s

Philosophie der Muster    Buch "Atem und Glück"


Atem und Glück

Das Glück,  das früher im Zentrum der Philosophie stand, wird heute von ihr stiefmütterlich behandelt. Aus der Sicht des Atems kann gezeigt werden, wie das Glück wieder in das Denken und in den konkreten Alltag zurückgeholt werden kann. Für die zentralen philosophischen Fragen nach dem richtigen Handeln, der Freiheit, der Ethik und den "Grundwerten" oder der Wahrheit können neue und plausiblere Antworten gefunden werden.

Books On Demand, Norderstedt 2003 € 19,00

Mehr Informationen zum Buch erhalten Sie über die folgenden Schaltflächen und im danach folgenden Text.



Inhaltsverzeichnis im Buch lesen Aufsatz "Die Atemmembran"

Versagen der traditionellen Glückstheorien

Am Ausgangspunkt meiner Überlegungen zum Glück steht der Verdacht, dass die traditionellen Glückstheorien insgesamt ihr Versprechen nicht einlösen konnten, bei der Suche nach dem Glück zu helfen. Im Grunde schadeten sie eher, weil sie implizit an einem Menschenverständnis festhalten, das glücksfeindlich ist. Die dualistische Aufspaltung des Menschen in Geist und Körper oder Seele und Leib hat dazu geführt, dass das Glück verfehlt wird. Es ist eine Illusion zu glauben, dass das Glück durch mehr oder richtiges Denken erreicht werden kann.

Der größte Feind des Glücks ist die Angst. Wo Angst ist, gibt es kein Glück. Glückstheorien müssen Wege aufzeigen, wie die Angst überwunden werden kann.

Meine These ist, dass das Glück von einer gelösten Verfassung des ganzen Körpers abhängig ist. Wenn die antiken Denker sagten, dass das Glück von der Verfassung der Seele abhängig ist, meinten sie damit sicherlich die Verfassung des Atems. Denn der gelöste Atem ist das einzige untrügliche Signal für einen entspannten Körper und der Atem ist ein idealer Ansatzpunkt, um bestehende Verspannungen aufzulösen. Glückstheorien müssen deshalb in eine Atemtheorie eingebettet sein.

Warum ist der Atem bisher in keiner Glückstheorie berücksichtigt worden? Das liegt sicherlich an der Abwertung des Körpers incl. seiner Emotionen und der Überwertigkeit des Denkens, und keineswegs daran, dass der Atem doch für die Glückssuche irrelevant ist. Die Abwertung des Körpers ist nicht zufällig, sondern war wichtiger Bestandteil einer kriegerischen Gesellschaft.

Glück durch Kontakt

In meinen ersten beiden Büchern wurde der Grundgedanke dargestellt, dass der Atem das Medium des Kontaktes ist. Am Atem lässt sich die Qualität des Kontaktes ablesen. Im Atem spiegelt sich sowohl ein gelungener Kontakt wie der Rückzug aus dem Kontakt. Man hat deshalb auch oft vom Atem als Seismographen gesprochen.

Meine Theorie verfolgt die Hypothese, dass Glück mit gelungenem Kontakt identisch ist. Wer sich der Welt uneingeschränkt öffnet und einen tiefen Kontakt zulässt, fragt nicht mehr nach dem Glück. In den traditionellen Glückstheorien wird zwar nicht direkt vom Kontakt gesprochen, aber er wahr wohl gemeint, wenn davon gesprochen wurde, dass das Glück darin besteht, dass man im Einklang mit dem Selbst, dem Logos, der Natur oder der Weltseele handelt, dass man aus der Mitte heraus handelt oder in der Gegenwart lebt. Stets geht es darum, innere Dissonanzen aufzulösen, um in Kontakt mit sich selbst zu kommen.

Meine Glückstheorie hebt aber im Gegensatz zu den traditionellen Theorien hervor, dass der Kontakt keine Sache des Geistes, sondern ein körperlicher Akt ist, da er über die Schwingungen der Emotionen und damit des Atems vermittelt wird. Diese Einsicht wurde erstmals in der Leibphilosophie zum Ausdruck gebracht. Ich vermeide aber den Begriff leiblich, da er an ein überholtes Seelenkonzept gebunden ist.

Konzept der Selbstorganisation

Es ist nicht zu übersehen, dass sich der emotionale Kontakt spontan einstellt. Es ist nahezu unmöglich, mit Bewusstsein darauf Einfluss zu nehmen, welche Gestalt der aktuelle Kontakt annimmt. Es braucht viel Übung, bis eingeschliffene Kontaktmuster geändert werden können. Die Spontaneität des Kontaktes hängt damit vermutlich zusammen, dass das Gelingen eines guten Kontaktes von elementarer Bedeutung für das Überleben des Einzelnen ist.

Es wird vorgeschlagen, das Kontakt- und Kommunikationsverhalten mit dem Konzept der Selbstorganisation, das im Rahmen der Physik und Biologie entwickelt worden ist, zu verstehen. Dort gelten Individuen als selbstgesteuerte Systeme, die aufgrund ihrer inneren Verfassung bestimmen, welche äußeren Reize ausgewählt und auf welche Weise darauf reagiert wird. Nicht anders läuft es beim emotionalen Kontakt ab: in bestimmten Situationen werden früher gelernte Verhaltensprogramme ausgelöst und laufen dann spontan ab. Es wäre eine Selbsttäuschung anzunehmen, dass die Reaktionen vom bewussten Denken ausgewählt und verändert werden können.

Im Rahmen des Selbstorganisationskonzeptes wird die traditionelle Anmaßung des Denkens zu Sprache kritisiert, dass es alles verstehen könne. Das Denken versetzt keineswegs Berge! Dies kann es nur, wenn es die Kraft der Emotionen hinter sich hat.

Wodurch wird die Selbstorganisation gestört

Warum wählen dann viele Menschen Reaktionsmuster, die nicht zum Glück beitragen, sondern vielmehr ins Unglück führen? Meine These ist, dass der Rückzug aus dem Kontakt eine selbst gewählte Reaktion ist, um sich vor tiefen Ängsten zu schützen. Ängste signalisieren den drohenden Verlust der Liebe. Nichts ist wichtiger als der Verlust der Liebe von nahe stehenden Menschen. Mit dem partiellen Rückzug aus dem Kontakt glaubt man vermeiden zu können, dass das eigene Verhalten dazu beiträgt, dass andere Menschen ihre Liebe zurückziehen.

Kontaktvermeidung und Rückzug sind deshalb als spontan gewählte Strategien der Selbstorganisation zu werten, um sich vor Liebesverlust zu schützen. Unter günstigen Bedingungen bewirkt also die Selbstorganisation die Steigerung des Glücks, unter weniger günstigen Bedingungen hilft sie, ein Mindestmass an Lebensglück zu bewahren, um nicht von der Angst vor totalem Liebesverlust und damit von Todesangst überschwemmt zu werden.

Das Konzept der Verdrängung

Der Schutz vor Liebes- und damit Kontaktverlust wird mit dem Mechanismus der Verdrängung hergestellt. Er bewirkt, dass eigene Verhaltensweisen, die bei den Bezugspersonen zu Liebesentzug führen könnten, unterlassen werden. Das bedeutet konkret, dass darauf verzichtet wird, die Wut über Verletzungen von persönlichen Bedürfnissen oder die Trauer über den Verlust von persönlichen wichtigen Personen oder Sachen in voller Stärke zu äußern. Dazu müssen die Emotionen dauerhaft zurückgehalten werden.

Obwohl der Mechanismus der Verdrängung von ganz zentraler Bedeutung für das Glück ist, gibt es bis heute keine brauchbare Theorie über das Wesen des Verdrängungsprozesses. Aus der Schwingungsnatur der Emotionen habe ich die These abgeleitet, dass der Verdrängungsprozess im Grunde ein muskulärer Vorgang ist, bei dem bestimmte Muskeln blockiert werden, die für den emotionalen Ausdruck gebraucht werden. Sie greift damit die Behauptung von Wilhelm Reich auf, dass alle Verdrängung ein muskulärer Vorgang sei. Im Rahmen des Selbstorganisationskonzeptes kann diese These plausibel gemacht werden. Verdrängung ist dann nichts mehr Geheimnisvolles, sondern folgt Mechanismen, die bei normalen Bewegungen wirksam werden, wie wenn z.B. der Impulse zu schlagen unterdrückt wird. Die Verdrängung führt zu einer Abspaltung, da die verspannten Körperregionen aus der inneren Kommunikation herausfallen. Das ist z.B. daran zu spüren, dass Verspannungen gar nicht mehr gespürt werden.

Seelische Verletzungen

Seelische Verletzungen entstehen, wenn Bedürfnisse verletzt werden, wenn man also Gewalt erfährt, gedemütigt oder verlassen wird. Man spricht zu Recht von Verletzungen, weil sie ähnlich wie die körperlichen Verletzungen physiologische Veränderungen hervorrufen. Die Verspannungen infolge von Verletzungen führen zu Störungen des inneren Gleichgewichts, die auf die Dauer auch den physiologischen Abläufen schaden können.

Für das Verständnis der physiologischen Bedeutung der Emotionen ist die Erkenntnis wichtig, dass die Emotionen, die das Zusammenleben erschweren (wie z. B. Neid, Eifersucht, Ärger, Ehrgeiz, Ressentiment, Egoismus, Resignation u. a.), nicht angeboren sind, sondern sich aus den wenigen angeborenen Emotionen ergeben - zu denen ich Freude, Liebe, Wut, Trauer, Schuld und Furcht zähle -, wenn diese nicht gelebt werden können,. Unter dem Druck von seelischen Verletzungen entstehen neue Gefühle, die die  Funktion übernehmen, vor der Wiederholung des drohenden Liebesverlustes zu schützen. Ich möchte sie deshalb als Ersatzgefühle  bezeichnen. Sie haben ihre Gemeinsamkeit darin, dass sie den Kontakt vermeiden und zum Rückzug führen. Sie erreichen deshalb das eigentliche Ziel nicht, den ursprünglichen Kontakt wiederherzustellen. Seelische Verletzungen bewirken so einen dauerhaften Umbau der Gefühlsstruktur. An die Stelle der Basisemotionen, die den Kontakt herstellen und bewahren, treten Ersatzgefühle, die den Kontakt vermeiden helfen.

Unglück als Rettungsversuch des Glücks

Liebe gilt zu Recht als Garant des Glücks. Es kann gezeigt werden, dass sich der Organismus im Zustand der Liebe im Optimalzustand befindet. Denn Liebe hat die Wirkung, dass innere Spannungen und Blockierungen aufgelöst werden, sodass ein optimaler Kontakt hergestellt werden kann.

Wenn sich der Organismus dafür entscheidet, den Kontakt zu anderen Menschen einzuschränken, hat das den Sinn, sich davor zu schützen, dass die eigenen Emotionen ein Verhalten herbeiführen, die den Kontakt endgültig zerstören könnten. Insofern ist das Unglücklichsein kein Schicksal, sondern Folge eigener Entscheidungen, sich vor sich selbst zu schützen. Damit kann die Verantwortung für das Unglücklichsein nicht länger anderen Personen oder Kräften zugeschoben werden, sondern muss selbst übernommen werden. Dadurch verändert sich die Qualität des Unglücklichseins. Es wird die Kraft freigesetzt, sich mit der früheren Entscheidung zur Zurückhaltung von Emotionen zu konfrontieren.

Ersatz für die Seele

Der Begriff der Seele drückte die Erfahrung aus, dass die Gefühle und Gedanken von selbst kommen und dass man nicht selbst handelt, sondern gleichsam gehandelt wird. Diese Grunderfahrung ist im Laufe der historischen Entwicklung in dem Maße verloren gegangen, wie vom Einzelnen gefordert wurde, dass er die Selbstverantwortung für sein Verhalten übernehmen muss. Entscheidend war, dass soziale Herrschaft ein hohes Maß an emotionaler Zurückhaltung vom Einzelnen abverlangt. Im Klima von sozialer Fremdbestimmung wird es gefährlich, sich von den eigenen emotionalen Impulsen leiten zu lassen. Das ist der eigentliche Grund für den Niedergang der Seele.

Auch wenn der Begriff Seele nahezu verschwunden ist, bleibt das Problem bestehen, dass man einen Begriff für die nach wie vor bestehende Erfahrung braucht, dass man gelebt wird. Es muss die Erfahrung ausgedrückt werden können, dass die Anforderungen von außen häufig im Konflikt mit den inneren Impulsen stehen und dass die Angst vor Liebesentzug und Sanktionen dazu führt, die eigenen inneren Impulse zu unterdrücken. Man kann das Glück nicht finden, wenn man sich nicht für die inneren Dissonanzen sensibilisiert.

Ich schlage vor, den Begriff Seele mit dem von mir entwickelten Begriff Atemmembran auszutauschen. Es kann nachgewiesen werden, dass der Begriff Atemmembran alle Funktionen übernehmen kann, die früher die Seele hatte. Insbesondere hat der neue Begriff den Vorzug, dass er die Kontaktzone zwischen Innen und Außen in den Körper verlegt, sodass man gezwungen wird, sich achtsam dem Zustand des eigenen Körpers zuzuwenden und seine Signale zu beachten (vgl. Aufsatz Atemmembran).

Wenn man die Signale der Atemmembran respektiert, wird es leichter, die Verantwortung für sich selbst ohne Schuldgefühle zu übernehmen. Normalerweise sind mit der Selbstverantwortung Schuldgefühle verbunden, weil man spürt, dass man sich gegen das Leben entschieden hat. Das führt zu Verspannungen und gefährdet so das Glück. Es ist notwendig, die Verantwortung für sich selbst zu übernehmen, ohne dass man sich gleichzeitig mit Schuldgefühlen belastet. Darin besteht letztlich Lebenskunst.

Das Buch kann auch als Download heruntergeladen werden: Download des Buches als PDF-Dokument