist, führt das nicht weiter, weil die Existenz dieser Instanzen in Zweifel gezogen werden muss. Geht man aber von der Selbstreflexivität aller menschlichen Bewegungen aus, gelangt man zu einer relativ einfachen und überzeugenden Theorie. Wie oben dargestellt lassen sich Bewegungen nur lernen und effizient einsetzen, wenn ständig eine Rückkoppelung mit den angestrebten Zielen stattfindet. Die Rückkoppelung basiert auf der fortlaufenden Bewertung jeder Bewegungsphase. Die Bewertungen stellt im Grunde die rudimentäre Form eines Dialoges dar. Wenn sie mit Erinnerungen und Begriffen verbunden wird, nehmen sie die Gestalt von Gedanken an. Insofern basiert das dialogische Verhältnis zu sich selbst auf der ständigen Aufgabe, seine eigenen Bewegungsfähigkeiten zu optimieren.

Biologie der Kommunikation

Es war für mich eine überraschende Entdeckung, dass einige Biologen die Kommunikation als ein Grundprinzip des Lebens betrachten. Folgt man der amerikanischen Biologin Lynn Margulis, dann bestehen höhere Lebewesen aus dem symbiontischen Zusammenschluss einer Vielzahl von individuellen Zellen mit unterschiedlichen Fähigkeiten. Die Zellen waren am Anfang der Evolution selbständig lebende Einheiten, die aus der Verschmelzung von spezialisierten Mikroorganismen entstanden sind.115 So waren z.B. die Mitochondrien, die in jeder Zelle für die Energieerzeugung zuständig sind, ursprünglich eigenständige Lebewesen. Im Verlauf der Evolution haben sie entdeckt, dass sie im Verbund mit anderen Zellen überlebensfähiger sind. Das bedeutet, dass alles Leben aus biologischen Bausteinen besteht, die sich seit Beginn der Evolution nicht oder kaum verändert haben, und dass alle höhere Lebensformen aus einer komplexen Zusammenfügung dieser Grundbausteine bestehen.

Die Theorie der Evolution durch Symbiose führt zu einer völlig neuen Sichtweise des Lebens. Die biologische Verwandtschaft der verschiedenen Arten ergibt sich nicht nur über die Evolution und den gemeinsamen Genstock, sondern vor allem über die Identität der Grundzellen, aus denen alle Lebewesen zusammengesetzt sind. Die Kernfrage der Evolution ist, wie die in symbiontischer Gemeinschaft lebenden Zellen ihren Stoffwechsel organisieren, nachdem sie den unmittelbaren Kontakt zur Umwelt verloren haben und sich deshalb ihre Nahrungsstoffe nicht mehr direkt von dort holen können. Offensichtlich wurden dafür zentrale Organe wie z.B. der Mund-Magen-Darmtrakt, das Herz, die Niere u.a. geschaffen, die die Stoffzu- und -abfuhr regulieren. Dadurch sind gewaltige innerorganismische Informations- und Kommunikationsprobleme entstanden. Denn es muss gesichert werden, dass sich in dem innerkörperlichen Milieu, in dem sich die einzelnen Zellen bewegen, stets genügend Nahrungsstoffe befinden, die die Zellen für ihr Überleben brauchen. Dazu müssen die einzelnen Zellen Defizite an zentrale Organe melden können. Daran wird deutlich, dass die Kommunikation nicht nur ein zwischenmenschliches Phänomen, sondern das zentrale Problem der inneren Organisation aller Lebewesen ist.

Das Kommunikationsproblem ist bei einfachen Tieren dadurch gelöst worden, dass die einzelnen Zellen miteinander in direkten Informationsaustausch mit Hilfe von chemischen Stoffen (z.B. Hormone) oder elektrischen Impulsen treten. Im Laufe der Evolution hat es sich aber als effizienter erwiesen, dass ein eigenes Organ – das Gehirn – geschaffen wird, in dem alle Informationen über den Zustand des Milieus aller Zellen zusammenlaufen, koordiniert und ausgewertet werden. Hier können geeignete Maßnahmen ergriffen werden, um Defizite in bestimmten Bereichen zu beseitigen, z.B. dadurch, dass der Blutkreislauf angekurbelt wird. Aus der Sicht der einzelnen Zellen sammelt aber das Gehirn nicht aktiv Informationen über den Zustand des Körpers, sondern werden ihm lediglich Informationen von den Sinnesorganen zugetragen, auf die es entsprechend seiner Kontrollwerte reagieren soll. Es ist also nicht in der Art seiner Reaktionen frei, sondern an seine Kontrollwerte gebunden. Das Gehirn ist aus dieser Sicht kein selbständiges Steuerorgan, sondern bloß ein Hilfsorgan für den innerorganismischen Informationsaustausch.

Das Gehirn ist darauf angewiesen, dass ihm ständig ausreichend Informationen von den Sinnesorganen übermittelt werden, damit es seine Aufgabe als Koordinationszentrum wahrnehmen kann. Sind die Sinnesorgane und/oder Informationskanäle des Nerven- und Hormonsystems u.a. gestört, kann das Gehirn seine Leistungen nicht erbringen. Deshalb wäre es falsch, die Sinnesorgane, die ein gewisses Eigenleben führen, als Werkzeuge des Gehirns zu betrachten. Offensichtlich ist die verbreitete Vorstellung, dass das Gehirn ein eigenständiges Steuerorgan ist, Folge des idealistischen Denkens, das von einer geistigen Führungsinstanz ausgeht. Der biologischen Funktion des Gehirns wird man wahrscheinlich mehr gerecht, wenn es als ein Hilfsorgan verstanden wird, in dem die Anforderungen der einzelnen Körperteile aufeinander abgestimmt werden.

Die innere Kommunikation erfolgt über mehrere Informationskanäle, die im Gehirn als zentralem Koordinationsorgan zusammenlaufen. Gut erforscht ist die Kommunikation mithilfe von elektrischen Impulsen über das propriozeptive Nervensystem und von chemischen Stoffen (hormonelle Botenstoffe) über den Blutkreislauf. Beide Informationssysteme arbeiten in beiden Richtungen. Man weiß inzwischen, dass die Zellen nicht nur Informationen empfangen, sondern auch Botenstoffe aussenden, die in Zentralorganen ausgewertet werden. Die Forschungsarbeiten des Physikers Fritz Popp zeigen, dass es darüber hinaus einen Informationsaustausch der Zellen untereinander mithilfe von Lichtemissionen (Biophotonen) gibt.116 Vermutlich können die einzelnen Körperzellen auf diesem Wege auch das Gehirn anregen, bestimmte Neurotransmitter auszuschütten. Es wird der physikalischen Begriff der Kohärenz verwendet, um die Eigenschaft der Zellen zu kennzeichnen, dass sie wechselseitig Informationen austauschen und damit ein inneres Gleichgewicht aufrechterhalten117.

Die innerkörperliche Kommunikation kann gelingen, da alle Einzelwesen, die im Körper zusammengefunden haben, fähig sind, einerseits ihre Bedürfnisse an die zentralen Koordinationsorgane zu melden und andererseits sich an die daraus abgeleiteten Entscheidungen anzupassen. Offensichtlich bringen die zentralen Koordinationsorgane das Kunststück fertig, allen Bedürfnissen gerecht zu werden bzw. kein Einzelinteresse zu bevorzugen. Die innere Kommunikation zeichnet sich deshalb durch eine nicht-hierarchische, quasi demokratische Struktur aus.

Es ist hervorzuheben, dass die innere Kommunikation stets mit Bewegungsprozessen hergestellt wird. Bekanntlich werden Informationen von einer Nervenzelle zur nächsten auf die Weise weitergegeben, dass an den Synapsen, winzigen Spalten zwischen den Nervenzellen, die Informationen auf Neurotransmitter übertragen werden, die damit zur Nachbarzelle transportiert werden. Gehirnforscher haben festgestellt, dass die Kommunikation gestört wird, wenn sich an den Spaltwänden Eiweißplacques ablagern. So führen Gehirnforscher die Depression auf gestörte Kommunikation zwischen den Nervenzellen zurück. Vermutlich kann damit auch die Alzheimer-Krankheit erklärt werden.118

Es ist fraglich, ob die komplexen inneren Kommunikationsprozesse angemessen mit dem Ursache-Wirkungsschema begriffen werden können. Wenn z.B. im Gehirn Neurotransmitter ausgeschüttet werden, die an einer anderen Stelle im Körper eine Reaktion bewirken, so ist dies kein kausaler Zusammenhang, weil die Art der Reaktion auch von den lokalen Bedingungen abhängig ist. So wie beim Dialog der Partner entscheidet, was er mit der Information macht, so werden wahrscheinlich auch die Neurotransmitter nur genutzt, wenn sie lokal benötigt werden. Alle inneren Prozesse lassen sich besser mit dem Modell des Dialogs als mit dem kausalen Maschinenmodell verstehen.

Im Folgenden soll die These diskutiert werden, dass im Grunde zwischen der Welt der organismischen Kommunikation mit Hormonen, Biophotonen, Neurotransmittern und elektrischen Impulsen einerseits und dem gefühlsmäßig-geistigen Innenleben mit seinem inneren mentalen oder emotionalen Dialog und der verbalen zwischenmenschlichen Kommunikation andererseits keine unüberbrückbare Kluft besteht. Vielmehr ist zwischen beiden Bereichen eine biologische Kontinuität anzunehmen. Denn der emotionale und mentale Dialog wird nach ähnlichen physiologischen Mechanismen organisiert wie der hormonale oder elektrische Dialog. Die verbale Sprache ist nichts Einzigartiges, sondern erweitert nur die Palette der organismischen Kommunikationsformen.

Nachahmung

Nachahmung ist das grundlegende Lernmuster. Kinder lernen alle zum Überleben wichtigen kulturellen Fähigkeiten durch Nachahmung. So lernen sie das Sprechen, indem sie die Lippenbewegungen ihrer Bezugspersonen beobachten und alle Wörter nachsprechen. Auch ihre Gefühlsreaktionen lernen sie, indem sie die Gefühle ihrer Bezugspersonen nachahmen. Wenn man beobachtet, wie Kinder alles nachahmen, was sie beobachten und ihr Interesse weckt, muss man den Eindruck haben, dass die Nachahmung eine angeborene biologische Fähigkeit ist. Offensichtlich ist die Nachahmung die biologische Voraussetzung für fast jede menschliche Bewegung. Ihre große Bedeutung ergibt sich daraus, dass sie selbst eine Art Kommunikation ist, da mit ihr ein Kontakt zu anderen Menschen aufgenommen wird.

Bei der Nachahmung von wahrgenommenen Bewegungen besteht überhaupt kein Anreiz, die Bewegungen anders zu organisieren, als wie man sie bei den Bezugspersonen beobachtet. Nachahmen ist immer ein möglichst exaktes Kopieren. Insofern wird jeder Mensch dadurch geprägt, wie das Leben um ihn herum abläuft. Erst Jugendliche haben die Chance, das Erlernte infrage zu stellen und abzuwandeln. Aber selbst diese Abwandlung wird immer noch durch das ursprünglich Gelernte vorgeformt.

Die Nachahmung richtet sich ausschließlich auf Bewegungen. Was an anderen Menschen interessiert, ist, wie sie sich bewegen, wenn sie Kontakt aufnehmen, mit Widerständen kämpfen oder Probleme lösen. Alle Erzählungen berichten, wie Menschen mit typischen Problemen fertig werden und das bedeutet nichts anders, als wie sie sich bewegen. Was man von anderen Menschen weiß, sind ausschließlich ihre Bewegungen, die sie in bestimmten Situationen anwenden. Alles Sachwissen besteht letztlich daraus, welche Bewegungen geeignet sind, bestimmte Probleme zu bewältigen. Jede Einsicht weist den Weg, welche Schritte getan werden müssen, um ein bestimmtes Problem zu lösen.

Da man nie sicher sein kann, ob die Nachahmung gelungen ist, braucht man die Bestätigung durch Vorbilder. So ist das kleine Kind dringend darauf angewiesen, von seinen Eltern zu erfahren, ob seine nachgeahmten Gefühle und Bewegungen richtig sind. Darauf gründet die große Bedeutung der Anerkennung im menschlichen Zusammenleben. Anerkennung ist nicht primär die Bestätigung der Person als Ganzer, sondern die Bestätigung des konkreten Verhaltens. Anerkennung ist damit die Basis für Selbstvertrauen. Auch aus dieser Perspektive wird deutlich, dass Nachahmung ein dialogischer Prozess ist.

Alle Organismen brauchen die Fähigkeit, sich nach körperlicher oder psychischer Verletzung selbst zu beruhigen. Julius Kuhl vertritt die These, dass diese zentrale Fähigkeit von den Menschen nachahmend gelernt werden muss. Dies gelingt nur, wenn man in frühen Jahren immer wieder die Beruhigung von außen erfahren hat. Wichtig ist, dass die Beruhigung sofort erfolgt, wenn das Kind seine Gefühle aktiv äußert. »Für die Selbstmotivierung, d.h. für die Fähigkeit, sich selbst Mut zu machen, wenn Schwierigkeiten auftauchen, gilt ein analoger Mechanismus: Nur wenn in einer kritischen Entwicklungsphase jemand hinreichend oft da war, der dann, wenn Schwierigkeiten auftauchten, Mut machte, kann diese Motivierung von außen allmählich nach innen verlegt werden.«119 Die im Dialog mit anderen Menschen erfahrene Beruhigung wird zum Muster, wie man mit sich selbst umgeht. Das macht den Organismus fähig, sich in kritischen Situationen selbst zu beruhigen und zu motivieren, das Beste aus der Situation zu machen.

Die Nachahmung wird immer zugleich auch von Bemühungen der Bezugspersonen begleitet, den Lernprozess beim Kind zu unterstützen. Die Art ihrer Ratschläge, Ermunterungen oder Kritik bestimmt, wie sich die Fähigkeit des Kindes entwickelt, sich selbst etwas beizubringen. Wenn es aufbauende Hilfestellungen erfährt, wird es Vertrauen in die eigene Fähigkeit entwickeln, seine Lernprozesse selbst in die Hand zu nehmen. Der Kontrollblick der Lehrer wird im Lauf der Erziehung verinnerlicht: Man hat erfahren, worauf es ankommt und kann sich dann leichter selbst kontrollieren. Aus dem Vertrauen zum Lehrer entsteht das Selbstvertrauen. Herabsetzende Kritik hingegen hat den gegenteiligen Effekt. Das Kind verliert das Vertrauen, etwas perfekt zu lernen, und gibt seine Lernbemühungen bald auf.

Sehr früh kommt zur Nachahmung auch der Wunsch hinzu, den Erwartungen der Eltern an das eigene Verhalten zu entsprechen. Kinder haben ein sehr großes Gespür dafür, was ihre Eltern von ihnen erwarten und versuchen, es soweit zu verwirklichen, wie es in ihren Kräften liegt. Das kann dazu führen, dass bestimmte Fähigkeiten wie Eiskunstlaufen oder Klavierspielen sehr stark entfaltet werden. Wenn allerdings die Erwartungen zu früh oder mit zu viel Nachdruck gestellt werden, wird sich beim Kind Widerstand und Trotz einstellen. Es wird u.U. das Gewohnheitsmuster entwickeln, grundsätzlich alle Forderungen abzulehnen. Die starke Orientierung an den Eltern kann zu einer negativen emotionalen Dynamik führen. Wenn z.B. das Kind spürt, dass es von einem Elternteil wie ein erwachsener Partner behandelt wird, von dem Hilfe, Bestätigung u.a. erwartet wird, oder dass die Mutter von ihm Unterstützung in ihrem Kampf gegen den Vater verlangt oder Trost für vom Vater erlittene emotionale Verletzungen holt, wird es emotional überfordert und muss emotionale Gewohnheitsmuster lernen, die zunächst nicht kindgemäß und später im Erwachsenenalter nicht erwachsengemäß sind. Sie äußern sich z.B. darin, dass man stets alle Anforderungen der Umwelt erfüllen will, ohne auf die eigenen Bedürfnisse zu achten. Viele emotionale Probleme sind auf solche unangemessenen emotionalen Gewohnheiten zurückzuführen.

Nachahmung setzt eine gute Kontaktfähigkeit voraus. Um sich in der Realität zurechtzufinden, müssen alle persönlichen Gewohnheiten so ausgerichtet werden, dass die eigenen Bedürfnisse mit Erfolg befriedigt werden können. Das gelingt nur, wenn der größte Teil der Aufmerksamkeit auf die Realität gerichtet ist, ohne dass aber die Achtsamkeit für den eigenen Körper vernachlässigt wird. Wenn die Beziehung zu anderen Menschen als zu gefährlich eingeschätzt wird, sieht man häufig keine andere Möglichkeit, als den Kontakt einzuschränken. Dabei wird die Aufmerksamkeit für die Außenwelt eingeschränkt und geht die Achtsamkeit für die eigenen Regungen verloren. Wahrscheinlich hängen letztlich alle emotionalen Probleme damit zusammen, dass die Beziehung bzw. der Kontakt zu anderen Menschen und zur Realität eingeschränkt wird.

Die Kommunikationsgewohnheiten verschränken den Einzelnen mit der sozialen Gemeinschaft. Gewohnheiten werden zunächst von anderen Menschen unverändert übernommen, da sie ihre Funktion nur erfüllen können, wenn sie genau auf ihre Gewohnheiten abgestimmt sind. Erst im Laufe der späteren Entwicklung entsteht die Fähigkeit, sie in Anpassung an neue Situationen und Erfahrungen zu modifizieren. Der individuelle Lernprozess ist deshalb niemals ein rein privater Formungsprozess. Auch das Selbstbild ist zwar etwas sehr Individuelles, gleichwohl enthält es viel Allgemeines, da es von den Einwirkungen der Realität geprägt wird.

Innere Signale

Wenn es nicht gelingt, die angestrebten Ziele zu erreichen oder wenn Gefühle zurückgehalten werden, melden sich körperliche Signale der Unlust, Unruhe und des Ungenügens. Es sind Zeichen, dass emotionale Spannungen im Verhältnis zu anderen Menschen aufgetreten sind und man in ein körperliches Ungleichgewicht geraten ist. Sie sind Alarmzeichen dafür, dass die flexible Anpassung des eigenen Handelns an die Reaktionen der anderen Menschen misslungen ist, und damit immer ein Hinweis darauf, dass Defizite im Handeln bestehen, ohne dass daraus allerdings eindeutig abgelesen werden, welche Reaktionsgewohnheiten erforderlich sind, um die Defizite zu beseitigen.

Unter den körperlichen Signalen nimmt der Schmerz eine herausragende Bedeutung ein. Häufig verbergen sich hinter dem körperlichen Schmerz Ängste, die zu körperlichen Verspannungen geführt haben. Der Schmerz macht bewusst, dass die bisher ausgeübten Bewegungsmuster scheitern und dass man die Fähigkeit verloren hat, seine Bewegungsmuster flexibel anzupassen. Der Schmerz stellt somit eine Aufforderung dar, nach neuen Bewegungsmustern zu suchen und neue Wege auszuprobieren. Er kann leicht übersehen werden, da er zunächst oft nur sehr schwach ist. Man kann sich auch an ihn gewöhnen. So können leichte Verspannungen im Unterkiefer oder in den Augenringmuskeln chronisch werden. Häufig werden die Schmerzen mit einer Schonhaltung unterdrückt. Schmerzen werden solange in Kauf genommen, wie die Nachteile beim Vermeidungsverhalten geringer sind, als wenn man die Schmerzen zulassen würde. Der häufig zu hörende Appell, dass man sich den eigenen Schmerzen stellen soll, drückt ein falsches Verständnis des Schmerzes aus. Schmerzen können erst akzeptiert werden, wenn genügend emotionale Kräfte vorhanden sind, um die Ängste, die hinter dem Schmerz stecken, im Bewusstsein anzunehmen. Es ist produktiver, die Schmerzen als ein Signal zu nehmen, dass nach neuen Bewegungsmustern gesucht werden muss.

Je mehr man den eigenen Körper spürend erfährt, umso mehr wird man mit seinem eigenen Körper vertraut. Man kann auch sagen, dass man mit sich selbst vertraut wird, da die körperlichen Bewegungen die eigene Realität sind. Das propriozeptive Nervensystem stellt so eine Chance dafür dar, dass man mit sich selbst in Kontakt kommt. Das bedeutet nicht, dass man sich vorher fremd war, sondern nur, dass man in neuen Situationen weiß, über welche Fähigkeiten man verfügt. Wer z.B. Judo erlernt hat, kann Angriffsbewegungen eines Gegners geschickt zu seinen eigenen Gunsten umlenken. Normalerweise hat man nicht das Gefühl, dass einem der eigene Körper, insofern er gesund ist, fremd ist. Man identifiziert sich mit allen Regungen des eigenen gesunden Körpers. Er wird erst zu etwas Fremdem, wenn man krank ist und wenn versucht wird, ihn in ein fremdes Bewegungsschema zu zwängen, also ihm etwas abzuverlangen, was seiner Natur widerspricht, oder wenn Emotionen nicht ausgedrückt werden, so dass sie eine als fremd erscheinende Eigendynamik annehmen (vgl. nächsten Abschnitt).

Die körperlichen Signale sind ein Bestandteil der innerkörperlichen Kommunikation. In der Selbstregulation von psychisch gesunden Menschen stoßen sie von sich aus das Denken an. Es ist deshalb nicht erforderlich, sich ihnen achtsam zuzuwenden. Wenn man aus dem Gleichgewichtszustand heraus gefallen ist, übernehmen die körperlichen Signale eine Wächterfunktion. Indirekt mahnen sie an, dass die unerledigt gebliebenen Handlungen zum Abschluss gebracht werden müssen. Aber ihre Bedeutung erschließt sich nicht von selbst, sondern muss aus der mit ihnen verbundenen Geschichte erspürt werden. Es ist Aufgabe des bewussten Denkens, durch Rückgriff auf das Gedächtnis die Bedeutung der körperlichen Signale zu entschlüsseln. Das Denken stellt somit eine Erweiterung der inneren Kommunikation dar, da es alle Erfahrungen für die Bewältigung von akuten Problemen zugänglich macht.

Wenn jedoch größere emotionale Verletzungen verarbeitet werden mussten, wird die spontane innere Kommunikation auf der Basis der körperlichen Signale mehr oder weniger blockiert. Denn mit der Bildung von Gewohnheiten, mit denen Angstgefühle wirksam aus dem Bewusstsein ausgeblendet werden können, wird die Sensibilität für die eigenen körperlichen Signale und damit die Kraft, sich selbst zu reflektieren, geschwächt.



Der innere Beobachter

Wenn man sich selbst beobachtet, kann man den Eindruck gewinnen, dass es einen inneren Beobachter gibt, der alles wahrnehmend begleitet, was man denkt, fühlt und tut. In der Literatur wird der innere Beobachter häufig so dargestellt, als wäre er eine selbständige innere Instanz. »Innerer Beobachter zu sein bedeutet, die Möglichkeit zu besitzen, ein klein wenig aus sich herauszutreten, sich selbst zu beobachten aus einer gewissen Distanz heraus.« Man soll dadurch Abstand zu den automatischen Reaktionen gewinnen. »Der innere Beobachter ist die einzige Instanz, die einem rein emotionalen Getriebensein entgegenwirken kann und somit in der Lage ist, das innere Geschehen kreativ umzugestalten.« »Der innere Beobachter entwickelt sich zum inneren Lenker120 Die innere Beobachtung gilt damit als Voraussetzung für Freiheit und Mündigkeit.

Aus den bisherigen Überlegungen folgt, dass die fortlaufende Selbstbeobachtung ein natürliches Phänomen ist, das in dem Zwang begründet ist, dass alle Bewegungen in Anpassung an die äußeren Bedingungen gelernt werden müssen und dass dies Bewusstsein voraussetzt. Die Vorstellung des inneren Beobachters ist demnach nichts anderes als ein Versuch, das Phänomen der Selbstreflexivität der Bewegungen mit der Metapher des inneren Beobachters zu begreifen. Die Tendenz, die innere Selbstbeobachtung als einen inneren Beobachter zu personifizieren, ist offensichtlich in der Beobachtung begründet, dass man das eigene Handeln verbessern kann, wenn man die Achtsamkeit für das eigene Handeln schult. Wenn man sich eine vergangene Situation vergegenwärtigt und sich darauf konzentriert, kann es passieren, dass man gewahr wird, welche anderen Handlungsmöglichkeiten noch zur Verfügung stehen, so dass man sich vornehmen kann, zukünftig in ähnlichen Situation dementsprechend zu handeln. Es entsteht dabei der Eindruck, dass man eine gewisse Distanz zu sich selbst einnimmt. Daraus wird abgeleitet, dass man sein Handeln verbessern kann, wenn man den inneren Beobachter schult.

Um die Mystifizierung der Selbstbeobachtung zum inneren Beobachter zu verstehen, muss man sich daran erinnern, welche Rolle die innere Selbstbeobachtung hat. Die Selbstbeobachtung misst zum einen das Handeln an den angestrebten Zielen, um damit eventuell das Handeln zu korrigieren. Darüber hinaus hat sie auch die wichtige Funktion, Muster in den eigenen Bewegungen zu erkennen, um so die Handlungen leichter als Gewohnheiten abspeichern zu können. So wie die Sinnesorgane nach Mustern und Regeln suchen, um die Wahrnehmung zu erleichtern, so werden auch die eigenen Bewegungen daraufhin untersucht, welchen Regeln sie folgen. Bei der sinnlichen Wahrnehmung ergibt sich aus dieser Suche ein implizites Lernen, ein Lernen, das sich seiner selbst nicht bewusst ist. Es wird gelernt, Unterschiede wahrzunehmen. Das Lernen von Bewegungen mündet in Aneignung von differenzierteren Gewohnheiten. Nachdem die Regeln einer Bewegung erfasst worden sind, ist das Bewusstsein wieder frei, sich dem Lernen neuer Bewegungen zuwenden.

Die Selbstbeobachtung ist ein natürliches Phänomen, aber seine Ausgestaltung erfährt es durch äußere Anregungen. Zunächst sind es die Eltern, die dem Kind zeigen, worauf es bei bestimmten Bewegungen ankommt, und ihm gezielte Hinweise geben, um das Lernen der Bewegungen zu erleichtern. Interessanterweise werden die motorischen Grundfähigkeiten wie z.B. das Laufen am sichersten gelernt, wenn es dem Kind völlig überlassen bleibt, in welchem Tempo und mit welcher Methode es die Bewegung lernt.121 Bei den kulturellen Fertigkeiten wie Schreiben, Musizieren, Fremdsprachen, Sport u.Ä. ist das Kind zunächst auf einen Lehrer angewiesen, der das Lernen begleitet und die Aufmerksamkeit des Kindes auf Fehler lenkt und durch Vormachen den Weg für das Lernen weist. Die Entwicklung besteht darin, dass man vom Lehrer immer unabhängiger wird. Wer z.B. eine Fremdsprache nach einer bewährten Methode gelernt hat, dem fällt das Lernen weiterer Fremdsprachen relativ leicht. Das liegt daran, dass er sich die Anweisungen des Lehrers zu eigen gemacht hat. Durch ihre Verinnerlichung werden sie zum Bestandteil der motorischen Selbstreflexivität. Insofern könnte man auch sagen, dass sich der innere Beobachter einen großen Teil seiner Fähigkeiten der Verinnerlichung von Eltern und Lehrern, also äußeren Beobachtern verdankt. Deshalb sind gute Lehrer so extrem wichtig. Die innere Distanz, die bei der Selbstbeobachtung wahrgenommen wird, hängt offensichtlich damit zusammen, dass die Selbstbeobachtung durch die Verinnerlichung des Beobachtetwerdens geschärft wird.

Die Beobachtung, dass in Situationen, in denen man unter Druck steht, der innere Beobachter verschwindet, bedeutet, dass durch die Angst, Fehler zu machen, die natürliche Fähigkeit, die eigenen Bewegungen der Situation anzupassen, eingeschränkt wird. Die Selbstreflexivität der Bewegung wird sozusagen ausgeschaltet, da das Vertrauen fehlt, dass man sich an seinen eigenen Impulsen orientieren kann. Man überlässt sich Gewohnheiten, die man in ähnlichen unbewältigten Situationen gelernt hat, wie z.B. aus dem Feld zu gehen, in Angriff zu gehen oder den anderen zu beschuldigen.

Die Struktur des inneren Dialoges

Es ist auffallend, das es neben dem als aktiv erlebten, problemorientierten Denken ein spontan ablaufendes Denken gibt, dass meistens als innerer Dialog bezeichnet wird. Er wird häufig als inneres Geplapper charakterisiert und gemeinhin als ein störendes, irrationales Bewusstseinsphänomen behandelt. So lehrt der Buddhismus, dass es darauf ankommt, den inneren Dialog zu beenden. Aus meiner Sicht ist das nur bedingt richtig, denn der innere Dialog hat eine nützliche Funktion bei der Koordination der Bewegungen im Kontakt mit der Umwelt. Er hat offensichtlich die doppelte Funktion, zum einen geplante Handlungen vorzubereiten, indem die einzelnen Aspekte durchgespielt werden, und zum anderen die Erfahrungen, die beim Handeln, insbesondere im Umgang mit anderen Menschen gesammelt werden, auszuwerten, so dass sie für die künftige Koordination der Bewegungen zur Verfügung stehen. Außerdem soll er ungelöste Probleme im Kontakt mit anderen Menschen nachträglich aufarbeiten und die Angst vor anstehenden Aufgaben bewältigen. Zum Teil macht er dies im Traum, aber der größere Teil wird im inneren Dialog erledigt.

Der innere Dialog wird regelmäßig angestoßen, wenn die eigenen Bedürfnisse und Wünsche von anderen Menschen negiert werden. Der Konflikt zwischen den eigenen Bedürfnissen und den Erwartungen der Umwelt an das eigene Verhalten löst eine innere Unruhe aus, die mit Hilfe des inneren Dialoges aufzuheben versucht wird. Der innere Dialog ist besonders lebhaft, wenn noch keine Regeln entwickelt wurden, wie man mit solchen Konflikten fertig werden kann. Offensichtlich hat der innere Dialog die primäre Aufgabe, einen Abgleich zwischen den inneren Bedürfnissen und den von außen kommenden Ansprüchen an das eigene Verhalten herzustellen. Im inneren Dialog wird versucht, die gestörte Harmonie zwischen sich und der Umwelt wiederherzustellen.

Der innerer verbale Dialog wird sich durch Bewusstheit, Flexibilität und Kreativität auszeichnen, wenn man als Kind liebevolle Bezugspersonen hatte, die die eigenen Bedürfnisse respektierten. Es kann sich dann die Erfahrung einstellen, dass ein bewusst geführter innerer Dialog eine kreative Quelle für die Lösung der alltäglichen Lebensprobleme sein kann. Es bilden sich in Worte gekleidete innere Überzeugungen, die die weitere Entwicklung fördern, wie z.B. »Ich kann mich auf die Liebe meiner Mutter verlassen.« Ein Erziehungsprozess, der durch Einfühlung und Fürsorge geprägt ist, befähigt so zu authentischem Verhalten. Er garantiert einen guten Kontakt zu sich selbst und damit auch Selbstbewusstsein und die Fähigkeit zur Selbstkritik. Es entsteht ein inneres Vertrauen zu den Ergebnissen des inneren Dialoges.

Wenn hingegen starke Verletzungen und Demütigungen erlebt wurden, kann der innere Dialog nicht bis zum produktiven Ende fortgeführt werden. Unter dem Druck der Bedürfnisse des Angreifers entsteht die Neigung, sich mit den Botschaften des Angreifers zu identifizieren. Mit Rücksicht auf dessen Botschaften werden Glaubenssätze formuliert, die die eigenen Bedürfnisse abwerten und die Bedürfnisse des Angreifers zum Maßstab des eigenen Handelns machen. Da sie sich gegen die eigene Person richten, werden sie als negativ empfunden, obwohl sie letztlich eine positive Schutzfunktion haben. Der Mensch verliert so das im inneren Dialog angelegte Potential der eigenständigen produktiven Lösung von sozialen Konflikten. Die Emotionen können dann nicht mehr kreativ weiter entwickelt werden. Der innere Dialog verwandelt sich in einen Monolog122, dessen Ergebnis ist, dass die Bedürfnisse des Angreifers mehr Raum als die eigenen Bedürfnisse haben. Der innere Dialog wird von Glaubenssätzen beherrscht, die die eigene Person herabsetzen und abwerten. An die Stelle der natürlichen Selbstbejahung, die sich in der uneingeschränkten Identifizierung mit den eigenen Emotionen äußert, treten innere Ablehnung und Zweifel.123 Der innere Dialog mit den eigenen Emotionen wird durch den Dialog mit den Emotionen anderer Menschen ersetzt.

Daraus geht hervor, dass die Art und Weise, wie Bezugspersonen mit ihren Kindern kommunizieren, bestimmt, wie man als Erwachsener mit sich selbst umgeht. Die Struktur des inneren Dialoges ergibt sich aus dem Vorbild der äußeren Kommunikation. Wer liebevoll und respektvoll behandelt worden ist, wird liebevoll und achtsam mit sich selbst umgehen. Wer gezwungen wurde, die Erwartungen anderer Menschen ohne Rücksicht auf die eigenen Bedürfnisse zu erfüllen, wird dazu neigen, sich an von außen übernommenen Zielen zu orientieren. Die Muster, wie man mit sich selbst umgeht, sind Gewohnheiten, die wegen ihrer tief greifenden Prägekraft den individuellen Charakter festlegen. Sie prägen die Dynamik des inneren Dialoges.

Entstehung des Selbstbildes

Der menschliche Organismus löst seine Probleme im Kontakt mit der Umwelt ausnahmslos dadurch, dass gewohnheitsmäßige Bewegungsmuster erworben werden. Die Kommunikation mit der Umwelt funktioniert umso besser, je mehr komplexe Bewegungsmuster zur Verfügung stehen und sie als Gewohnheiten beherrscht werden, so dass man mit ihnen so sehr vertraut wird, dass man sie nicht mehr als solche wahrnimmt. Auch in der emotionalen und verbalen Kommunikation ist dieses Grundprinzip festzustellen.

Da Bewegungen nie vollkommen beherrscht werden, findet ständig ein innerer Dialog statt, in dem die eigenen Bewegungen bewertet und entsprechende Konsequenzen daraus gezogen werden. Aus den unzähligen Dialogen, die sich im Bewusstsein abspielen, entsteht im Laufe der Zeit ein Wissen um die persönlich zur Verfügung stehenden Gewohnheiten. Die Summe der Überzeugungen, was man kann und was man nicht kann, was man noch lernen möchte und was man vermeiden will, prägt das innere Selbsterleben. Da in jede Gewohnheit vielfältige Körpererfahrungen eingehen (Gleichgewichtssinn, Körperschema, Emotionen, viszerale Signale u.a.) repräsentieren die Gewohnheiten den Zustand des ganzen Körpers. Aus der Summe der Selbstbewertungen ergibt sich das individuelle Selbstbild, die personale Identität. Da die einzelnen Aspekte des Selbstbildes im Laufe der Zeit aufgebaut und im Gedächtnis abgespeichert werden, ergibt sich daraus ein Bewusstsein für die eigene Lebensgeschichte, insbesondere für die Geschichte der persönlichen Gewohnheiten.

Da in jede Bewertung alle früher verarbeiteten Erfahrungen eingehen und die Bewertung ununterbrochen stattfindet, kann der Eindruck entstehen, dass sich in allen Aktionen etwas Konstantes durchzieht, das typisch für die eigene Person ist und das die Kontinuität im persönlichen Erleben sichert. Dieser Eindruck wird dadurch verstärkt, dass alle aktuellen Bewertungen mit früher gemachten Erfahrungen und mit Erwartungen bezüglich der Zukunft verglichen werden. Diese innere Konstante wird im Allgemeinen als »Ich« bezeichnet.124

Die übliche Erklärung der personalen Identität, dass sie sich aus der Kontinuität der Erinnerungen bildet, trifft nur einen Aspekt. Wesentlicher erscheint mir zu sein, dass sie sich aus der Gesamtheit aller Gewohnheiten ergibt, die für die eigene Person charakteristisch sind. Das Selbstbild wird besonders von den Gewohnheiten geprägt, wie man den Dialog mit sich selbst und mit anderen Menschen führt. Da die Gewohnheiten relativ beständig sind, können sie das Gefühl begründen, dass man sich über die Zeit hinweg als ein identisches Wesen wahrnimmt.

Tagebuch

Jeder Mensch wird ständig mit neuen Informationen konfrontiert. Es muss entschieden werden, welche Informationen übernommen und welche abgewiesen werden. Das Kriterium dabei ist, ob sie sich widerspruchsfrei in das bisherige Selbstbild einfügen lassen. Wenn z.B. bisher die Überzeugung bestand, dass Kaffee in Maßen unschädlich ist, und nun die Information kommt, dass selbst die geringste Menge an Kaffee die Selbstregulierung des Energiesystems stört, wird eine Entscheidung angestoßen, ob das eigene Überzeugungssystem beibehalten oder verändert werden soll. Wenn der innere Dialog reibungslos funktioniert, werden die neuen Erfahrungen so integriert, dass das Überzeugungssystem konsistent bleibt.

Man könnte sagen, dass jeder Mensch ständig ein inneres Tagebuch führt. Das ist kein überflüssiger Luxus, sondern unentbehrlich, um sich sicher in einer komplexen, sich ständig ändernden Welt bewegen zu können. Widersprüche und Unstimmigkeiten im Überzeugungssystem müssen ausgeräumt werden, da sie zu Unentschlossenheit führen und das Handeln behindern. Schließlich muss man genau wissen, was man kann und wie man von anderen bewertet wird, damit man sicher handeln kann. Traumatische Erfahrungen und emotionales Leiden führen zu Erschütterungen der bisherigen Lebensgeschichte, weil vieles, was bisher ungefragt galt, infrage gestellt wird. Misstrauen, Selbstzweifel, Hass u.Ä. zwingen evtl. dazu, die bisherige Lebensgeschichte umzuschreiben, weil neue Erfahrungen nicht mehr sinnvoll in die bisherige Geschichte integriert werden können. Ängste blockieren den inneren Dialog und führen dazu, dass es nicht gelingt, ein kohärentes, widerspruchsfreies Selbstmodell aufzubauen. Es bleiben Brüche und Widersprüche, die das Handeln behindern.

Geschichte der Gewohnheiten

Jede Gewohnheit wird in einer bestimmten Situation von Menschen gelernt. Das Wissen um die Besonderheiten der Situation, in der die Gewohnheiten gelernt worden sind, wird zusammen mit den motorischen Mustern abgespeichert. Das erleichtert die spätere Korrektur der Gewohnheiten. Es wird nicht nur vermieden, die persönlichen Gewohnheiten als etwas Naturgegebenes zu betrachten, sondern es wird auch einfacher, sie als eine versuchsweise Antwort auf ein bestimmtes Problem zu relativieren und infrage zu stellen.

Zur emotionalen Gesundheit gehört, dass die soziale Abhängigkeit der eigenen Gewohnheiten nicht völlig aus dem Bewusstsein ausgeblendet wird. Wenn vergessen wird, wie sehr die persönlichen Gewohnheiten von der eigenen Familie und den Gruppen geprägt worden sind, in denen man lebt, wird die Korrektur der Gewohnheiten erschwert. Psychosomatische Erkrankungen sind stets damit verbunden, dass das Bewusstsein für die Herkunft der eigenen Gewohnheiten verdrängt wurde. Die mit fehlangepassten Gewohnheiten verbundenen muskulären Verspannungen werden langfristig die Gesundheit beeinträchtigen.

In dem Maße, wie die Abhängigkeit als Grundzug der menschlichen Existenz bewusst wird, kann deutlich werden, dass die Gewohnheiten sich nicht aus sich selbst heraus verstehen lassen, sondern dass sich ihr Verständnis nur über das Verständnis der Welt erschließt. Wenn z.B. die sozialen Verhältnisse von politischer und ökonomischer Gewalt prägt werden, dann müssen deren tiefen Auswirkungen auf das geistig-gefühlsmäßige Innenleben des Einzelnen begriffen werden. Selbsterkenntnis ohne Erkenntnis der gesellschaftlichen Verhältnisse ist blind. Es bestätigt sich die tibetanische Weisheit, dass die Gefühle nicht dem Einzelnen gehören, sondern Bestandteil seiner sozialen Umwelt sind.

Menschliches Entwicklungsziel

Wenn das Handeln auf der Basis von angstfrei erlernten Gefühlen erfolgt, kann ein Maximum an Bewegungs- und Handlungskompetenz erworben werden. Da alle Aktivitäten, die kreatives Entdecken, das Lösen von Schwierigkeiten und das Bewältigen von Anforderungen verlangen, Freude machen, hat der von Basisemotionen getragene Lernprozess eine sich selbst verstärkende Dynamik. Da mit angstfreien Bewegungen stets eine hohe Bereitschaft verbunden ist, auf körperliche Impulse zu achten, wird man auch auf die Impulse hören, die sich gegen Gewalt und Ungerechtigkeit in den sozialen Lebensbedingungen richten, sei es in der Familie, in Beziehungen oder am Arbeitsplatz. Diese Impulse wenden sich gegen alle Zwänge, die Angst verursachen und zur emotionalen Zurückhaltung führen. Hinter diesen Impulsen steht der Wunsch, ohne Angst zu leben.

Die Menschen befinden sich in ständiger Suche nach Anregungen, wie sie ihr Bewegungsrepertoire verbessern können. Kleine Kinder suchen deshalb den Kontakt zu etwas älteren Kindern, da sie mehr von ihnen lernen können als von Gleichaltrigen. So fahren auch die Erwachsenen ständig ihre Antennen aus, um mögliche Anregungen aus dem Verhalten anderer Menschen, aus Geschichten u.Ä. aufzunehmen. Man will beeinflusst werden, weil man sein Handeln verbessern will. Diese Öffnung ist keine Leistung des Denkens, sondern verdankt sich der globalen Ausrichtung des ganzen Körpers auf seine Umwelt.

Aus dem oben entwickelten Verständnis der Gewohnheiten ergibt sich, dass es ein Irrtum ist anzunehmen, dass das höchste menschliche Ziel in der Vervollkommnung des Geistes besteht. Da die geistigen Fähigkeiten im Kern aus differenzierten Bewegungsprozessen bestehen, kann das Ziel der Vervollkommnung angemessener damit formuliert werden, dass die für die Kommunikation erforderliche Bewegungsfähigkeit verbessert werden muss. Wer z.B. gelernt hat, sich in Konflikten durchzusetzen, ohne den anderen zu verletzen, wird sich eher für abweichende Gedanken öffnen und ihnen gegenüber kritische Toleranz zeigen. Geistige Beweglichkeit ist keine Frage des umfassenden Wissens, sondern hängt von der Fähigkeit ab, sich ohne Angst neuen Situationen zu öffnen und neue Bewegungs- und d.h. Verhaltensmuster zu erproben.

Große Achtsamkeit muss nicht identisch mit hoher Bewusstheit sein. Da im Idealfall die Achtsamkeit als natürliche Fähigkeit spontan arbeitet, kann es passieren, dass man im Einklang mit sich handelt, ohne sich der Motive seiner Handlungen voll bewusst zu sein. Insofern ist das persönliche Entwicklungsziel nicht hohe Achtsamkeit, sondern gute Selbstreflexivität bzw. eine uneingeschränkte innere Kommunikationsfähigkeit. Die Bewusstheit kann in den Hintergrund treten, wenn man sich auf gut angeeignete Gewohnheiten verlassen kann.

Das menschliche Entwicklungsziel kann auch mit emotionaler Autonomie charakterisiert werden. Es besteht darin, dass man sich von den eigenen Bedürfnissen leiten lässt und sensibel dafür wird, wo man sich an Meinungen oder Forderungen anderer Menschen orientiert und sich damit praktisch selbst fremdbestimmt. Denn jede äußere Fremdbestimmung ist nur dann wirksam, wenn man sich mit den Forderungen identifiziert und sie sich zu eigen macht, obwohl sie nicht in Einklang mit den eigenen Emotionen stehen. Fremdbestimmung ist damit nichts anderes als ein teilweiser Verzicht auf den inneren Dialog mit den eigenen Bedürfnissen. Nur im Zustand emotionaler Autonomie kann selbständig gefühlt, gedacht und gehandelt werden.

Der humane Kern im Menschen wird im Allgemeinen daran festgemacht, dass die Menschen im Handeln frei sind. Es wurde oben begründet, dass die Annahme der persönlichen Freiheit aus der problematischen Übertragung des politischen Freiheitsbegriffs auf das geistig-gefühlsmäßige Innenleben entstanden ist und dass sich die Prozesse im geistig-gefühlsmäßigen Innenleben nicht mit dem Begriff der Freiheit angemessen verstehen lassen. Die Alternative von Willensfreiheit und Determinismus ist falsch gestellt, da sie einen »Geist« voraussetzt, der über den »Körper« verfügen kann (siehe Kapitel Fehler: Referenz nicht gefunden.). Da sich der Geist als ein mentales Konstrukt erweist, ist die Frage sinnlos, ob die Prozesse im geistig-gefühlsmäßigen Innenleben frei oder unfrei sind. Es wurde dargestellt, dass es vielmehr darauf ankommt, dass man von den eigenen Basisemotionen geleitet wird oder sich nicht den Gefühlen anderer Menschen unterordnet.

Demnach müsste Humanität damit bestimmt werden, dass jeder Mensch möglichst wenig emotionale Verletzungen durch Gewalt erfährt, damit sich seine Basisemotionen optimal entfalten können und er die Chance erhält, seine emotionalen Verletzungen zu verarbeiten. Humanität zeigt sich insbesondere darin, dass tolerant und nachsichtig mit Menschen umgegangen wird, die soziale Regeln verletzt haben. Es muss ihnen durch Verbesserung der sozialen Lebensbedingungen, mit therapeutischer Hilfe bei der Überwindung dysfunktionaler Verhaltensmuster u.Ä. die Chance gegeben werden, zu angepassteren Gewohnheiten zu gelangen.

Die Rolle des Atems

Bei der Analyse der Gefühle und Gedanken wurde dargestellt, dass sie an das Medium des Atems gebunden sind. Die Verarbeitung von Erfahrungen im inneren Dialog ist letztlich erst mithilfe des Atems möglich geworden. Der Organismus nutzt die Schwingungsnatur des Atems, um seine Kommunikationsmöglichkeiten zu erweitern. Wenn der Atem aufgrund von emotionaler Zurückhaltung nicht frei schwingen kann, verliert der innere Dialog seine Kraft, seine Aufgabe zu erfüllen, alle Erfahrungen zu verarbeiten. Die in den muskulären Verspannungen eingefrorene Angst führt zu Bewertungen, die produktive Problemlösungen verhindern. Im Schicksal des Atems spiegelt sich so die Qualität des inneren Dialoges. Da der innere Dialog von zentraler Bedeutung für die Integration in die Umwelt ist, kann der Atem durchaus als eine Leitfunktion angesehen werden. Aber der Atem darf nicht als eine eigenständige Größe verabsolutiert werden. Für seine metaphysische Überhöhung zu einer spirituellen Kraft o.Ä. gibt es keine Grundlage.

Die Atemtherapeuten wissen, dass jeder Mensch typische Atemmuster hat. Das hängt damit zusammen, dass emotionale Verletzungen mit muskulären Verspannungen verarbeitet werden und dass dadurch die Atemdynamik verändert wird. Den emotionalen Gewohnheiten entsprechen deshalb stets bestimmte Atemgewohnheiten. Deshalb ist es sinnvoll, an den Atemgewohnheiten zu arbeiten, um die Gefühle ins Bewusstsein zu heben und die emotionalen Verletzungen zu bearbeiten.

Kritik am mechanistischen Verständnis

Die bisherigen Überlegungen zeigen, dass die inneren Kommunikationsprozesse besser mit dem Modell des Dialogs unter gleichberechtigten Partnern als mit dem traditionellen Modell der zentralen Führung und Steuerung durch den Geist verstanden werden können. Die Menschen versuchen ihre Bewegungen möglichst optimal an die jeweilige Situation anzupassen. Sie suchen Anregungen bei anderen Menschen, um ihr Bewegungsspektrum zu bereichern und zu verfeinern. Im Gegensatz zur Maschine haben die Menschen ein feines Gespür für die eigenen Behinderungen und für alternative Bewegungsabläufe, die das Leben erleichtern könnten. Die Kommunikation mit der Umwelt ist nicht einseitig in dem Sinne, dass sie allein von der Umwelt angestoßen wird. Der Körper hat selbstbestimmte Ansprüche an die Umwelt und fordert sie durch sein Verhalten und seine Kommunikation ein. Das ist der entscheidende Unterschied zwischen einem lebendigen Körper und einer Maschine.

Wenn sich der Organismus nicht gegen emotionale Verletzungen wehren kann, schützt er sich durch chronische muskuläre Verspannungen. Im mechanistischen Körperverständnis sind die innere Verarbeitung von emotionalen Verletzungen und die angstbedingte Zurückhaltung von Gefühlen unerklärbar. Der Kontakt mit der Umwelt wird vernachlässigt, da sich die Prozesse einer Maschine allein aus den inneren Sollwerten ergeben.

Die innere Verarbeitung von Erfahrungen darf nicht im Sinne der elektronischen Informationsverarbeitung verstanden werden. Computer können Informationen nur manipulieren, aber nicht ihre Bedeutung im Kontext aller persönlichen Erfahrungen ermitteln und daraus Folgerungen für das zukünftige Verhalten ziehen. Insofern gibt die häufig verwendete Metapher der Informationsverarbeitung, die häufig auch für die Art und Weise verwendet wird, wie neue Erfahrungen assimiliert werden, ein falsches Bild. Bei der Verarbeitung von Erfahrungen geht es um die Ableitung von neuen Regeln bzw. um die Korrektur von bisherigen Regeln und ihre widerspruchsfreie Integration in die Gesamtheit der bisherigen Gewohnheiten. Aus negativen Erfahrungen werden so persönliche Lehren gezogen, wie sie künftig vermieden werden können. Da die persönliche Identität auf dem eigenem Bewegungsspektrum basiert, kann so jede gut integrierte Information zu einer Veränderung der persönlichen Identität führen.

Die Metapher der Informationsverarbeitung ist auch deshalb schief, weil es sich bei der Art und Weise, wie die Erfahrungen angeeignet werden, nicht um einen aktiven Prozess handelt, wie das Verb arbeiten unterstellt. Wenn man sich ehrlich beobachtet, muss man feststellen, dass sich die Konsequenzen, die aus Erfahrungen gezogen werden, von selbst einstellen. Man denkt solange über die Erfahrungen nach, bis sich eine Schlussfolgerung ergibt, die stimmig erscheint. Zu Recht spricht man vom Eindruck von Erfahrungen, weil es sich dabei um einen Prozess handelt, hinter dem ein gewisser Druck steht, und somit der Einzelne nicht bewusst darüber entscheiden kann, wie er auf die Erfahrungen reagiert. Ob also die Erfahrungen sinnvoll ausgewertet werden oder nicht, hängt von tieferen Strukturen als von der bewussten Absicht ab.

Das mechanistische Körperverständnis versucht, die Prozesse im Körper mithilfe der Maschinenmetapher zu verstehen. Die Überlegungen zeigen, dass diese Metapher dafür völlig ungeeignet ist. Die zentralen Prozesse der inneren Kommunikation und Entscheidung können damit nicht angemessen erfasst werden. Wahrscheinlich findet das mechanistische Körperverständnis bei vielen Menschen so viel Glaubwürdigkeit, weil sich ihr Körper wie eine Maschine anfühlt. Wer in einem von Angst verspannten Körper lebt und wenig Kontakt zu den Basisemotionen hat, dessen Bewegungen laufen gleichsam mechanisch ab. Deshalb scheint das mechanistische Konzept eine zutreffende Erklärung des menschlichen Körpers zu sein.

Zusammenfassend ist festzustellen, dass die Art, wie man sich selbst versteht und mit sich selbst umgeht, eine direkte Auswirkung der Kommunikationsstrukturen ist, die man in der Umwelt vorfindet. Dies ergibt sich aus dem Lernprinzip der Nachahmung einerseits und der Notwendigkeit andererseits, das eigene Leben nach den Kommunikationsmustern der äußeren Realität zu verstehen. Die bewusste innere Kommunikation ist eine Erweiterung der einfacheren organismischen Kommunikationstechniken. Ihre Aufgabe besteht darin, die Erfahrungen im sozialen Kontakt mit anderen Menschen zu verarbeiten. Aber sie ist genauso wie die älteren Kommunikationstechniken als eine biologische Fähigkeit anzusehen.

5.2. Variationen des Selbstverständnisses

»Diejenigen, die nicht mit Aufmerksamkeit den Bewegungen ihrer eigenen Seele folgen, geraten notwendig ins Unglück.« (Marc Aurel)

Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass sich die Art und Weise, wie sich die Menschen selbst verstehen und mit sich selbst umgehen, historisch sehr stark gewandelt hat. Nach den bisherigen Überlegungen geht es beim menschlichen Selbstverständnis primär darum, wie die innerkörperliche Kommunikation verstanden wird. Die wesentlichen historischen Unterschiede lassen sich deshalb am besten dadurch erfassen, wenn man sich darauf konzentriert, wie die innere Kommunikation interpretiert wurde. Wenn die innere Konstante, von der im letzten Kapitel die Rede war und die heute als »Ich« bezeichnet wird, in früheren historischen Phasen unterschiedliche Namen wie z.B. »Seele« hatte, bedeutet das immer auch, dass die Menschen ein völlig anderes Verhältnis zu sich selbst eingenommen hatten.

5.2.1. Mythologische Phase: Göttliche Stimmen

Das Selbstverständnis der Menschen in der Zeit vor der griechischen Antike war vermutlich vom Animismus geprägt. Die ganze Welt war im Animismus von spirituellen Kräften und Mächten oder Lebensgeistern beseelt. Das menschliche Leben wurde bis ins kleinste Detail von diesen Kräften kontrolliert. Aber dennoch glaubten die Menschen, dass sich die geistige Welt durch Rituale manipulieren ließe, um sie für sich zu nutzen. Entscheidend ist, dass sich der animistische Mensch nicht für seine Handlungen verantwortlich fühlte.

Wie Homer in der Ilias dargestellt hatte, erlebten sich die Menschen zu seiner Zeit so, als würden ihre inneren Handlungsimpulse und Gedanken von den Göttern stammen. So erhielt Odysseus ständig Warnungen und Ratschläge von den Göttern. Er vertraute den Göttern, da sie ihm Orientierung und Halt gaben. Auch im Alten Testament lassen sich Formulierungen finden, dass die Menschen sich ursprünglich so erlebten, als würde ihr Verhalten von der göttlichen Stimme gelenkt. So wird in der Sintfluterzählung von Noah berichtet: »Noah tat alles, was Gott ihm gebot

Die göttlichen Gebote wurden als ein inhärenter Bestandteil des eigenen Lebens empfunden. Man war für alles dankbar, was einem an Gutem widerfuhr, und nahm das Schlechte gelassen und demütig hin. Man erlebte sich wahrscheinlich trotzdem nicht als unfrei. Denn man identifizierte sich mit dem Willen der Götter und erlebte es als frevelhaft, gegen den Willen der Götter zu handeln. Da die Gefühle und Gedanken als von den Göttern geschickt erlebt wurden, lag es völlig fern, sie zu kontrollieren und sich für sie verantwortlich zu fühlen.

Um dieses Selbstverständnis richtig zu verstehen, muss man sich vergegenwärtigen, dass es in den Stammesgesellschaften, in denen es kein privates Eigentum gab, ganz selbstverständlich war, dass sich jeder als Teil der sozialen Gemeinschaft verstand. Es war unübersehbar, dass man nur mithilfe seiner Gruppe überleben konnte. Dem Einzelnen konnte es nur gut gehen, wenn es der Gruppe gut ging. Deshalb übernahm jeder Aufgaben, die primär der Gruppe dienten. So fiel es leicht, den göttlichen Stimmen Folge zu leisten. Eigennutz war selten und wurde als gemeinschaftsschädlich stark sanktioniert.

Das mythologische Selbstverständnis lässt sich als rezeptiv bezeichnen, da alle Aktivitäten des geistig-gefühlsmäßigen Innenlebens nicht als selbst gestaltet, sondern als von einer höheren Macht empfangen erlebt werden. Das Verhältnis zu den Gedanken unterscheidet sich also in der frühen Menschheitsgeschichte radikal von dem, wie heute die Gedanken erfahren werden. Das Verb denken wird heute regelmäßig in der aktiven Verlaufsform benutzt und legt deshalb nahe, das Denken als einen vom Ich aktiv gestalteten Vorgang zu begreifen. Dem steht die Erfahrung gegenüber, dass sich die Gedanken spontan einstellen. Zu Recht wird gesagt: »Mir kommt der Gedanke, dass... « Die passivische Verwendung von denken hingegen (»ich werde gedacht, es denkt«) erscheint als unannehmbar. Es ist bemerkenswert, dass es in den alten indogermanischen und griechischen Sprachen eine Zustandsform der Verben gab, die weder aktiv noch passiv benutzt wurde. Das grammatikalische Medium drückt die ursprüngliche Erfahrung aus, dass sich viele menschliche Aktivitäten, insbesondere das Denken, weder in das aktive noch passive Schema pressen lassen. In der Sprachforschung wird angenommen, dass das Medium ursprünglich die einzige Verwendungsform der Verben war und dass sich erst später daraus die aktive und die passive Zustandsform entwickelt haben.

Die innere Kommunikation wurde im Animismus so interpretiert, dass sie von äußeren göttlichen Mächten angestoßen wird. Da die Götter als höhere Wesen betrachtet wurden, konnte es zwischen Menschen und Göttern keine gleichberechtigte Kommunikation geben. Die Menschen sahen sich ausschließlich als Empfänger von göttlichen Botschaften. Offensichtlich wurde die innere Kommunikation nach dem Modell des zwischenmenschlichen Dialoges verstanden, bei der ein Partner sich phasenweise rezeptiv verhält.

Im rezeptiven Selbstverständnis haben Gewohnheiten keinen Platz. Wenn alle Gedanken, Gefühle und Bewegungsimpulse von den Göttern kommen, stellt sich nicht die Frage, wie persönliche Gewohnheiten verändert werden können.

5.2.2. Antike Phase: Die Entstehung der Seele

Wie ich in »Psychosomatik des Atems« in Anlehnung an die Thesen von Julian Jaynes125 ausgeführt habe, stand am Anfang der Theorie der Seele der Verlust der inneren göttlichen Stimmen.126 Das passierte zur Zeit der ersten antiken Philosophen, als gewaltige historische Veränderungen stattfanden. Sie waren gekennzeichnet von der Durchsetzung der Geldwirtschaft, der Ausbreitung des Warenhandels, des Aufbaus von großen Herrschaftssystemen und der Zerstörung der Stammesgruppen. Tonangebend war die neue einflussreiche Sozialgruppe der Kaufleute. Die Einführung der privaten Eigentumsordnung führte zu umfassenden Verwerfungen in der traditionellen Organisation des gesellschaftlichen Lebens. Der Einzelne wurde aus dem Schutz und der Geborgenheit des Verbands von Sippe und Familie herausgelöst und war nun auf sich selbst gestellt. Die materielle Abhängigkeit von Königen, Fürsten, Unternehmern und Kaufleuten führte zu einem hohen Maß an Fremdbestimmung. Da man äußeren Verhaltensanforderungen gehorchen musste, wurde es gefährlich, auf die Forderungen der göttlichen Stimmen zu hören, die meist im Widerspruch mit den Forderungen der sozialen Realität stehen. Es wurde auch sinnlos, sich auf die Forderungen der Seele zu berufen oder an die Seele des anderen zu appellieren, wenn nicht mehr sicher ist, was die »Natur des Menschen« eigentlich verlangt.

Als man nicht mehr bereit war, den Stimmen der Götter zu folgen und alle inneren Impulse den Göttern zuzuschreiben, wurde ein neues Verständnis der inneren Kräfte und Impulse notwendig. Es setzte daran an, dass beim Blick ins Innere gespürt wurde, wie Empfindungen, Gedanken, Gefühle und Handlungsimpulse auftauchen. In der Vielgestaltigkeit der inneren Phänomene taucht eine Konstante auf: Stets ist der Atem mit seinen wechselnden Zustandsformen und seinen Veränderungen in Abhängigkeit von den inneren Empfindungen und äußeren Erfahrungen präsent. Es wird beobachtet, wie sich in der Ruhe oder Heftigkeit des Atems unterschiedliche Grade an Lebendigkeit spiegeln und dass auch die Gedanken und Emotionen untrennbar mit dem Atem verbunden sind. Jedes Gefühl ist von einem besonderen Atemrhythmus begleitet, und jeder Gedanke wird von einem speziellen Atemmuster geprägt. Andererseits lassen sich mit einem tiefen und ruhigen Atem die Gedanken beruhigen. Da ohnehin dem Atem in der Antike eine große Bedeutung gegeben wurde – das Leben beginnt mit dem ersten Atemzug des Säuglings und endet mit dem letzten Atemzug vor dem Tod –, lag es nahe, dem Atem eine Schlüsselstellung bei der Interpretation des Innenlebens zu geben und das Lebensprinzip mit dem Atem zu identifizieren.

Betrachtet man die Herkunftsgeschichte des Begriffs Seele in verschiedenen Sprachen, kommt man nicht an der erstaunlichen Tatsache vorbei, dass er sich stets vom Begriff des Atems ableitet. Die griechischen Worte psyche und pneuma und das lateinische Wort animus (anima) für die Seele bedeuteten ursprünglich Atem, Hauch oder Wind.127 Dies ist auch in anderen Kulturen zu beobachten: So haben das indische atman, das chinesische Chi, das hebräische ruach, das russische duch, das ägyptische tjau als ursprüngliche Bedeutung den Atem. In vielen Sprachen der amerikanischen Ureinwohner sind Wort und Bedeutung für »Großer Geist« und »Großer Wind« identisch. Das atztekische Wort ehecatl bedeutet Wind, Luft, Leben, Seele und Schatten. Das Wort nephesh, das im Alten Testament häufig vorkommt, steht für »lebender Geist« oder »atmende Seele«, und sterben heiß »den nephesh ausatmen». Auch das deutsche Wort Atem bezeichnete ursprünglich sowohl den körperlichen Atem als auch die Seele. Es entstammt dem althochdeutschen atum, das seinerseits eine gemeinsame sprachliche Wurzel mit dem indischen atman besitzt, das den Atem, das Selbst und die Seele bezeichnete.

Vielfach verweisen auch die Namen der Götter auf den Atem, wie z.B. Amun bei den Ägyptern, Jahwe im Hebräischen. Das ägyptische Wort tjau bezeichnet den Atem, den der Gott an den Pharao, den König, überträgt, um ihn in sein heiliges Amt einzuweihen. Der Pharao war damit sozusagen »König von Atems Gnaden«. Im Sufismus wird gesagt, dass der Atem die Seele Gottes sei.128 Offensichtlich war der Atem ein brauchbarer Begriff, um nicht nur über innere geistig-gefühlsmäßige Prozesse, sondern auch über religiöse Erfahrungen reden und nachdenken zu können.

Bei einigen Vorsokratikern schien der Atem eine plausible Antwort auf die Frage nach dem Wesen des Innenlebens zu sein. Die Einheit der Welt, die ursprünglich als Einheit der Natur erlebt wurde und nur durch die Götter gestört werden konnte, konnte jetzt mit dem Atem erklärt werden. Wenn z.B. die griechischen Philosophen Anaximander und Demokrit das Wesen der Seele mit dem Element Luft gekennzeichnet haben, standen dabei sicherlich Atemerfahrungen Pate (siehe Kapitel Fehler: Referenz nicht gefunden). Auch der von den Stoikern verwendete Begriff pneuma, mit dem das Wesen der Weltseele erklärt wurde, lässt seine Herkunft aus Atemerfahrungen erkennen.

Das Verhältnis zu sich selbst konnte mithilfe des Atems bestimmt werden, da der Atem im Grunde die einzige Erfahrungsquelle ist, um Prozesse in der geistig-gefühlsmäßigen Innenwelt zu erfassen. In der Antike gab es keine Alternativen dazu. Andere Funktionen oder Organe schieden aus. Die genauen physiologischen Funktionen des Herzens und des Gehirns waren bis ins Mittelalter nicht bekannt. Es musste auf jeden Fall etwas Körperliches sein, weil alles andere, das nicht von der inneren Wahrnehmung erfasst werden kann, als willkürlich erscheinen musste. Es konnte sich nur eine Antwort durchsetzen, die von der sinnlichen Wahrnehmung her nachvollziehbar war. Nur der Atem hat den Vorzug, dass er ständig präsent und an allen relevanten Lebensvollzügen beteiligt ist.

Obgleich es über die Herkunft des Begriffes der Seele aus dem des Atems keine Zweifel gibt, ist es merkwürdig, dass es bisher keine ausreichende Erklärung für die inhaltliche Verwandtschaft der Seele129 mit dem Atem gibt. Die begriffliche Verwandtschaft ist sicherlich keine mythologische Kuriosität und auch kein Zufall. Sie hängt damit zusammen, dass rein physiologisch alle inneren geistigen und emotionalen Regungen, die die Lebendigkeit des Menschen ausmachen, ganz eng mit dem Atem verknüpft sind und von seiner Vitalität abhängen, so dass jeder unvoreingenommene Blick ins eigene Innere den Atem nicht übersehen kann. Dass dem Atem eine Schlüsselrolle zugewiesen wurde, hängt sicherlich auch mit seinem Bewegungscharakter zusammen. Denn er manifestiert sich am ganzen Körper in fühlbaren und sichtbaren Bewegungen und ist deshalb relativ leicht identifizierbar. Da die Menschen – wie oben nachgewiesen wurde – nur Bewegungen verstehen, ist es nicht überraschend, dass die Menschen bei der Innenschau stets vom Atem mit seiner vertrauten Bewegungsstruktur angezogen wurden.

Aus diesen Gründen stand der Begriff der Seele im Mittelpunkt des Versuchs der ersten Philosophen in Griechenland, das Wesen der Realität ohne Götter zu bestimmen und das mythologische Denken zu überwinden. Nach dem neuen Verständnis der Seelentheorien wird der Einzelne von seiner Seele geführt. Der Begriff Seele hatte den Vorzug, dass er in den direkten sinnlichen Wahrnehmungen des Atems wurzelt. Als in der weiteren philosophischen Entwicklung die innere Führungsinstanz als Geist bezeichnet wurde, war dies sicherlich nur deshalb möglich, weil die Existenz einer inneren Führungsinstanz verbürgt zu sein schien. Interessanterweise ist die Herkunft des Begriffes Geist aus dem Atem direkt am entsprechenden lateinischen Wort spiritus abzulesen, das sich vom Atem ableitet. Insofern war der Begriff der Seele der Ausgangspunkt für die Konzepte des Geistes, des Selbst und des Ichs.

In den Seelentheorien traten die Gewohnheiten noch nicht ins Blickfeld. Da die Seele als Manifestation eines kosmischen geistigen Prinzips begriffen wurde, waren ihre Handlungen grundsätzlich vernünftig. Unmoralisches Handeln wurde auf einen Mangel an Einsicht und fehlenden Kontakt mit der Weltseele zurückgeführt. Es herrschte das Vertrauen vor, dass starres Verhalten durch die Vernunft aufgelöst werden kann.

Für das Verständnis der inneren Kommunikation bedeutet das Konzept der Seele, dass an die Stelle der äußeren Götter die innere Autorität der Seele gesetzt wurde. Deshalb wurde immer wieder gefordert, dass man auf die Stimme der Seele hören muss oder sich von seiner Seele führen lassen soll. Die innere Kommunikation wurde so als ein innerer Dialog mit sich selbst verstanden, der wie bereits im animistischen Denken hierarchisch strukturiert ist. Das war historisch die Voraussetzung dafür, dass sich später die Auffassung durchsetzen konnte, dass die Menschen für ihr Denken selbst verantwortlich sind.

5.2.3. Phase der Eigentumsordnung: Ich als Kontrollinstanz

Auf Dauer konnten die Seelentheorien das rezeptive Selbstverständnis nicht bewahren, weil der Zwang der sozialen und ökonomischen Verhältnisse, dass sich die Menschen als ein Wesen begreifen, das für seine inneren Regungen, Gefühle und Gedanken verantwortlich ist, übermächtig war. Als Quelle der Gedanken wurden jetzt der Geist, die Vernunft, das Ich oder das Bewusstsein eingesetzt. Die Gefühle werden dem animalischen Teil des Menschen zugeordnet und sollen mithilfe der Vernunft oder des Ichs kontrolliert werden. Das neue Selbstverständnis wurde durch die Kontrollierbarkeit der inneren Regungen geprägt.

Diese Neuorientierung hin zum selbstverantwortlichen Individuum war relativ leicht zu vollziehen, da die Seele den Boden dafür vorbereitet hatte, dass das Denken als eine eigene subjektive Fähigkeit verstanden werden konnte. Es lag nahe, das Ich als eine innere Denk- und Entscheidungsinstanz zu inthronisieren, weil es bereits in der Sprache allgegenwärtig ist.

Die Vorstellung, dass der Einzelne über seine Gedanken und Gefühle verfügen kann, wurde sicherlich auch dadurch unterstützt, dass in der neuen Gesellschaftsform der Händler und Kaufleute die uneingeschränkte Verfügung über das private Eigentum absolute Geltung erlangt hat. In der Stammesgesellschaft gab es kein privates Eigentum, sondern alles gehörte mehr oder minder der Stammesgruppe. Erst die Kaufleute haben das Recht am privaten Eigentum durchgesetzt. So wie der Eigentümer über sein Eigentum frei verfügen kann, ohne andere um Erlaubnis fragen zu müssen, so konnte sich jetzt der Gedanke durchsetzen, dass der Einzelne auch nicht nur über seine eigenen seelischen Fähigkeiten, sondern sogar über seinen eigenen Körper verfügen kann. Es ist nicht zufällig, dass häufig die Metapher des Hauses benutzt wird, um die Verhältnisse in der Seele zu charakterisieren. So wie der Hausherr in seinem Haus über sein Eigentum frei verfügen kann, so soll der Einzelne Herr seiner Seele sein.

Das neue Selbstverständnis der Selbstverantwortung spiegelt sich auch in Veränderungen der Grammatik wider. Gab es ursprünglich nur das Medium (vgl. Kapitel 5.2.1), so wurden jetzt die Verben unter dem Druck der Erfahrung von politischer Herrschaft in aktive und passive Zustandsformen unterschieden. Man konnte das Denken nicht mehr damit rechtfertigen, dass es Ausdruck des göttlichen Willens ist, sondern musste es als einen aktiv herbeigeführten Prozess auffassen. Damit wurde die zentrale Erfahrung ausgeblendet, dass sich die Gedanken und Gefühle spontan einstellen.

Im Selbstverständnis der Selbstkontrolle treten die Gewohnheiten langsam ins Bewusstsein, da man immer wieder an die Grenzen der Selbstkontrolle stößt. Es wird empfohlen, das Ich zu stärken, um die Gewohnheiten kontrollieren zu können. Aber die Gewohnheiten können nicht ausführlich thematisiert werden, da sie im Widerspruch zur Selbstverantwortung stehen. Deshalb ist es nicht weiter verwunderlich, dass relativ wenig Philosophen130 über die Gewohnheiten nachgedacht haben. In diesem Selbstverständnis wird dem Ich die Kraft zugesprochen, die Gefühle zu kontrollieren. Demgemäß wird empfohlen, die Gewohnheiten durch die Vernunft oder das Ich zu kontrollieren.

Es ist zu vermuten, dass dieses Menschenbild der Reflex einer herrschaftlich organisierten Gesellschaft ist. Denn im eigenen Inneren werden die gleichen Herrschaftsverhältnisse wahrgenommen, wie sie alltäglich erlebt werden. Angesichts der dominanten Erfahrung, dass der Einzelne in starkem Maße in seinem ganzen Leben von Politikern, Unternehmern und anderen Machtträgern abhängig ist und dass im Leben Wettbewerb und Kampf regieren, erschien es richtig zu sein, den eigenen Körper nach dem Modell der hierarchischen Gesellschaft zu interpretieren. Im dualistischen Verständnis des Körpers spiegelt sich so die dualistische Realität. Es ist nicht weiter verwunderlich, dass dieses Menschenbild erst mit dem Aufkommen von demokratisch strukturierten Gesellschaften etwas brüchig geworden ist. Die aus der hierarchischen Ordnung resultierenden Ungleichheiten ließen sich immer weniger legitimieren, so dass nach Alternativen gesucht werden musste. Aber das dualistische Körperverständnis ist nach wie vor prägend, da auch in den existierenden Demokratien noch extrem viele Herrschaftselemente enthalten sind - so gibt es z.B. keine Demokratie im Wirtschaftsbereich.

Wenn das Ich als innere Kontrollinstanz betrachtet wird, erhält der innere Dialog eine völlig neue Struktur. Während man früher überzeugt war, dass das Bewusstsein göttliche Stimmen oder Botschaften der Seele empfängt, beansprucht jetzt das Bewusstsein, die inneren Prozesse kontrollieren zu können. Da man aber nicht wahrhaben konnte, dass diesem Anspruch sehr enge Grenzen gesetzt sind, wurde eine gewaltige Lawine von philosophischen Theorien losgetreten, die die subjektive Kontrollfähigkeit beweisen sollen.

5.2.4. Utopische Phase: Mentale Selbstorganisation

Die Erfahrung, dass ständig ungerufen Gedanken, Gefühle und Bewegungsimpulse im Bewusstsein auftauchen und dass der Versuch, sich von störenden Gedanken und Gefühlen zu befreien, in der Regel scheitert, stellt das Selbstverständnis der Selbstkontrolle infrage. Es entstanden auch in der Wissenschaft Zweifel an der Macht des Ichs, das Innenleben zu kontrollieren. Sigmund Freud hat diese Illusion nachhaltig erschüttert. »Die dritte und empfindlichste Kränkung aber hat die menschliche Größensucht durch die heutige psychologische Forschung erfahren, welche dem Ich nachweisen soll, dass es nicht einmal Herr ist im eigenen Haus, sondern auf körperliche Nachrichten angewiesen bleibt von dem, was unbewusst in seinem Seelenleben vorgeht131

Obwohl die Zweifel an der Existenz des Ich schon älter als 100 Jahre sind, hat sich am vorherrschenden Selbstverständnis der Selbstkontrolle nichts verändert. Insofern sind die folgenden Überlegungen ein Versuch, die Konturen eines Selbstverständnisses zu zeichnen, das von der Eigendynamik des gefühlsmäßig-geistigen Innenlebens ausgeht. Es wird vermutet, dass das zukünftige Selbstverständnis im Wesentlichen vom Gedanken der Selbstorganisation geprägt sein wird.

Da es sich bei den emotionalen und mentalen Gewohnheiten letztlich um subtile körperliche Bewegungen handelt, kann angenommen werden, dass die bewährten Prinzipien der natürlichen Selbstregulation auch im Bereich des geistig-gefühlsmäßigen Innenlebens wirksam sind. So kann z.B. der Traum, dessen Funktion wahrscheinlich darin besteht, unerledigte Tagesprobleme zu verarbeiten, besser verstanden werden, wenn er als ein Bestandteil der emotionalen Selbstorganisation begriffen wird. Ebenso spricht die Art und Weise, wie emotionale Verletzungen unbewusst verarbeitet werden, für die Existenz einer emotionalen Selbstorganisation. So wenig wie beim Traum hat man bei den emotionalen Verletzungen Einfluss darauf, wie sie verarbeitet werden. Die Selbstorganisation wird auch am Bedürfnis nach Wiedergutmachung sichtbar, wenn man eine Ungerechtigkeit erfahren hat, und am Schuldgefühl, das als Warnsignal wirksam wird, dass man etwas wieder gutmachen muss.

In den Begriffen Selbstorganisation und Selbstregulation steckt das Reflexivpronomen »selbst«. Es wird normalerweise für Prozesse benutzt, die auf die eigene Person bezogen sind (z.B. Selbstvertrauen, selbständig handeln u.Ä.). Im vorliegenden Fall wird es dazu verwendet, um Prozesse zu kennzeichnen, die sich unabhängig vom bewussten Willen wie von selbst einstellen oder ablaufen (z.B. die Selbstheilungskräfte). Damit soll die Erfahrung der Eigendynamik innerer seelischer Prozesse zum Ausdruck gebracht werden. Wenn das selbst zum Substantiv Selbst erhoben wird, stehen dabei ohne Zweifel diese Erfahrungen im Hintergrund. So wird gesagt, dass das Selbst das Verhalten unbewusst lenkt. Mit dem Substantiv Selbst ist aber die verhängnisvolle Tendenz verbunden, dass es wie eine personale Instanz behandelt wird. Das drückt sich in den zahllosen Definitionen des Selbst aus. So wird überwiegend das Selbst mit den persönlichen Überzeugungen, Meinungen, Einstellungen, Abneigungen u.Ä. definiert. Aber solche Definitionen lassen vergessen, dass das Selbst lediglich ein mentales Konstrukt ist, das nur eine mögliche Interpretation der Erfahrung der seelischen Selbstorganisation darstellt.

Man könnte sagen, dass immer nur das gemacht und gedacht wird, was die Selbstorganisation will, so wie gelegentlich gesagt wird, dass »man gedacht wird« oder dass »es denkt«. Aber diese Redeweise ist – wie oben bereits erwähnt – falsch, weil dabei stets mitgedacht wird, dass man von der Selbstorganisation fremdbestimmt wird. Der Begriff der Fremdbestimmung ist nur sinnvoll für das Verhältnis zwischen Menschen, aber nicht für das Verhältnis zu sich selbst. Was man denkt oder fühlt, ist immer Ausdruck der Selbstorganisation.

Das Wesentliche am Konzept der Selbstorganisation besteht darin, dass die inneren Prozesse ohne seelische Führungsinstanzen erklärt werden. Es kommt ohne die Begriffe Herrschaft und Kontrolle aus und arbeitet dementsprechend auch nicht mit den Begriffen Freiheit und Schuld. Damit verliert der Begriff Seele seine frühere Bedeutung. Gleichzeitig werden auch die Begriffe Ich, Geist, Gehirn, Bewusstsein, Selbst infrage gestellt, die auf dem Boden des Seelenbegriffs entstanden sind. Da die innere Kommunikation aus eigener Kraft abläuft, verbietet es sich, in der inneren Kommunikation quasi personale Akteure anzunehmen. Das Bewusstsein kann nicht eingreifen, sondern nur die inneren Prozesse spiegeln.

Das auf der Selbstorganisation aufbauende Selbstverständnis kann als organismisch bezeichnet werden, weil das Verhältnis zu sich selbst davon geprägt ist, dass alle Regungen im Bewusstsein als Äußerungen des gesamten Organismus wahrgenommen werden. Das organismische Verständnis des Innenlebens stellt im Grunde eine Wiederkehr der animistischen Phase dar, in der alle Regungen Lebensgeistern zugeschrieben wurden. An die Stelle der Lebensgeister tritt allerdings das Bewusstsein für die Abhängigkeit der Regungen von den Umständen, in denen sie gelernt worden sind.

Aus der Anerkennung der Eigendynamik des Innenlebens folgt eine verstärkte Beachtung der Gewohnheiten. Gewohnheiten erscheinen nicht mehr als etwas Fremdes, das das Selbstverständnis infrage stellt, sondern sie werden als die Substanz des Innenlebens anerkannt. Da sie das Rückgrat der persönlichen Identität und der Garant für motorische und intellektuelle Höchstleistungen darstellen, werden sie nicht bekämpft, sondern als Mittel der Selbsterkenntnis akzeptiert.

5.3. Sinnliches Verhältnis zu sich selbst

»Der Seele Grenzen kannst du nicht ausfinden, und ob du jeglichen Weg abschreiten würdest: so tiefen Grund hat sie.« (Heraklit)

Bei der Analyse der Genese der Seele im vorherigen Kapitel wurde herausgearbeitet, dass der Seelenbegriff aus Erfahrungen des Atems hervorgegangen ist. Es ist bisher viel zu wenig beachtetet worden, dass sich der Begriff der Seele vom Atembegriff ableitet. Deshalb wurde auch nicht die Frage gestellt, was das für das Verständnis des Menschen bedeutet. Auch wenn gegenwärtig der Begriff der Seele völlig seine frühere Bedeutung verloren hat, ist festzustellen, dass das menschliche Selbstverständnis nach wie vor vom Seelenkonzept geprägt wird. Denn im inneren Dialog mit sich selbst verhält man sich so, als würde man mit einer inneren Person sprechen. Um die Prägung des Selbstverständnisses durch das Konzept der Seele besser zu verstehen, sollen im Folgenden einige ihrer Charakteristika dargestellt werden.

In den historisch ersten Konzepten der Seele wurde ihre Natur als etwas Stoffliches gedacht. So gingen die ersten griechischen Philosophen von stofflichen Elementen aus, um das Wesen der Seele zu bestimmen: das Wasser bei Thales, das Feuer bei Heraklit, die Luft bei Anaximes. Dabei wurde der Stoff allerdings als so fein gedacht, dass er von den menschlichen Sinnen nicht wahrgenommen werden kann. Wenn bei Anaxagoras die universelle Kraft als Nous bestimmt wird, wird es trotzdem noch als stoffliches Prinzip gedacht. »Nous ist das Feinste und Reinste von allen Stoffen.«132 Nous war für Anaxagoras kein eigenes sittlich-ethisches Prinzip, sondern nur der feinste Grad von Stofflichkeit, ähnlich wie Luft. Für das menschliche Denken war es offensichtlich ursprünglich schwierig, etwas als unstofflich zu denken. Schließlich basieren alle Wahrnehmungen auf sinnlichen Erfahrungen und können konkrete Objekte nur mit den Sinnesorganen erfasst werden.

Die Atmung wurde sicherlich als ein stofflicher Prozess erlebt. Da die eingeatmete Luft den Körper aufbläht und starker Wind die Kraft der Luft erfahren lässt, musste angenommen werden, dass die Luft stofflich ist. Die Auffassung, dass die Seele von stofflicher Natur ist, wurde auch durch die Erfahrung der Emotionen unterstützt. Es war unübersehbar, dass die Emotionen tief mit dem Atem zusammenhängen. Denn alle Emotionen zeichnen sich dadurch aus, dass sie mit einer jeweils ganz charakteristischen Art und Weise der Atmung verbunden sind. Homer hat deshalb z.B. das Wort phrenes, das den Brustkorb bezeichnet, für den Mut benutzt. Der Zusammenhang von Gefühl und Atmung ist so eindeutig, dass es eigentlich gar keines Beweises bedarf. Susana Bloch hat mit naturwissenschaftlichen Messungen gezeigt, dass jede Emotion tatsächlich ein eigenes Atemmuster hat (siehe Kapitel Fehler: Referenz nicht gefunden.). Auch das Denken wurde als ein stofflicher Prozess verstanden. Übrigens wurde auch im indischen Verständnis das Denken ursprünglich nicht als immaterieller, sondern als ein feinstofflicher Prozess begriffen.

Das spricht dafür, dass sich die Menschen ursprünglich als natürliche Wesen verstanden haben. Wenn sie in Dialog mit sich eintraten, wurde dies als ein körperlicher Prozess empfunden, da er sich auf körperliche Empfindungen und Signale bezieht. Den »Bewegungen der eigenen Seele« zu folgen, wie Marc Aurel empfahl, bedeutet demnach, sich achtsam dem eigenen Körper zuzuwenden. Aber aufgrund von Umgestaltungen des Seelenkonzepts haben sich die Menschen im Laufe der Zeit immer mehr als geistige Wesen verstanden, die ihrem Körper zunehmend weniger Beachtung schenken.

Das universale Prinzip

Es lag nahe anzunehmen, dass sich die im Inneren des eigenen Körpers wirkende Kraft auf ein universell gültiges Lebensprinzip bezieht, das in allen Lebensformen wirksam ist. So wie die einzelnen Erscheinungsformen des geistig-gefühlsmäßigen Innenlebens als wechselnde Ausdrucksformen einer einheitlichen Kraft begriffen wurden, so konnte angenommen werden, dass auch im ganzen Universum eine einheitliche Kraft wirkt. Analog zum Begriff Seele für die menschliche Innenwelt wurde die universelle Kraft als Weltseele, Logos, Apeiron, Äther, Feuer oder Kosmos bezeichnet. Dementsprechend wurde in den ersten Konzeptionen das universale Prinzip als etwas Unpersönliches verstanden. Da es eindeutig zu sein schien, dass die Seele das Denken hervorbringt und da das Denken als die wichtigste menschliche Fähigkeit begriffen wurde, nahm man auch an, dass das Wesen der universalen Seele durch das Denken bestimmt wird.

Wenn angenommen wird, dass die Welt von einer universell denkenden Kraft hervorgebracht worden ist, kann sie als eine beseelte, harmonische, vernünftige und Geborgenheit gewährende Ordnung verstanden werden. Die Idee der Weltseele basierte somit auf der Überzeugung, dass die Welt sinnvoll und vernünftig geordnet ist und dass dies durch ein vernünftiges Prinzip gewährleistet wird. Auch die Begriffe Logos und Nous enthalten implizit die Vorstellung eines kosmischen Lebewesens. Ihre Funktion kann nur richtig verstanden werden, wenn sie als abstrakte Umformulierungen der Idee der Weltseele begriffen werden. Insofern ist auch in dem späteren Begriff des Geistes die Idee der Weltseele enthalten, wie dies z.B. an den philosophischen Entwürfen abzulesen ist, die die Natur als verkörperten Geist verstehen (z.B. bei Friedrich Schelling).

Die ersten Philosophen waren der Überzeugung, dass die einzige Quelle für die Erkenntnis der Weltseele die Erfahrung der eigenen Seele ist. Die Seele schien der Ort zu sein, an dem die Menschen Kontakt zum Allgemeinen finden. Da die individuelle Seele selbst als eine Manifestation der Weltseele begriffen wurde, kann die Seele nur aus der Perspektive des Ganzen, der Weltseele, verstanden werden. Der Einzelne muss deshalb dafür sorgen, dass seine Seele in gutem Kontakt mit der Weltseele steht. Dementsprechend wurden alle geistig-gefühlsmäßigen Probleme damit erklärt, dass der Kontakt zur kosmischen Seele verloren gegangen ist.

Der Begriff der Weltseele taucht meines Wissens zum ersten Mal bei Platon auf, aber die dahinter stehende Vorstellung, dass der Mensch in ein großes Ganzes eingebettet und ein Teil der alles umfassenden Natur ist, war eine selbstverständliche Überzeugung der ersten Philosophen: »Alles ist voll von Göttern.« (Thales), »Alles ist eins.« (Heraklit) Da alles voll von Lebendigkeit ist, kann das Ganze als ein Lebewesen aufgefasst werden. Auch im chinesischen Denken ist eine Entsprechung zum antiken Begriff der Weltseele zu finden. Das Chi im einzelnen Menschen hat sein Wesen darin, dass es tief mit dem kosmischen Chi, der Kraft, die alles durchdringt und belebt, verbunden ist.

Das Revolutionäre der Seelentheorien in der Antike war, dass sie an die Stelle der Vielzahl der Götter ein unpersönliches Prinzip gesetzt haben. Damit wurde der Dialog mit den Göttern als ein innerer Dialog mit sich selbst verinnerlicht. So trat die kommunikative Struktur der menschlichen Innenwelt ins Bewusstsein.

Die Verschiedenheit der Namen, die das universale Prinzip erfahren hat, darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie sich stets auf das gleiche Prinzip beziehen. Es war sicherlich stets die gleiche einheitliche Kraft gemeint, die im Atemgeschehen gespürt werden kann. Indem im Konzept der Weltseele die Vielzahl der Götter und Geister durch eine einheitliche Kraft ersetzt wurde, entstand für das Denken die Möglichkeit, die Seele als ein Produkt menschlichen Denkens, als ein mentales Konzept zu begreifen. Im nächsten Schritt konnte selbstkritisch die Neigung des menschlichen Denkens entdeckt werden, die Welt aus der Perspektive der Menschen zu erfassen, also das anthropozentrische Denken kritisch zu reflektieren. Daraus leitet sich die These ab, dass die Interpretation der Atemerfahrungen als Seele am Anfang des kulturellen Aufklärungsprozesses steht.

Die Auffassung der Weltseele als ein unpersönliches, stoffliches Prinzip konnte nicht durchgehalten werden. Es gab starke historische Kräfte, das universale Prinzip zu vergöttlichen. Warum sich in der Antike schließlich die Überzeugung durchgesetzt hat, dass die Seele etwas Immateriell-Geistiges ist, ist schwierig nachzuvollziehen. Wahrscheinlich haben hier mehrere Faktoren zusammengewirkt, damit es zur Spiritualisierung der Seele kommen konnte. Folgt man der Theorie von Alfred Sohn-Rethel, hat sich das abstrakte Denken, das mit rein geistigen Prinzipien operiert, erst mit der Durchsetzung der Geldwirtschaft entfaltet, weil hier gelernt wurde, in den Waren einen abstrakten Geldwert zu sehen.133 Dieser Vorgang erfolgte erst allmählich im 6. und 5.